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Alter Orient

Im Alten Orient bildeten sich im Laufe der Jahrtausende mehrere Hochkulturen aus, von denen die Sumerer, Babylonier, Assyrer, Hethiter und Perser besondere …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand, Raum und Zeit
  2. 2. Naturraum und Wasser
  3. 3. Von Jägern und Sammlern zu Städten
  4. 4. Bronzezeitliche Großreiche
  5. 5. Eisenzeit bis zum Ende des Sassanidenreiches
  6. 6. Kulturen und Sprachgruppen

Gegenstand, Raum und Zeit

Der Alte Orient bezeichnet den von Vorderasiatischer Archäologie und Altorientalistik erforschten Raum, seine Kulturen und besonders seine Hochkulturen. Zu den Kerngebieten gehören Mesopotamien sowie Iran, Anatolien und die Levante. Dort vollzogen sich nach gegenwärtigem Forschungsstand Neolithisierung, Urbanisierung und die Entwicklung der Schrift früher als in jeder anderen Weltregion. Mit der Schrift begann der Übergang von der Urgeschichte zur Geschichte. Bedeutende Hochkulturen waren die Sumerer, Babylonier, Assyrer, Hethiter und Perser; mit dem Untergang des Sassanidenreiches 651 n. Chr. endete die letzte vorislamische altorientalische Staatsbildung.

Der Begriff hat keine einheitliche räumliche oder zeitliche Definition. Die Vorderasiatische Archäologie untersucht vor allem materielle Hinterlassenschaften. Sie umfasst konsensuell die heutigen Staaten Irak, Syrien, Türkei, Libanon, Jordanien, Iran, Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Jemen, Oman, Vereinigte Arabische Emirate und Katar; häufig auch Afghanistan, Pakistan westlich des Indus und Zypern, zunehmend außerdem Armenien, Turkmenistan und Aserbaidschan. Israel nimmt wegen der biblischen Archäologie eine Sonderstellung ein. Ägypten wird meist ausgegrenzt, weil die Ägyptologie eine eigenständige Disziplin ist.

Die Altorientalistik ist eine philologische Wissenschaft, also eine Wissenschaft der Texte. Sie orientiert sich besonders am Verbreitungsgebiet der Keilschrift: Irak, Syrien, Kleinasien, Israel, Libanon, Jordanien und Iran; zeitweise auch Ägypten. Die arabische Halbinsel wird wegen der Sabäistik meist abgegrenzt. Für Archäologen beginnt der Zeitraum meist mit der Jungsteinzeit vor etwa 11.000 Jahren und endet gewöhnlich 651 n. Chr. Die Altorientalistik beginnt mit den frühesten Keilschriftzeugnissen in Südmesopotamien um 3000 v. Chr. Ihr Endpunkt ist umstritten: Viele setzen ihn 330 v. Chr. beim Untergang des Achämenidenreiches, andere beziehen Seleukidenzeit und frühes Arsakidenreich ein.

Naturraum und Wasser

Der Alte Orient liegt überwiegend in subtropischen Wüstengebieten, besitzt aber sehr verschiedene Naturräume. Seit dem Mesozoikum prägen Plattenbewegungen das Relief: Im Norden liegen Hochgebirge wie Pontisches Gebirge, Kaukasus, Taurus, Zagros, Elburs und Hindukusch, im Süden die flacheren Ebenen des arabischen Schildes. Dazwischen liegt der mesopotamische Trog mit Euphrat und Tigris. Erdbeben und Vulkanismus sind Folgen der Tektonik; zugleich gelangen Minerale an die Oberfläche und können Böden fruchtbar machen.

Der größte Teil gehört zu den Subtropen, Anatolien und nördliche Grenzräume zu gemäßigten Steppen, der Süden Arabiens teilweise zu den Tropen. Meist fällt Winterregen. Die jährlichen Niederschläge reichen von 1000 mm an Gebirgshängen über 200–400 mm in Steppen bis unter 100 mm in Wüsten. In trockenen Räumen sind mehrere regenlose Jahre wahrscheinlicher. Die Durchschnittstemperaturen betragen in Levante sowie Iran und Afghanistan 15–20 °C, im Hochgebirge 5–10 °C und auf der arabischen Halbinsel mindestens 25 °C. Die heutigen Klimabedingungen bestehen erst seit etwa 3500 v. Chr.; zuvor gab es nachweisbare Wechsel.

