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Improvisation (Musik)
Als Improvisation wird eine Form musikalischer Darbietung durch Einzelne (Solisten) oder Ensembles verstanden, bei der Tonmaterial und Klangfolgen in der …
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Begriff und Grundprinzip
Improvisation ist eine Form musikalischer Darbietung durch einzelne Solisten oder Ensembles. Tonmaterial und Klangfolgen entstehen dabei während der Aufführung selbst und sind vorher gar nicht oder nur wenig notiert. Grundlage sind spontane Einfälle, Inspiration, erlernte musikalische Regeln und die unmittelbare Reaktion auf andere Mitwirkende.
Ob Improvisation die Urform des Musizierens ist, lässt sich nicht feststellen. Da die schriftlich ausgearbeitete Komposition besonders mit der klassischen europäischen Musiktradition verbunden ist, war ein gewisses Maß an Improvisation beim Musizieren wahrscheinlich häufig die Regel. In der traditionellen Musik vieler Kulturen spielt sie bis heute eine zentrale Rolle. Musik wird dort oft mündlich weitergegeben; jede Aufführung gestaltet ein überliefertes Lied oder Stück neu.
Improvisation bedeutet daher nicht unbedingt vollkommen voraussetzungsloses Spielen. Häufig geben Tonleitern, Melodien, Akkordfolgen, Rhythmen, wiederkehrende Muster oder Aufgaben innerhalb eines Ensembles einen Rahmen vor. In arabischer, türkischer und indischer Musik strukturieren beispielsweise bestimmte Tonleitermodelle und rhythmische Muster das Spiel. Musik südlich der Sahara kennt teilweise hochkomplexe rhythmische Improvisationen. In der indonesischen Gamelan-Musik umspielen einzelne Instrumente wiederkehrende Patterns und eine als „innere Melodie“ verstandene Kernmelodie.
Verhältnis zur Komposition
Bei einer Komposition wird das Werk vor der Aufführung ausgearbeitet und häufig in Notenschrift festgehalten. Bei der Improvisation muss eine musikalische Entscheidung dagegen in dem Augenblick getroffen werden, in dem sie erklingt. Beide Tätigkeiten sind dennoch verwandt: Sie erzeugen und ordnen musikalisches Material, und in beiden Fällen muss ein Interpret die Musik klanglich verwirklichen.
Kompositionen können aus Improvisationen hervorgehen. Im weiteren Kompositionsprozess lassen sich spontane Ideen jedoch prüfen, verändern und verbessern. Umgekehrt kann eine Improvisation auf bereits komponiertem Material beruhen. Ihre Ergebnisse lassen sich nur schwer vollständig in einer Komposition nachahmen, weil neben dem verwendeten Material auch die nicht planbare Interaktion zwischen den Musikern entscheidend ist.
Der Urheber eines komponierten Werkes besitzt Rechte an dessen Nutzung und kann gegen unerlaubte Aneignung, Veränderung oder Abwandlung vorgehen. Eine Improvisation ist in dieser Hinsicht nur geschützt, soweit sie auf einem Tonträger aufgezeichnet wurde.
Auch völlig freie Improvisation bleibt von den Fähigkeiten und musikalischen Erfahrungen der Beteiligten geprägt. Selbst bei Free Jazz führten Versuche eines voraussetzungslosen spontanen Spiels nicht einfach zur Regellosigkeit. Spielen dieselben Musiker kurz hintereinander mit demselben Material, können die Ergebnisse im Höreindruck erstaunlich ähnlich sein. Bei kollektiver Improvisation besteht außerdem oft eine strikte Arbeitsteilung.
Improvisation in der europäischen Kunstmusik
Im Mittelalter beruhte die Musikpraxis überwiegend auf mündlicher Überlieferung; die erhaltenen Noten geben deshalb nur ein unvollständiges Bild. Geistliche Musik wurde in verschiedenen Notationsformen von der Quadratnotation bis zur Mensuralnotation festgehalten, während aus der weltlichen Musik vergleichsweise wenige einstimmige Melodien überliefert sind. Musiker belebten solche Vorlagen durch improvisierte Vor-, Zwischen- und Nachspiele sowie Formen der Zweistimmigkeit, darunter Bordun, Quart- oder Quintparallelen, Organum und freie zweite Stimmen. Weil Akkordharmonik noch nicht bekannt war, dienten vor allem Melodie, Tonleiter und Bordun als Gerüst.
