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Rebell oder Boomer: Wie modern war Martin Luther wirklich? | Terra X

Terra X History26:15 153.812 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 80 Zeilen
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  1. Der deutsche Mönch und Theologieprofessor Martin Luther war ein Mann mit vielen Facetten. Einerseits Rebell und Reformator: Er kritisierte den Papst und legte im späten Mittelalter den Grundstein für die so genannte Reformation, die Erneuerungsbewegung der katholischen Kirche.
  2. Damit ging er in die Geschichtsbücher ein. Andererseits war er ein Mann des Mittelalters, ein Judenfeind, der Angst vor der Hölle hatte. Wie modern war Martin Luther? „Gott helfe mir. Amen.“
  3. 1483 wird Martin Luther in eine Zeit hineingeboren, die den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert und wissenschaftliches Denken voran bringt. Die Entdeckung des Kompass revolutioniert die Navigation. Neun Jahre nach Luthers Geburt entdeckt Christoph Kolumbus Amerika.
  4. Kopernikus stellt das Weltbild auf den Kopf, das die Kirche bis dahin vorgegeben hat. Er erkennt, die Sonne dreht sich nicht um die Erde, sondern umgekehrt. 1501 studiert Luther an der Universität Erfurt die „Sieben freien Künste“. Gelehrt wird im Geist des antiken Bildungsideals des Humanismus.
  5. Das war eine neue Geisteshaltung, die den Menschen in den Mittelpunkt von Kunst, Kultur und Wissenschaft rückt. Für Luther ist ein Selbstverständnis als Individuum zentral. Die Humanisten rücken den einzelnen Menschen in den Vordergrund, daran hat er teil.
  6. Dieser einzelne Mensch versucht sich durch den Rückgang auf zentrale Texte der griechischen, der lateinischen, auch der hebräischen Überlieferung zu verorten, zu sichern. Bergende Institutionen in dem Sinne gibt es nicht mehr.
  7. Der tief gläubige Luther lässt sich als Novize im Augustinerkloster aufnehmen. Er studiert die Bibel zunächst auf dem Hintergrund einer bestehenden Schule, der Scholastik. Dort geht es darum, die Lehrmeinungen der katholischen Kirche rational zu begründen. Dem steht Luther aber zunehmend kritisch gegenüber.
  8. Er hinterfragt die Normübersetzung der Kirche, die lateinische Vulgata, und ist an einem wissenschaftlichen Zugang interessiert. Noch ist er seiner Kirche treu ergeben. Das zeigt sich bei seiner Romreise, die er 1510 als fast 30 -jähriger Mönch mit einem Glaubensbruder über die Alpen unternommen haben soll.
  9. Angeblich erreicht er die Papststadt nach zwei Monaten. Dort soll er sich im Januar 1511 dann ehrfürchtig auf den Boden geworfen haben. Die päpstliche Metropole ist in Begriff sich in Zeiten der Renaissance neu zu erfinden.
  10. Papst Julius II. hat bereits Pläne für eine neue Basilika: den Petersdom. Die Baumeister folgen dabei dem Stil des römischen Pantheons. Der nachfolgende Papst Leo X. finanziert den Bau mit dem in der katholischen Kirche praktizierten Ablasshandel.
  11. Er interessiert sich nicht für Theologie und wendet sich lieber den schönen Künsten zu. Der Ablasshandel wird zur größten Finanzierungsquelle des Papstes. Es ist jedoch ein Mythos, dass der junge Mönch Luther bei seinem Besuch in Rom bestürzt ist über die Extravaganz und Korruption der Kirche.
  12. Von einem Papst- und Ablassgegner Luther kann in den ersten Jahren nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil: In Rom kann man in einer Weise des Heils teilhaftig werden oder in die Nähe des Heils geraten wie nirgendwo sonst.
  13. In Rom erhält man komplette Ablässe, vollständige Sündenvergebung für die bisherigen Sünden und sogar die Möglichkeit gleichsam im Vorgriff auf eintretende Sünden sowas wie ein Heilspolster anzulegen. Und an dem hat Luther teil wie sehr viele seiner Zeitgenossen. Das ist für ihn völlig unstrittig.
