Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Musiktherapie
Musiktherapie dient der Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung psychischer und körperlicher Gesundheit.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und therapeutische Ansätze
Musiktherapie ist eine eigenständige Heilmethode. Durch den gezielten Einsatz von Musik oder einzelnen musikalischen Elementen soll sie die psychische und körperliche Gesundheit wiederherstellen, erhalten oder fördern. Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e. V. bezeichnet sie als „eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin“, die eng mit Medizin, Gesellschaftswissenschaften, Psychologie, Musikwissenschaft und Pädagogik verbunden ist. Ihrem Wesen nach wird sie als psychotherapeutisch charakterisiert und damit von pharmakologischen und physikalischen Therapien abgegrenzt.
Musiktherapeutische Methoden beruhen unter anderem auf tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutisch-lerntheoretischen, systemischen, anthroposophischen und ganzheitlich-humanistischen Ansätzen. Die integrative Musiktherapie ist beispielsweise ein tiefenpsychologisch und psychodynamisch ausgerichtetes Verfahren. Die verhaltenszentrierte Musiktherapie setzt Musik aktiv oder rezeptiv als Verstärker ein. Bei der schöpferischen Musiktherapie nach Nordoff-Robbins stehen der Mensch und seine natürlichen künstlerischen Potenziale im Mittelpunkt. Weitere Verfahren sind die Orff-Musiktherapie, die neurologische Musiktherapie, die regulative Musiktherapie, das musiktherapeutische Entspannungstraining und systemisch ausgerichtete Ansätze, die auch das soziale Umfeld berücksichtigen.
Musikmedizin überschneidet sich mit der Musiktherapie. Der Begriff erschien in der deutschsprachigen Fachliteratur erstmals in den 1970er Jahren. Wissenschaftlich fundierte Interventionsformen entwickelten sich besonders bei der Analgesie, also der Schmerzlinderung, und der Anxiolyse, also der Verringerung von Angst. Musiktherapie kann als Einzelmusiktherapie mit einem Patienten oder als Gruppenmusiktherapie mit mehreren Patienten durchgeführt werden.
Rezeptive und aktive Formen
Traditionell wird zwischen rezeptiver und aktiver Musiktherapie unterschieden. Diese Einteilung bezieht sich darauf, ob der Patient selbst musikalisch gestaltet. Wegen vieler Überschneidungen hat sie jedoch an Bedeutung verloren und erscheint nicht mehr in den Kasseler Thesen, der gemeinsamen Definition der deutschen Fachverbände. Auch eine eindeutige Zuordnung der beiden Formen zu bestimmten Anwendungsgebieten ist nicht möglich.
Rezeptive Musiktherapie bedeutet „das Hören und Erleben von Musikstücken verschiedener Genres mit therapeutischer Zielsetzung.“ Obwohl der Patient nicht unbedingt selbst spielt, gilt das Zuhören als aktiver Vorgang, weil er die Musik bewusst miterlebt. Musik kann von einem Tonträger stammen oder vom Therapeuten live gespielt werden. Danach kann der Patient sein Erleben beschreiben. Übergänge zur eigenen Aktivität sind möglich, etwa wenn sich das Spiel des Therapeuten am Atemrhythmus eines komatösen oder geschwächten Patienten orientiert.
In der psychotherapeutisch ausgerichteten rezeptiven Musiktherapie soll intensives Wahrnehmen die Introspektion, also die Beobachtung des eigenen inneren Erlebens, und die Selbstwahrnehmung fördern. Biografisch bedeutsame Musik oder gezielt zusammengestellte Programme können persönliche Ressourcen aktivieren, aber auch Konflikte bewusst machen. Guided Imagery and Music ist ein überwiegend als Einzelbehandlung durchgeführtes rezeptives Verfahren. Weitere ausgearbeitete Methoden sind die Regulative Musiktherapie nach Christoph Schwabe sowie Guided Imagery and Music nach Geiger und Maack beziehungsweise Frohne-Hagemann. In der Musikmedizin wird gehörte Musik außerdem zur Entspannung und Beruhigung vor oder nach medizinischen Eingriffen verwendet. Ihre Wirkung hängt stark von der Musikpräferenz ab, die unter anderem durch musikalische Biografie, Alter, Sozialstatus und Hörsituation beeinflusst wird.
