Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
Ludwig Erhard: Der glücklose Kanzler I Geschichte
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 107 Zeilen
- . Ludwig Erhard. Woran denkt ihr, wenn ihr diesen Namen hört?
- Ich denke immer an dieses Bild hier: Zigarre im Mund, dicker Mann,
- und einer, der ziemlich zufrieden scheint. Man kennt ihn als Vater des Wirtschaftswunders.
- Aber wusstet ihr, dass Ludwig Erhard auch mal Bundeskanzler war? Viele wissen das nicht. Das hat einen guten Grund:
- Seine Regierungszeit war nicht gerade von Erfolg und Ruhm gekrönt. Warum? Darum geht es jetzt.
- Starten wir mit Ludwig Erhard. Ludwig Erhard trägt den Ehrentitel "Vater des Wirtschaftswunders".
- Dabei hält er von dem Begriff Wirtschaftswunder eigentlich nichts. Er sagt, in Deutschland hat sich kein Wunder ereignet.
- Der Aufschwung ist vielmehr das Ergebnis einer Wirtschaftspolitik, die auf freiheitlichen Prinzipien gegründet ist.
- Der Arbeit der Menschen soll wieder Sinn und Wert gegeben werden. Und im Gegenzug: Für Fleiß und Hingabe
- sollen die Menschen auch dafür belohnt werden. Erhard hat Betriebswirtschaft,
- Nationalökonomie und Soziologie studiert und dann promoviert, also eine Doktorarbeit geschrieben.
- Und somit hatte er Doktortitel. Das merkt man seiner Sprache ein bisschen an.
- Deshalb nochmals in modernem Deutsch: Von wegen Wunder, wir haben ein System aufgebaut,
- in dem man fleißig arbeiten kann, in dem man für Fleiß und Erfolg belohnt wird.
- Und in dem alle Menschen von der wirtschaftlichen Entwicklung etwas haben.
- Der berühmteste Slogan, den man mit Ludwig Erhard verbindet, ist: Wohlstand für alle.
- So lautet der Titel eines Buches, das er geschrieben hat. In diesem Buch stellt er seine Theorie vor:
- dass die Marktwirtschaft durch Konkurrenz und Wettbewerb den Wohlstand der Menschen sichert.
- Denn dieser Wettbewerb treibe dazu an, ständig Neuerungen und Verbesserungen zu erfinden.
- Und davon wiederum würden alle Menschen profitieren. Also solange sich alle nur genug anstrengen
- und ihre Leistung ständig verbessern, würde das Volkseinkommen sich erhöhen und gerechter verteilt werden.
- Ein Wirtschaftsfachmann also. Wie kommt der in die Politik?
- Ich sagte ja schon, dass Erhard studiert und promoviert, also den Doktortitel erworben hat.
- Zunächst arbeitet er im Betrieb seiner Eltern. Aber schon bald arbeitet er
- als Wirtschaftswissenschaftler für 2 Institute. Noch während des Zweiten Weltkrieges verfasst er eine Denkschrift
- über die wirtschaftlichen Folgen der drohenden Niederlage des Deutschen Reiches.
- Diese Denkschrift leitet er kurz vor dem Attentat auf Hitler an Widerstandskreise weiter.
- Damit hat sich Erhard aus der Komfortzone heraus begeben. Er mischt sich in die Politik ein, bezieht Stellung.
- Das passiert im Jahr 1944. Direkt nach dem Krieg wird Erhard
- an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft weiter arbeiten. Er wird Wirtschaftsminister in Bayern und bereitet später
- im Auftrag der amerikanischen und englischen Alliierten die Währungsreform vor.
- 1948 leitet er die Wirtschaftsverwaltung in der B-Zone. Das ist so etwas wie Wirtschaftsminister
- für die von den USA und Großbritannien besetzten Gebiete. Bei den Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag
- tritt Ludwig Erhard als Kandidat der neu gegründeten christlich- demokratischen Union, der CDU, an.
- Und wird nach den Wahlen zum Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland.
- Er ist neben Kanzler Konrad Adenauer die bestimmende Persönlichkeit in der CDU.
- Noch dazu ist Erhard in der Bevölkerung sehr beliebt. Denn er gilt eben als Vater des Wirtschaftswunders.
- Und das auch aus dem Grund, weil er komplizierte Sachverhalte so erklären kann, dass sie die breite Masse versteht.