Wassermangel kennzeichnet fast den ganzen Vorderen Orient. Dauerhafte Flüsse gibt es vor allem in Nordanatolien, Küstenräumen, am Hindukusch sowie in Mesopotamien und angrenzenden Gebirgen. In ariden Gebieten verlieren Flüsse durch Verdunstung Wasser; dies fördert Versalzung. Periodische Flüsse und ausgetrocknete Wadis sind verbreitet. Heftige Niederschläge können Erosion und Salzkrusten verursachen, die Böden unfruchtbar machen. Nutzbares Grundwasser gab es örtlich in Aquiferen; Quellen waren bevorzugte Siedlungsplätze, etwa Palmyra. Ur und Nippur lagen ursprünglich an der weiter landeinwärts reichenden Küste des Persischen Golfs.

Von Jägern und Sammlern zu Städten

Hominiden besiedelten den Vorderen Orient seit rund 2 Millionen Jahren. Bis vor etwa 12.000 Jahren lebten Menschen als mobile Jäger und Sammler. Nach der letzten Eiszeit setzte im Fruchtbaren Halbmond erstmals weltweit die Neolithisierung ein: Menschen wurden sesshaft und sicherten ihren Lebensunterhalt durch Ackerbau und Viehzucht.

Im Epipaläolithikum entstanden in Palästina während des Kebarien erste feste Wohnstätten. Das Natufien in Palästina und Syrien zeigt die große Bedeutung von Getreide; vermutlich wurden wilde Gräser domestiziert. Im Präkeramischen Neolithikum A (9500–8300 v. Chr.) entstanden runde Lehmziegelbauten, Gemeinschaftsbauten und die Kultanlage Göbekli Tepe, deren Anfänge ins frühe 10. Jahrtausend v. Chr. reichen. Im Präkeramischen Neolithikum B (9100–8000 v. Chr.) wurden mehrraumige rechteckige Häuser gebaut, Siedlungen erreichten bis zu 1.000 Einwohnern, und Ackerbau sowie Viehzucht waren verbreitet. Bestattungen lagen meist unter Wohnhausböden; Grabbeigaben belegen frühen Fernhandel.

Das keramische Neolithikum (8000–5500 v. Chr.) ist durch gezielt gebrannte Keramik gekennzeichnet. In Çatalhöyük waren Häuser verputzt und mit Wandmalereien oder bemalten Reliefs geschmückt. Das mesopotamische Schwemmland wurde nun ebenfalls besiedelt. Auf die Umm-Dabaghiyah-Sotto-Kultur (6000–5750 v. Chr.) folgten Hassuna-Kultur (5750–5250 v. Chr.), Samarra-Kultur (5500–5000 v. Chr.) und Halaf-Kultur (5500–5000 v. Chr.). Die Halaf-Kultur ist besonders an bemalter, in zweikammrigen Öfen gebrannter Keramik erkennbar.

Im Chalkolithikum, der Kupfersteinzeit, begann mit der Obed-Kultur (5000–4000 v. Chr.) der extensive Gebrauch von Kupfer und einfachen Bronzen. Handel reichte bis Qatar, Bahrain und die Arabischen Emirate. Siedlungen wie Tell Brak, Uruk und Eridu wurden zunehmend urban; aus dem Tempelpodest von Eridu entwickelten sich später typische Tempeltürme. Die Uruk-Zeit (4000–3100 v. Chr.) brachte Schrift, Städte und frühe Stadtstaaten hervor. Uruk erreichte rund 550 Hektar und war am Ende der Epoche die damals größte Stadt der Welt. Nach der Uruk-Zeit folgte Dschemdet Nasr (3100–2900 v. Chr.), als die sumerische Hochkultur deutlicher fassbar wurde.

