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Einkommensverteilung

1 Allgemeines · 2 Arten. 2.1 Personelle Einkommensverteilung. 2.1.1 Darstellung mittels Gini-Koeffizient · 3 Nettoeinkommen · 4 Verfügbare Einkommen · 5 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Verteilungsarten
  2. 2. Messung und Aussagekraft
  3. 3. Datenlage und Entwicklung
  4. 4. Länderbeispiele und Umverteilung
  5. 5. Ursachen ungleicher Einkommen
  6. 6. Folgen und Gegenmaßnahmen

Grundidee und Verteilungsarten

Einkommensverteilung bezeichnet in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik die Verteilung der Einkommen auf einzelne Wirtschaftssubjekte als Ergebnis des Marktgeschehens und staatlicher Eingriffe. Sie ist ein wichtiger Teil der Verteilungspolitik. Einkommen entstehen als Faktoreinkommen durch den Einsatz von Produktionsfaktoren: Arbeit erzeugt Arbeitseinkommen, Kapital einen Kapitalertrag und Boden einen Bodenertrag in Form von Miete oder Pacht. Unternehmen können Unternehmerlohn beziehungsweise Gewinn erhalten. Durch Konsum, Produktion, Investitionen und Sparen fließen Einkommen teilweise an andere Wirtschaftssubjekte weiter.

Die primäre Einkommensverteilung entsteht unmittelbar auf Märkten: Arbeitnehmer erzielen beispielsweise Arbeitslohn, Arbeitgeber beziehungsweise Unternehmen Gewinn. Die sekundäre Einkommensverteilung ergibt sich aus staatlicher Umverteilung durch Steuern, Sozialpolitik, öffentliche Güter und Sozialtransfers. Letztere fließen etwa an Arbeitslose, Menschen mit Behinderung oder Krankheit sowie Rentner.

Die personelle Einkommensverteilung untersucht, wie Einkommen auf Personen oder Haushalte verteilt sind. Dabei wird zwischen Markteinkommen und verfügbarem Einkommen unterschieden. Das verfügbare Einkommen ergibt sich aus dem Markteinkommen zuzüglich Renten, Transferzahlungen und geldwerter Vorteile sowie abzüglich Einkommen- und Vermögensteuern, Sozialbeiträgen und sonstiger laufender Transfers. Beispiele für geldwerte Vorteile sind staatlich übernommene Rentenversicherungsbeiträge oder die Befreiung vom Rundfunkbeitrag.

Die funktionelle oder funktionale Einkommensverteilung betrachtet dagegen die Aufteilung auf Produktionsfaktoren wie Arbeit, Human- und Sachkapital sowie Boden. Wichtige Kenngrößen sind die Lohnquote und die Gewinnquote, die Anteile am Volkseinkommen darstellen. Die Verteilungstheorie versucht insbesondere zu erklären, wie Arbeits- und Kapitaleinkommen am Markt entstehen. Erst anschließend werden sie durch den Staat umverteilt. Dadurch entstehen Sekundär- oder Transfereinkommen wie Arbeitslosengeld II, Kindergeld, Rente und Sozialhilfe; Unternehmen können beispielsweise Subventionen erhalten. Zusätzlich beeinflussen Gesetze, Tarifverhandlungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände bereits die Primärverteilung.

Messung und Aussagekraft

Für die Analyse werden Personen oder Haushalte nach ihrer Einkommenshöhe geordnet. Die Lorenz-Kurve zeigt dann, welcher Anteil der Personen welchen Anteil des gesamten Einkommens bezieht. Eine anschauliche Form dieser Sortierung ist die „Parade der Einkommen“ des niederländischen Ökonomen Jan Pen.

Der Gini-Koeffizient ist das am häufigsten verwendete Ungleichheitsmaß. Der Wert 0 bedeutet absolute Gleichverteilung: Alle besitzen gleich viel. Der Wert 1 bedeutet absolute Ungleichverteilung: Eine Person besitzt alles, alle anderen nichts. Werte verschiedener Statistiken sind nur vergleichbar, wenn dieselbe Einkommensart, Quantilisierung und Berechnungsmethode verwendet wurde. Außerdem müsste die Messauflösung angegeben werden, weil Unterschiede innerhalb der gebildeten Gruppen nicht erfasst werden.