  14. Der Ablass in der katholischen Kirche ersetzt Bußleistungen, die der Sünder zu erbringen hat. Das können üblicherweise eine Wallfahrt oder das Beten von 100 Ave Maria sein. An ihre Stelle treten sogenannte Ablassgaben. Die Kirche bestätigt in einem Brief, dass dem Gläubigen der Ablass gewährt worden ist.
  15. Darin sehen die Gläubigen eine Möglichkeit sich von ihren Sünden zu befreien und den Höllenqualen zu entkommen. Auch Luther glaubt an den Teufel und die Hölle. Er hat Angst vor einem strafenden Gott und dem Jüngsten Gericht.
  16. Luther entwickelt ein immer größeres Sündenbewusstsein und versucht durch inständige Buße und Gebete seine übermäßige Furcht zu überwinden. Der Ablass war ein elementarer Bestandteil der Frömmigkeits-Praxis geworden, auch für Luther.
  17. Er sah dann allerdings sehr deutliche Probleme, nämlich dass der Bußernst durch die Entlastungsfunktion des Ablasses Schaden nehmen würde. Und an der Stelle, sozusagen, setzt seine Ablasskritik ein, weil für ihn der Ablass letztlich die Ernsthaftigkeit der Buße aushöhlt.
  18. Der Ablass hängt eng mit dem Glauben an das Fegefeuer zusammen: Viele Menschen müssen demnach am Ende ihres Lebens dort hindurch, um von ihren Sünden befreit zu werden. Verortet wird das Fegefeuer unterhalb der Erde, in der Nähe zur Hölle. Gegen Geld bietet die Kirche den Menschen die Möglichkeit, die Zeit in diesem Läuterungsfeuer erheblich abzukürzen.
  19. Diese Vorstellung entwickelt sich zur gängigen Bußpraxis im gesamten Reichsgebiet. Vermehrt ziehen Bußprediger durchs Land: „Wollt ihr zögern? Bis ihr selbst im Höllenfeuer brennt?“.
  20. Einer der wichtigsten Vertreter: der Dominikanermönch Johann Tetzel. Er verspricht Vergebung sogar für die schlimmsten Sünden, solange nur ordentlich bezahlt werde, sogar für Verstorbene. „Sie rufen Euch!“
  21. Für die Entwicklung der Ablass-Lehre und der Praxis, für die etwa Tetzel steht, war ganz entscheidend, dass der Ablass immer mehr konnte. Der Ablass konnte nicht nur sozusagen Menschen aus dem Fegefeuer befreien und damit in den Himmel bugsieren,
  22. sondern der Ablass konnte auch rückwirkend für Verstorbene in Anwendung gebracht werden. Das war eine Neuerung, die Tetzel ausposaunte. Nach Luther war das aber falsch: Ablass könne es nicht für alle Strafen geben, nur für die, die der Papst dem Sünder nach dem Kirchenrecht auferlegt.
  23. Bei den anderen Sünden betont er, dass allein Gott Vergebung schenken kann durch seine Gnade. Luther findet für seine Ansichten Bestätigung in der Bibel beim Apostel Paulus. Er ist der Meinung:
  24. dass es dem Menschen seit dem Sündenfall nicht möglich ist, ein rechtschaffendes Leben zu führen. Doch durch Gottes Gnade könne er sein Seelenheil erlangen. Mit seiner Kritik stellt Luther die Autorität der Kirche und des Papstes in Frage. Für ihn hat der einzelne Mensch vielmehr direkt mit Gott zu tun.
  25. Die Kirche als vermittelnde Instanz ist überflüssig. Das war revolutionär und modern zugleich. Denn Luther macht damit das Individuum, den Einzelnen und seine persönliche Glaubensüberzeugung stark und betont die eigene Gewissensentscheidung.
  26. Luther riskiert alles und kritisiert öffentlich den geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen. 1517 formuliert er hierzu seine 95 Thesen. Besonders brisant: Diesmal kritisiert er den Bau des Petersdomes von dem Geld der „armen Gläubigen“ und warnt vor „Gewinn und Habgier“.
