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Mehrheitswahl

Es bezeichnet ein Wahlverfahren zur Auswahl eines Vorschlages aus einer Reihe vorgegebener Alternativen durch die Mehrheit einer Gruppe von Wählern. Auf diese …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip und Formen
  2. 2. Mehrpersonenwahlkreise und Mischformen
  3. 3. Anwendung in verschiedenen Staaten
  4. 4. Typische politische Wirkungen
  5. 5. Probleme der Wahlentscheidung

Grundprinzip und Formen

Die Mehrheitswahl, in der Schweiz Majorzwahl genannt, ist ein Repräsentationsprinzip und Wahlverfahren. Aus mehreren vorgegebenen Vorschlägen wird durch die Mehrheit einer Wählergruppe ein Vorschlag ausgewählt. Meist werden damit Repräsentanten direkt und personenbezogen gewählt; seltener betrifft es Mitglieder der Exekutive, etwa in Schweizer Kantonen. Das Verfahren soll insbesondere eine parlamentarische Regierungsmehrheit für eine Partei ermöglichen. Es ist von der Verhältniswahl abzugrenzen und gewöhnlich als Persönlichkeitswahl ausgestaltet.

Mehrheitswahlen sind sowohl in Einerwahlkreisen mit nur einem zu vergebenden Mandat als auch in Mehrpersonenwahlkreisen möglich. Bei der relativen Mehrheitswahl gewinnt der Kandidat oder Vorschlag mit den meisten Stimmen, auch ohne mehr als die Hälfte aller Stimmen zu erreichen. Dieses Verfahren begünstigt häufig Parteien mit regionalen Hochburgen und Regionalparteien. Es kann die Entstehung eines Zweiparteiensystems fördern, etwa in den USA; im Vereinigten Königreich bestehen daneben regional starke Parteien.

Bei der absoluten Mehrheitswahl ist gewählt, wer mehr als die Hälfte der Stimmen erhält. Wird diese Mehrheit im ersten Durchgang nicht erreicht, folgt häufig eine Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten. Dieses Verfahren wird beispielsweise bei den meisten Bürgermeister- und Landratswahlen in Deutschland verwendet. Bei der integrierten Stichwahl ordnen die Wähler die Vorschläge nach ihren Präferenzen; so werden unter anderem die Mitglieder beider Kammern des australischen Parlaments gewählt.

Die romanische Mehrheitswahl verbindet Elemente beider Formen: Im ersten Wahlgang ist eine absolute Mehrheit erforderlich. Erreicht sie niemand, gewinnt in einem zweiten Wahlgang der Kandidat mit den meisten Stimmen. Die Regeln darüber, wer am zweiten Wahlgang teilnehmen darf, unterscheiden sich. Wegen der Verbindung absoluter und relativer Elemente ist die Einordnung dieses Verfahrens umstritten.

Mehrpersonenwahlkreise und Mischformen

In Mehrpersonenwahlkreisen werden mehrere Bewerber gleichzeitig gewählt. Üblicherweise besitzt jeder Wähler so viele Stimmen, wie Sitze zu vergeben sind; Kumulieren, also das Häufen mehrerer Stimmen auf einen Bewerber, ist dabei nicht möglich. Bei relativer Mehrheitswahl erhalten bei n Sitzen die n Bewerber mit den meisten Stimmen ein Mandat. Bei absoluter Mehrheitswahl kann unterschiedlich festgelegt werden, wie die notwendige Mehrheit berechnet wird. In fast allen Schweizer Kantonen wählt die Bevölkerung die Regierungsmitglieder nach absoluter Mehrheitswahl; der gesamte Kanton bildet dabei den Wahlkreis.

Auch in einem Mehrpersonenwahlkreis kann jeder Wähler nur eine Stimme haben. Dann können mehrere Bewerber als Gruppe gewählt werden, beispielsweise Wahlmänner bei US-Präsidentschaftswahlen. Wird nur ein einzelner Bewerber gewählt, heißt das nicht-übertragbare Einzelstimmgebung.

Die Grenze zur Verhältniswahl ist nicht immer eindeutig. Wird in einem Wahlkreis nur ein Abgeordneter gewählt, kann die relative Mehrheitswahl auch als Verhältniswahl betrachtet werden. Umgekehrt wirken Verhältniswahlen in sehr kleinen Wahlkreisen wegen ihrer hohen faktischen Hürde ähnlich wie Mehrheitswahlen. Eine sehr hohe Sperrklausel kann eine Verhältniswahl sogar zu einer Einheitswahl machen.

