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Lehnswesen
Das Lehnswesen war kennzeichnend für den Feudalismus und das politisch-ökonomische System des europäischen Mittelalters. Aber auch in anderen Kulturen …
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Grundidee und Bedeutung
Das Lehnswesen war eine im mittelalterlichen Europa ausgeprägte Gesellschafts-, Wirtschafts-, Rechts- und Besitzordnung. Ein Lehnsherr überließ einem Lehnsmann oder Vasallen ein Lehen: meist Land mit Gebäuden, später auch Ämter oder nutzbare Hoheitsrechte, etwa Jagd-, Fischerei- oder Steuerrechte. Als Gegenleistung verpflichteten sich beide zur Treue: Der Herr sollte Schutz und Schirm gewähren, der Vasall Rat und Hilfe, besonders militärische und politische Unterstützung.
Das Eigentum am Lehnsgut blieb grundsätzlich beim Lehnsherrn; der Vasall erhielt Besitz und ein weitreichendes Nutzungsrecht, verwaltete das Gut und bestritt daraus seinen Lebensunterhalt. Später bezeichnete man das Nutzungsrecht als dominium utile und das Obereigentum des Herrn als dominium directum. Das freie, nicht an einen Lehnsverband gebundene Eigentum hieß Allod oder Allodium.
Die oft verwendete Lehenspyramide ordnet König oder Kaiser, Vasallen und Untervasallen in Hierarchieebenen; unfreie Bauern bilden darin die Basis. Sie wurde allerdings erst im 16. Jahrhundert entwickelt und gilt vielen Forschern, besonders für das Heilige Römische Reich, als zu vereinfachend. Zwischen Bauern und Untervasallen bestand in diesem Modell keine lehnsrechtliche Beziehung.
Entstehung und historische Einordnung
Die Entstehungszeit eines ausgebildeten Lehnswesens ist umstritten. Lange wurde sein Ursprung bei den Karolingern im 8. und 9. Jahrhundert gesehen. Seit Susan Reynolds’ Untersuchung von 1994 nehmen Forschende häufiger an, dass sich ein ausgebildetes Lehnswesen in West- und Mitteleuropa erst im 11. Jahrhundert nachweisen lässt. Steffen Patzold hält den Begriff grundsätzlich für irreführend: Unterschiedliche Leihe-, Pacht-, Zins- und Kaufgeschäfte seien nicht notwendig mit persönlicher Abhängigkeit verbunden gewesen. Ein systematisches Lehnsrecht entstand erst ab der Mitte des 12. Jahrhunderts, ausgehend von Oberitalien.
Voraussetzungen waren ältere Einrichtungen: die antrustiones als enges Königsgefolge, die Vasallität und das Benefizialwesen. Bei der Kommendation begab sich ein freier, schutzsuchender Mensch in die Hand eines Mächtigeren, blieb rechtlich frei und schuldete dafür Treue und Dienst. Das beneficium war insbesondere die Überlassung von Kirchengut gegen Zins oder Dienst zum Nießbrauch. Die Verbindung solcher Einrichtungen entwickelte sich zum Lehnswesen. Als mögliche Vorbilder gelten außerdem das römische Klientelwesen, germanisches Gefolgschaftswesen und das römische Kolonat.
Im römischen Klientelverhältnis unterstützten Klienten ihren Patron im Krieg, vor Gericht und in der Öffentlichkeit; der Patron gewährte rechtliche und tatsächliche Hilfe. In der Spätantike verlagerte sich diese Bindung zunehmend auf große ländliche Güter. Für die mittelalterliche Herrschaft war außerdem der Aufbau von Reiterheeren wichtig, deren Waffen und Futter teilweise oder vollständig dezentral beschafft wurden.
Lehnsrecht, Gegenstände und Beteiligte
Zu den essentialia feudi, den wesentlichen Voraussetzungen eines Lehens, gehörten ein lehnbarer Gegenstand, die aktive Lehnsfähigkeit des Herrn und die passive Lehnsfähigkeit des Vasallen sowie Nutzungsrechte und Lehnstreue (fidelitas feudalis). Zunächst waren vor allem Liegenschaften wie Gebäude, Dörfer, Land oder Freihäuser lehnbar. Später konnten alle Gegenstände und Rechte mit dauerhafter Nutzungsmöglichkeit verliehen werden, darunter Ämter, Regalien (staatliche Hoheitsrechte), Territorien, kirchliche Rechte, regelmäßige Zahlungen, Zölle, Zehnt-, Jagd-, Wappen- und Gerichtsrechte.
Aktiv lehnsfähig war, wer über den Gegenstand verfügen und die Rechte und Pflichten eines Lehnsverhältnisses übernehmen konnte; grundsätzlich waren dies adelige Landesherren. Passive Lehnsfähigkeit verlangte Erwerbsfähigkeit und die Fähigkeit, persönliche Lehnsdienste zu leisten. Absolut lehnsunfähig waren etwa Personen ohne Erwerbsfähigkeit und Ehrlose. Relativ lehnsunfähig waren zum Beispiel Gebrechliche, Frauen oder Unreife, sofern der Herr auf die nicht leistbaren Dienste verzichten konnte. Bei Ritter- oder Helmlehen waren außerdem Nicht-Ritterbürtige ausgeschlossen; die gleichzeitige Verleihung eines Wappens und des Lehenartikels konnte ihre Lehnsfähigkeit sichern.
