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Kunstlied
Als Kunstlied wird eine Gattung des Liedes bezeichnet, die ausschließlich aufgrund von Musiknoten interpretiert wird und sich Ende des 16.
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Wesen und Abgrenzung
Das Kunstlied ist eine Liedgattung, die ausschließlich anhand von Musiknoten interpretiert wird. Es entwickelte sich Ende des 16. Jahrhunderts, setzt eine klassische Gesangsausbildung voraus und wird traditionell im Rahmen eines Liederabends aufgeführt. Dadurch unterscheidet es sich von der Arie in Oper und Oratorium sowie vom Theaterlied im Schauspiel.
Kunstlieder vertonen grundsätzlich Lyrik, also Gedichte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde es dem Volkslied gegenübergestellt: Dieses werde mündlich überliefert und habe häufig keinen bekannten Komponisten, während ein Kunstlied eine anspruchsvolle Vertonung durch einen namentlich bekannten Komponisten sei.
Der Begriff wird unterschiedlich weit gefasst. Im engeren Sinn meint er vor allem europäische, besonders deutschsprachige Lieder von Franz Schuberts Vertonungen ab 1810 bis zu Richard Strauss und Arnold Schönberg. Im weiteren Sinn bezeichnet er solistische westliche Lieder mit meist akkordischer Instrumentalbegleitung seit der Monodie um 1600. Im weitesten Sinn umfasst er Lieder aller Zeiten mit einem künstlerischen Anspruch.
Formen und Verhältnis zum Volkslied
Beim einfachen Strophenlied bleiben Melodie und Begleitung in jeder Strophe gleich. Die Gesamtstimmung bleibt dadurch über das ganze Lied erhalten; ein Beispiel ist Ruhe von C. F. Zelter.
Im variierten Strophenlied werden einzelne Strophen verändert, etwa durch einen Wechsel von Dur nach Moll, Ausschmückungen oder einen kleinen neuen Abschnitt. Stimmungswechsel beeinflussen die Grundform nur begrenzt. Franz Schuberts Der Lindenbaum aus der Winterreise ist ein Beispiel.
Beim durchkomponierten Lied folgen dem Geschehen stets neue Melodie und Begleitung. Diese Form eignet sich besonders für nicht strophisch gegliederte Texte mit dem Charakter von Prosa oder gesprochener Sprache, kann aber auch strophische Gedichte nach ihrem Inhalt gestalten. Ein Beispiel ist Mit der Njanja aus Modest Mussorgskis Kinderstube. Neben Gedichten können auch Zeitungsausschnitte wie in Leoš Janáčeks Tagebuch eines Verschollenen oder Gedichtfragmente wie in Wolfgang Rihms Hölderlin-Fragmenten vertont werden. Textlose Stücke heißen Vokalisen.
Die Trennung zwischen Kunst- und Volkslied ist nicht immer eindeutig. Volkslieder können einen bekannten Autor haben; sie werden dann als primär bezeichnet, bei unbekanntem Autor als sekundär. Schuberts Der Lindenbaum wurde in Friedrich Silchers Männerchorfassung als Am Brunnen vor dem Tore zum Volkslied. Guten Abend, gut’ Nacht, als Volkslied verbreitet, wurde ursprünglich von Johannes Brahms komponiert. Umgekehrt bearbeiteten Komponisten bekannte Volkslieder oder schrieben Klavierbegleitungen dazu.
Entwicklung bis zur Klassik
Als Grundlage des Kunstliedes gilt der mittelalterliche Minnesang. Troubadours, Trouvères und Minnesänger vertonten meist eigene Liebes- und Naturlyrik, aber auch politische, soziale, lobende, spöttische oder tänzerische Texte. Komponist und Sänger waren häufig dieselbe Person; die Laute war ein wichtiges Begleitinstrument. Handschriften wie der Codex Manesse, die Jenaer Liederhandschrift und die Kolmarer Liederhandschrift bewahren Texte und wenige Melodien. Verbreitet war die Barform aus Stollen, Stollen und Abgesang. Aus dem Minnesang entwickelte sich in den Städten der stärker regelgebundene Meistergesang.