Beide Prinzipien lassen sich verbinden. Bei der personalisierten Verhältniswahl werden Direktkandidaten durch eine integrierte Mehrheitswahl bestimmt, ohne dass dies das Stimmenverhältnis der Parteien im Parlament verändert. Beim Grabenwahlrecht wird ein Teil der Mandate unabhängig durch Mehrheitswahl und ein anderer durch Verhältniswahl vergeben. Beim minderheitenfreundlichen Mehrheitswahlrecht erhält die stimmenstärkste Partei automatisch einen Mindestanteil, gewöhnlich mehr als 50 % der Sitze; im Übrigen handelt es sich um eine Verhältniswahl.

Anwendung in verschiedenen Staaten

Im Vereinigten Königreich werden die Mitglieder des Unterhauses nach relativer Mehrheitswahl gewählt. Das Verfahren heißt auch winner-take-all oder first-past-the-post. In Frankreich gilt bei Wahlen zur Nationalversammlung die romanische Mehrheitswahl. Für einen Sieg im ersten Wahlgang sind sowohl die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen als auch Stimmen von 25 % der Wahlberechtigten nötig. Am zweiten Wahlgang dürfen neben den beiden Bestplatzierten alle teilnehmen, die mehr als 12,5 % der Wahlberechtigten erreicht haben. Der französische Präsident wird nach absoluter Mehrheitswahl gewählt.

In den USA werden das Repräsentantenhaus, der Senat und die meisten Parlamente der Bundesstaaten in Einerwahlkreisen gewählt; die genaue Ausgestaltung bestimmen die Bundesstaaten. Bei Senatoren umfasst der Wahlkreis stets den ganzen Bundesstaat. Bei der Präsidentenwahl erhält in den meisten Bundesstaaten der stimmenstärkste Kandidat nach dem Mehrheitsprinzip die jeweiligen Wahlmänner.

Deutschland verwendet für Bundestagswahlen ein personalisiertes Verhältniswahlrecht. In den Wahlkreisen werden Direktkandidaten nach relativer Mehrheit gewählt; sie entsprechen der Hälfte der Bundestagssitze. Parteilose Direktkandidaten hatten seit der Bundestagswahl 1949 jedoch keine Chance mehr gegen parteiunterstützte Bewerber. Das Grundgesetz schreibt kein bestimmtes Wahlsystem vor. In den 1950er-Jahren wurde ein Grabenwahlrecht diskutiert, und die Große Koalition von 1966 bis 1969 plante ein Mehrheitswahlrecht, setzte es aber nicht um. Später wurde es vereinzelt erneut gefordert, um eindeutigere politische Mehrheiten zu erreichen.

In Österreich verlangten nach der Nationalratswahl 2006 einige Politiker, darunter Erwin Pröll, ein Mehrheitswahlrecht, um klare Mehrheiten zu schaffen und große Koalitionen seltener zu machen. Auch die ÖVP erwog es in einem Zwischenentwurf ihres Parteiprogramms.

In der Schweiz ist für Parlamente die Proporzwahl verbreiteter. Die meisten Kantonsparlamente und der Nationalrat werden proportional gewählt. Die Wahl des Ständerats erfolgt dagegen außer in Jura und Neuenburg nach dem Majorzsystem. In Kantonen mit nur einem Nationalratssitz gewinnt ebenfalls der Kandidat mit den meisten Stimmen. Üblich ist die romanische Form: absolute Mehrheit im ersten und relative Mehrheit im möglichen zweiten Wahlgang. Der Bundesrat wird vom Parlament mit einer modifizierten absoluten Mehrheitswahl gewählt.

Italien verwendet seit 1993 bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus verschiedene Verbindungen von Mehrheits- und Verhältniswahl. Indien zeigt, dass Mehrheitswahl nicht zwangsläufig ein Zweiparteiensystem erzeugt: 2019 zogen 36 Parteien und vier unabhängige Kandidaten ins Unterhaus ein. Ursachen sind die regional unterschiedliche Parteienlandschaft und Wahlabsprachen verbündeter Parteien über die Aufteilung der Wahlkreise.

Typische politische Wirkungen

Mehrheitswahl ist gewöhnlich Personenwahl: Die Wähler können Kandidaten ihres Wahlkreises persönlich beurteilen. Direkt gewählte Abgeordnete sind oft weniger von ihrer Partei abhängig und stimmen häufiger gegen die eigene Fraktion als Abgeordnete in Verhältniswahlsystemen. Das kann als stärkere Bindung an die Region gelten, aber Mehrheitsbildungen auch undurchsichtiger machen. Verfahren und Auszählung sind meist einfach. Unterschiedlich große Wahlkreise führen jedoch dazu, dass eine Stimme in einem kleinen Wahlkreis rechnerisch mehr wiegt als eine Stimme in einem großen.

