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Feudalismus
Entstehung und Geschichte · Die Kernregion des europäischen Feudalismus lag im Norden des heutigen Frankreich, das dem idealtypischen Feudalsystem sehr viel mehr …
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Grundstruktur und zentrale Merkmale
Feudalismus, auch Feudalsystem oder Feudalität genannt, bezeichnet vor allem eine Gesellschafts- und Wirtschaftsform des europäischen Mittelalters, die mindestens bis ins 18. Jahrhundert bestand. Er war zugleich ein militärisches, politisches und ökonomisch-soziales System. Im Mittelpunkt standen ein berufsmäßiger Kriegerstand, die Bindung an einen Herrscher durch persönliche Treue sowie die Versorgung der Krieger mit Erträgen aus Grundherrschaften.
Ein Herrscher, etwa ein König oder Herzog, überließ einem militärischen Gefolgsmann, dem Vasallen, die Nutzung eines Teils seines Landes und der dort lebenden Bevölkerung. Dieses Lehen, lateinisch feodum, war ursprünglich ein zur Leihe übertragenes beneficium, also eine Wohltat in Form eines Liegenschaftsvermögens. Es sollte aufgrund seiner Bodenbeschaffenheit, seiner Bewohner und seiner baulichen sowie sachlichen Ausstattung genügend Erträge zum Unterhalt des Lehnsinhabers liefern. Der Vasall schuldete dafür seinem Lehnsherrn insbesondere Kriegsdienste und Gefolgschaftstreue.
Streng genommen umfasst der Feudalismus zwei getrennte Dimensionen: Zum einen das Verhältnis des obersten Herrn zur Kriegergruppe und deren Treue; zum anderen die Herrschaftsverhältnisse der belehnten Gruppe gegenüber den Bauern. Mit den Lehensgütern entwickelten sich nach unten herrschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, die teilweise als Leibeigenschaft verrechtlicht wurden. Die Bauern wurden dadurch aus der staatlich-politischen Willensbildung ausgeschlossen, während die Aufteilung der Herrschaft nach oben eine zentrale Staatsverwaltung schwächte.
Die Produktion war stark von Naturalwirtschaft und schlechten Verkehrsverhältnissen geprägt. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Bauernfamilien, von denen nur ein Teil Eigentümer des von ihnen bewirtschafteten Landes war. Der Großteil gehörte wenigen Grundherren. Viele Bauern waren hörig, also persönlich abhängig und unfrei. Sie waren an die Scholle gebunden (glebae adscripti), durften das Land nicht verlassen und unterstanden der Rechtsprechung ihres Herrn. Außerdem mussten sie Abgaben leisten: Fron waren Arbeitsleistungen auf dem direkt vom Grundherrn bewirtschafteten Land, dem Salland; der Zehnt waren Naturalabgaben aus dem Landstück, das die Bauern selbst bewirtschafteten. Beide Formen konnten später durch Geldabgaben ersetzt werden.
Grund-, Gerichts- und Lehnsherrschaft konnten in verschiedenen Händen liegen. Der Grundherr war gegenüber den Hörigen nicht vollkommen frei, die Landnutzung jederzeit zu entziehen. Es gab erbliche Nutzungsrechte innerhalb der Familie, Nutzungsrechte auf Lebenszeit oder für mehrere Jahre sowie jederzeit widerrufbare Nutzungsrechte. Auch das Eigentum des Grundherrn war meist nur bedingt, weil er das Land als Lehen eines höhergestellten Adligen erhalten hatte. König oder höhere Vasallen konnten jedoch unmittelbar als Grundherren auftreten.
