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Betriebswirtschaftslehre
Gegenstand und wesentliche Untersuchungsgebiete ; Finanzierung · betriebswirtschaftliche Kennzahlen, Finanzierungsregeln, Rechnungswesen, Finanzplanung, …
Inhalt5 Abschnitte
Definition, Ziel und Bedeutung
Die Betriebswirtschaftslehre (BWL), seltener Betriebsökonomie genannt, ist eine Einzelwissenschaft innerhalb der Wirtschaftswissenschaften. Ihr Lehr- und Forschungsgegenstand ist der Betrieb. Wie die Volkswirtschaftslehre (VWL) geht sie davon aus, dass Güter und Dienstleistungen grundsätzlich knapp sind und deshalb wirtschaftlich eingesetzt werden müssen. Während die VWL meist größere wirtschaftliche Zusammenhänge untersucht, betrachtet die BWL überwiegend einen einzelnen Betrieb.
Die BWL beschreibt, analysiert und erklärt wirtschaftliche Vorgänge in Betrieben. Außerdem soll sie Entscheidungsprozesse konkret unterstützen. Ihr Erkenntnisobjekt ist der Betrieb als Wirtschaftssubjekt und Entscheidungseinheit mit seinen Funktionen und wirtschaftlichen Vorgängen. Wissenschaftssystematisch gehört die BWL zu den Realwissenschaften, weil sie sich mit der tatsächlich beobachtbaren Erscheinung eines Betriebes beschäftigt.
Untersucht werden sowohl erwerbswirtschaftliche als auch nicht-erwerbswirtschaftliche Betriebe, die Güter oder Dienstleistungen herstellen und vertreiben. Zu den betrachteten Wirtschaftseinheiten gehören außerdem Privathaushalte. Wirtschaften bedeutet dabei die Disposition, also die planvolle Verfügung, über knappe Güter, die als Handelsobjekte Teil eines Marktprozesses sind. Als anwendungsorientierte Wissenschaft entwickelt die BWL Handlungsempfehlungen für das Wirtschaften. Im Mittelpunkt steht das unternehmerische Handeln: der Entscheidungsprozess eines Betriebes im marktwirtschaftlichen Wettbewerb. Ein solcher Betrieb wird als Unternehmen bezeichnet.
Betriebliche Funktionen und Untersuchungsgebiete
Die Allgemeine BWL untersucht insbesondere folgende betriebliche Funktionen:
- Beschaffung: Beschaffungsorganisation, Beschaffungsstrategie und Beschaffungslogistik.
- Produktion: Produktionsprozess, Produktionsprogramm, Produktionsstrategie, Produktionstechnik, Produktionsverfahren und Just-in-time-Produktion.
- Finanzierung: betriebswirtschaftliche Kennzahlen, Finanzierungsregeln, Rechnungswesen, Finanzplanung und Finanztechnologie.
- Vertrieb: Marketing, Vertriebsprozess, Vertriebsorganisation, Vertriebsstrategie und Vertriebslogistik.
- Management: Arbeits- und Entscheidungsprozesse, Führungs- und Managementlehre, Prozessmanagement und Unternehmensführung.
Auch bei der Untersuchung der Produktionsfaktoren, also der zur Leistungserstellung benötigten Mittel, steht das einzelne Unternehmen im Mittelpunkt. Deshalb unterscheiden sich die Produktionsfaktoren der BWL von denen der VWL. In Dienstleistungsbereichen wie Banken und Versicherungen kommt ein externer Produktionsfaktor hinzu: Kunden und/oder Wirtschaftsobjekte wirken unmittelbar an der Leistungserstellung mit.
Ein Beispiel für einen Forschungsgegenstand ist die Theorie der Unternehmung. Nach der klassischen Theorie können Unternehmen in einer Rezession ihre Marktpreise bis zu den Grenzkosten senken; Fixkosten gelten dabei als versunkene Kosten. In der dynamischen Version kann die Preisuntergrenze sogar unter den kurzfristigen Grenzkosten liegen. Wird dadurch zusätzliche Nachfrage ausgelöst, gelten die entstehenden Verluste als Investitionen in einen künftig höheren Marktanteil.
