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Enjambement
Der Zeilensprung wird dabei durch die Zeichen ↲ und ↳ markiert, die betreffende syntaktische Einheit wird kursiv hervorgehoben. Das Enjambement dient als …
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Grundbegriff
Ein Enjambement, auch Zeilensprung oder Verssprung genannt, liegt in einer Folge von Versen vor, wenn eine Satz- oder Sinneinheit nicht am Versende abgeschlossen ist, sondern über das Ende eines Verses hinaus in den folgenden Vers weiterläuft. Es verbindet also zwei Verszeilen syntaktisch oder inhaltlich miteinander.
Für die Analyse von Gedichten ist das Enjambement wichtig, weil es zeigt, dass Versgrenze und Satzgrenze nicht immer zusammenfallen. Dadurch kann ein Gedicht flüssiger, spannungsvoller oder betonter wirken. Im Gegensatz zum Zeilenstil, bei dem Satz und Vers zusammen enden, durchbricht das Enjambement die regelmäßige Einheit von Versmaß und Satzbau.
Arten und Fachbegriffe
Enjambements können danach unterschieden werden, wie stark die Versgrenze in eine syntaktische Einheit eingreift. Eine syntaktische Einheit, auch Syntagma genannt, ist eine zusammengehörige Wortgruppe im Satz.
Bei einem glatten Enjambement bleibt eine syntaktische Einheit zusammen erhalten, auch wenn sie über die Versgrenze hinaus fortgesetzt wird. Im Beispiel aus Goethe „Der mißversteht die Himmlischen, der sie / Blutgierig wähnt“ bildet „blutgierig wähnt“ ein Syntagma; deshalb handelt es sich um ein glattes Enjambement.
Bei einem harten Enjambement werden dagegen alle syntaktischen Gruppierungen durch die Versgrenze zertrennt. Als Beispiel nennt der Artikel Verse von Paul Celan: „Osterqualm, flutend, mit / der buchstabenähnlichen / Kielspur inmitten“. Hier unterbricht die Versgrenze die syntaktischen Zusammenhänge besonders stark.
Ein Enjambement, das sogar Wörter trennt, heißt morphologisches Enjambement. Wenn dabei ein Reimwort getrennt wird, spricht man von gebrochenem Reim. Wird ein Satz nicht nur über eine Versgrenze, sondern über eine Strophengrenze hinweg fortgeführt, nennt man das Strophenenjambement oder Strophensprung.
Der nach der Versgrenze folgende Teil eines Syntagmas heißt rejet. Im Goethe-Beispiel ist „blutgierig wähnt“ der rejet. Der Teil vor der Versgrenze heißt contre-rejet; dort ist „der sie“ der contre-rejet.
Hakenstil und Wirkung
Wenn mehrere Enjambements aufeinanderfolgen, können die Verse durch die übergreifenden Satzbögen miteinander „verhakt“ wirken. Diese Form wird Hakenstil genannt. Im engeren Sinn bezieht sich der Begriff auf die germanische Langzeile. Als modernes Beispiel nennt der Artikel Verse von Rainer Maria Rilke, in denen mehrere Satzteile über die Versgrenzen hinweg weitergeführt werden.
Als lyrisches Stilmittel führt das Enjambement den Sinnzusammenhang über die Versgrenze hinaus. Dadurch wird die Monotonie eines gleichförmigen Versmaßes aufgelockert. Der Tonfall kann runder, gleitender und flüssiger werden und sich der Prosa annähern.
Weil das Versende beim Vortrag meist durch eine kurze Pause hörbar gemacht wird, kann ein Enjambement auch ein Zögern ausdrücken. Außerdem kann es einzelne Wörter besonders hervorheben, weil sie am Versanfang, am Versende oder in einer ungewohnten Position stehen.
Vorkommen in der Literatur
Das Enjambement kommt schon in der Antike vor, bei griechischen, besonders alexandrinischen, und bei römischen Dichtern. In der germanischen Dichtung erscheint es regelmäßig als syntaktische Verklammerung von Abvers und Anvers der folgenden Langzeile, zum Beispiel in Beowulf, Heliand und im Hildebrandslied. Auch im Mittelhochdeutschen findet es sich, etwa bei Walther von der Vogelweide.
Im französischen Alexandriner galt das Enjambement zeitweise als unzulässig, unter anderem bei François de Malherbe und Nicolas Boileau. In der Romantik erschien es dort wieder, etwa bei André Chénier; häufig begegnet es außerdem bei Pierre de Ronsard.
Auch im elisabethanischen Drama und bei John Milton wird das Enjambement oft verwendet. Der Artikel nennt ein Beispiel aus Shakespeare, in dem mehrere Enjambements den Eindruck einer Rede erzeugen, die sich der Prosa annähert und tastend nach Worten sucht.
In der deutschen Dichtung tritt das Enjambement unter anderem bei Andreas Gryphius auf, wo mehrere Zeilensprünge den Eindruck von Ermattung und Müdigkeit verstärken. In der deutschen Klassik erscheint es vielfach bei Lessing, Klopstock, Goethe, Schiller, Hölderlin und in den Oden von Nikolaus Lenau. In moderner Dichtung, beginnend mit den französischen Symbolisten und später bei T. S. Eliot, Rilke und Celan, wird das Enjambement so häufig, dass es in der Gegenwart fast als Regelfall gelten kann. Umgekehrt kann die genaue Einheit von Vers und Syntagma dann als etwas Besonderes auffallen.
Komische Effekte
Ein Enjambement kann auch komisch wirken, besonders wenn es die natürliche Betonung verschiebt. Das gilt vor allem für den gebrochenen Reim, der in komischer Dichtung beliebt ist.
Ein Beispiel aus Wilhelm Buschs Max und Moritz trennt das Wort „Maikäfer“ durch ein morphologisches Enjambement: „Jeder weiß, was so ein Mai- / käfer für ein Vogel sei.“ Die Trennung des Wortes erzeugt hier einen komischen Effekt.
Auch Erich Kästner nutzt in Die Entwicklung der Menschheit das Enjambement für Reimkomik. Dort rückt durch den Zeilensprung die normalerweise eher unbetonte Konjunktion „und“ in eine betonte Reimposition: „Doch davon mal abgesehen und / bei Lichte betrachtet sind sie im Grund“. Dadurch entsteht die komische Wirkung gerade aus der ungewöhnlichen Stellung und Betonung eines kleinen Funktionswortes.