Bronzezeitliche Großreiche

In der Frühbronzezeit (2900–2000 v. Chr.) entstanden in Mesopotamien, im Industal und in Ägypten erste Hochkulturen. Die Sumerer lebten in Südmesopotamien während der frühdynastischen Periode (2900–2350 v. Chr.) in Stadtstaaten wie Kisch, Lagaš, Ur und Uruk. Ihre Herrscher hießen LU.GAL, also König, oder EN.SI, Stadtfürst. Die Städte waren trotz eines Städtebundes mit Zentrum Nippur häufig im Krieg. Um 2340 v. Chr. gründete Šarrukin (Sargon) das Akkadreich. Es umfasste Mesopotamien, große Teile Syriens sowie kleinere Gebiete Anatoliens und Irans. Nach etwa 150 Jahren zerfiel es unter anderem unter dem Druck gutäischer Stämme.

Die Ur-III-Zeit (2100–2000 v. Chr.) vereinigte unter Ur-Nammu Akkad und Sumer zu Babylonien. Der Codex Ur-Nammu ist die älteste bekannte Gesetzessammlung der Menschheit. Amoriter und die Zerstörung Urs durch Elam führten zum Untergang. Im Industal bestand die Indus-Kultur (2800–1800 v. Chr.) mit ähnlich geplanten Städten wie Mohenjo-Daro in einem Umkreis von rund 1000 Kilometern. Ihre Indusschrift ist bis heute nicht entschlüsselt; daher sind keine historischen Aussagen über diese Kultur möglich. Die Ursachen ihres Zusammenbruchs sind unklar.

In der Mittelbronzezeit setzte ab 2000 v. Chr. der Untergang der sumerischen Kultur und der Aufstieg semitischer Gruppen ein. In der Isin-Larsa-Zeit (2000–1800 v. Chr.) verlor das Sumerische zugunsten des Akkadischen an Bedeutung. Hammurapi, der 6. König der amoritischen 1. Dynastie von Babylon, vereinigte Mesopotamien; sein altbabylonisches Reich bestand von 1800 bis 1595 v. Chr. und zerfiel nach seinem Tod. Muršili I. zerstörte die Hauptstadt, danach übernahmen Kassiten Babylon.

In der Spätbronzezeit entstand das hethitische Großreich in Anatolien und zeitweise Nordsyrien. 1531 v. Chr. plünderte Muršili I. Babylon. Die Hethiter siegten vermutlich 1274 v. Chr. bei Kadesch gegen Ägypten; der Vertrag Ramses’ II. mit Ḫattušili III. gilt als ältester bekannter Friedensvertrag der Welt. Das Reich endete zu Beginn des 12. Jahrhunderts v. Chr. Mittani beherrschte Nordsyrien. Assyrien wurde unter Aššur-uballiṭ I. (1353–1318 v. Chr.) wieder mächtig. Um 1220 v. Chr. führten Trockenphasen und Störungen des Handels zum Zusammenbruch der Bronzezeit. Als Seevölker werden die in ägyptischen Quellen genannten invasorischen „Fremdvölker“ zusammengefasst; sie bedrohten zu Beginn des 12. Jahrhunderts v. Chr. Ägypten und griffen wahrscheinlich zwischen 1194 und 1186 v. Chr. Ugarit an und zerstörten es.

Eisenzeit bis zum Ende des Sassanidenreiches

In der Eisenzeit erreichte Assyrien erneut Großmachtstatus. Aššur-dan II. (935–912 v. Chr.) eroberte aramäische Stadtkönigreiche. Tukulti-apil-Ešarra III. (745–727 v. Chr.) nahm Babylon, Phönizien, Palästina und Israel ein. Unter Šarru-kīn II. und seinen Nachfolgern erreichte das neuassyrische Reich seine größte Ausdehnung; Aramäisch wurde zunehmend Verkehrs- und Schriftsprache. Asarhaddon (681–669 v. Chr.) eroberte Ägypten, Assurbanipal (669–627 v. Chr.) war der letzte bedeutende Herrscher. Seine Bibliothek ist eine wichtige Quelle für die Geschichte Mesopotamiens. Babylonier und Meder eroberten und zerstörten Assur 614 v. Chr., Ninive 612 v. Chr. und Harran 609 v. Chr.; mit Harran endete das assyrische Reich. Babylon eroberte 586 v. Chr. Juda, zerstörte Jerusalem und den ersten Tempel. Das babylonische Exil endete 539 v. Chr. durch die persische Eroberung Babylons.