Die Heerschildordnung des Sachsenspiegels gliederte die Rangfolge im 13. Jahrhundert in König, geistliche Fürsten, weltliche Fürsten, Grafen und Freiherren, Ministeriale, Männer der Ministerialen sowie ritterbürtige Mannen. Letztere konnten nur Lehen annehmen, nicht selbst vergeben. Neben den üblichen Lehen gab es viele Formen, etwa Erblehen, Burglehen für Burgdienste, Reichslehen, Fahnlehen für weltliche Fürsten, Zepterlehen für geistliche Fürsten, Afterlehen und Samtlehen für mehrere Mitbelehnte.
Begründung, Dienste und Schutzpflichten
Ein Lehen wurde meist durch Investitur (constitutio feudi oder infeudatio) begründet. In fränkischer Zeit stand der Handgang im Mittelpunkt: Der Vasall legte seine gefalteten Hände in die Hände des Herrn. Das stellte symbolisch seine Unterstellung unter dessen Schutz dar. Seit Ende des 9. Jahrhunderts ergänzte ein Lehnseid, oft auf eine Reliquie, diesen Akt. Er betonte, dass der Vasall seinen Status als Freier behielt, denn nur Freie konnten sich durch Eid binden.
Im 11. Jahrhundert umfasste die Huldigung oder Lehnnahme Handgang und Willenserklärung des Vasallen, danach meist den Lehnseid, teils einen Kuss und die symbolische Übergabe eines Gegenstands. Stab oder Fahne standen bei weltlichen Fürsten für das Lehen; geistliche Reichsfürsten erhielten ein Zepter. Mit zunehmender Schriftlichkeit wurden Belehnungen urkundlich dokumentiert, im Lehnsprotokoll festgehalten und durch Lehnsbrief, Lehnsrevers oder Lehnsinventar näher belegt.
Die Pflichten des Vasallen wurden seit dem 11. Jahrhundert meist als auxilium et consilium bezeichnet: Hilfe und Rat. Auxilium meinte vor allem Kriegsdienst, der unterschiedlich weit reichen konnte. Consilium war insbesondere die Pflicht zur Teilnahme an Hoftagen und Ratsversammlungen sowie zum Rechtsprechen im Namen des Herrn. Aus der Hoffahrt entwickelten sich später Land- und Reichstage. Geldleistungen konnten etwa Lösegeld für den gefangenen Herrn, den Ritterschlag des ältesten Sohnes, die Mitgift der ältesten Tochter oder eine Fahrt ins Heilige Land finanzieren. Der Herr hatte demgegenüber Schutz, Treue und gerichtliche Vertretung zu gewähren.
Erblichkeit, Wandel und Abschaffung
Das Lehnswesen wurde in der fränkischen Monarchie zur Grundlage von Heerverfassung und sozialer Organisation. Gewohnheitsrechtlich setzten sich Erblichkeit und die Weitervergabe als Afterlehen durch. Konrad II. erklärte Afterlehen 1037 in der Constitutio de feudis für erblich; im 12. Jahrhundert waren bereits alle Herzogtümer und Grafschaften als Lehen vergeben. Wichtige Rechtsquellen waren die Libri Feudorum, der Sachsenspiegel um 1220 und der Schwabenspiegel um 1275.
Ursprünglich war die Bindung lebenslang und auf einen Herrn gerichtet. Seit dem späten 11. beziehungsweise frühen 12. Jahrhundert lockerte Mehrfachvasallität diese Bindung. Durch Vererbung und Allodialisierung, also den Übergang von Lehnsgut zu Eigengut, wurde die persönliche Treuepflicht weniger wichtig. Verletzte der Herr seine Schutz- und Fürsorgepflicht, konnte der Vasall ihm durch diffidatio die Treue aufkündigen. Beim Heimfall erloschen die vasallitischen Rechte; dominium utile und dominium directum vereinigten sich wieder beim Lehnsherrn.
In England beseitigte Karl II. 1660 den Lehnsverband. Die französische Nationalversammlung schaffte am 4. und 5. August 1789 feudale Lasten ohne Entschädigung ab und ordnete für andere, auf Verleihung beruhende Rechte die Ablösung an. In Deutschland verlief die Auflösung über Rheinbundakte, Reichsdeputationshauptschluss und Paulskirchenverfassung von 1849. Art. 59 EGBGB ließ beim Inkrafttreten am 1. Januar 1900 Lehen und Familienfideikommisse zunächst unberührt. Das Kontrollratsgesetz Nr. 45 vom 25. Februar 1947 hob unter anderem das Reichserbhofgesetz und diese Sonderstellung des Grundeigentums auf. In Schottland wurden feudale Rechte und Pflichten erst 2000 durch den Abolition of Feudal Tenure Act abgeschafft.