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Reim

Alliteration ist dagegen ein seit jeher und bis heute häufig gebrauchtes sprachliches Schmuckmittel, allerdings kann es nur im weitesten Sinne als Reim …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Funktion und Entwicklung
  3. 3. Silbenzahl und Stellung
  4. 4. Lautliche Reimformen
  5. 5. Besondere Wortformen
  6. 6. Reimschemata und Strophenverknüpfung

Begriff und Bedeutung

Ein Reim ist im weiteren Sinn eine Verbindung von Wörtern mit ähnlichem Klang. Im engeren Sinn bezeichnet er den Gleichklang eines betonten Vokals und aller darauf folgenden Laute, etwa „lauf – kauf“, „laufen – kaufen“ oder „Laufender – Kaufender“. In der linguistisch orientierten Lyriktheorie gilt der Reim als phonologische Überstrukturierung: Lautliche Übereinstimmungen schaffen zusätzlich zum Satzbau und Versmaß eine weitere Ordnungsebene.

In der Phonotaktik hat „Reim“ eine andere Bedeutung: Dort besteht der Silbenreim aus dem meist vokalischen Silbenkern und dem konsonantischen Silbenschwanz, also aus der Silbe ohne den konsonantischen Silbenkopf. Silbenkopf und Silbenschwanz sind optional.

Reime können nach mehreren Gesichtspunkten beschrieben werden: nach der Zahl der Reimsilben, ihrer Stellung im Vers, ihrer phonologischen Beschaffenheit, morphologisch-lexikalischen Besonderheiten und der Abfolge der Reime. Diese Merkmale lassen sich kombinieren. Das Reimpaar „sah – da“ in Bertolt Brechts „Erinnerung an die Marie A.“ ist beispielsweise einsilbig, steht am Versende, ist lautlich rein und verbindet jede zweite Zeile.

Funktion und Entwicklung

Der Reim gliedert ein Gedicht und setzt Verse miteinander in Beziehung. Gemeinsam mit der metrischen Silbenstruktur bildet er eine zusätzliche ästhetische Ordnung. Besonders der Endreim kennzeichnet Zeilenenden deutlich. Das ist wichtig bei syllabischen Versen, die vor allem durch ihre Silbenzahl bestimmt werden, etwa beim Alexandriner mit zwölf oder dreizehn Silben.

Der Gleichklang trägt zur musikalischen Wirkung von Lyrik bei. Reimwörter erhalten häufig besonderes Gewicht für den Sinn, vor allem wenn ihre Bedeutungen oder Konnotationen weit auseinanderliegen. Gereimte Aussagen bleiben außerdem leichter im Gedächtnis. Deshalb erscheinen Sprichwörter, Wetterregeln, Merkverse und Werbesprüche oft als Reime. Auch zur Nachrichtenübermittlung durch Wandersänger im Mittelalter und in der Renaissance hatte dies einen praktischen Nutzen.

Reime sind bereits zwischen dem 10. und dem 7. Jahrhundert v. Chr. im chinesischen „Buch der Lieder“ belegt. Die griechische und römische Antike verwendete dagegen keine Reime; auch der Tanach kennt sie kaum. In der spätantiken germanischen Dichtung herrschte der Stabreim vor, während der Endreim vermutlich durch die christlich-lateinische Hymnendichtung eingeführt wurde. Der im 7. Jahrhundert entstandene Koran ist in Reimprosa verfasst: Endreime stehen dort an Satzenden oder syntaktischen Einschnitten, ohne an ein Versmaß gebunden zu sein.

Als erste deutsche Schriftdichtung in Endreimen gilt Otfrids von Weißenburg „Evangelienbuch“ um 870. Seit dem 12. Jahrhundert verbreitete sich der Reim in den europäischen Volkssprachen und blieb bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschend. Moderne Lyrik nutzt häufig den im Frankreich des 19. Jahrhunderts entwickelten freien Vers ohne klassische Reim- und Versmaßregeln. Im 21. Jahrhundert ist der Reim besonders in Rap-Poetry und Spoken Word weiterhin lebendig.