Die politische Souveränität war nach unten quasi parzelliert. Die Kette abhängiger, mit Kriegsdienst verbundener Lehen reichte bis zum König, dessen hoheitliche Domäne letztlich alles Land umfasste. Öffentliche Ordnung, Verwaltung und Machtausübung wurden bis auf die örtliche Ebene durch das Feudalsystem getragen; der König hatte keinen direkten rechtlichen Zugang zu einem Großteil seiner Untertanen. Ein Teil der Einnahmen wurde als patriarchalisches Almosen oder als Geschenk an treue Vasallen verteilt. Der Wunsch nach möglichst großen bäuerlichen Überschüssen förderte zugleich eine allmähliche Produktivitätssteigerung, durch die mehr Menschen außerhalb der Landwirtschaft leben konnten, etwa Handwerker an Herrensitzen und in Städten.
Entstehung und historische Entwicklung
Die feudale Gesellschaft entstand im Frühmittelalter durch die Verschmelzung der sich auflösenden antiken Gesellschaft mit keltischen und germanischen Gesellschaften. Als wichtige mögliche Quellen gelten das römische Kolonat mit seinen halbfreien Bauern, die fortbestehende antike Sklaverei, eine möglicherweise weiterwirkende keltische Vasallität und vor allem die persönliche germanische Gefolgschaft. Die feudalen Institutionen entwickelten sich jedoch erst allmählich im Frankenreich.
Nach der Völkerwanderung entstanden auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reiches mehrere germanische Königreiche. Im 9. Jahrhundert geriet eine zuvor teilweise freie Bauernschaft durch ständige Kriege und Invasionen, unter anderem durch Wikinger, Sarazenen und Magyaren, zunehmend in wirtschaftliche Not und Abhängigkeit von Feudalherren. Der Eintritt in eine Grundherrschaft konnte Bauern vor der persönlichen Teilnahme an kostspieligen Kriegszügen schützen. Eine andere Erklärung betont die Schwächung der Zentralgewalt: Weil sie allgemein anerkannte Rechte nicht mehr durchsetzen konnte, stiegen lokale Herrschaften auf, die ihre Besitzrechte von befestigten Wohnsitzen, den Burgen, aus sicherten und notfalls gewaltsam durchsetzten.
Der rechtliche Status der Bauern unterschied sich zunächst vermutlich nicht stark von dem der Freien. Im Laufe der Jahrhunderte wurde ihre persönliche Freiheit jedoch immer weiter eingeschränkt; teilweise erfolgte die Einverleibung in Herrschaften auch gewaltsam, etwa im Stedingerkrieg. Die Kernregion des europäischen Feudalismus lag im Norden des heutigen Frankreich. Dort entstand eine besonders dichte Lehnshierarchie mit zahlreichen Ebenen der Subinfeudation, also der Vergabe von Unterlehen. In den heute zu Deutschland gehörenden Gebieten, ausgenommen bei den Sachsen, setzte sich der Feudalismus erst im 9. Jahrhundert durch. In Sachsen und teilweise in anderen deutschen Gebieten etablierte sich die Leibeigenschaft erst bis zum 12. Jahrhundert.
Südeuropa bewahrte stärkere antike Strukturen. In Spanien, im Languedoc und in Italien gab es mehr originäres, nicht lehnsgebundenes Allod, also Eigentum. Städte blieben dort bedeutender und erlebten im Languedoc und in Italien bereits ab dem 10. Jahrhundert eine neue Blüte. In Nordeuropa dauerte die Herausbildung der Leibeigenschaft länger. In Schweden konnte sich das Feudalsystem nie vollständig, in Norwegen überhaupt nicht durchsetzen. In England blieb die autonome Volksgerichtsbarkeit teilweise erhalten; aus ihr entwickelte sich das Common Law.
Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit veränderte sich der Feudalismus durch eine stärkere Rechtsstellung der Feudalherren, wirtschaftliche Entwicklungen und den starken Bevölkerungsanstieg. Agrartechnische Verbesserungen waren unter anderem Dreifelderwirtschaft, Beetpflug und Kummet. Bis etwa 1150 beschränkten sich die Wirtschaftsbeziehungen im späteren Deutschland weitgehend auf Leistungen innerhalb der Villikation oder auf regionale Kontakte. Mit der Geldwirtschaft entstanden erste Handelsbeziehungen zu städtischen Zentren. Von etwa 1470 an entwickelte sich der Handel mit Agrarprodukten zu europaweiten und später interkontinentalen Handelsströmen. Geldmangel zwang Zentralgewalten zunehmend, Privilegien und Konzessionen gegen Geld zu vergeben, was ihre Stellung gegenüber den Feudalherren schwächte. Einzelne feudale Rechtsformen blieben regional länger bestehen; das schottische Immobilienrecht folgte etwa bis 2002 einem System des feudal tenure, bei dem ein Grundstückskäufer formal Vasall eines Lehnsherrn wurde.