In der Renaissance prägte mehrstimmige Ensemblemusik die Praxis. Sänger und Instrumentalisten verzierten notierte Stimmen abhängig von ihren Fähigkeiten mit improvisierten Diminutionen, also der Aufteilung längerer Noten in kürzere, verzierende Tonfolgen. Organisten und Cembalisten passten außerdem Vokalkompositionen aus dem Stegreif an ihre Instrumente an.
Im Barock war professionelles Orgel- und Cembalospiel wesentlich stärker improvisatorisch als heute. Bei Organistenprüfungen konnte vorbereitete Literatur zur Disqualifikation führen; verlangt wurde unter anderem das Improvisieren von Fugen. Johann Sebastian Bach war für seine Orgelimprovisationen berühmt. Die Toccata entwickelte sich als wichtige, auf improvisatorischem Ausprobieren beruhende Form. Beim Generalbass erhielt der Spieler eine Basslinie und Zahlen für die darüberliegenden Akkorde und setzte die Begleitung möglichst spontan um. Solisten und Begleiter ergänzten Ornamente und freie Manieren. In Solokonzerten bezeichnet die Kadenz eine vom Komponisten vorgesehene Stelle, an der der Solist Phantasie, Ausdruck und Virtuosität entfalten konnte.
In Klassik und Romantik wurde das freie „Fantasieren“ auf Klavier oder Cembalo hoch geschätzt, etwa bei Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Frédéric Chopin. Beethovens Fantasie op. 77 erweckt den Eindruck spontanen Suchens, Verwerfens und Entwickelns eines Themas. Bei Konzertkadenzen setzte sich jedoch zunehmend die eingeübte und schließlich ausgeschriebene Fassung durch. Seit der Wiener Klassik ist diese Verschriftlichung durch notierte Kadenzen von Mozart, Beethoven und anderen belegt.
Auf der Orgel blieb die Improvisation besonders lebendig. Sie ist noch im 21. Jahrhundert für das liturgische Orgelspiel wichtig und im Kirchenmusikstudium ein Hauptfach. Zu den regelmäßigen Aufgaben eines Kirchenmusikers gehört die improvisierte Gestaltung von Gottesdiensten; besonders qualifizierte Organisten improvisieren auch ganze Konzerte.
Neue Musik und offene Formen
In der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts gewann Improvisation teilweise eine größere, aber widersprüchliche Bedeutung. Seit Beginn der 1950er-Jahre experimentierten Komponisten wie John Cage, Sylvano Bussotti, Earle Brown und Roman Haubenstock-Ramati mit ungewöhnlichen Notationen. Bei der „Offenen Form“ kann eine Musikgrafik statt einer gewöhnlichen Partitur nur ungefähre Hinweise auf Töne, Klänge oder Rhythmen geben. Earle Browns Available Forms von 1961 ist ein Beispiel. Das musikalische Kunstwerk erscheint dann weniger als vollständig schriftlich fixierte Form, sondern als Kommunikationsprozess. Trotzdem wird eine Darbietung gewöhnlich weiterhin dem Urheber der grafischen Partitur zugerechnet.
Davon unterscheidet sich die Freie Improvisation: Sie verzichtet auf schriftliche oder grafische Vorgaben, sodass das Ergebnis allein vom musikalischen Horizont und den spielerischen Fähigkeiten der Beteiligten abhängt. Ausgangspunkt können aber auch verbale Texte sein, etwa in Karlheinz Stockhausens Aus den sieben Tagen von 1968. Die Ausführenden mussten dafür mit Stockhausens Konzept der intuitiven Musik vertraut sein.
Die größere Freiheit war teilweise eine Reaktion auf den strengen Serialismus, der musikalische Parameter genau festlegte. Komponisten überließen Interpreten nun einzelne Entscheidungen, beispielsweise welche Abschnitte sie spielen oder welche Tonhöhen sie verwenden. Das ist nicht automatisch Improvisation: In Stockhausens Klavierstück XI entsteht die Form durch die Auswahl nacheinander erblickter Notengruppen, ohne dass der Interpret nach Auffassung des Artikels improvisiert. Bernd Alois Zimmermann ermunterte dagegen in tempus loquendi von 1963 ausdrücklich dazu, aus vorgegebenem Material eigene Versionen zu improvisieren. In Mauricio Kagels Exotica von 1970 sind Rhythmik und Dynamik festgelegt, während die Interpreten die Tonhöhen wählen.
Die Aussagen dieses historischen Bereichs sind im Ausgangsartikel teilweise als nicht ausreichend belegt gekennzeichnet; besonders für die Neue Musik werden genauere Einzelnachweise verlangt.