Silbenzahl und Stellung

Die Zahl der beteiligten Silben heißt auch Reimgeschlecht. Beim männlichen oder stumpfen Reim endet die Zeile auf einer betonten Reimsilbe, etwa „Tor – Ohr“. Er wird auch Maskulinus genannt. Beim weiblichen oder klingenden Reim folgen auf eine betonte noch eine unbetonte Reimsilbe, etwa „wollte – sollte“; die andere Bezeichnung lautet Femininus. Beim gleitenden oder reichen Reim stimmen drei Silben überein, von denen die erste betont ist, etwa „Prächtige – Mächtige“. Der regelmäßige Wechsel männlicher und weiblicher Reime heißt Reimalternanz.

Nach ihrer Stellung unterscheidet man vor allem End-, Binnen-, Anfangs- und Pausenreime. Beim Endreim oder Ausgangsreim stehen die Reimwörter am Ende der Verse; dies ist im Deutschen und in vielen anderen Sprachen die häufigste Form. Beim Anfangsreim oder Eingangsreim reimen sich die ersten Wörter zweier Verse.

Der Binnenreim liegt ganz oder teilweise im Versinneren. Beim Innenreim stehen die Partner im Inneren und am Ende desselben Verses. Der Mittelreim verbindet Stellen im Inneren aufeinanderfolgender Verse; beim Zäsurreim stehen sie vor einer Zäsur, also einem deutlichen Einschnitt. Beim Mittenreim reimt ein Wort am Versende mit einem inneren Wort des folgenden oder vorhergehenden Verses. Beim Schlagreim folgen die Reimwörter unmittelbar aufeinander. Zu seinen Sonderformen gehören der Echoreim, der ein Echo nachbildet, und der übergehende oder überschlagende Reim, bei dem ein Versende zwischen den Reimwörtern liegt.

Beim Pausenreim steht ein Reimwort am Ende eines Verses und sein Partner am Anfang eines anderen. Dadurch wirkt der mit dem Reimwort beginnende Vers am Ende reimlos und erzeugt den Eindruck einer Pause. Diese Form findet sich besonders im Minne- und Meistersang.

Lautliche Reimformen

Beim reinen Reim stimmt die hörbare Lautfolge vom letzten betonten Vokal an genau überein, etwa „Herz – Schmerz“ oder „Rose – Dose“. Beim unreinen Reim ist diese Übereinstimmung nur annähernd; Klangfärbung oder Betonung weichen voneinander ab.

Zu den unreinen Formen gehören mehrere Varianten. Ein historischer Reim war bei seiner Entstehung rein, wurde aber durch veränderte Aussprache unrein. Beim unebenen Reim stimmen die Silben klanglich überein, werden jedoch unterschiedlich betont, etwa „Zeit – Ewigkeit“. Bei der Assonanz stimmen nur die Vokale überein („wagen – laben“), bei der Konsonanz nur die Konsonanten, während die Vokalquantität erhalten bleibt („wagen – Wogen“). Der Endsilbenreim verbindet unbetonte oder nebentonige Endsilben.

„Erweiterter Reim“ ist ein unscharfer Oberbegriff für Übereinstimmungen, die über den normalen Bereich ab der letzten betonten Silbe hinausreichen. Beim Doppelreim stimmen die vorletzte und die letzte betonte Silbe überein („Winde wehen – Linde gehen“); der Mehrfachreim umfasst zwei oder mehr betonte Silben. Der vokalische Halbreim verbindet den letzten betonten und den folgenden unbetonten Vokal („licht war – sichtbar“). Beim rührenden Reim stimmt zusätzlich der Anlaut der Reimsilbe überein. Seine Spezialfälle sind der äquivoke Reim zwischen gleich klingenden Wörtern verschiedener Bedeutung („Wald – wallt“), der identische Reim durch Wortwiederholung und der Schüttelreim, bei dem zwei Anfangslaute oder Lautgruppen eines Doppelreims ihre Plätze tauschen.

Der Stabreim beruht dagegen auf Alliteration: Gleiche Anlaute betonter Stammsilben müssen an bestimmten Verspositionen auftreten. Er war ein strenges Versprinzip altgermanischer Sprachen. In neuerer Literatur wird er vor allem historisierend eingesetzt; eine frei verwendete Alliteration gilt nur im weitesten Sinn als Reim.