Die Palma-Kennzahl gewinnt als Alternative an Bedeutung. Ihr liegt die Beobachtung zugrunde, dass Veränderungen vor allem in den untersten vier Dezilen und im obersten Dezil auftreten, während sich die Anteile der übrigen Dezile zwischen Ländern wenig unterscheiden. Sie soll deshalb aussagekräftiger und leichter verständlich sein.

Bei der Quantilmethode werden die geordneten Einkommensbezieher in gleich große Gruppen geteilt. Zehn Gruppen heißen Dezile, 100 Gruppen Perzentile, vier Gruppen Quartile und fünf Gruppen Quintile. Das 50. Perzentil ist der Median: die Einkommenshöhe genau in der Mitte. Das 10. Perzentil bezeichnet die Höhe, die von 10 % der Beschäftigten nicht überschritten wird. Häufig werden das 10., 50. und 90. Perzentil miteinander verglichen. Wachsende Abstände heißen zunehmende Lohnspreizung, schrumpfende Abstände Lohnkompression. Das 30. Perzentil wird unter anderem für Armutsgefährdung verwendet.

Der arithmetische Mittelwert des Pro-Kopf-Einkommens kann durch Spitzeneinkommen stark nach oben gezogen werden und daher höher sein, als ein „Durchschnittsbürger“ erwartet. Zur Darstellung eines typischen Einkommens wird deshalb häufig der Median genutzt. Amartya Sen entwickelte, später zusammen mit James E. Foster, alternativ eine Wohlfahrtsfunktion.

Datenlage und Entwicklung

In Deutschland ermittelt das Statistische Bundesamt die Einkommen im Fünfjahresrhythmus mit der freiwilligen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS). Sie umfasst höchstens 0,3 % aller Haushalte, etwa 55.000 bis 60.000. Mit steigendem Einkommen und Vermögen sinkt erfahrungsgemäß die Teilnahmebereitschaft. Berücksichtigt werden nur Haushaltsnettoeinkommen bis zur Abschneidegrenze von 18.000 Euro monatlich. Nicht erfasst sind unter anderem höchste Einkommen, nicht entnommene Gewinne Selbstständiger, Menschen in Gemeinschaftsunterkünften und Obdachlose. Daher wird die tatsächliche Ungleichheit vermutlich unterschätzt.

2008 erfasste die EVS Selbstständigen- und Vermögenseinkommen von 139 Milliarden Euro, während die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 477 Milliarden Euro auswies. Die Differenz betrug rund 338 Milliarden Euro; etwa 71 % dieser Einkommen fehlten somit in der EVS und in daraus berechneten Maßen wie Gini-Index oder Reichtumsquote.

Anthony Atkinson, Thomas Piketty und Emmanuel Saez untersuchten anhand von Steuertabellen den Einkommensanteil des reichsten Prozents in 22 Ländern. Weltweit sank der Anteil der Superreichen von 1910 bis 1970 und stieg von 1970 bis 1992 wieder. In Großbritannien und den USA erhielt das oberste Prozent 1910 rund ein Fünftel aller Löhne und Gewinne; Weltkriege und Weltwirtschaftskrise halbierten diesen Anteil bis 1950. In Deutschland und Frankreich lag er 1910 bei rund 20 % der Wirtschaftsleistung. Während der NS-Zeit gewann das reichste Prozent in Deutschland, unter anderem durch die Enteignung jüdischen Vermögens, fünf Prozentpunkte hinzu. 1950 betrug sein Anteil in Westdeutschland elf und in Frankreich neun Prozent.

Seit den 1970er Jahren nahm die Ungleichheit wieder zu. Für die USA stieg die Produktivität von 1979 bis 2009 um 80 %, das Einkommen des unteren Fünftels sank um 4 %, während das Einkommen des obersten Prozents ungefähr im selben Zeitraum um 270 % stieg. Die OECD berichtete 2014, dass der Anteil des einkommensstärksten Prozents von Anfang der 1980er Jahre bis 2012 in fast allen OECD-Staaten deutlich wuchs. Gleichzeitig sank der durchschnittliche Spitzensteuersatz von 66 % im Jahr 1981 auf 43 % im Jahr 2013.