Nach Duvergers Gesetz tendiert das Mehrheitswahlrecht durch strategisches Wählen zu einem Zweiparteiensystem. In den USA gehen fast alle Sitze an Demokraten und Republikaner; auf Wahlkreisebene haben meist höchstens zwei Parteien realistische Siegchancen. Kleine Parteien gewinnen selten einen Wahlkreis. Ihre Stimmen können zu „Papierkorbstimmen“ werden, weil sie die Zusammensetzung des Parlaments nicht beeinflussen. Kritiker sehen dadurch gesellschaftliche Minderheiten, neue Parteien und demokratische Alternativen unzureichend vertreten.

Diese Tendenz ist keine feste Regel. Frankreich, Indien, Kanada, Pakistan, einige afrikanische Staaten und der nach absoluter Mehrheitswahl gewählte Reichstag des Deutschen Kaiserreichs entwickelten kein Zweiparteiensystem. Mehrheitswahl kann Regionalparteien sogar fördern, wenn sie örtlich konzentrierte Unterstützung besitzen. In Kanada konnten etwa der Bloc Québécois in Québec und die New Democratic Party unter anderem in Saskatchewan eine starke regionale Basis aufbauen und dadurch national großen Einfluss gewinnen.

Nach dem umstrittenen Medianwählermodell konkurrieren die großen Parteien um den „mittleren“ Wähler und nähern ihre Programme der politischen Mitte an. Dies kann als Orientierung an zentrischen Positionen begrüßt werden, begrenzt aber möglicherweise die Auswahl deutlich verschiedener politischer Angebote.

Mehrheitswahl erzeugt häufig klare Mehrheiten im Parlament. Koalitionen sind dann meist unnötig, und Regierungen können einfacher, voraussehbarer und stabiler gebildet werden. Dafür bildet die Sitzverteilung das Stimmenverhältnis oft verzerrt ab: Die stärkste Partei wird meist überproportional, andere werden unterproportional vertreten. Sogar die nach Stimmen zweitstärkste Partei kann die größte Fraktion oder eine absolute Sitzmehrheit erhalten, wie 1951 in Großbritannien, 1978 und 1981 in Neuseeland sowie 1998 in Québec. Im Extremfall kann eine Partei trotz fast der Hälfte aller Stimmen und relativer Stimmenmehrheit ohne Sitz bleiben. Umgekehrt kann nur eine Partei ins Parlament gelangen, sodass keine parlamentarische Opposition besteht; dies geschah 1987 in New Brunswick und bis in die 1970er-Jahre regelmäßig in Mexiko.

Probleme der Wahlentscheidung

Durch die Wahlkreisgeometrie kann die Grenzziehung das Ergebnis beeinflussen. Die gezielte Gestaltung heißt Gerrymandering. Wer in einem dauerhaft von einer Partei beherrschten Wahlkreis lebt, hat praktisch kaum Einfluss auf den Wahlausgang. In den USA leben beispielsweise 80 % der Bevölkerung in einem Bundesstaat, der fest einem politischen Lager zugerechnet wird.

Ein weiteres Problem ist die Abhängigkeit von irrelevanten Alternativen: Ein aussichtsloser zusätzlicher Kandidat kann Stimmen von einem aussichtsreichen Kandidaten abziehen und dadurch den Sieger verändern. Als Beispiel gilt die US-Präsidentschaftswahl 2000. Nach einer verbreiteten Argumentation verlor der Demokrat Al Gore gegen George W. Bush, weil viele links orientierte Wähler Ralph Nader wählten; ohne dessen Kandidatur hätten sie wahrscheinlich Gore bevorzugt. Diese Eigenschaft begünstigt strategisches Wählen.

Auch der Auszählungsmodus kann bei denselben Präferenzen unterschiedliche Sieger hervorbringen. In einem Beispiel nach Michel Balinski verteilen sich die Wählergruppen mit 33 %, 16 %, 3 %, 8 %, 18 % und 22 % auf unterschiedliche Rangfolgen der Kandidaten A bis E. A gewinnt bei reiner Mehrheitswahl ohne 50-%-Regel, B bei Borda- und Coombs-Wahl, C nach der Condorcet-Methode, D bei einer Vorzugswahl und E bei einer Mehrheitswahl mit zweitem Wahlgang wie bei französischen Präsidentschaftswahlen. Bei einer Zustimmungswahl, in der jeder Wähler seinen beiden bevorzugten Kandidaten zustimmt, läge nach einem ersten Wahlgang B mit 49 Punkten knapp vor E mit 48 Punkten. Das Beispiel zeigt, dass nicht nur die Präferenzen, sondern auch das verwendete Wahlverfahren über den Gewinner entscheidet.

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