Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Textinterpretation
Unter Textinterpretation versteht man den über die bloße Textbeschreibung hinausgehenden Versuch, die Bedeutung eines Textes, mit ihm verbundene …
Inhalt4 Abschnitte
Begriff und Ziel der Textinterpretation
Textinterpretation ist der Versuch, über die bloße Beschreibung hinaus die Bedeutung eines Textes, seine möglichen Wirkungsabsichten und weitere Aspekte zu erschließen. Sie wird meist auf literarische Texte angewandt, also Epik, Drama und Lyrik, kann aber auch Gebrauchstexte wie kommerzielle Inserate untersuchen.
In der Literaturwissenschaft soll Interpretation den Weg vom Text zu begründeten Deutungen methodisch anleiten. Eine solche Deutung muss nachvollziehbar und prüfbar sein und darf nicht bloß die subjektive Meinung der interpretierenden Person wiedergeben. Behauptungen werden deshalb durch Zitate und genaue Hinweise auf Eigenschaften des Textes belegt. Bedeutungen oder Wirkungen, die sich nicht nachweisen lassen, heißen Eisegese.
Die Interpretation kann unterschiedliche Bedeutungsebenen eines Textes erschließen. Ein Roman kann etwa zugleich ein Menschenleben darstellen, politische Verhältnisse kommentieren und durch Symbole oder Allegorien auf nicht ausdrücklich genannte Sachverhalte verweisen. Intertextualität bezeichnet dabei Bezüge eines Textes auf andere Werke, etwa durch Zitat, Parodie, Reaktion oder Abgrenzung.
Bei religiösen Texten spricht der Artikel von Auslegung statt Interpretation. Exegese, also die fachliche Auslegung religiöser Texte, setzt eine entsprechende Ausbildung voraus. Auch in der Soziologie gibt es Methoden der Textanalyse und -interpretation, die teilweise literaturwissenschaftlichen Verfahren ähneln.
Interpretieren in der Schule
Das argumentierende Interpretieren folgt schriftlich häufig einem Schema aus sechs Schritten:
- Die Einleitung nennt in einem oder zwei Sätzen Inhalt, Autor, Erscheinungsjahr und Wirkungsabsichten und führt zum Thema hin.
- Die Inhaltsangabe gibt den Text verkürzt wieder. Wichtig sind Handlungsverlauf, Hauptfiguren und wesentliche Ereignisse, nicht Einzelheiten.
- Die Interpretationshypothese formuliert das eigene Textverständnis und das Ziel der Deutung.
- Die formale Analyse untersucht Wortwahl, Satzbau, Satzverknüpfungen und sprachliche Bilder.
- Die Interpretation deutet den Text entsprechend der Hypothese. Entscheidende Textstellen sollen die Hypothese durch Zitate belegen; auch Stilmittel können einbezogen werden.
- Der Schluss fasst die eigene Hypothese wertend zusammen.
Beim paraphrasierenden Interpretieren wird der Text schrittweise in seiner Reihenfolge erklärt. Bei einem Gedicht werden beispielsweise zuerst die erste, dann die zweite und anschließend die weiteren Strophen interpretiert. Die Ergebnisse der Analyse stehen am Schluss zusammengefasst.
Für erzählende Texte ist ein dreiteiliger Aufbau üblich. Die Einleitung nennt die wichtigsten Angaben zu Autor und Handlung. Im Hauptteil werden inhaltliche, formale, biografische und historische Aspekte beschrieben, erläutert und gedeutet. Dazu gehören die chronologisch kurz wiedergegebene Handlung, Figuren und ihre Beziehungen, Erzählperspektive, Erzählaufbau und sprachliche Gestaltung. Möglich sind Vergleiche mit Werken desselben Autors oder mit themenverwandten Texten anderer Autoren. Auch Biografie, Zeit und Ort der Handlung sowie die Entstehungsgeschichte können in den geschichtlichen Hintergrund eingeordnet werden. Alle Angaben sollen mit Zitaten sowie Seiten-, Zeilen- oder Verszahlen belegt werden. Der Schlussteil bildet ein wertendes Fazit.
Methoden der Literaturwissenschaft
Die Methodenlehre der Interpretation heißt Hermeneutik. Textinterpretation kann textimmanent sein: Dann untersucht sie ausschließlich Inhalt und sprachliche Gestaltung des Textes. Sie kann aber auch psychologisches, soziologisches und historisches Wissen sowie die Biografie des Autors einbeziehen. Manche Literaturwissenschaftler und Philosophen bestreiten allerdings, dass Texte überhaupt methodisch geleitet interpretiert werden können.
