Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Diplom-Kaufmann
Das universitäre Studium ist wissenschaftlich ausgerichtet. Diplom-Kaufleute gehören zur Gruppe der Wirtschaftswissenschaftler. Rechtsgrundlage der Verleihung …
Inhalt6 Abschnitte
Definition und Bedeutung
Diplom-Kaufmann (Dipl.-Kfm.) und Diplom-Kauffrau (Dipl.-Kff., Dipl.-Kffr. oder Dipl.-Kfr.) waren in Deutschland akademische Grade für den erfolgreichen Abschluss eines wissenschaftlich ausgerichteten Studiums der Betriebswirtschaftslehre an einer Universität oder gleichgestellten Hochschule. Die Absolventinnen und Absolventen gehören zur Gruppe der Wirtschaftswissenschaftler. Die Verleihung richtete sich nach der Studienordnung der jeweiligen Hochschule.
An Fachhochschulen und anderen Hochschulen wurden im Bereich Betriebswirtschaftslehre meist die Grade Diplom-Betriebswirt (FH) oder Diplom-Kaufmann (FH) vergeben. Davon zu unterscheiden sind staatliche Abschlussbezeichnungen von Berufsakademien: Der Diplom-Betriebswirt (BA) ist kein akademischer Grad und muss den Zusatz „(BA)“ tragen. Einen Abschluss Diplom-Kaufmann (BA) gibt es nicht.
Im Zuge des Bologna-Prozesses wurden die Diplomgrade durch Bachelor- und Mastergrade ersetzt. Das universitäre Diplom ist international insbesondere mit einem Master vergleichbar.
Zugang und Studienaufbau
Für ein universitäres Studium der Betriebswirtschaftslehre war mindestens die fachgebundene Hochschulreife erforderlich. Die Regelstudienzeit betrug 8 bis 10 Semester. Das Studium gliederte sich in ein 3 bis 4 Semester dauerndes Grundstudium und ein anschließendes Hauptstudium von 4 bis 6 Semestern. Tatsächlich studierten Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten im Prüfungsjahr 2002 laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 11,0 Fachsemester.
Ein Semester ist ein Studienhalbjahr. Module sind inhaltlich zusammengehörige Lehr- und Prüfungseinheiten. Viele Prüfungen wurden bereits während des Studiums abgelegt. Spätestens seit der Modularisierung wurden Leistungen häufig mit ECTS-Kreditpunkten gewichtet. ECTS ist ein europäisches Punktesystem, das den Arbeitsaufwand von Studienleistungen abbildet und deren Vergleichbarkeit zwischen Hochschulen erleichtert.
Grund- und Hauptstudium
Das Grundstudium bestand aus verschiedenen, häufig studienbegleitenden Fachprüfungen. An vielen Universitäten entsprach es dem Grundstudium der Diplom-Volkswirte und Diplom-Handelslehrer. Typische Bereiche waren:
• Volkswirtschaftslehre • Betriebswirtschaftslehre • Mathematik und Wirtschaftsinformatik • Statistik und Ökonometrie • Recht für Wirtschaftswissenschaftler • Buchführung und Rechnungswesen
Das Grundstudium endete mit dem Vordiplom.
Das Hauptstudium umfasste weitere Fachprüfungen, Ergänzungsfächer und die Diplomarbeit. Typisch waren Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, eine erste und zweite Besondere Betriebswirtschaftslehre, ein Wahlpflichtfach, Ergänzungsfächer sowie die Diplomarbeit. Die Besondere Betriebswirtschaftslehre wird auch Spezielle Betriebswirtschaftslehre genannt. Abweichend davon konnten beispielsweise zwei Wahlpflichtfächer und nur eine Besondere Betriebswirtschaftslehre gewählt werden; Ergänzungsfächer konnten entfallen.
Die mit Kreditpunkten gewichteten Leistungen und die Diplomarbeit ergaben die Abschlussnote. Das Hauptstudium endete mit dem akademischen Grad Diplom-Kauffrau oder Diplom-Kaufmann. Dieser war ein erster berufsqualifizierender Hochschulabschluss eines einstufigen Studiengangs.
Promotion und Berufsfelder
Ein universitäres Diplom oder ein Masterabschluss mit mindestens der Gesamtnote „gut“, also einem Gesamtnotendurchschnitt von 2,5 oder besser, ist Voraussetzung für eine Promotion in einem wirtschaftswissenschaftlichen Teilgebiet. Dazu zählen beispielsweise Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftspädagogik, Statistik, Ökonometrie, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftsgeschichte. Einige Universitäten lassen in Ausnahmefällen auch Personen mit einem sehr guten Fachhochschuldiplom, also einem Gesamtnotendurchschnitt von 1,5 oder besser, zur Promotion zu.
