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Christologie
Die Christologie ist ein zentraler Teilbereich der systematischen Theologie. Sie will die Fragen nach seiner Person (Identität, „Natur“) und seinem Werk ( …
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Gegenstand und Grundfragen
Christologie ist in der christlichen Theologie die Lehre von der Person und Bedeutung Jesu von Nazaret. Als zentraler Teil der systematischen Theologie fragt sie nach seiner Identität und „Natur“ sowie nach der Bedeutung seines Wirkens für Kirche, einzelne Gläubige und Welt. Ihr Zentrum ist das Bekenntnis, dass Jesus der erwartete Messias beziehungsweise Christus, also der „Gesalbte“, sei.
Die christologische Diskussion lässt sich als ein Trilemma aus drei Aussagen verstehen: Jesus Christus war Mensch; Jesus Christus ist Gott; Gott ist nicht identisch mit der Welt. Historische Lösungsversuche veränderten entweder das Menschsein Jesu, seine Göttlichkeit oder die Transzendenz Gottes, also Gottes grundsätzliche Verschiedenheit von der Welt. Paradoxale Lösungen hielten dagegen alle drei Aussagen fest und erklärten ihre logische Verbindung für nicht vollständig auflösbar.
Drei große geschichtliche Haupttypen prägten die Lehre. Die trinitarische Christologie der Alten Kirche ging von der Identität Jesu mit dem ewigen Sohn Gottes aus und fragte, wie Gott Mensch werden konnte. Die reformatorische Christologie setzte beim Tod Jesu an und deutete ihn als Sühnetod für das Heil des Menschen. Die anthropozentrische Christologie ging von allgemeinen Bedingungen menschlichen Daseins aus und verstand Jesu Gottsein als Erfüllung wahren Menschseins. Seit der von Karl Barth angeregten dialektischen Theologie der 1920er Jahre entstanden vermittelnde Entwürfe, die unter anderem den Dialog mit dem Judentum, die Ökumene sowie ökologische, ökonomische und friedensethische Probleme einbeziehen.
Neutestamentliche Grundlagen
Ausgangspunkt ist das Zeugnis des Neuen Testaments. In Mk 8,27ff fragt Jesus, für wen die Menschen und seine Jünger ihn halten. Simon Petrus antwortet: „Du bist der Christus!“ Damit wird Jesus als endgültiger und unüberbietbarer Heilsmittler bekannt. Das bedeutete im damaligen Judentum jedoch nicht zwingend, dass ihm eine eigene göttliche Natur zugeschrieben wurde.
Das Neue Testament verwendet zahlreiche Titel: „Heiliger Gottes“, Sohn Davids, Sohn Gottes, Messias oder Christus, Menschensohn, König der Juden, Erlöser, Lamm Gottes, Hohepriester, Logos, guter Hirte, Brot des Lebens, Licht der Welt, Rabbi und Kyrios („Herr“). Die Titel beziehen Jesu Wirken und Schicksal auf JHWH, den Gott Israels. Die Evangelien nennen ihn in erzählenden Passagen meist schlicht „Jesus“; Hoheitstitel stehen überwiegend in Dialogen.
Unterschieden werden drei Formen: Explizite Christologie umfasst Titel und Hoheitsaussagen in Jesu Selbstaussagen. Evozierte Christologie bezeichnet Aussagen, die Jesus bei anderen hervorruft und für sich gelten lässt. Implizite Christologie meint Worte und Taten, die besondere göttliche Vollmacht ausdrücken. Umstritten ist, welche Titel Jesus selbst gebrauchte und welche erst nach seiner Auferstehung als Glaubensaussagen entstanden. Jesus nennt sich ausdrücklich vor allem „Menschensohn“; seine wahrscheinlich historische Gottesanrede „Abba“ („Vater, Papa“) bezeichnet ein besonders enges Verhältnis zu Gott. Seine souveräne Haltung gegenüber religiösen Satzungen und römischer Herrschaft gilt als wesentlicher Anlass seiner Kreuzigung.
Zu den ältesten Bekenntnissen gehören „Jesus ist der Herr“ und „Jesus war/ist der Sohn Gottes“. Mit Kyrios wurde der hebräische Gottesname JHWH auf Jesus übertragen und seine Herrschaft auf das Universum bezogen. Ob damit bereits eine zweite göttliche Person neben dem Vater gemeint war, ist umstritten. Das Neue Testament hält die Spannung zwischen Jesu Hoheit und Vollmacht einerseits sowie seiner Ohnmacht und seinem Sterben andererseits fest.
