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Martin Luther und die Juden
1523 verlangte er als erster maßgebender christlicher Theologe eine gewaltfreie Judenmission und gesellschaftliche Integration der Juden. Unter dem Eindruck …
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Gegenstand und Ausgangslage
Der Artikel untersucht Martin Luthers Verhältnis zu Juden und Judentum sowie die Folgen seiner Aussagen. Luther (1483–1546) übernahm den mittelalterlichen christlichen Antijudaismus, also religiös begründete Judenfeindschaft. Zu dessen verbreiteten Mustern gehörten die Schuldzuweisung am Tod Jesu, die Deutung von Zerstreuung und Verfolgung der Juden als Gottes Strafe sowie Legenden über Ritualmord, Hostienfrevel und Brunnenvergiftung.
Um 1500 lebten im Heiligen Römischen Reich nördlich der Alpen weniger als 40.000 Juden, etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung. Sie waren rechtlich und wirtschaftlich vielfach ausgegrenzt. In Luthers Wohn- und Aufenthaltsorten lebten meist keine Juden; persönliche Erfahrungen prägten sein Bild daher kaum. Es beruhte vor allem auf Vorurteilen, seiner Bibelauslegung, innerchristlichen Konflikten und religionspolitischen Zielen.
Luther kannte den hebräischen Text des Tanach und arbeitete an der Übersetzung des Alten Testaments für die 1534 erschienene Lutherbibel. Rabbinische Auslegung akzeptierte er jedoch nicht als gleichberechtigt. Für ihn war der entscheidende Sinn der Bibel das, „was Christum treibet“: Alle biblischen Verheißungen deutete er auf Jesus Christus.
Theologische Grundlage und frühe Aussagen
Luthers Reformtheologie wird durch die Grundsätze sola scriptura, sola gratia, solus Christus und sola fide bestimmt: Die Bibel ist Maßstab des Glaubens; Gottes Gnade rettet allein durch Christus und allein im Glauben, nicht durch menschliche Leistungen oder „Werke“. Als „Werkgerechtigkeit“ bezeichnete Luther den Versuch, sich durch Gesetzeserfüllung selbst vor Gott zu rechtfertigen.
Schon früh ordnete er Judentum, Papsttum und Islam als Formen solcher Werkgerechtigkeit ein. Das Judentum erschien ihm damit als „Gesetzesreligion“, die den christlichen Glauben gefährde. In der ersten Psalmenvorlesung (1513–1515) deutete er Gegner Jesu häufig als Juden seiner Gegenwart und vertrat eine verschärfte Substitutionstheologie: Die Kirche habe Israel als Gottesvolk ersetzt. In der Römerbriefvorlesung (1515/1516) stellte er Juden zugleich als Beispiel für Selbstgerechtigkeit dar, verlangte aber von Christen Demut, Mitleid und Selbstkritik. Juden und Heiden hätten Jesu Tod gleichermaßen verursacht; er wandte sich 1520 gegen antijüdische Hetzpredigten.
Im „Magnificat“ (1521) forderte Luther, Juden freundlich zu behandeln und ohne Gewalt vom christlichen Glauben zu überzeugen. Die Abrahamsverheißung galt für ihn bis zum Jüngsten Tag; einzelne Juden könnten Christus erkennen. Er hielt jedoch an der Vorstellung fest, die Mehrheit sei „verstockt“, weil sie Jesus nicht als Messias anerkenne.
Mission und begrenzte Integration 1523 bis 1526
In „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) verwarf Luther die bisherige gewaltsame Judenmission, Unterdrückung und Verleumdung der Juden. Er nannte Anschuldigungen von Ritualmord und Hostienfrevel „Narrenwerk“. Juden sollten freundlich aufgenommen werden, arbeiten und mit Christen zusammenwohnen dürfen; Berufsverbote, Ghettoisierung und unbegründete Anklagen sollten enden. Diese praktische Forderung war neu.
Ziel blieb aber die Bekehrung zum Christentum. Luther wollte anhand des Alten Testaments beweisen, dass Jesus der verheißene Messias sei. Er hielt die christliche Auslegung für den einzig möglichen wahren Sinn der Bibel und nahm jüdisches Selbstverständnis deshalb kaum wahr. Die gesellschaftliche Integration war zeitlich befristet und vom Erfolg der evangelischen Judenmission abhängig.
Nach einem Gespräch mit drei Juden 1525 verschärfte sich seine Haltung. In „Vier tröstliche Psalmen an die Königin von Ungarn“ (1526) deutete er Verlust von Land und Tempel sowie die Verfolgung der Juden als Zeichen eines göttlichen Fluchs. Damit rechtfertigte er wieder Kennzeichnung und bisherige Judenverfolgung, die er 1523 noch abgelehnt hatte.
Kurswechsel und Gewaltforderungen
Der Brief an Josel von Rosheim vom 11. Juni 1537 gilt manchen Kirchenhistorikern als entscheidender Wendepunkt. Josel hatte Luther gebeten, sich gegen das sächsische Aufenthalts-, Erwerbs- und Durchreiseverbot für Juden einzusetzen. Luther lehnte ab, unterstellte Juden nun eine Bedrohung für Christen und bejahte ihre Nichtduldung in evangelischen Gebieten. Als Gründe nennt der Artikel enttäuschte Missionserwartungen, Furcht vor jüdischem Einfluss auf christliche Gruppen und die Gefährdung der Reformation.