Aktive Musiktherapie umfasst alle Formen, bei denen Patienten mit Instrumenten oder Stimme selbst handeln. Meist spielt oder singt der Therapeut mit, sodass eine gemeinsame Improvisation entsteht. Die Musik bietet neben dem Gespräch eine zusätzliche Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeit. Instrumente werden passend zur Situation und zu den aktuellen Themen ausgewählt; häufig entscheidet der Patient selbst. Musikalische Vorkenntnisse und Virtuosität sind nicht nötig. Weitere aktive Formen sind Liedsingen mit alten Menschen, Songwriting mit Jugendlichen, Bandarbeit sowie Verbindungen von Musik und freiem Spiel in der Kindertherapie. Auch Kombinationen mit Bewegung, Tanz- oder Kunsttherapie sind möglich.
Einsatzgebiete und Behandlungsverfahren
Musiktherapeuten arbeiten in kurativen, also heilenden, palliativmedizinischen, rehabilitativen und präventiven Bereichen sowie in der Nachsorge. Sie behandeln Menschen aller Altersgruppen mit körperlichen, psychischen, psychosomatischen und psychiatrischen Erkrankungen sowie mit Schädigungen, Behinderungen oder anderen Beeinträchtigungen. Sie arbeiten in Einrichtungen oder selbstständig und können außerdem soziokulturelle Teilhabe, interkulturellen Dialog und Integration fördern.
Wichtige Arbeitsorte sind psychiatrische und psychosomatische Versorgungseinrichtungen. Dort wird Musiktherapie unter anderem bei psychotischen Erkrankungen, Borderline-Störungen, Suchterkrankungen sowie in der Gerontopsychiatrie eingesetzt. Weitere Anwendungsgebiete sind Ess-, Angst-, Somatisierungs- und depressive Störungen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie werden unter anderem Entwicklungsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsdefizitstörungen sowie Angst- und depressive Störungen behandelt.
In der Rehabilitation wird Musiktherapie vor allem bei neurologischen Erkrankungen funktional eingesetzt. Behandlungsfelder sind Wachkoma, die Frührehabilitation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson und Schlaganfall. Weitere Tätigkeitsfelder bestehen in der Sonder- und Heilpädagogik, bei schwer- und mehrfachbehinderten Menschen, bei entwicklungsverzögerten oder entwicklungsgestörten Kindern, in Alten- und Demenzpflegeheimen, in Hospizen, Musikschulen, Schulen und Familienbildungsstätten.
Manualisierte Verfahren sind nach festgelegten Behandlungsabläufen strukturierte Anwendungen. Genannt werden Verfahren bei Tinnitus, chronischen Schmerzen, Migräne, Tumorerkrankungen und Frühgeborenen.
Geschichtliche Entwicklung
Musik wurde wegen ihrer starken emotionalen Wirkung schon früh mit Heilung verbunden. In frühen Kulturen sollten Gesänge, Klänge und Rhythmen Krankheiten oder als Ursache gedachte Dämonen vertreiben. Bis in die frühe Antike wurden Menschen gezielt in Trance versetzt, um Götter zu beschwören oder Dämonen auszutreiben. In der klassischen Antike galt Krankheit als innere Unordnung; Musik sollte geistige und seelische Harmonie wiederherstellen. Das Alte Testament berichtet, dass ein „böser Geist“ von Saul wich, wenn er Zithermusik hörte. Der römische Arzt Celsus empfahl Musik, Beckenklänge und Geräusche gegen trauriges Grübeln.
Seit dem 9. Jahrhundert berichteten arabische Gelehrte über therapeutische Musikwirkungen. Ein Arzt am Hof des Kalifen al-Ma'mūn erwähnte um 800 die Anwendung bei Geisteskranken. Haly Abbas, gestorben 944, behandelte Schmerzen von Kleinkindern mit Musik und setzte lieblichen Gesang, Kithara und Lyra gegen Melancholie und „Fieber aus Traurigkeit“ ein. Im 1284 fertiggestellten Krankenhaus des Sultans Qalawun in Kairo trösteten angestellte Musiker Kranke in schlaflosen Nächten. Im Osmanischen Reich wurden zwölf Makame, also musikalische Modi, bestimmten Indikationen zugeordnet. Auch zwölf Dastgah und Awaz der persischen Musik wurden entsprechend ihrem emotionalen Charakter unter anderem den Körpersäften zugeordnet und gegen angenommene „humoralpathologische Verstimmungen“ eingesetzt.
Renaissance und Barock richteten ihre Aufmerksamkeit unter anderem auf Affekte, Melancholie und die vermeintliche Regulation des Blutes durch Schwingungen. In der Romantik verlagerte sich der Schwerpunkt vom klassischen medizinischen Bezugssystem zur Psychologie. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden verschiedene musiktherapeutische Schulen. In den 1960er Jahren gewann die aktive Musiktherapie an Bedeutung; in den 1970er Jahren wurde das Prinzip „Therapie durch Musik“ zunehmend durch „Therapie mit Musik“ ersetzt.