Historistisch geprägte Philologie des 19. Jahrhunderts bezog Textbedeutungen auf die Bewusstseinsinhalte eines Autors zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt. Beispielhaft steht dafür Wilhelm Diltheys hermeneutische Methodenlehre, die er auch „Kritik der historischen Vernunft“ nannte. Hans Georg Gadamer wirkt in dieser deutschen Tradition bis heute nach.
Andere Verfahren betonen Bedeutungen, die nicht bewusst vom Autor angelegt wurden. Die psychoanalytische Textinterpretation konzentriert sich auf die latente, also dem Unbewussten des Autors entspringende Bedeutung; Sigmund Freud gilt als ihr Pionier. Als literaturwissenschaftliches Verfahren war sie besonders in den 1960er und 70er Jahren bedeutend.
Seit den 1930er Jahren setzte sich vor allem in den USA die textimmanente Interpretation durch. Sie verzichtet bewusst auf Autorintention und historisches Umfeld und liest Texte anhand ihrer inneren Strukturen und Bedeutungen. Daraus entwickelte sich in den 30er und 40er Jahren das genaue, „mikrologische“ Close Reading. Später wurde diese Tradition besonders im Poststrukturalismus und in der Dekonstruktion weiterbearbeitet.
Marxistische Textinterpretation gibt es seit etwa den 1920er Jahren. Georg Lukács und Walter Benjamin gelten auf unterschiedliche Weise als Pioniere. Sie deutet Literatur im Verhältnis zur gesellschaftlichen, besonders ökonomischen Entwicklung; Gesellschaft und Literatur werden als Basis und Überbau verstanden. In den 1960er und 70er Jahren wurden solche Lektüren durch Hochschulreformen und die linksgerichtete Studentenbewegung besonders bevorzugt. Aus diesem Kontext entstand in den 1970er Jahren die feministische Textinterpretation, die heute unter anderem in den Gender Studies institutionell verankert ist. Der New Historicism fragte seit Anfang der 1980er Jahre sowohl nach ökonomischen Bedingungen als auch, in Anschluss an Michel Foucault, nach Machtstrukturen der Literatur.
Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung
Die Praxis der Textinterpretation stammt wie der Textbegriff aus der Theologie. Biblische Exegese sollte schwierige Textstellen auslegen. Sie wurde wichtig, weil sich Textpassagen widersprechen können, Gottes Wort aber definitionsgemäß nicht widersprüchlich sein darf. Auslegung sollte solche Widersprüche harmonisieren und entscheiden, was wörtlich und was im „übertragenen Sinn“ zu verstehen ist. Unterschiedliche Deutungen, etwa zur Fleischwerdung Christi in der Eucharistie, können Konfessionen voneinander trennen.
In den 1670ern wurde Textinterpretation erstmals auf fiktionale Texte wie Roman, Gleichnis, Fabel und Novelle ausgeweitet. Der Theologe Pierre Daniel Huet schlug in Traitté de l’origine des romans und De interpretatione vor, Romane und Poesie als fiktionale Schriften zu klassifizieren und zu interpretieren. Sie sollten Aufschluss über die Zeiten und Kulturen ihrer Entstehung geben. Dieser Vorstoß blieb jedoch etwa 100 Jahre folgenlos; fiktionale Texte galten weiterhin als zu niedrig oder anstößig für eine ernsthafte Auslegung.
Mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Poesie in nationalen Textcorpora neu ausgelegt, und um 1750 wurde der Roman in den Korpus nationaler Dichtungen aufgenommen. Während frühere Poesiekritik vor allem poetologische Regeln und um 1730 auch den „Geschmack“ beurteilte, wurde nun nach tieferen und wahreren Bedeutungen gefragt. Ab etwa 1760 interessierten zunehmend Gefühle und Absichten der Autoren; dies trug bis zum Geniekult um Goethe und Schiller zur Aufwertung des Autors bei.
Textinterpretation wurde anschließend als akademisches Verfahren der Philologie und als Gegenstand der Hermeneutik institutionell verankert. Über Publikationen und die Lehrerausbildung prägte sie auch schulische Lektüreweisen. Interpretation besitzt außerdem eine politische Seite: Als Kommentar gewinnt sie Macht gegenüber ihrem Gegenstand, dem Text. An fiktionalen Werken lassen sich Themen diskutieren, ohne dass die interpretierende Person unmittelbar als politische Stellungnahme auftritt. Deshalb versuchten politische Systeme des 19. und 20. Jahrhunderts, die Interpretation fiktionaler Literatur durch Lehrpläne und die Besetzung von Lehrstühlen zu steuern.