Vom jüdischen Messiasglauben zum altkirchlichen Dogma
Die frühe Christologie entstand innerhalb jüdischer Messiaserwartungen. Diese konnten prophetisch, königlich oder priesterlich ausgerichtet sein und auch einen leidenden Messias einschließen. Christen verbanden solche Motive mit Jesus und bekannten: In ihm ist der verheißene Messias gekommen; nach ihm kommt keiner mehr. Zugleich gingen Aussagen wie die Einheit von Vater und Sohn, die Verbindung mit der Logos-Philosophie und die Gleichsetzung Jesu mit dem Priesterkönig Melchisedek über übliche jüdische Messiasvorstellungen hinaus. Anfangs bestand noch kein einheitliches theologisches System. Im Zentrum stand die persönliche Heilsgewissheit, zusammengefasst im ICHTHYS-Bekenntnis: Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter.
Mit der Ausbreitung im hellenistisch geprägten Römischen Reich verlagerte sich die Frage auf Jesu „Natur“ oder „Wesen“. Aus der Vorstellung seiner freiwilligen Erniedrigung, der Kenosis, entstand die Lehre von seiner Präexistenz: Der Sohn existierte schon vor der Menschwerdung ewig beim Vater. Damit stellten sich zwei Grundfragen: Wie kann der ewige Sohn sterblicher Mensch werden, ohne aufzuhören, Gott zu sein? Und wie kann er als wirklicher Mensch alle Menschen erlösen? Die Erlösungslehre, die Soteriologie, verlangte nach dieser Auffassung ein vollständiges Menschsein Jesu einschließlich eines menschlichen Willens.
Bis etwa 400 n. Chr. bildete sich der neutestamentliche Kanon heraus. Gnostisch beeinflusste Schriften wurden abgelehnt, weil sie Jesu wahres Menschsein häufig bestritten; Doketisten behaupteten etwa, er sei nur scheintot gewesen. Das Konzil von Nicäa 325 und das nicäisch-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis von 381 brachten erste verbindliche Abschlüsse.
Die daraus entwickelte Trinitätslehre versteht den einen Gott als drei „Personen“ in Beziehung: Schöpfer, Erlöser und Heiliger Geist. Sie steht nicht ausdrücklich im Neuen Testament, wurde aber unter anderem aus der Präexistenz des Logos und der Formel des Missionsbefehls in Mt 28,19 abgeleitet. Das Christentum kann daher formulieren: Jesus ist Gott. Judentum und Islam halten demgegenüber an Gottes unteilbarer Einheit fest; der Islam beurteilt die Trinitätslehre letztlich als Polytheismus.
Zwei Naturen, Erlösung und mittelalterliche Deutung
Nach der Mailänder Vereinbarung von 313 erhielt das Christentum Glaubens- und Kultfreiheit. Kaiser Konstantin I. und spätere Kaiser griffen nun in Lehrstreitigkeiten ein, beriefen Konzilien ein und förderten die Formel des homoousios: Der Sohn ist mit dem Vater „wesensgleich“. Zwischen 380 und 393 machte Theodosius I. das Christentum schrittweise zur Staatsreligion, wodurch ein einheitliches Bekenntnis zusätzlich an politischer Bedeutung gewann.
Das Konzil von Chalcedon legte 451 die Zwei-Naturen-Lehre, den Dyophysitismus, fest. Jesus Christus ist zugleich „wahrer Gott“ und „wahrer Mensch“; seine göttliche und menschliche Natur bestehen „unvermischt“, „unverwandelt“, „ungetrennt“ und „unzerteilt“. Abgelehnt wurden der Arianismus, der Christus als geschaffen und nicht ewig verstand, der Monophysitismus, der Göttliches und Menschliches zu einer vermischten Natur verband, und der Nestorianismus, der beide zu stark trennte. Das Dogma wurde zur gemeinsamen Grundlage der abendländischen Kirchen, nicht jedoch der widersprechenden altorientalischen Kirchen.
In der katholischen Lehre bildet die Erbsünde die Voraussetzung der Erlösung: Der Mensch ist von Geburt an Sünder, von Gott getrennt und kann sich nicht selbst erlösen. Nur Gottes Menschwerdung und das Erlösungswerk Jesu überwinden diese Trennung. Die genaue Art der Erlösung und der Weg zu ihr bleiben zwischen den Konfessionen umstritten.
In der Scholastik formulierte Anselm von Canterbury die Satisfaktionslehre. Danach musste Gott Mensch werden, um als Gottmensch durch seinen freiwilligen Tod die durch Sünde entstandene Schuld abzutragen und göttliche Liebe, Gerechtigkeit und Heiligkeit auszugleichen. Thomas von Aquin betonte das „überschüssige Verdienst“ des Todes Jesu. Johannes Duns Scotus bestritt dessen Zureichendheit in dieser Form und bereitete die Lehre von der Akzeptilation vor.