Gliederung der BWL
Die BWL gliedert sich in Allgemeine Betriebswirtschaftslehre (ABWL) und Spezielle Betriebswirtschaftslehre (SBWL). Die ABWL behandelt planerische, organisatorische, strategische und rechentechnische Entscheidungen, die branchen- und funktionsübergreifend bedeutsam sind. Sie vermittelt allgemeine Zusammenhänge und soll fachübergreifendes sowie interdisziplinäres Denken und Entscheiden fördern. In der Fachliteratur ist allerdings umstritten, wie die ABWL von den speziellen Betriebslehren abzugrenzen ist. Manche Autoren rechnen die betrieblichen Funktionslehren zur ABWL; andere bestreiten sogar die Existenz einer eigenständigen Allgemeinen BWL.
Die SBWL, auch Besondere Betriebswirtschaftslehre (BBWL), untersucht Fragen, die nur bestimmte Unternehmen, Branchen, Funktionen oder Unternehmensteile betreffen. Eine seit 1996 zunehmend verwendete Einteilung nach Jürgen Weber unterscheidet:
- Funktionenlehren, etwa Forschung und Entwicklung, Beschaffung, Produktion, Lagerung und Transport, Absatz und Entsorgung.
- Führungslehren, etwa Planung, Kontrolle, Organisation, Personalführung, Informationswirtschaft und Operations Research.
- Querschnittsfunktions- oder Metaführungslehren, etwa Marketing, Controlling, Qualitätsmanagement, Logistik, Supply-Chain-Management, Umwelt-, Innovations- und Internationales Management.
- Faktorenlehren zu Material, Anlagen, Personal und Finanzen.
- Wirtschaftszweiglehren, beispielsweise Industrie-, Handels-, Bank-, Versicherungs-, Verkehrs-, Tourismus- oder öffentliche Betriebswirtschaftslehre.
Weitere institutionelle Betriebswirtschaftslehren befassen sich etwa mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), Unternehmensgründung beziehungsweise Entrepreneurship, Konzernen oder international tätigen Unternehmen. Die funktionale BWL liefert branchenunabhängige Aussagen, kann aber branchenspezifische Probleme nur schwer erfassen. Branchenlehren behandeln diese Besonderheiten, wiederholen dafür teilweise Inhalte anderer Betriebswirtschaftslehren.
Die BWL überschneidet sich mit zahlreichen Wissenschaften. Dazu gehören unter anderem Entscheidungstheorie, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsrecht, Wirtschaftsmathematik, Wirtschaftsstatistik, Wirtschaftspsychologie, Wirtschaftssoziologie, Wirtschaftsethik, Wirtschaftsgeografie, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftspädagogik. Solche interdisziplinären Gebiete bearbeiten Probleme, die sich nicht allein mit betriebswirtschaftlichen Methoden lösen lassen.
Historische Entwicklung
Frühe Kenntnisse über Handel, Buchhaltung und Planung wurden bereits um 2000 v. Chr. in ägyptischen Handelsschulen vermittelt. In der Antike behandelte Xenophon um 380 v. Chr. im Oikonomikos unter anderem Getreidehandel, Arbeitsteilung und Gewinnstreben. Aristoteles forderte um 350 v. Chr. Solvenz und eine ausgeglichene Risikoverteilung. Columella schlug im 1. Jahrhundert Controlling mithilfe von Vergleichswerten vor.
Im Mittelalter erklärte Abu l’Fadl Gafar ben Ali ad Dimisqi 1174 Geldentstehung, Warenkalkulation sowie Preise durch Angebot und Nachfrage. Leonardo Fibonacci stellte 1202 im Il Liber Abaci das dezimale Zahlensystem in italienischer Sprache vor und veranschaulichte es an wirtschaftlichen Beispielen. Thomas von Aquin entwickelte Vorstellungen zum „gerechten Preis“, betrachtete Geld nur als Tauschmittel und lehnte Geldzins als Wucher ab.
Während der Renaissance hielten Kaufmannsfamilien ihr Wissen über Handelsrouten, Märkte, Zölle, Münzen, Maße und Gewichte meist geheim. Francesco Balducci Pegolottis um 1340 verfasste Schrift wurde dennoch zur Vorlage weiterer Kaufmannshandbücher. Benedetto Cotrugli hinterließ eine frühe theoretische Darstellung der Buchführung. Luca Pacioli beschrieb 1494 in seiner Summa das System der doppelten Buchführung; ihm wurde später deren Erfindung zugeschrieben, obwohl er das selbst nie behauptete. Diese Schriften betrachteten den Betrieb zunehmend als selbstständigen Organismus und erfassten Kapital und Kosten mithilfe von Buchhaltung und Kalkulation.