Feudalismus als allgemeine Interaktionsform
Vladimir Shlapentokh versteht Feudalismus in Anlehnung an die formale Soziologie Georg Simmels nicht nur als bestimmte Gesellschaftsformation, sondern als besondere Form sozialer Interaktion. Sie könne in allen Epochen und Gesellschaftsformationen vorkommen und sei auch in der Moderne nie vollständig verschwunden.
Diese Interaktionsform beruht auf dem Bedürfnis nach Schutz und der Bereitschaft, für diesen Schutz Gegenleistungen zu erbringen. Diese können militärische Gefolgschaft, Naturalien, Arbeitsleistungen oder Geld sein. Unter dieser Perspektive gelten nicht nur mittelalterliche Gefolgschaften, sondern auch politische Patronage und Begünstigungen gegen Wohlverhalten, Abhängigkeiten in der Netzwerkökonomie oder Schattenwirtschaft, oligarchische Herrschaften mit Klientelismus und hierarchisch organisierte Mafiabanden als mögliche feudale Interaktionsformen.
Der Politikwissenschaftler und Anthropologe Aaron B. Wildavsky sieht feudale Strukturen außerdem im Reich der Kassiten, im Mittleren Reich Ägyptens und in Japan bis zum 18. Jahrhundert. Shlapentokh und Joshua Woods schlagen vor, moderne Gesellschaften, die vom mittelalterlichen europäischen Idealtypus abweichen, als Mischformen verschiedener gesellschaftlicher Segmente zu betrachten. In ihnen können liberal-kapitalistische, oligarchische, tribalistische, klientelistische und autoritäre Wirtschafts- und Herrschaftsformen nebeneinander bestehen, etwa in den USA und in Russland.
Zu den dabei genannten fortbestehenden oder neu entstehenden Strukturen gehören Politikerdynastien, Privatarmeen und bewachte Wohnanlagen. Dieser segmentäre Ansatz widerspricht systemisch-holistischen Gesellschaftsmodellen, etwa der Vorstellung Talcott Parsons’, dass partikulare Werte durch universelle Werte verdrängt werden, sowie der Systemtheorie Niklas Luhmanns. Teilweise vereinbar erscheint er mit marxistischen Gesellschaftsmodellen, sofern diese nicht von einheitlichen, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Produktionsverhältnissen ausgehen.
Refeudalisierung und Neo-Feudalismus
Refeudalisierung bezeichnet die Wiederherstellung einer feudalen Ordnung, also die Rückkehr zu ursprünglichen Formen feudaler Organisation von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Begriff wird für Entwicklungen verwendet, die im 18. und 19. Jahrhundert in Süd- und Südosteuropa vorkamen, aber auch für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts.
Neo-Feudalismus meint die teilweise oder umfassende spontane Entstehung oder planmäßige Einführung feudalismusähnlicher Organisationsformen mitten im Kapitalismus. Für die Vereinigten Staaten vertreten dies Emmanuel Todd, Joel Kotkin und Vladimir Shlapentokh; Shlapentokh stellt eine solche Tendenz auch für Russland nach 1991 fest. Als modernes feudales Merkmal gilt die Sicherung von Monopolrenten durch Privilegien, Lizenzen, Konzessionen, Subventionen oder die Bereitstellung öffentlicher Güter. Unternehmen fördern Politiker beispielsweise durch die Finanzierung von Parteien und Wahlkämpfen und unterstützen im Gegenzug Politiker, die ihnen Monopol- oder Zusatzrenten ohne entsprechende Gegenleistungen versprechen.