Jazz: Variation, Rollen und Lernen
Improvisation gilt als konstituierendes, also grundlegendes Merkmal des Jazz. Jazzmusiker lernten sie zunächst vor allem durch genaues Zuhören und Nachspielen. Die Fähigkeit, über Akkordfolgen zu improvisieren, entwickelte sich über Jahrzehnte und wurde im Bebop besonders komplex; Charlie Parker gilt dabei als wegweisender Saxophonist. Auch Musiker der Swing-Ära improvisierten bereits über die Harmonien ihrer Stücke und beeinflussten sich gegenseitig.
Beim vokalen Scat werden keine sprachlichen Inhalte vermittelt. Stattdessen ahmt die Stimme mit lautmalerischen Silben Instrumente nach und wird funktional wie ein Instrument eingesetzt.
Ein zentrales Prinzip ist die kontinuierliche Variantenbildung: Jede Aufführung einer Jazzkomposition fällt mehr oder weniger anders aus. Scott LaFaro spielte beispielsweise bei zwei Aufnahmen von Gloria’s Step mit dem Bill Evans-Trio im Jahr 1961 am selben Tag völlig unterschiedliche Basslinien, die beide zum Gesamtklang passten.
Innerhalb eines Ensembles besitzen die Stimmen unterschiedliche Freiheitsgrade. Ein solistischer Melodiepart kann stark variieren, während Schlagzeug und Bass den Grundpuls sichern. Ein Walking Bass ist eine weitgehend gleichmäßige Basslinie in Viertelnoten. Das Klavier kann mit Akkorden auf einer schnelleren Achtelunterteilung arbeiten und Anschläge auf den Offbeat, also zwischen die betonten Grundschläge, legen. Bass und Klavier schaffen durch kleinere Veränderungen, die Mikrovarianz, den Hintergrund für die freiere Improvisation des Solisten. Beim Wechsel der Solisten verändern sich die hierarchischen Rollen. Solche flexiblen, aber klaren Aufgaben ermöglichten im New-Orleans-Jazz sogar die gleichzeitige Improvisation von mindestens sechs Musikern.
Transkriptionen, also genaue schriftliche Übertragungen gespielter Soli, sind für das Lernen wichtig. Viele Musiker spielten zunächst Soli ihrer Vorbilder nach und entwickelten später eigene Ideen. Joe Pass studierte wie viele andere Charlie Parkers Soli. Eine bekannte Sammlung zahlreicher Parker-Transkriptionen heißt „Omnibook“. Aus solchen Analysen entstanden Lehrmethoden wie Lick-Sammlungen, Akkord-Skalen-Theorie und Jazzharmonik.
Improvisation in der Rockmusik
In der Rockmusik wurde Improvisation um 1967 besonders in psychedelischer Musik und Progressive Rock wichtig. Frühe Pink Floyd, Soft Machine, Grateful Dead und Can verbanden Spielweisen des Blues mit Klangexperimenten und Live-Elektronik. Die meisten dieser Gruppen gaben solche Formen nach 1970 wieder auf. Bei bluesnahen Bands wie Deep Purple und Cream erhielten lange, begleitete Soli einen Stellenwert, der mit dem Jazz vergleichbar war. Jimi Hendrix gilt als Pionier sowohl experimenteller als auch bluesbezogener Rockimprovisation; beide Formen prägten sein Album Electric Ladyland.
Langfristig verlor die Improvisation im Rock an Bedeutung. Bluesrock mit Schwerpunkt auf improvisierter E-Gitarre näherte sich kulturell dem Jazz. Im Hardrock trat das individuelle improvisatorische Profil zurück. Andere Gruppen wie Yes und Genesis arbeiteten mit genau ausgefeilten Arrangements. Neuere Richtungen wie Punk verwenden in der Regel ebenfalls keine Improvisation, weil die Musiker sie nicht beherrschen, nicht anstreben oder das Arrangement vorherrscht.
Jazz- und Rockimprovisation beruhen nicht ausschließlich auf spontan erfundenen Tönen. Nach Peter Autschbach lässt sich Musik als Klangsprache auffassen: Licks sind ihre Vokabeln, Harmonielehre ihre Grammatik, Rhythmus ihre Betonung und Phrasierung ihre Aussprache. Ein Lick ist eine bewährte, vorher eingeübte Tonfolge. Weitere Quellen sind „erimprovisiertes“ Material, also beim früheren Improvisieren entdeckte und gemerkte Wendungen, sowie Zitate aus Themen anderer Stücke oder bekannten Improvisationen. Solche vorbereiteten Bausteine geben Musikern während des Spiels Raum, an bestimmten Stellen tatsächlich Neues zu entwickeln.