  27. Die Theologie der 95 Thesen ist keine, wenn man so will, abgeschlossene Theologie Luthers. Luther wird sich in den nächsten Jahren noch rasant weiterentwickeln. Aber in diesen 95 Thesen sind Ansätze dafür greifbar, dass es um den Glauben geht,
  28. dass es um den Einzelnen geht und dass es sozusagen um eine Unmittelbarkeit des Einzelnen zu Gott jenseits der Sakralinstitution geht. Es ist der Beginn der Reformation. Seine Thesen werden vervielfältigt und führen schließlich zu einer direkten Konfrontation mit dem Papst und den Herrschenden seiner Zeit.
  29. Die breite Öffentlichkeit erfährt davon erst einmal nichts, denn seine Thesen sind in Latein verfasst. 1518 veröffentlicht er jedoch den deutschsprachigen „Sermon vom Ablass und Gnade“. Von diesem Text werden über 20 Drucke innerhalb kürzester Zeit verbreitet und damit eine Theologie in volkssprachlicher Form unter die Leute gebracht.
  30. Und diese sozusagen Werbung für Gott als die unmittelbare Instanz, an die sich der Glaubende richten kann, ist etwas, was im zeitgenössischen Horizont von revolutionärem Potenzial ist. Für das Kirchenoberhaupt ist Luther ein Ketzer: In einer Bulle fordert er den Reformator auf zu widerrufen und droht, ihn aus der Kirche auszuschließen.
  31. Luthers Reaktion: 1520 verbrennt er die kaiserliche Bannandrohungsbulle. Jetzt verhängt Papst Leo X. endgültig den Kirchenbann über Luther. Normalerweise folgt darauf die Reichsacht, das heißt Luther wäre rechtlos und vogelfrei.
  32. Seit zwei Jahren steht dem Ketzer ein Verfahren zu, in dem die weltliche Autorität – also der Kaiser – über die Angelegenheit befindet. Karl V. ist zwar von den Fürsten gewählt, die Kaiserkrone wird ihm aber vom Papst verliehen. In der damaligen Auffassung ist er ein Kaiser von Gottes Gnaden, also auch Schutzherr der Kirche.
  33. Er kann demnach nicht anders: Er muss einen Reichstag einberufen und Luther bitten, seine theologischen Thesen zu widerrufen. So kommt es 1521 zum Reichstag in Worms. Doch Luther lässt sich nicht erschüttern. „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“, soll er gesagt haben. Historisch belegt sind die Worte nicht.
  34. Das Interessante an Luthers Reaktion auf die Aufforderung zum Widerrufen bestand darin, dass er darauf bestand, durch Vernunft und Schriftargumente überzeugt zu werden. Und diese Kombination, sowohl Vernunft als auch Schrift, ich will überzeugt werden, was auch immer die Kirche gesagt hat, was auch immer die Tradition sagt,
  35. ich muss überzeugt werden, das ist doch eine sehr sozusagen individualistische und subjektivistische Wahrheitsauffassung. „Martin Luther, bist Du bereit deine Lügen und Irrtümer hier und jetzt zu widerrufen?“
  36. Gelegenheit, seine Thesen zu verteidigen, gibt man ihm nicht. „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift oder klare Vernunftgründe überzeugt werde, kann und will ich nichts widerrufen. Gott hilf mir.“
  37. Damit spricht er den politischen und kirchlichen Instanzen die Entscheidung über Glaubensfragen ab. Luthers Entdeckung der Freiheit der Persönlichkeit kann deshalb als ein erster souveräner Schritt auf dem Weg zur Entwicklung individueller Freiheitsrechte gewertet werden.
  38. Der Kaiser verhängt jetzt die Reichsacht. Luther wird vogelfrei. In Worms vollzieht Luther den endgültigen Bruch mit Kirche und Kaiser. Doch längst gibt es Anhänger seiner Reformgedanken.
  39. Unter anderem findet er bei seinem Landesfürsten, Friedrich dem Weisen, große Unterstützung. Er bietet dem geächteten Martin Luther Schutz und versteckt ihn in Eisennach auf der Wartburg. Luther, getarnt als Junker Jörg nutzt die Zeit und beginnt mit seiner Bibelübersetzung ins Deutsche. Dabei legt er nicht die vom Papst abgesegnete lateinische Bibel zugrunde, sondern den griechischen Urtext.
