Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Liquiditätsgrad
Der Liquiditätsgrad ist in der Betriebswirtschaftslehre eine betriebswirtschaftliche Kennzahl, welche die Zahlungsfähigkeit eines Wirtschaftssubjekts, …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Zweck
Der Liquiditätsgrad ist eine betriebswirtschaftliche Kennzahl für die Zahlungsfähigkeit eines Wirtschaftssubjekts. Er zeigt, ob ein Unternehmen, Privathaushalt oder Staat seinen Zahlungsverpflichtungen jederzeit fristgerecht nachkommen kann.
Gläubiger wie Anleger, Kreditinstitute und Lieferanten nutzen ihn ebenso wie die Finanzanalyse, Kreditwürdigkeitsprüfungen und Ratingagenturen. Für Unternehmen ist die Erhaltung der jederzeitigen Liquidität meist neben der Gewinnmaximierung ein wesentliches Ziel: Dauerhafte Liquiditätsengpässe können in einer Unternehmenskrise zur Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit führen. Besonders bedeutsam ist die Kennzahl für Kreditinstitute und Nichtbankunternehmen; bei Privathaushalten wird sie in der privaten Liquiditätsrechnung ermittelt.
Drei Stufen der Liquidität
Die üblichen drei Liquiditätsgrade unterscheiden sich danach, welche Vermögensgegenstände einbezogen werden. Maßstab ist ihre Liquidierbarkeit, also ihre Geldnähe: Geldnahe Werte lassen sich leicht, geldferne Werte schwer in Geld umwandeln. Werden Sachwerte durch Verkauf in Geld umgewandelt, spricht man von Monetarisierung.
Wie gut ein Vermögenswert verkauft werden kann, hängt von der Marktliquidität ab, also von Marktbreite und Marktenge. Bei schlechter Marktliquidität muss beim Verkauf eher eine Wertminderung, ein Disagio, hingenommen werden. Mit den höheren Liquiditätsgraden werden mehr Vermögensgegenstände zusammengefasst; zugleich ist bei ihrer Monetarisierung eine höhere Wertminderung zu erwarten.
Als Richtwerte nennt die Betriebswirtschaftslehre: Liquidität 1. Grades mindestens 0,2, Liquidität 2. Grades mindestens 1 und Liquidität 3. Grades mindestens 2.
Sofort verfügbare Mittel
Die Liquidität 1. Grades heißt auf Englisch Cash Ratio (CR), außerdem Barliquidität oder Primärliquidität. Sie setzt die am schnellsten und ohne oder mit sehr geringer Wertminderung liquidisierbaren Mittel ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten:
Cash Ratio = liquide Mittel (Zahlungsmittelbestand) / kurzfristige Verbindlichkeiten.
Die Kennzahl zeigt somit, inwieweit ein Unternehmen seine gegenwärtigen kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen allein aus vorhandenen liquiden Mitteln erfüllen kann. Zum Zahlungsmittelbestand gehören nach § 266 Abs. 2 B IV HGB Kassenbestand einschließlich Sorten, Guthaben bei der Bundesbank, Bankguthaben bei Kreditinstituten sowie die heute kaum noch vorkommenden Schecks.
Kurzfristig verfügbare Werte
Die Liquidität 2. Grades wird Acid Test Ratio (ATR) oder Quick Ratio genannt; weitere Bezeichnungen sind Einzugsliquidität (EL). Sie berechnet sich als:
Acid Test Ratio = (Zahlungsmittelbestand + kurzfristige Forderungen + kurzfristige Wertpapiere) / kurzfristige Verbindlichkeiten.
Neben den Zahlungsmitteln werden kurzfristige Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sowie kurzfristige Wertpapiere einbezogen, nämlich Geldmarktpapiere und Aktien des Umlaufvermögens. Die Kennzahl misst, ob kurzfristige Verbindlichkeiten beglichen werden können. Liegt der ATR unter 1, ist ein Teil dieser Verbindlichkeiten nicht durch kurzfristig verfügbares Vermögen gedeckt; dadurch kann ein Liquiditätsengpass entstehen.
Umlaufvermögen und Grenzen der Kennzahlen
Die Liquidität 3. Grades heißt Current Ratio. Sie setzt das gesamte Umlaufvermögen zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten ins Verhältnis:
Current Ratio = gesamtes Umlaufvermögen / kurzfristige Verbindlichkeiten.
Zum Umlaufvermögen zählen Geldvermögen, Wertpapiere, Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände sowie Vorräte. Gegenüber der Liquidität 2. Grades kommen alle bisher nicht erfassten Werte des Umlaufvermögens hinzu, darunter alle Wertpapiere, auch die des Finanzanlagevermögens, Vorräte und sonstige Forderungen. Bei einem Current Ratio unter 1 ist ein Teil der kurzfristigen Verbindlichkeiten nicht durch Umlaufvermögen gedeckt; möglicherweise muss dann Anlagevermögen verkauft werden. Die Kennziffer sollte deshalb über 1 liegen.
Nach der „Banker’s rule“ oder Two-to-One-Rule sollte sie mindestens 2 betragen. Dies ist eine Zielgröße US-amerikanischer Banken bei der Kreditvergabe und beruht auf US-amerikanischer, an Eigenkapitalgebern orientierter Rechnungslegung. Als weitere Zielgröße wird mindestens 1,2 genannt; sie basiert auf der in Deutschland, Österreich und der Schweiz an Fremdkapitalgebern orientierten Rechnungslegung und mitteleuropäischen Wirtschaftsstrukturen. Die deutsche Rechnungslegung entwickelt sich mit dem BilMoG stärker Richtung IFRS, das der US-amerikanischen Rechnungslegung näher ist.
Zum Working Capital (WC) besteht folgender Zusammenhang: L3 = 1 ↔ WC = 0; L3 > 1 ↔ WC > 0; L3 < 1 ↔ WC < 0.
Alle Liquiditätsgrade bilden nur statische Liquidität ab, da sie Bilanzpositionen zum Bilanzstichtag verwenden. Für die Einschätzung des Insolvenzrisikos sind sie daher wenig geeignet: Auch bei Liquidität 3. Grades über 1 können aktuell Zahlungsschwierigkeiten bestehen. Eine eher brauchbare Analyse des Liquiditätsrisikos berücksichtigt die dynamische Liquidität aus dem Finanzplan.
Lernvideos zu Liquiditätsgrad
4:33
Bilanzkennzahlen - Liquidität 1. Grades, 2. Grades und 3. Grades gaaanz einfach!
Wirtschaft gaaanz einfach! · 64.587 Aufrufe
7:08
Liquidität 1 .Grades, 2. Grades und 3. Grades - Bilanzkennzahlen einfach berechnen und bewerten!
Herr Tafelschwamm · 12.273 Aufrufe
1:57
Liquidität 2. Grades: Berechnen & bewerten (Beispiel)
Alles Andy · 102 Aufrufe
5:01
Liquiditätskennzahlen einfach erklärt mit Rechnung und Übungsaufgabe für deine Prüfungsvorbereitung!
AnkerWissen · 2.146 Aufrufe