Diplom-Kaufleute übernehmen leitende, planende, analysierende und beratende Aufgaben. Sie arbeiten in kleinen, mittleren und großen Unternehmen unterschiedlicher Branchen, in öffentlichen Verwaltungen, in Forschung und Lehre sowie bei Verbänden, Gewerkschaften und Kammern wie Industrie- und Handelskammern (IHK) oder Handwerkskammern (HwK). Auch freiberufliche Tätigkeiten sind möglich. Darüber hinaus können Diplom-Kaufleute Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer werden.
Entwicklung des Studiengangs
Die Entwicklung des Abschlusses war mit der Entstehung der Handels- und Handelshochschulen verbunden. Erste Handelshochschulen wurden ab 1898 in Leipzig, Aachen und Wien gegründet. Kaufmännische Studierende konnten nach mindestens 4 Semestern freiwillig eine Diplom-Prüfung ablegen. Sie berechtigte nicht zur Ausübung eines bestimmten Berufs, und die Handelshochschulen besaßen zunächst kein Recht, akademische Grade zu verleihen.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Zulassungsbedingungen verschärft und die Studiendauer von 4 auf 6 Semester erhöht, wodurch sich die Ausbildung an die Universitäten anglich. 1924 erlaubte ein ministerieller Erlass, Absolventen der Handelshochschulen den akademischen Grad Diplom-Kaufmann (Dipl.-Kfm.) zu verleihen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand der Grad in der Bundesrepublik Deutschland fort; außerdem gab es ihn in Österreich und bis in die 1950er Jahre in der Deutschen Demokratischen Republik.
Früher standen am Ende des Grund- und Hauptstudiums wenige große Zwischen- und Abschlussprüfungen; während des Studiums erbrachte Leistungen flossen nur selten in das Ergebnis ein. Seit der Bologna-Reform von 1999 wurde der Diplomstudiengang durch das gestufte Bachelor-Master-System ersetzt. Je nach Hochschule und Studiengang erhalten Studierende der Betriebswirtschaftslehre nun die Grade B.Sc. oder B.A. sowie M.Sc. oder M.A.
Noch bestehende Diplomstudiengänge wurden nach dem Vorbild des Bachelor-Master-Systems modularisiert. Damit gingen zahlreiche studienbegleitende, durch Kreditpunkte gewichtete Prüfungen in die Endnote ein. Gegenüber der Zeit vor 1999 wandelte sich das Studium von wenigen großen Prüfungen plus Diplomarbeit zu jeweils circa 30 Prüfungen, Klausuren oder Seminararbeiten im Grund- und im Hauptstudium sowie einer Diplomarbeit. Diese dauerte 3 bis 12 Monate und machte 15 % bis 29 % der Endnote aus.
Abschlüsse in anderen Ländern
In der Schweiz ist der Diplom-Kaufmann als Hochschulabschluss nicht bekannt. Dort gab es lange den Betriebsökonomen HWV, der heute Betriebsökonom FH heißt. Der klassische universitäre Abschluss war das Lizentiat; in den Wirtschaftswissenschaften lautete die Bezeichnung lic. oec. Teilweise wurde zusätzlich ein Hochschulkürzel verwendet, etwa HSG für die Universität St. Gallen.
In Österreich verlieh die Hochschule für Welthandel von 1930 bis 1975 den in einem Wort geschriebenen Grad Diplomkaufmann mit der Abkürzung Dkfm. 1975 wurde die Hochschule in Wirtschaftsuniversität Wien umbenannt. Danach schloss ein wirtschaftswissenschaftliches Studium mit Magister beziehungsweise Magistra rer.soc.oec. an einer Universität oder Magister beziehungsweise Magistra (FH) an einer Fachhochschule ab.
Weltweit setzten sich in den Wirtschaftswissenschaften Bachelor- und Masterabschlüsse durch. Studierende können dadurch beispielsweise nach dem Bachelor für den Master an eine andere Hochschule wechseln. Die meist nach ECTS vorgenommene Umrechnung von Studienleistungen verbessert deren Vergleichbarkeit. Viele Studiengänge zum Dipl.-Kfm. wurden seit 1999 modularisiert und mit Kredit-, Leistungs- oder Studienpunkten versehen.
In Lateinamerika besteht teilweise weiterhin der Abschluss Licenciado, abgekürzt Lic. Seine weltweite Anerkennung ist problematisch. Ein Lizenziar der Wirtschaftswissenschaften und ein Diplom-Kaufmann sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar; in Lateinamerika wird ein Diplom-Kaufmann jedoch als Lizenziar eingestuft.