Besondere Wortformen

Morphologisch-lexikalische Reimformen beruhen darauf, wie Wörter aufgebaut, getrennt oder verwendet werden. Beim gespaltenen Reim erstreckt sich mindestens eines der mehrsilbigen Reimglieder über mehrere, meist kurze Wörter. Ein bekanntes Beispiel ist Erich Kästners „Es gibt nichts Gutes / außer: Man tut es.“

Beim gebrochenen Reim folgt unmittelbar nach der Reimsilbe ein morphologisches Enjambement, also ein Zeilenwechsel mitten im Wort. Dadurch entstehen häufig komische Betonungsverschiebungen, etwa „Mai- / käfer“ oder „Schuh- / macher“.

Der Augenreim stimmt nur im Schriftbild überein; die lautliche Entsprechung fehlt ganz oder teilweise. Der grammatische Reim verbindet Wörter desselben Stammes wie „Glaube – glauben“ oder verschiedene Flexionsformen eines Wortes, ohne dass vollständiger Gleichklang nötig ist. Beim Zwillingsreim werden Wörter mit gleichem Buchstabenmaterial an unterschiedlichen Stellen getrennt, etwa „Böse Diebe klauten Waren / Böse die Beklauten waren“.

Der Vexierreim lenkt die Erwartung auf ein naheliegendes, häufig frivoles oder kompromittierendes Reimwort, setzt dann aber überraschend ein anderes Wort oder eine ganze Phrase ein. Das erwartete Reimwort kann auch vollständig fehlen. In Liedform heißt diese Technik Vexierlied.

Reimschemata und Strophenverknüpfung

Die Abfolge der Reimbeziehungen in einer Strophe oder einem Gedicht heißt Reimfolge und wird als Reimschema dargestellt. Jeder Vers erhält einen Kleinbuchstaben; Verse mit gleichem Reim tragen denselben Buchstaben. Nicht reimende Verse heißen Waisen und werden mit [x] bezeichnet.

Wichtige Reimschemata sind:

  • Paarreim: Je zwei aufeinanderfolgende Verse reimen sich; Schema [aabb ccdd …]. Zwei solche Verse bilden ein Reimpaar.
  • Kreuzreim oder Wechselreim: Die Reime wechseln einander ab; Schema [abab cdcd …].
  • Limerick: Schema [aabba …].
  • Umarmender Reim oder Blockreim: Ein Reimpaar umschließt ein anderes; Schema [abba cddc …]. Er heißt auch umfassender, umschließender oder eingebetteter Reim.
  • Verschränkter Reim: Mehrere Reimpaare sind ineinander verschoben; Schema [abc abc …].
  • Schweifreim oder Zwischenreim: Schema [aa b cc b …].
  • Kettenreim oder Terzinenreim: Ein Reim der vorhergehenden Gruppe wird in der folgenden wieder aufgenommen; Schema [aba bcb cdc ded …].

Beim Haufenreim erscheint derselbe Reim mehr als zweimal hintereinander. Der Dreireim umfasst drei aufeinanderfolgende Reime und markiert in der Stollenstrophe mit dem Schema [ababccc] das Ende. Verbindet ein Reim mindestens vier Verse oder einen ganzen Abschnitt, spricht man von Einreim, Reihenreim oder Tiradenreim.

Ein Kehrreim ist die regelmäßige Wiederholung von Versen an entsprechender Stelle in Strophengedichten oder Liedern. Nach seiner Position unterscheidet man Endkehrreim, Binnenkehrreim sowie Anfangs- oder Gegenkehrreim. Körner oder Körnerreime sind Zeilen, die ihren Reimpartner erst in einer folgenden Strophe erhalten. Dadurch verbinden sie die Strophen und ihre Aussagen klanglich miteinander; sie spielen besonders im Meistersang eine Rolle.

Auch die quantitative Literaturwissenschaft untersucht Reime statistisch. Ein Beispiel ist die Analyse des Vokalismus, also des Systems und Gebrauchs der Vokale, in den Reimen von Goethes Ballade „Erlkönig“ durch Altmann & Altmann (2008, Seite 71 f.).

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