Reformation, Aufklärung und 19. Jahrhundert
Martin Luther gewann 1517 aus Röm 1,17 einen neuen Zugang: Gottes Gerechtigkeit werde nicht durch menschliche Leistung, sondern allein aus Glauben als Geschenk der Gnade empfangen. Er hielt an den altkirchlichen Dogmen fest, deutete sie aber vom gekreuzigten Menschen Jesus her: „Im Spiegel des Menschseins Jesu erkenne ich den wahren Gott“. Grundlage war für ihn der wörtliche Sinn der Bibel, nicht die scholastische Metaphysik.
Die Reformation konkretisierte die Zwei-Naturen-Lehre durch die Zwei-Stände-Lehre: Der wahre Gott erniedrigt sich in sterbliches „Fleisch“, während der gekreuzigte wahre Mensch an Gottes Seite erhöht wird. In Christus findet ein Austausch göttlicher und menschlicher Eigenschaften statt, die „communicatio idiomatum“. Streit über das Abendmahl führte jedoch zur Aufspaltung in Lutheraner, Reformierte und Freikirchen. Im Luthertum gilt Christus als Erfüllung und Überwindung des richtenden Gesetzes; Johannes Calvin betonte dessen Zusammenhang mit dem Israelbund. Seit den 1980er Jahren verbinden einige evangelische Landeskirchen das Christusbekenntnis mit Israels unkündbarer Erwählung und geben dem Judesein Jesu christologischen Rang.
Die Aufklärung suchte den „historischen Jesus“ und stellte seine wahre Menschlichkeit den kirchlichen Dogmen gegenüber. Eine „Christologie von unten“ beginnt beim Menschen Jesus und seiner Reich-Gottes-Predigt, die auch als diesseitiger Anstoß zu einer gerechteren Welt verstanden wird. Im 19. Jahrhundert erschien Jesus unter anderem als Verkörperung des „absoluten Geistes“ bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, des „Gefühls der schlechthinnigen Abhängigkeit“ bei Friedrich Schleiermacher oder der „sittlichen Entscheidung“ bei Wilhelm Herrmann.
Die Loslösung Jesu von den Verheißungen an Israel ermöglichte nationalistische und rassistische Umdeutungen bis hin zum „Arier“ und trug dazu bei, dass viele Kirchen dem Nationalsozialismus und dem Völkermord wenig Widerstand entgegensetzten. Das liberale Christentum versteht Christus als möglichen, aber nicht ausschließlich anderen Religionen verschlossenen Zugang zum Heil, lehnt die Erbsündenlehre ab und sieht Jesus als Menschen, der sich ohne eigenen Machtanspruch Schwachen und Ausgestoßenen zuwandte und deshalb von Gott erhöht wurde.
Christologie im 20. Jahrhundert
Der Erste Weltkrieg erschütterte die liberale, pietistische und orthodoxe Theologie, weil viele ihrer Vertreter dem Nationalismus gefolgt waren. Karl Barth brach in seinem Römerbrief-Kommentar von 1919 mit der anthropozentrischen Religionstheologie und betonte die radikale Unverfügbarkeit Gottes: „Gott ist GOTT“ gegenüber allen menschlichen Versuchen, ihn zu beherrschen.
Nach 1945 wurde stärker hervorgehoben, dass der christliche Glaube Gott zugleich als allmächtigen Vater und im Sohn als Gefährten menschlicher Ohnmacht versteht. Dietrich Bonhoeffer deutete Menschwerdung und Kreuz als Ausdruck umfassender Liebe zur Welt und als Grundlage einer Theologie der Diesseitigkeit. Bei Barth spendet die „Menschlichkeit Gottes“ in Jesus Trost.
Die Theologie nach Auschwitz verlangt eine „Christologie ohne Antijudaismus“. Insbesondere die konkrete Passionsgeschichte und ihre „gefährliche Erinnerung“, wie Jürgen Moltmann formulierte, dürfen nicht antijüdisch ausgelegt werden. Seit den 1970er Jahren entwickelte sich auch in der katholischen Theologie eine Christologie von unten. Sie beginnt bei Leben und Wirken des historischen Jesus und deutet erst danach den nachösterlich erhöhten Christus und die Dreifaltigkeit; zu ihren Vertretern gehören Walter Kasper und Hans Küng. Freikirchliche Theologie bemüht sich dagegen besonders um die unmittelbare Rückführung christologischer Aussagen auf biblische Texte. Insgesamt verbindet die moderne Christologie die klassischen Fragen nach Jesu Gottheit und Menschheit mit dem Verhältnis zum Judentum, ökumenischen Fragen und gegenwärtiger Weltverantwortung.
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