Der World Inequality Report 2018 beschreibt seit 1980 eine weltweit wachsende Kluft. Der Anstieg war in Europa schwächer als in Nordamerika und Asien. Im Nahen Osten, in Afrika und Brasilien blieb die Ungleichheit sehr hoch. Im Nahen Osten erhielten die obersten 10 % rund 60 % des Nationaleinkommens. Im Dezember 2021 erschien der World Inequality Report 2022.

Länderbeispiele und Umverteilung

Ein Vergleich der Nettoeinkommen in 26 OECD-Ländern ergab für 2000 folgende Gini-Koeffizienten: Dänemark 0,22, Schweden 0,24, Deutschland 0,27, USA 0,35, Türkei 0,44 und Mexiko 0,48. Für die verfügbaren Haushaltseinkommen Deutschlands stieg der Wert von 0,247 im Jahr 1991 auf 0,288 im Jahr 2012. Weitere Werte waren Frankreich 0,327 im Jahr 1995, Großbritannien 0,360 im Jahr 1999, Japan 0,249 im Jahr 1993 und USA 0,408 im Jahr 2000; diese Daten beruhten auf einer groben Einteilung in vier Quartile. Deutschland hatte 2012 innerhalb der Eurozone die zweithöchste Vermögensungleichheit.

Nach einem Bericht der ILO nahm die Einkommensungleichheit in Industrieländern seit den 1990er Jahren zu. Der Anteil von Unternehmens- und großen Vermögenseinkommen wuchs gegenüber der Lohnquote. Als Ursachen werden schwächere Gewerkschaften, geringere Kapitalsteuern, höhere Steuern auf Arbeit, Globalisierung und der zunehmende Einfluss der Finanzmärkte genannt. Zwischen 1999 und 2011 wuchs die Arbeitsproduktivität mehr als doppelt so stark wie der Durchschnittslohn. In Deutschland stieg die Produktivität innerhalb von 20 Jahren um 25 %, während die Reallöhne gleich blieben und zwischen 1999 und 2007 sogar sanken. 2010 gehörten nur noch 60 % der Menschen in Deutschland zur Mittelschicht.

Schweden besitzt eine vergleichsweise hohe Staatsquote. Nach der Bankenkrise von 1990 bis 1992 wurde die Umverteilung etwas verringert. Zuvor konnten bis zu 50 % der Kreditzinsen vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden, was einen starken Anreiz zum hoch beliehenen Immobilienerwerb setzte. Eine konservative Regierung senkte den Spitzensteuersatz schließlich auf 56,6 %.

Ursachen ungleicher Einkommen

Einkommensunterschiede entstehen aus dem Zusammenspiel von technischem Fortschritt, Arbeitsmarktorganisation, Handel, Besteuerung, Bildung und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Eine OECD-Studie von 2012 zu 32 Ländern stellte fest, dass die Ungleichheit der Lohneinkommen mit dem Anteil befristet Beschäftigter steigt. Der genaue Anteil der einzelnen Ursachen ist jedoch umstritten.

Erfahrung, Verantwortung und Ausbildung können höhere Löhne begründen. Die Bildungsprämie beziehungsweise Bildungsrendite bezeichnet den späteren finanziellen Ertrag einer Qualifikation. Auch die Knappheit bestimmter Arbeitskräfte und die Übereinstimmung ihrer Fähigkeiten mit einer Stelle beeinflussen die Bezahlung. Werden Frauen bei gleicher Qualifikation geringer bezahlt, vergrößert ihre Erwerbsbeteiligung wegen des Gender-Pay-Gaps die gemessene Lohnspreizung.