Jacques Savary veröffentlichte 1675 mit Le parfait Négociant das erste systematisch gegliederte betriebswirtschaftliche Lehrbuch. Er behandelte Handelsrisiken, das Niederstwertprinzip bei der Bewertung des Vermögens und transitorische Posten für den periodengerechten Abschluss. Carl Günther Ludovici ordnete später das kaufmännische Wissen systematisch. Johann Heinrich Jung-Stilling gliederte es 1785 in Tausch und Expedition. Johann Michael Leuchs begann 1804, wirtschaftliche Fragen durch Wahrscheinlichkeitsrechnung zu mathematisieren. Im 19. Jahrhundert trat die wissenschaftliche Entwicklung hinter die Vermittlung praktischer Arbeitstechniken an Handelsschulen zurück.
Die systematische wissenschaftliche BWL wird allgemein auf 1902 datiert. Erwin Geldmacher unterschied 1929 die bis heute wichtigen Begriffe Aufwand, Erfolg, Erlös, Ertrag, Leistung und Kosten. Ein Methodenstreit zwischen Konrad Mellerowicz und Erich Gutenberg erreichte 1952 seinen Höhepunkt. Dabei ging es unter anderem um Methodik, Praxisbezug, Ziele und die Frage, ob BWL normativ oder wertfrei sein solle.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ordnete Erich Gutenberg die BWL anhand der Funktionen Beschaffung, Produktion, Vertrieb und Finanzen neu und entwickelte den Produktionsfaktoransatz. Edmund Heinen vertrat eine entscheidungsorientierte, Hans Ulrich eine systemorientierte und Horst Albach eine managementorientierte BWL. Günther Schanz prägte den Verhaltens- beziehungsweise Führungsansatz. Günter Wöhes 1960 erstmals erschienenes Werk Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre wurde zum Standardwerk.
Ausbildung, Studium und Forschung
Betriebswirtschaftliche Kenntnisse werden in kaufmännischen Lehrberufen vermittelt, etwa in Industrie-, Speditions- und Bankberufen. Weiterbildungen bieten Fachschulen und Fachakademien an, beispielsweise zum staatlich geprüften Betriebswirt. An Universitäten, Fachhochschulen, Berufsakademien, Fernhochschulen und Business Schools kann BWL studiert werden. Wichtige Abschlüsse sind Bachelor, Master, Diplom und Doktorgrad; zu den konkreten Bezeichnungen gehören Bachelor of Science, Bachelor of Arts, Bachelor of Business Administration, Master of Science, Master of Arts und Master of Business Administration (MBA).
Als Hochschulfach ist BWL beziehungsweise Handelswissenschaft seit 1759 nachweisbar: In diesem Jahr wurde in Lissabon die Aula de Commercio gegründet. 1819 entstand in Paris mit der Ecole Spéciale de Commerce et d’Industrie, der heutigen ESCP Europe, die erste Wirtschaftshochschule der Welt. Die schweizerische Handelshochschule St. Gallen entstand 1889, die erste deutsche Handelshochschule im April 1898 in Leipzig. Johann Friedrich Schär erhielt 1903 an der Universität Zürich den ersten handelswissenschaftlichen Lehrstuhl an einer Universität. Eugen Schmalenbach gab dem Fach seinen heutigen Namen.
Die betriebswirtschaftliche Forschung umfasst Grundlagenforschung und angewandte Forschung. Grundlagenforschung untersucht häufig spezielle und abstrakte Fragen mithilfe formal-mathematischer Modelle oder empirischer Analysen, also anhand beobachteter Daten. Angewandte Forschung entwickelt konkrete Problemlösungen für die Praxis. Ihre Ergebnisse richten sich vor allem an das Management, aber auch an Gesetzgeber, Gesellschaft und Nichtregierungsorganisationen. Fachverbände wie der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte, die Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft und der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft vertreten Studierende, Berufstätige oder Hochschullehrende.