  40. Das ist neu, genauso wie sein Bestreben, die unterschiedlichen deutschen Dialekte in eine allgemein verständliche Sprache zu bringen. Er selbst wollte den Laien den Zugang zum wichtigsten Text der Christenheit vermitteln. Und er machte dann die Erfahrung, dass diese Laien davon sehr deutlich Gebrauch machten.
  41. Und zwar in einer Weise, die sich durchaus von dem unterschied, was er selber beabsichtigt hat. Also Laien traten auf, legten die Bibel aus und fühlten sich nun sozusagen als autorisierend. Und dadurch erhielt die Schrift eine politische Dimension in der zeitgenössischen Gesellschaft.
  42. Dank Gutenbergs Buchdruck kann Luthers Bibel schnell vervielfacht werden und wird allgemein zugänglich. Bis zu seinem Tod im Jahr 1546 verkaufen sich seine Bibeln Hunderttausende Mal. Auch das einfache Volk kann nun die Worte verstehen und eigenständig interpretieren. Die Deutungshoheit der Kirche und der Gelehrten entfällt.
  43. Auch seine Verlautbarungen und Schriften kann er jetzt vervielfältigen und unter die Leute bringen. Luther ist in seiner Zeit der virtuoseste Medienakteur, das würde ich eindeutig sagen.
  44. Luther versteht was vom Druckwesen, Luther beherrscht sehr, sehr unterschiedliche literarische Genres, die er bedienen kann. Er kann auf Deutsch, er kann auf Latein wirkungsvoll schreiben und er gehört zu denjenigen, ich spreche von Printing Natives, in Analogie zu den Digital Natives unserer Zeit.
  45. Doch Luthers „Revolution“ macht hier nicht halt. Er reformiert auch die Gottesdienstordnung und führt die „Deutsche Messe“ ein. „Spricht Gott deutsch? Hat man mich gefragt. Ja, sage ich Euch, ja. Wie hätte er sonst Eure Gebete verstanden?“
  46. Außerdem verändert er die Eucharistiefeier und führt das Abendmahl mit Brot und Wein ein. Luther entwickelt ein modernes partizipatives Gemeindeverständnis und etabliert die Idee des „Priestertums aller Gläubigen“.
  47. Damit möchte er mit dem Zweiklassensystem von „Geweihten“ und „Laien“ aufräumen und die Unmittelbarkeit jedes einzelnen Frommen zu Gott in den Mittelpunkt rücken. Das heißt, jeder Christ ist gleichen Rechts und gleichen Standes.
  48. Ein Klerus, der den Laien sagt, wo es lang geht, kann es so nicht mehr geben, sondern die Vorstellung ist, die Gemeinde wählt einen aus ihrer Mitte und der soll ihnen Predigten halten. „Er hat sie erhört!“
  49. Luthers revolutionäre Gedanken fallen auf fruchtbaren Boden. Vor allem bei den Bauern: „Gilt das auch für die Gebete der Bauern?“
  50. Um das Jahr 1500 machen sie etwa 90 Prozent der Bevölkerung aus. Viele leben in großer Armut und in Leibeigenschaft, das bedeutet: Sie müssen Abgaben leisten und sind Diener und Untertanen ihres Grundherrn und auch rechtlich von ihm abhängig.
  51. Sie verstehen Luther so, als wolle er sie darin unterstützen von der Leibeigenschaft endlich frei zu werden. Dabei berufen sich auf sein 1520 erschienenes Werk "Von der Freyheyt eines Christenmenschen". Dort schreibt er unter anderem:
  52. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Das verstehen sie politisch und wollen eine Veränderung ihrer Lebensbedingungen jetzt mit Gewalt durchzusetzen. Da interpretieren sie Luther jedoch falsch.
  53. Luther lebt in einer Welt, in der die göttliche Ordnung aus drei Ständen besteht. Dem Lehrstand, Klerus, dem Wehrstand, Status Politikus, also weltliche Obrigkeit, und dem Nährstand. Das sind die Bauern, das ist das Handwerk, das ist sozusagen der Rest der Gesellschaft. Den Obrigkeiten steht es zu, das Schwert zu führen.