In „Wider die Sabbather“ (1538) behauptete Luther eine jüdische Bekehrungstätigkeit unter Christen und forderte die Vertreibung der Juden aus Mähren. In „Von den Juden und ihren Lügen“ (Januar 1543) gab er die Hoffnung auf ihre Bekehrung praktisch auf, erneuerte und verschärfte zahlreiche Stereotype und verlangte von Fürsten sieben Maßnahmen: Synagogen niederbrennen, Häuser zerstören, Gebetbücher und Talmudim wegnehmen, Rabbinern das Lehren unter Todesdrohung verbieten, Handelsrechte entziehen, Bargeld und Schmuck einziehen sowie junge kräftige Juden zur körperlichen Arbeit zwingen. Wenn dies nicht durchsetzbar sei, sollten Juden aus evangelischen Ländern vertrieben werden.
„Vom Schem Hamphoras“ (März 1543) steigerte die Beschimpfungen und verbreitete Verschwörungsvorstellungen. In der „Vermahnung wider die Juden“ vom 15. Februar 1546, drei Tage vor seinem Tod, ließ Luther Juden nur noch die Wahl zwischen Taufe und Vertreibung. Seine Spätschriften zielten nicht auf rassistische, sondern auf theologisch begründete Ausgrenzung; sie sprachen Juden aber faktisch die sichere Existenz in evangelischen Gebieten ab.
Wirkungsgeschichte bis 1945
Luthers Schrift von 1523 wurde zunächst oft als maßgeblich betrachtet und von Juden teilweise als Hoffnung auf bessere Behandlung aufgenommen. Seine Schriften von 1543 dienten jedoch wiederholt lokalen Maßnahmen gegen Juden. Im 16. Jahrhundert folgten einige evangelische Herrscher einzelnen Forderungen, während viele sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht umsetzten. Auch unter Reformatoren gab es Kritik an Luthers Spätschriften.
Seit 1879 nutzten Antisemiten besonders die späten Texte und deuteten Luther rassistisch als Vorläufer ihres Programms. Diese Deutung verfälschte zwar seine theologische Begründung, konnte aber an seinen Gewaltforderungen und Feindbildern anknüpfen. Nationalsozialisten und Deutsche Christen stellten eine Linie „von Luther zu Hitler“ her, gaben seine Judenschriften neu heraus und verwendeten sie zur Rechtfertigung staatlicher Verfolgung.
Während der NS-Zeit begrüßten große Teile der Deutschen Evangelischen Kirche die „Machtergreifung“ oder schwiegen zur Judenverfolgung. Nach den Novemberpogromen 1938 protestierte keine Kirchenleitung. Deutsche Christen beriefen sich ausdrücklich auf Luthers Forderung, Synagogen anzuzünden und Juden auszuweisen. Auch sieben evangelische Landeskirchen erklärten am 17. Dezember 1941, der Judenstern entspreche Luthers Forderung nach schärfsten Maßnahmen. Die Bekennende Kirche widersprach überwiegend nicht der Judenverfolgung; Dietrich Bonhoeffer trat dagegen schon 1933 für die Menschenrechte verfolgter Juden und anderer Minderheiten ein.
Kirchliche und wissenschaftliche Bewertung
Seit dem Holocaust untersuchen Historiker und Kirchen besonders Luthers Verantwortung und Wirkung. Der heutige Forschungskonsens lehnt eine einfache, direkte Linie „von Luther zu Hitler“ ab. Luther war kein Rassist im modernen Sinn; sein Judenhass war theologisch und antijudaistisch bestimmt. Dennoch trugen seine Schriften erheblich dazu bei, dass Protestanten antisemitische Vorstellungen übernahmen, der NS-Verfolgung zustimmten oder ihr nicht widerstanden. Forschung betont sowohl die Kontinuität seiner theologischen Grundannahmen als auch den starken praktischen Wandel von gewaltfreier Mission 1523 zu Verelendung und Vertreibung 1543.
Seit den 1960er Jahren distanzieren sich viele evangelische Kirchen öffentlich von Luthers judenfeindlichen Aussagen. Der Lutherische Weltbund erklärte 1969, Luther habe Juden grausam und gefährlich angegriffen; 1984 bezeichnete er diese Schriften als weder zu billigend noch zu entschuldigen. Die EKD-Synode erklärte 2015, Luther habe reformatorische Einsichten mit traditionellen judenfeindlichen Mustern verbunden. Seine Judenfeindlichkeit widerspreche nach heutigem Verständnis Gottes bleibender Erwählung Israels und Bundestreue. Daraus folge die Aufgabe, jeder Form von Judenfeindschaft und Judenverachtung zu widersprechen.
Diskutiert wird weiter, ob und wie Luthers Christologie, seine Rechtfertigungslehre sowie sein Verständnis von Gesetz und Evangelium neu bedacht werden müssen. Kirchliche Erklärungen fordern insbesondere, den Tanach nicht abwertend christologisch zu vereinnahmen und jüdische Bibelauslegung als legitim und notwendig anzuerkennen.