- Das wiederum macht den "Dicken mit der Zigarre" zu einer Wahlkampf-Lokomotive.
- Dass Adenauer in den 1950-Jahren die Wahlen überzeugend gewinnt, verdankt er nicht zuletzt Erhard.
- Das Problem ist, dass die beiden Politiker gar nicht miteinander können.
- Einmal bestehen inhaltliche Unterschiede. Erhard blickt mehr auf die marktwirtschaftliche Ordnung,
- Adenauer hat mehr für Sozialpolitik übrig. Beide streiten z.B. über eine Rentenreform.
- Zum anderen hält Adenauer wenig von Erhard als Politiker. Er habe sein Ministerium nicht im Griff,
- sei zu wenig gerissen, zu weich. Wann immer es geht, übt Adenauer Kritik an seinem Minister.
- Der ist relativ sensibel und dünnhäutig und giftet gern zurück. Er lässt Adenauer spüren, dass er mehr weiß.
- Das Behältnis der beiden ist zerrüttet. Das ändert aber nichts daran, dass Erhard seit 1957 Vizekanzler ist.
- Vielleicht fragt ihr euch, wieso Adenauer Erhard in sein Kabinett aufnimmt, wenn er nichts von ihm hält.
- Aber so ist das eben in der Demokratie: Keiner hat die absolute Macht.
- Adenauer kann auf Erhard nicht verzichten. Zu viele CDUler und Abgeordnete
- halten sehr viel von ihm und schätzen seine Fachkenntnisse. Die Wähler lieben Erhard geradezu.
- Kurzum: Wenn Adenauer Erhard rauswirft, dann schadet er sich selbst enorm.
- Vielleicht gefährdet damit sogar sein Amt als Kanzler. Und mit den Jahren bröckelt seine Macht.
- Aber er hält sich an der Spitze. Der einzige, der Adenauer ernsthaft gefährden kann, ist Ludwig Erhard.
- Als in der Spiegel-Affäre Adenauer schwer unter Beschuss gerät, da könnte Erhard ihn stürzen.
- In der Spiegel-Affäre geht es um das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Ihr kennt bestimmt die Online-Ausgabe "Spiegel online".
- Der Spiegel veröffentlicht 1962 einen Artikel, in dem es um die Verteidigungsfähigkeit
- der NATO und der Bundeswehr geht. Die Regierung geht knallhart gegen die Redakteure vor.
- Sie meint, die Redakteure hätten Landesverrat begangen, Staatsgeheimnisse ausgeplaudert.
- Es kommt zu Durchsuchungen und Verhaftungen. Aber: Die Öffentlichkeit stellt sich hinter das Nachrichtenmagazin
- und die Gerichte sprechen die angeklagten Redakteure vom Vorwurf des Landesverrats frei.
- Das hat Konsequenzen. 2 Staatssekretäre und der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß müssen zurücktreten.
- Aber das sind nur Bauernopfer, wie man so schön sagt. Der Bundeskanzler Adenauer ist auch schwer angeschlagen.
- Er kann sich nur mit Mühe in seinem Amt behaupten. Vor allem, weil Ludwig Erhard zögert und zaudert.
- Wenn er sich getraut hätte, offen gegen Adenauer anzutreten, wäre er vielleicht schon eher Kanzler geworden.
- Aber einen Kanzler zu stürzen, ist gar nicht so einfach. Im Jahr 1963 zwingt der Koalitionspartner der Union,
- die Freie Demokratische Partei, die FDP, den alten Kanzler dann endgültig zum Rücktritt.
- Nachfolger wird Erhard. Und bei der nächsten Bundestagswahl, 1965, holt Erhard 47,6 %.
- Sehr gutes Ergebnis. Im März 1966 tritt Adenauer, der immer noch Parteivorsitzender ist,
- auch nicht mehr für dieses Amt an. Unser Nachfolger wird - Überraschung - Erhard.
- Und das ist wirklich bemerkenswert. Denn es ist nicht sicher geklärt, ob Ludwig Erhard Mitglied der CDU war.
- Es ist gut möglich, dass er erst sehr spät den formellen Beitritt vollzogen hat.
- Bisher spielt das eigentlich keine Rolle, aber zum Parteivorsitzenden kann nur ein Mitglied gewählt werden.