  54. 1525 beginnt der Bauernkrieg in Südwestdeutschland und überzieht bald das ganze Land. Luther schlägt sich in diesem Konflikt eindeutig auf die Seite der Obrigkeit und Fürsten. Seiner Meinung nach steht den Bauern Aufstand nicht zu und rät den Landesherren, die gewalttätigen Erhebungen brutal niederzuschlagen.
  55. So geht Luther als Kriegstreiber in die Geschichte ein. Die endgültige Befreiung der Bauern lässt noch mehr als 250 Jahre auf sich warten. Luthers Frauenbild ist relativ fortschrittlich. Denn im 16. Jahrhundert wird die Frau in der Regel als Schöpfung zweiter Klasse angesehen.
  56. Mit ihr kam die Sünde in die Welt, so die katholische Lehre. Deshalb soll sie möglichst gottesfürchtig und keusch im Kloster leben, oder aber in der Ehe dem Mann dienen. Luther will Bildung für alle. Auch Frauen sollen lesen und schreiben können. Oder in Ausnahmen sogar predigen.
  57. Luther treibt auch die Auflösung von Klöstern voran: das Nonnendasein sei kein gottgewolltes Leben, sagt er. „Es lebe die evangelische Freiheit! Es lebe die evangelische Freiheit!“ - „Es lebe Martin Luther.“
  58. Mit Beginn der Reformation flüchten immer wieder Nonnen aus ihren Klöstern in die protestantischen Zentren. Allerdings macht sie das schutz- und mittellos. Luther aber will ihre Rolle als Mutter und Ehefrau aufwerten.
  59. Unter den Bedingungen der Zeit hat Luther insofern ein neues Frauenbild kreiert, als er die Vorstellung, es ist die sündige Eva, durch die die Sünde in die Welt gekommen ist, sehr deutlich zurückgefahren hat.
  60. Er hat auch Sexualität, Ehe etc. völlig umgewertet gegenüber seinen Zeitgenossen und damit natürlich Räume eröffnet. Luther selbst heiratet 1525 die entflohene Nonne Katharina von Bora. Er sieht in seiner Frau allerdings eher eine Gehilfin als eine gleichberechtigte Partnerin.
  61. Sie hat zwar ihr eigenes „Regiment“, wird jedoch Pfarrfrau, die in seinem Schatten bleibt. Die Auflösung der Klöster hat zur Folge, dass die von Nonnen geleistete Armen- und Krankenpflege einbricht.
  62. Die Hilfe für die Ärmsten wird nach und nach in den evangelischen Gemeinden aufgefangen. Gut gestellte und vermögende Frauen bilden später evangelische Stifte, in denen junge Mädchen wohnen und zur Schule gehen können.
  63. Hier ist es ihnen möglich ohne Tracht und lebenslangem Gelübde ein gebildetes Leben zu führen. Damals ist jedoch auch der Hexenwahn verbreitet. Wie viele Menschen seiner Zeit ist Luther von der Existenz von Hexen überzeugt.
  64. Einer der etwas älteren Zeitgenossen Martin Luthers war Hieronymus Bosch und auf vielen Bosch-Bildern sind unendlich viele Dämonen zu sehen. In der zeitgenössischen Vorstellung sind Dämonen, Hexen, Wesen dieser Art sehr präsent.
  65. Und was erschwerend hinzukommt, Hexen kommen in der Bibel vor und waren insofern für Luther eine Realität, die er nicht infrage stellte. Darin zeigt er sich rückständig und abergläubisch.
  66. Im 16. und 17. Jahrhundert erlebt die Hexenhysterie in Deutschland ihre schlimmsten Auswüchse und zwar sowohl in katholischen, wie auch in evangelischen Gebieten. Martin Luther schürt die Angst.
  67. Er ist fest davon überzeugt, dass Hexen mit dem Teufel im Bund stehen. 1526 hält er eine aggressive Hexenpredigt in Wittenberg, in der er mehrfach fordert, Hexen hinzurichten. Zitat: „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden.“
  68. Also er rechnete mit der Möglichkeit von Zauberei, er rechnete mit der Möglichkeit auch von Schadenszauber und wollte das eindämmen und sah darin sozusagen eine Aufgabe der weltlichen Obrigkeit, die irgendwie das Böse zu wehren hat.