Arbeitssparender technischer Fortschritt und Automatisierung verringern besonders Arbeitsplätze mit Routinetätigkeiten im mittleren Einkommensbereich und können die Arbeitsnachfrage polarisieren. Internationaler Handel mit Niedriglohnländern kann geringqualifizierte Industriearbeit zurückdrängen. Mindest- und Tariflöhne gleichen dagegen tendenziell die Einkommen qualifizierter und geringqualifizierter Beschäftigter an. Sinkende Mindestlöhne und eine abnehmende Gewerkschaftsdichte können die Spreizung vergrößern.

Die Lohnspreizung schwankt zudem mit der Konjunktur. Obere Einkommensgruppen erhalten häufiger variable, von Unternehmensgewinnen abhängige Gehaltsbestandteile; Tariflöhne reagieren meist verzögert. Deshalb steigt die Spreizung häufig zu Beginn eines Aufschwungs und sinkt gegen dessen Ende.

In mehreren Industrieländern nahm die Steuerprogressivität ab. Eine IWF-Analyse verbindet stärkere Senkungen des Spitzensteuersatzes mit einem größeren Einkommenszuwachs des obersten Prozents. Soziologische Erklärungen betonen zusätzlich Machtunterschiede: Gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten wie Krankenpflege, Lebensmittelverkauf oder öffentliche Ordnung können schlechter bezahlt sein als andere Berufe. Historisch führen Jörg Baten und Ralph Hippe Bildungsunterschiede in Europa teilweise auf landwirtschaftliche Strukturen des 19. Jahrhunderts zurück: Kleinbetriebe förderten eher die Bildung ihrer Kinder, während Großgrundbesitz mit politischen Eliten verbunden sein konnte, die ländlichen Arbeitnehmern den Bildungszugang erschwerten.

Folgen und Gegenmaßnahmen

Ungleiche Einkommensverteilung hat wirtschaftliche, politische, soziale, gesundheitliche und kulturelle Folgen. Nach UNCTAD schwächt eine starke Konzentration des Volkseinkommens bei hohen Einkommen die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, begrenzt Bildungschancen und vermindert soziale Mobilität. Empfohlen werden Steuerreformen, gezielte Sozialausgaben und eine bessere Arbeitsmarktpolitik.

IWF-Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Länder mit geringerer Ungleichheit nach Steuern weisen im Allgemeinen schnelleres und länger anhaltendes Wachstum auf. Progressive Besteuerung sowie staatliche Investitionen in Gesundheit und Bildung wirken gewöhnlich positiv; nur für extreme Umverteilung gibt es einzelne Hinweise auf negative Effekte. Eine Studie von 2015 stellte fest, dass ein größerer Einkommensanteil der obersten 20 % mittelfristig mit geringerem BIP-Wachstum, ein größerer Anteil der unteren 20 % dagegen mit höherem Wachstum verbunden war.

Starke Ungleichheit kann als ungerecht wahrgenommen werden und den sozialen Frieden gefährden. He Qinglian schlug folgende Schwellen für Markteinkommen vor: Ein Gini-Wert bis 0,3 bedeute deutliche Gleichverteilung, 0,3 bis 0,4 akzeptable Normalität, ab 0,4 sei die Ungleichheit zu hoch und oberhalb von 0,6 drohten soziale Unruhen. Die Akzeptanz hängt jedoch auch von Kultur, Information und individueller Wahrnehmung ab. Ungleichheit kann außerdem Gesundheit und Zufriedenheit nicht nur der ärmsten Menschen, sondern sämtlicher Einkommensschichten beeinträchtigen.

Als zentrale Gegenmaßnahme gilt bessere Bildung für Geringqualifizierte. Schwache Schüler sollen einen Schulabschluss erreichen und möglichst viele Jugendliche eine Berufsausbildung erhalten. Dadurch können Qualifikations- und Lohnunterschiede sowie Arbeitslosigkeit sinken. Weitere diskutierte Maßnahmen sind Kombilöhne zur Förderung geringqualifizierter Beschäftigung, Mindestlöhne und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Diese Vorschläge sind umstritten, weil ihre Wirkungen auf Beschäftigung und Wachstum unterschiedlich eingeschätzt werden. Die OECD empfahl außerdem höhere Spitzensteuersätze und weniger Steuervermeidung.

Lernvideos zu Einkommensverteilung

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