Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Musiksoziologie
Die Musiksoziologie ist eine Wissenschaft, die sich mit sozialen Aspekten der Musik beschäftigt. Sie zählt zu den Disziplinen der Systematischen …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Die Musiksoziologie ist eine Wissenschaft, die soziale Aspekte der Musik untersucht. Sie fragt danach, wie Musik mit Gesellschaft zusammenhängt: unter welchen Bedingungen Musik entsteht, wie sie ausgeübt und vermittelt wird, wie Menschen sie aufnehmen und welche Wirkungen sie in sozialen Zusammenhängen hat.
Sie ist ein vergleichsweise junges Arbeitsgebiet. Ihre Bedeutung liegt darin, Musik nicht nur als Kunstwerk oder Klangereignis zu betrachten, sondern auch als Teil des gesellschaftlichen Lebens. Dazu gehören Institutionen wie Oper, Konzert und Massenmedien, aber auch soziale Gruppen, Publikum, Musiker, Komponisten, Kritiker, Agenten und Funktionäre.
Einordnung der Disziplin
Die Musiksoziologie wird unterschiedlich eingeordnet. Musikwissenschaftler sehen sie als eigenständige Disziplin innerhalb der Systematischen Musikwissenschaft. Soziologen betrachten sie dagegen als Teil der Soziologie, der sich speziell mit Musik beschäftigt.
Zugänge zur Musiksoziologie gibt es auch über verwandte Fächer. Dazu gehören Historische Musikwissenschaft, Musikpsychologie, Musiktheorie, Musikästhetik, Musikpädagogik und Musikethnologie. Außerdem kann die Musiksoziologie Anregungen aus anderen Bereichen der Soziologie oder aus der Verhaltensforschung aufnehmen.
Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachgebieten entsteht eine „komplexe Musiksoziologie“. Daneben gibt es eine „autonome Musiksoziologie“, die Themen behandelt, die nicht von anderen Wissenschaften bearbeitet werden.
Zentrale Forschungsthemen
Die Musiksoziologie untersucht das Bezugsfeld von Musik und Gesellschaft. Wichtige Themen sind die Entstehungsbedingungen von Musik, ihre Ausübung, ihre Rezeption, also die Aufnahme durch Hörer, und ihre Wirkung in der Gesellschaft.
Ein Schwerpunkt liegt auf den Strukturen und Funktionen der Institutionen des Musikbetriebs. Beispiele sind Oper, Konzert und Massenmedien. Untersucht wird auch, welche Funktionen oder symbolischen Bedeutungen Musik in verschiedenen Sozialgruppen, Zeiten und Gesellschaftsformen hat.
Weitere Themen sind Schichten- und Geschlechtszugehörigkeit, Arbeitsverhältnisse und Organisationsformen von Musikern, einschließlich Komponisten, sowie von Musikvermittlern wie Kritikern, Agenten und Funktionären. Außerdem fragt die Musiksoziologie nach der sozialen Zusammensetzung, dem Verhalten und dem Geschmack des Publikums.
Entwicklung und wichtige Ansätze
Ein früher wichtiger Bezugspunkt war Max Weber. 1921, ein Jahr nach seinem Tod, erschien seine Schrift „Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik“. Sie beruhte auf Notizen und Ideen aus den Jahren 1912/13. Weber versuchte, Musikwerke soziologisch zu interpretieren, einen musikalisch-sozialen Zusammenhang darzustellen und das Besondere der europäischen Kulturgeschichte herauszuarbeiten. Dabei verband er musikwissenschaftliche und soziologische Methoden.
Kurt Blaukopf, von Weber inspiriert, entwarf 1938 eine Schrift zur Musiksoziologie, die 1950 in der Schweiz erschien. 1965 gründete er das Institut für Musiksoziologie in Wien. Er gilt als Begründer der „Wiener Schule“ der Musiksoziologie. Sein Ansatz war multidisziplinär: Er bezog unter anderem Raumakustik und die Rolle der Medien ein.
Alphons Silbermann gilt als einer der Begründer der empirischen Musiksoziologie. „Empirisch“ bedeutet hier: auf Beobachtung und Datenerhebung ausgerichtet. 1957 formulierte er das „Ideal einer praktisch verwertbaren Soziologie“. Hans Engel gehört ebenfalls zu den Pionieren; er veröffentlichte 1960 „Musik und Gesellschaft: Bausteine zu einer Musiksoziologie“.
Adorno, Streit und Medienwandel
Theodor W. Adorno vertrat einen erkenntnistheoretischen Ansatz, also einen Ansatz, der nach den Grundlagen von Erkenntnis und wissenschaftlicher Deutung fragt. Wie Max Weber interessierte er sich für den „sozialen Gehalt“ von Kompositionen. Er meinte, soziologische Interpretation von Musikwerken solle sich vor allem auf die „große“, autonome Musik beziehen. Bei einfacher, regressiver und „nichtiger“ Musik wie Schlagern hielt er sie für fragwürdig, obwohl ihm bewusst war, dass Schlager beliebter waren als Kunstmusik.
Adorno war ein wichtiger Vertreter der „Kritischen Musiksoziologie“. Diese forderte Selbstreflexion, Selbstkritik und Erneuerung und wollte ein übersichtliches Strukturmodell anbieten. In den 1960er Jahren berührte der Positivismusstreit auch die Musiksoziologie. Dabei ging es in den Sozialwissenschaften um Erkenntnistheorie und die richtige Methodik. In der Musiksoziologie standen sich besonders Adorno als Theoretiker der „Frankfurter Schule“ und Silbermann als Empiriker der „Kölner Schule“ gegenüber.
Die Musiksoziologie entwickelte sich auch vor dem Hintergrund einer „industriellen Revolution“ der Musik. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entstanden neue Tonträger wie Schallplatte, Tonbandgerät und Kassettenrekorder. Dadurch weitete sich die Musikproduktion stark aus. Hörfunk und später Fernsehen erreichten breite Hörerschichten. Musikproduktion wurde zu einer bedeutenden Branche der Wirtschaft. Kurt Blaukopf nannte den durch Technik und Medien ausgelösten Wandel „Mediamorphose“. Musiksoziologen sollten nun auch Orientierung bieten, Tagesprobleme behandeln und Zukunftsprognosen wagen, etwa indem sie Programmverantwortlichen halfen, Wünsche und Bedürfnisse der Hörer zu berücksichtigen.
Spätere Unterscheidungen und Organisation
Tibor Kneif unterschied 1971 zwei Richtungen der Musiksoziologie. Die eine verstand er als spezielle Soziologie, die sich mit dem Musikleben in der Gesellschaft beschäftigt. Die andere sah er als Hilfswissenschaft der Historischen Musikwissenschaft, die zu einem gründlicheren Verständnis von Musik und Musikgeschichte beitragen soll.
In der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wurde 2004 eine Arbeitsgruppe Musiksoziologie in der Sektion Kultursoziologie gegründet. Bis 2010 fanden einige Treffen statt. Der Artikel weist außerdem darauf hin, dass im Geschichtsabschnitt noch wichtige Informationen fehlen, besonders zu Entwicklungen seit etwa 1970 und zu anderen Ländern.