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Magisches Viereck

Das Magische Viereck ist in der Volkswirtschaftslehre ein System von vier wirtschaftspolitischen Staatszielen, die gleichzeitig und im selben Umfang erfüllt …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Ziele
  2. 2. Rechtlicher Rahmen in Deutschland
  3. 3. Messung der vier Ziele
  4. 4. Zielkonflikte und unterschiedliche Situationen
  5. 5. Kritik und alternative Zielsysteme
  6. 6. Varianten des Magischen Vierecks

Kernidee und Ziele

Das Magische Viereck bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre vier gleichrangige wirtschaftspolitische Staatsziele, die gleichzeitig und im selben Umfang erreicht werden sollen: Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum. Ihr gemeinsames Erreichen soll einem makroökonomischen beziehungsweise gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht entsprechen.

Die Ziele lenken die Aufmerksamkeit von Staat, Zentralbank und Sozialpartnern auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche, in denen ungenügende Ergebnisse oder Fehlentwicklungen befürchtet werden. Das Viereck ist „magisch“, weil die Ziele einerseits miteinander in Konflikt stehen können, andererseits aber auch harmonieren können. Ein Zielkonflikt liegt vor, wenn die Erfüllung eines Ziels die Erfüllung eines anderen ganz oder teilweise erschwert, etwa wenn Wirtschaftswachstum die Preisniveaustabilität behindert oder Preisniveaustabilität die Vollbeschäftigung gefährdet. Bei Zielharmonie unterstützt die Verfolgung eines Ziels gleichzeitig ein anderes Ziel. Welches Ziel politisch stärker gewichtet wird, hängt auch vom Auftrag der Wähler ab.

In Deutschland haben die vier Ziele den Charakter einer Verfassungsnorm. In Österreich sind sie nicht ausdrücklich festgelegt.

Rechtlicher Rahmen in Deutschland

Das Magische Viereck wurde als Staatsziel des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts in das Grundgesetz aufgenommen. Nach Art. 109 Abs. 2 GG müssen Bund und Länder den Erfordernissen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts Rechnung tragen.

Das Stabilitätsgesetz von Juni 1967 konkretisiert diese Verfassungsnorm. § 1 StabG verpflichtet dazu, Maßnahmen im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung so zu treffen, dass sie gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht sowie zu stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.

Ursprünglich galten die Ziele als gleichberechtigt. Durch das Europarecht hat die Preisniveaustabilität jedoch eine herausragende Stellung erhalten. Nach Art. 119 Abs. 2 AEUV ist sie für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank das vorrangige Ziel. Die EZB verfolgt deshalb eine Zielhierarchie und keine Gleichrangigkeit aller vier Ziele.

Messung der vier Ziele

Die gesetzlichen Ziele lassen sich nicht ohne Weiteres in eindeutig messbare Größen übersetzen. Die verwendeten Indikatoren sind daher praktische Beispiele und keine abschließenden Definitionen.

Der Beschäftigungsstand wird häufig mit der Arbeitslosenquote beurteilt:

Arbeitslosenquote = Zahl der registrierten Arbeitslosen / (Zahl der zivilen Erwerbstätigen + Arbeitslose).

Eine statistisch erfasste Arbeitslosenquote von weniger als drei Prozent gilt üblicherweise als Vollbeschäftigung. Die verbleibende Arbeitslosigkeit wird als freiwillige, friktionelle oder saisonale Arbeitslosigkeit erklärt. Die Arbeitslosenquote lag in Deutschland während der Großen Depression in den 1920er Jahren bei 14 Prozent. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 betrug sie in der Bundesrepublik zunächst über 10 %, sank während des Wirtschaftswunders und führte von Mitte bis Ende der 1950er Jahre zu Vollbeschäftigung bis hin zu Arbeitskräftemangel. In den 1970er Jahren lag sie durchschnittlich bei 4 %, in den 1980er Jahren bei etwa 8 %. Nach der Wiedervereinigung stieg sie bis auf 13 % im Jahr 2005 und sank danach wieder auf aktuell unter 7 %. Die Arbeitslosenquote ist allerdings problematisch, weil sich Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahl in dieselbe Richtung entwickeln können, etwa 2012 und 2013.

Angemessenes Wirtschaftswachstum bedeutet eine allgemeine Erhöhung des Wohlstands eines Landes, die besonders für weniger wohlhabende Bevölkerungsgruppen wichtig ist. Stetiges Wachstum soll starke Ausschläge und Schwankungen der Beschäftigung vermeiden. Wachstum wird an der Zunahme des realen Bruttonationaleinkommens oder des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) gemessen. In Deutschland war die Menge der produzierten Güter und Dienstleistungen pro Kopf im Jahr 2000 achtundzwanzig Mal so hoch wie 1870. Die prozentuale Wachstumsveränderung wird rückwirkend einmal pro Quartal erfasst. In Deutschland gelten zwei aufeinanderfolgende Quartale als Signalgeber; in den USA wird ein Quartalswert auf ein Jahr hochgerechnet. Besonders starkes Wachstum gab es in der Gründerzeit von ca. 1870–1913 und im Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Schwankungen traten unter anderem in den beiden Weltkriegen, der Großen Depression, der Ersten Schwächephase 1966/1967, der Ölkrise 1973–1975, den Rezessionen 1981/1982 und 1993/1994 sowie der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 auf.