  69. In diesem Kontext muss man es denke ich stellen. Also er war mit Sicherheit im Umgang mit Dämonen, Teufeln, finsteren Mächten, das Gegenteil eines Aufklärers. Auch seine Haltung zu Juden ist kein Ruhmesblatt. Während der Pest kommt es verstärkt zu Verfolgungen von Juden in Deutschland.
  70. Die katholische Kirche wirft ihnen vor, die Brunnen vergiftet zu haben und fordert, sie zu bestrafen. In den 1520er Jahren wendet sich Luther noch gegen die brutale Judenverfolgung und die anti-jüdische Propaganda der katholischen Kirche.
  71. Er plädiert dafür, Juden zu integrieren und fordert sogar, dass Juden alle Berufe offen stehen. Das heißt aber nicht, dass er tolerant ist: Der Reformator fordert – wie schon die Kirche vorher - die Bekehrung der Juden zum Christentum. Als aber diese Hoffnung nicht erfüllt wird, schlägt Luthers Ton um.
  72. Die Wende zum Judenhass vollzieht er 1543 mit seiner Schrift: „Von den Juden und ihren Lügen“. Es ist das Dokument lutherischer Judenfeindschaft, seine kompromissloseste und hasserfüllteste Schrift.
  73. Im Grunde zielt dieser Maßnahmenkatalog darauf ab, jüdisches Leben im Reich in Deutschland unmöglich zu machen. Seine Vorstellung ist, die sollen einfach zum Türken gehen. Also massenhafte Remigration von Juden in das Osmanische Reich ist in gewisser Weise der Zielpunkt, weil er der Überzeugung ist in dieser Schrift,
  74. dass die Juden permanent sozusagen alles tun, um ein christliches Gemeinwesen zu destabilisieren und zu unterminieren. Juden werden hier als Lügner und Heuchler bezeichnet, die ausgerottet werden müssen. Er nennt sie „Plage und ein durchbösestes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding“.
  75. Von ihrem Wesen seien sie Parasiten, weshalb ihre Synagogen, Schulen und Häuser vernichtet gehören: „Wenn ich könnte, würde ich sie in meinem Zorn durchbohren“, schreibt er. Er übernimmt jetzt voll und ganz die Argumentationsweise der katholischen Kirche, die von jeher die Juden als „Gottesmörder“ ansieht. Eine Einstellung, die Geschichte macht.
  76. Entsprechende Texte werden dann auch im frühen 20. Jahrhundert massenhaft verbreitet, häufig in Form von Flugschriften, die Lutherflorilegien bieten, in denen diese Hassäußerungen, etwa die Aufforderungen zum Synagogenbrand, verbreitet werden.
  77. Insofern sehe ich einen direkten Zusammenhang zwischen der sogenannten Reichskristallnacht und Luthers Aufforderung, Synagogen zu verbrennen. In seiner Haltung gegenüber Juden bleibt Luther katholisch-mittelalterlich geprägt.
  78. Auch seine Vorstellungen über Hexen und seine Position zu den revoltierenden Bauern ist rückwärtsgewandt. Revolutionär und modern war vor allem sein Auftreten auf dem Reichstag in Worms. Unter den Bedingungen seiner Zeit war es etwas Ungeheuerliches, gegen die Autorität des Papstes und gegen die Autorität des Kaisers einen eigenen Standpunkt zu vertreten
  79. und zu sagen, „nee, nee Ihr überzeugt mich nicht, ihr müsst mir mit Argumenten kommen“. Das war schon ein enormer Aufstand gegen die Autoritäten der Zeit und als ein solcher wurde er ja von den Zeitgenossen auch wahrgenommen.
  80. Luther, ein Mann mit den Füßen im Mittelalter und dem Kopf in der Neuzeit. Eine Erneuerung der katholischen Kirche gelingt ihm nicht. Er wird zum Gründer einer neuen Kirche: der evangelischen. Was bedeutet Martin Luther für Euch? Schreibt es gerne in die Kommentare und abonniert diesen Kanal.

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