Kyros II. begründete das Achämenidenreich: Um 550 v. Chr. befreite er sich von der Oberhoheit der Meder, eroberte ihr Reich, die Lyder und 540/539 v. Chr. Babylonien. Dareios I. organisierte das Reich durch Satrapen, also Verwaltungsbezirke unter Statthaltern. Nach dem Ionischen Aufstand etwa 500–494 v. Chr. unterlagen Perser 490 v. Chr. bei Marathon. Der Kalliasfrieden um 449 v. Chr. ist in der Forschung umstritten. Alexander der Große eroberte ab 334 v. Chr. das Perserreich; Dareios III. wurde 330 v. Chr. getötet.

Nach Alexander herrschten die Seleukiden über große Teile Vorderasiens. Parther nahmen ab 240 v. Chr. den Nordosten Irans ein und eroberten unter Mithridates I. (171–139/138 v. Chr.) Mesopotamien. Rom kontrollierte ab etwa 64 v. Chr. Syrien, konnte das Partherreich aber trotz wiederholter Angriffe nicht dauerhaft beherrschen. Ardaschir I. tötete 224 n. Chr. Artabanos IV. und gründete das Sassanidenreich.

Die Sassaniden knüpften ausdrücklich an persisch-altorientalische Traditionen an. Unter Chosrau I. (531–579) erreichte ihr Reich einen Höhepunkt. Chosrau II. eroberte bis 619 Syrien und Ägypten und bedrohte Konstantinopel, verlor aber gegen Kaiser Herakleios. Nach langem Krieg und Bürgerkrieg war das Reich geschwächt. Ab 634 eroberten Araber Syrien, Palästina, Mesopotamien und schließlich das Sassanidenreich. Yazdegerd III. wurde 651 bei Merw getötet.

Kulturen und Sprachgruppen

Der Begriff „Ethnie“ ist für den Alten Orient problematisch. Nur Israel entwickelte nach dem Artikel ein Verständnis ethnischer Identität, das besonders auf gemeinsamer Heilsgeschichte beruhte. Menschen bezeichneten sich sonst meist nach Herkunftsort oder sozialer Gruppe. Prähistorische Kulturen werden anhand materieller Hinterlassenschaften bestimmt; sie lassen sich nicht automatisch mit einheitlichen Ethnien gleichsetzen.

Die erste klar fassbare Gruppe sind die Sumerer. Ihre Herkunft ist ungeklärt, ihre Sprache ist isoliert und ihre Verbreitung beschränkte sich auf Südmesopotamien bis etwa Nippur. Die Semiten waren die größte Gruppe und wanderten in mehreren Wellen ein. Akkadisch ist die älteste schriftlich belegte semitische Sprache; zu ihren regionalen Gruppen gehörten die Assyrer. Am Ende des 3. Jahrtausends kamen Amoriter. In der Levante entwickelten sich unter anderem Ugaritisch, später Phönizier, Kanaaniter einschließlich der Hebräer sowie ab etwa 1300 v. Chr. Aramäer. Durch assyrische Deportationen verbreitete sich Aramäisch im 1. Jahrtausend als regionale lingua franca, also gemeinsame Verkehrssprache. Südaraber sind ab etwa 1000 v. Chr. nachweisbar; West- und Nordaraber traten als Beduinen seit 853 in Konflikten mit Assyrien und Babylonien auf.

Die Hurriter breiteten sich vom Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. an nach Nordmesopotamien, Anatolien und in die Levante aus. Ihre Sprache ist kaum verständlich; sicher verwandt ist nur Urartäisch. Die Elamiter lebten spätestens seit dem 4. Jahrtausend in Südiran. Ihre Sprache ist mit keiner anderen Sprache verbunden und blieb bis zur assyrischen Zerstörung Elams in der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. in Gebrauch. Bergvölker des Zagros, darunter Gutäer, Qûtu und Lulubi, sind hauptsächlich aus mesopotamischen Quellen bekannt. Die Kassiten übernahmen nach der hethitischen Zerstörung Babylons die Macht und hielten ihre Dynastie rund 450 Jahre lang.

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