Die Preisniveaustabilität wird meist anhand der Inflationsrate der Konsumentenpreise gemessen. Dafür wird ein Warenkorb mit üblicherweise konsumierten Gütern gebildet und monatlich werden dessen Preise erhoben. Der Vergleich mit dem Vorjahrespreisniveau ergibt die Veränderung: Bei positivem Vorzeichen spricht man von Inflation, bei negativem von Deflation. Eine Inflationsrate von nahe, aber unter, zwei Prozent pro Jahr interpretiert die Europäische Zentralbank beispielsweise als Preisniveaustabilität. Die Angabe lässt jedoch Interpretationsspielraum. Preisniveaustabilität ermöglicht es dem Geld, seine Funktionen als Tauschmittel, Wertspeicher und Recheneinheit zu erfüllen.

Für das außenwirtschaftliche Gleichgewicht wird manchmal die Außenbeitragsquote verwendet:

Außenbeitragsquote = (Exporte − Importe von Waren und Dienstleistungen) / nominales Bruttoinlandsprodukt.

Während der Entstehung des Stabilitätsgesetzes in den 1960er Jahren bedeutete außenwirtschaftliches Gleichgewicht vor allem, dass die Teilnahme Deutschlands am Bretton-Woods-System fester Wechselkurse nicht gefährdet wurde. Gemessen wurde dies über die Veränderung der Devisenreserven der Zentralbank in der Zahlungsbilanz, nicht über die Außenbeitragsquote. Nach dem Übergang zu freien Wechselkursen 1973 wurde das Ziel nicht neu definiert. Deshalb wird es teilweise aus dem Magischen Viereck herausgehalten. Die EU-Kommission nimmt ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht an, solange Leistungsbilanzüberschuss oder -defizit innerhalb von drei Jahren den Schwellenwert von 6 % des BIP nicht überschreiten.

Zielkonflikte und unterschiedliche Situationen

Die Ziele können sich gegenseitig unterstützen oder konkurrieren. Wirtschaftswachstum und hoher Beschäftigungsstand gelten beispielsweise nach dem Okunschen Gesetz als kongruent, also als sich unterstützend. Preisniveaustabilität kann dagegen kurzfristig mit Wirtschaftswachstum oder hohem Beschäftigungsstand konkurrieren. Diese Zusammenhänge werden unter anderem durch die Phillips-Kurve beschrieben.

Die Zielbeziehungen hängen außerdem von der wirtschaftlichen Lage ab. In einer Rezession müssen Preisniveaustabilität und Beschäftigung nicht unbedingt im Widerspruch stehen. In einer Hochkonjunktur können konkurrierende Ziele zwar ebenfalls blockierend wirken, stellen aber nicht automatisch eine wirtschaftliche Gefährdung dar.

Kritik und alternative Zielsysteme

Die zentrale Kritik richtet sich gegen den angenommenen Zielkonflikt: Nicht alle vier Ziele seien gleichzeitig erreichbar, wie die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands gezeigt habe. Die Phillips-Kurve kann beispielsweise nahelegen, dass ein stabiles Preisniveau durch eine relativ hohe Arbeitslosenquote erkauft werden muss. Auch bei flexiblen Wechselkursen und erreichtem außenwirtschaftlichem Gleichgewicht kann importierte Inflation auftreten, wodurch die Preisniveaustabilität verletzt wird.

2013 schlug das von SPD, Grünen und Gewerkschaften getragene Denkwerk Demokratie vor, die bisherigen Ziele durch vier neue Ziele zu ersetzen: materieller Wohlstand und ökonomische Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit der Staatstätigkeit und Staatsfinanzen, soziale Nachhaltigkeit sowie ökologische Nachhaltigkeit. Grundlage war eine im Herbst 2012 von Sebastian Dullien und Till van Treeck erstellte Studie. Die Studie Das neue Magische Viereck im Realitätscheck von Dezember 2015 verwendete leicht veränderte Indikatoren. Danach verschlechterte sich die soziale und ökologische Nachhaltigkeit in Deutschland von 2009 bis 2013 kontinuierlich. Das Institut wollte mit dem neuen Magischen Viereck Wohlstandsentwicklung und Nachhaltigkeit abbilden.

Die Vorschläge gelten jedoch allenfalls als qualitative Ziele, die unterhalb der weiterhin geltenden und quantifizierbaren ökonomischen Ziele in eine Zielhierarchie eingeordnet werden können. Auch eine gerechte Einkommensverteilung könnte in den gesetzlichen Zielkatalog aufgenommen werden; sie ist aber weniger eindeutig bestimmbar als die übrigen Ziele.

Varianten des Magischen Vierecks

Das Magische Dreieck umfasst die drei Ziele Preisniveaustabilität, Vollbeschäftigung und außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Als Magisches Fünfeck, Sechseck, Siebeneck, Achteck oder Neuneck werden Erweiterungen des Magischen Vierecks bezeichnet.

Mögliche zusätzliche Ziele sind Haushaltsausgleich, gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung, die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt durch Umweltschutz, humane Arbeitsbedingungen und die Sicherung von Ressourcen. Das Magische Sechseck wird besonders häufig als Weiterentwicklung genannt, weil es um Umweltschutz und gerechte Einkommensverteilung ergänzt wird.

Mit jedem weiteren gleichrangigen Ziel nehmen die gegenseitigen Zielkonflikte zu. Dadurch wird es noch unwahrscheinlicher, alle Ziele gleichzeitig zu erfüllen.

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