- Ab der Wahl zum Bundeskanzler läuft für Erhard eigentlich alles schief, was schiefgehen kann.
- Zunächst sehen viele er hat sowieso nur als eine Art Übergangslösung an. Dann schrumpft die Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit steigt
- und der Wirtschaftswunder-Minister findet kein schnelles Gegenmittel. Die USA verlangen mehr Geld,
- um die Stationierung von Truppen in Westdeutschland zu finanzieren. Erhard formuliert seine Idee,
- wie eine moderne Gesellschaft aussehen könnte und spricht von einer "formierten Gesellschaft".
- Im Kern geht es darum, dass sich alle bewusst sind, wie sehr sie voneinander abhängig sind.
- Einzelinteressen, z.B. von Gewerkschaften, der Industrie oder von Bauern, soll es nicht mehr geben.
- Stattdessen nur noch das Interesse des Allgemeinwohls. Kann man drüber nachdenken.
- Aber mal ehrlich: formierte Gesellschaft? Das klingt noch nach was anderem, schon fast nach Diktatur.
- Zumindest nach autoritärer Disziplinierung. Und das kommt Ende der 1960er-Jahre nicht so wirklich gut an.
- Die einen verstehen es nicht und wundern sich, die anderen wollen es bewusst falsch verstehen.
- Am Ende steht immer der Kanzler Erhard dumm da. Es gibt auch einiges, was auf der Habenseite steht.
- Unter Erhard wird das Passierschein-Abkommen geschlossen, das es Westdeutschen erlaubt, nach Ostdeutschland einzureisen.
- Mit Israel werden ganz normale diplomatische Beziehungen aufgenommen.
- Mit den Ländern in Mittel- und Osteuropa werden Handelsabkommen geschlossen.
- Das bedeutet, dass Westdeutschland langsam ein Land wie jedes andere wird,
- das Beziehungen zu anderen Ländern pflegt. Das ist auch ein Zeichen,
- dass die Bundesrepublik wieder selbst der Außenpolitik bestimmen kann. Das politische Ende kommt, als die vielen Wahlgeschenke,
- die 1965 versprochen wurden, eingelöst werden müssen. Erhard will Steuern erhöhen, damit die Menschen verstehen,
- dass sie dafür bezahlen müssen, wenn sie mehr vom Staat haben wollen. Der Koalitionspartner FDP ist aber gegen Steuererhöhungen
- und verlässt die Regierung. In dieser Krise reden CDU und CSU
- und die sozialdemokratische Partei Deutschlands, die SPD, miteinander. Sie beschließen, eine Große Koalition zu bilden. Und das ist bemerkenswert.
- Denn bisher sind die Christdemokraten und die Sozialdemokraten sich spinnefeind.
- Die Union will sich an der Macht halten und hofft, bei der nächsten Wahl die absolute Mehrheit zu ergattern,
- also alleine regieren zu können. Die SPD, die noch nie an der Regierung war,
- will sich als regierungsfähig beweisen. So kommen die Gegner schließlich zusammen.
- Erhards eigene Bundestagsfraktion nominiert den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger zum Kanzlerkandidaten.
- Erhard tritt zurück. Er sitzt noch 11 Jahre lang im Bundestag, als Hinterbänkler.
- Ludwig Erhard ist als Kanzler zwar gescheitert und fast vergessen, aber als Vater des Wirtschaftswunders und "Der Dicke mit der Zigarre"
- ist er heute immer noch eine Legende. Tja, Die große Frage ist,
- wie bewertet ihr letztendlich die Regierungszeit von Ludwig Erhard? Sagt ihr, als Minister hat er gut vorgelegt, da wurde er
- an ganz anderen Maßstäben gemessen, die er gar nicht erreichen konnte. Oder hat er eurer Meinung nach versagt?
- Schreibt es in die Kommentare. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Kanal abonniert, falls ihr das noch nicht gemacht hat.
- Danke fürs Zuschauen, bis zum nächsten Mal! Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2019)
Zum Nachlesen
Ludwig ErhardErhard wird häufig als Vater des „deutschen Wirtschaftswunders“ angesehen; sein tatsächlicher Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung ist allerdings umstritten.
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (bis 1990)Das zunächst angespannte Verhältnis der in den Westen eingebundenen Bundesrepublik zur DDR im Kalten Krieg wurde durch die neue Ostpolitik entspannt und endete …