Jürgen Habermas sprach 1962 angesichts aktueller Entwicklungen von einer Refeudalisierung der Gesellschaft. Gemeint ist eine zunehmende Verschränkung der öffentlichen Sphäre mit dem privaten Bereich: Politische Instanzen übernehmen Funktionen im Warenverkehr und in der gesellschaftlichen Arbeit, während gesellschaftliche Mächte politische Funktionen übernehmen. Wie frühere Herrscher sich öffentlich zur Schau stellten, inszenieren sich Politiker in den Medien. Bürgern bleibe dabei eher die Rolle von Bewunderern als von Mitentscheidenden; die kritische Öffentlichkeit entwickle sich zurück. Genannte Merkmale sind wachsende Ungleichheit der Vermögensverteilung, öffentliche Inszenierung, die Darstellung von Partikularinteressen als Allgemeininteressen, der Ausschluss der Öffentlichkeit von Entscheidungen von öffentlichem Interesse und die Bedeutung sozialer Herkunft für Wohlstand.
Robert Lewis Koehl verwendete den Begriff „Neofeudalismus“ für die nationalsozialistische Herrschaft, besonders im besetzten Osteuropa. Dort sei die deutsche Herrschaft personalisiert gewesen und örtliche Befehlshaber hätten eine absolute Machtfülle besessen. Koehl wollte damit Gemeinsamkeiten charismatischer Elemente mittelalterlicher und nationalsozialistischer Herrschaft sowie irrationale Aspekte des Nationalsozialismus beschreiben. Seine Annahme, diese Machtbeziehungen seien aus einer atavistischen Ideologie des Nationalsozialismus entstanden, wird von der neueren Forschung jedoch nicht geteilt.
Statusvererbung, Managerklasse und Technofeudalismus
Für Rainer Forst zeigt sich eine weitere Form der Refeudalisierung in der Konzentration auf Geldvermögen und sozialen Status als äußere Erfolgsmaßstäbe anstelle von Leistung sowie in deren zunehmender Vererbung. Reichtum und Armut würden innerhalb abgegrenzter sozialer Gruppen weitergegeben. Dies geschehe nicht nur durch die Weitergabe oder das Fehlen materieller Güter, sondern besonders durch die frühe soziale Prägung von Bildungs- und Aufstiegschancen. Laut der im Artikel zitierten Angabe sind die Chancen eines Kindes aus einem Elternhaus mit hohem sozialem Status, ein Studium aufzunehmen, mehr als siebenmal größer als die eines Arbeiterkindes. So entstehe einem „Adel der Chancen“ eine Gruppe von Besitz- und Ressourcenlosen ohne Perspektiven gegenüber.
Der Hamburger Soziologe Sighard Neckel vertritt die Auffassung, dass im Finanzmarktkapitalismus Einkommen und Macht nach vormodernen Mustern verteilt werden. Die Arbeitsbedingungen mancher Menschen erinnerten eher an Leibeigenschaft und Sklaverei als an bürgerlich-kapitalistische Vertragsverhältnisse. Gleichzeitig würden in der gesellschaftlichen „Beletage“ Privilegien vormodern verteilt: Reichtum werde vor allem vererbt, und eine ständisch organisierte Managerklasse verschaffe sich sehr hohe Gehälter. Der Historiker Olaf Kaltmeier beschreibt für Lateinamerika im frühen 21. Jahrhundert ebenfalls eine Tendenz zur Refeudalisierung.
Cédric Durand und Yanis Varoufakis verwenden den Begriff Technofeudalismus für die zunehmende Verflechtung von Big Tech und westlichen Staaten, die daraus entstehende politische Einflussnahme und die vermeintliche Unabdingbarkeit der Technologien großer Technologiekonzerne.
Die neoreaktionäre Bewegung strebt an, Staaten in neofeudale Aktiengesellschaften umzuwandeln. Diese sollen von Anteilseignern und einem Geschäftsführer beherrscht werden.
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