Beruf, Recht und Finanzierung
Musiktherapeuten arbeiten institutionell oder selbstständig im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in Bildung und Beratung. Ihre Tätigkeit kann kurativ, rehabilitativ oder präventiv sein. Sie arbeitet je nach Ziel übungszentriert und funktional, erlebniszentriert und kreativ oder konfliktzentriert und aufdeckend. Einzel- und Gruppentherapien sind möglich; auch das soziale Umfeld kann einbezogen werden. Der Beruf versteht sich als eigenständiger Heilberuf, der bestehende Systeme durch einen nonverbalen und kreativtherapeutischen Ansatz ergänzt. Musiktherapeuten übernehmen außerdem Aufgaben in Forschung, Evaluation und Öffentlichkeitsarbeit.
In Deutschland ist die selbstständige Ausübung, soweit sie der Heilung oder Linderung von Krankheiten dient, an eine Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz gebunden. Musiktherapie zählt nicht zu den Regelleistungen der Krankenkassen. Hochschulabsolventen können zusätzlich eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten absolvieren und nach der Approbation bestimmte Leistungen mit Sozial- und Jugendämtern abrechnen. Je nach Bundesland kann eine Kostenübernahme durch Regierungsbezirke im Rahmen der Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer oder drohender seelischer Behinderung möglich sein. In einer eigenen Praxis müssen Patienten die Behandlung ansonsten selbst bezahlen. Für Leistungen in Einrichtungen im Geltungsbereich des § 17b KHG gelten der OPS-Code 9-401.4 für Künstlerische Therapie oder gegebenenfalls 9-401.5 für Integrierte psychosoziale Komplexbehandlung.
In Österreich wurde 2008 das Musiktherapiegesetz, MuthG, BGBl. I Nr. 93/2008, beschlossen; es trat am 1. Juli 2009 in Kraft. Österreich ist bislang der einzige europäische Staat mit einem eigenen Gesetz für diese Berufsgruppe. Weltweit setzt sich die World Federation of Music Therapy für Anerkennung und Weiterentwicklung des Berufs ein.
Forschung und Qualifikation
Musiktherapie ist in Deutschland seit 1979 eine Hochschuldisziplin. Der einzige deutsche Bachelor-Studiengang wird an der SRH Hochschule Heidelberg angeboten. Akkreditierte Master-Aufbaustudiengänge bestehen an der Universität der Künste Berlin, der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, der SRH Hochschule Heidelberg, der Universität Augsburg und der Fachhochschule Würzburg. Daneben gibt es von der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft e. V. anerkannte Fort- und Weiterbildungsinstitute, deren Curricula dem Bachelor entsprechen.
In Österreich erfolgt die Ausbildung unter anderem in einem achtsemestrigen Magisterstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. An der IMC Fachhochschule Krems besteht seit Herbst 2009 ein Bachelor- und seit 2012 ein berufsbegleitender Masterstudiengang. Seit 2010 wird in Graz ein berufsbegleitender Lehrgang angeboten. In der Schweiz bietet die Zürcher Hochschule der Künste eine berufsbegleitende Ausbildung und einen Master-Lehrgang in klinischer Musiktherapie an; weitere Angebote bestehen am Zürcher Institut Musiktherapie und in Schwaderloch.
Zu den deutschen Forschungseinrichtungen zählen das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg, die Universitätsklinik Ulm, die Forschungsstelle Musikmedizin in Hamburg, die Universität Münster und das Internationale Musiktherapie Institut Berlin e. V. Die Forschungsstelle Musik und Gesundheit der Universität Augsburg verbindet Lehre, Forschungswerkstatt und internationale Vernetzung. Die 1988 an der Universität Ulm gegründete Werkstatt wird seit 2009 in Augsburg weitergeführt. Das Fach Musiktherapie wurde dort 2008 in die Promotionsordnung aufgenommen; weitere Promotionsmöglichkeiten bestehen in Hamburg, Münster und Berlin. 2011 entstand in Augsburg eine Liste sämtlicher recherchierter deutschsprachiger musiktherapeutischer Dissertationen.
In Österreich gibt es seit 2012 einen Lehrstuhl mit wissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Hinzu kommen das Wiener Institut für Musiktherapie und das Forschungsprogramm Musik-Medizin in Salzburg. In der Schweiz bündelt der Schweizerische Fachverband für Musiktherapie die Forschungsaktivitäten.