Seit dem 12. Jahrhundert führte die Polyphonie, also das gleichzeitige Erklingen mehrerer selbstständiger Melodien, zu mehrstimmigen Liedformen und Chorsätzen. Das Sololied blieb bestehen, wurde jedoch teilweise in den Hintergrund gedrängt. Im Barock prägte die aus Italien kommende Monodie das Generalbasslied: Eine Oberstimme führte die Melodie, der Bass bildete den Gegenpart, Mittelstimmen füllten die Harmonie. Giulio Caccinis Le nuove musiche verband Deklamation und Koloratur. Das Cembalo löste die Laute zunehmend als Begleitinstrument ab.
In der Klassik forderte Christian Gottfried Krause einfache, volkstümliche Lieder, deren Melodie wichtiger als der Klaviersatz sein sollte. Die Berliner Liederschule folgte diesem Ideal. Carl Philipp Emanuel Bach suchte darüber hinaus persönlichen Gefühlsausdruck. In der Wiener Klassik gewann das Klavier an Bedeutung: Joseph Haydn machte es zu einem Instrument, das die innere Form des Liedes zusammenhält. Ludwig van Beethoven entwickelte mit Adelaide (1795/96) neue Ausdrucksformen und gab mit An die ferne Geliebte einen wichtigen Impuls zum Liederzyklus, in dem Stimme und Begleitung gleichberechtigt sind.
Blütezeit in der Romantik
Das deutsche Kunstlied im engeren Sinn erreichte im 19. Jahrhundert mit Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Hugo Wolf eine zentrale Stellung. Bei Schubert wurde das Klavier zum eigenständigen Gegenpart der Singstimme und prägte den Ausdruck. Im Erlkönig ahmt es galoppierende Pferdehufe nach, in Gretchen am Spinnrade das Drehen des Spinnrades. Seine Zyklen Die schöne Müllerin (1823) und Winterreise (1827) nach Wilhelm Müller zählen zu den Höhepunkten der Liedliteratur. Der Hirt auf dem Felsen wurde zum Standardwerk für Sopran, Klarinette und Klavier.
Robert Schumann verlangte hochwertige Gedichtvorlagen und strebte eine unverstellte Gefühlswahrhaftigkeit an. In Dichterliebe op. 48, Frauenliebe und -leben op. 42 und Liederkreis op. 39 wird das Klavier zum kommentierenden, stimmungsschaffenden Partner der Stimme. Brahms bereicherte die Zyklusform unter anderem mit Die schöne Magelone, Zigeunerliedern und Liebeslieder-Walzern; Volksliedstudien waren für ihn eine wichtige Quelle. Hugo Wolf richtete seine Kompositionen besonders eng am Rhythmus und Sinn der poetischen Sprache aus; 1888 gelang ihm mit den Mörike-Liedern der Durchbruch.
Mit der Ausweitung von Oper und Sinfonik entstanden Orchesterlieder und Orchesterliederzyklen, etwa Gustav Mahlers Das Lied von der Erde, Kindertotenlieder und Lieder eines fahrenden Gesellen. Die Anforderungen an Stimme und Komposition nahmen zu; manche Lieder verlangen ähnlich großes Können wie schwierige Opernarien. Eigene Kunstliedtraditionen entwickelten sich auch in Frankreich, Italien, Russland, Skandinavien, Polen und dem heutigen Tschechien. Französische Komponisten wie Claude Debussy orientierten sich stark am Wort und an feinen harmonischen Nuancen; italienische romantische Lieder standen stärker unter dem Primat der Melodie, des Belcanto, des Legato und der Phrasierung.
20. Jahrhundert und Gegenwart
Im 20. Jahrhundert entstand kein einheitlicher Liedstil. Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen Liederabende trotz der Krise an Bedeutung; Rundfunk und Schallplatte vergrößerten die Reichweite von Sängerinnen und Sängern. Dadaismus und sozialkritischer Song lösten sich von konventioneller Lyrik und Gesang. Hanns Eisler und Kurt Weill vertonten Texte Bertolt Brechts; ein rauer, sprechender Vortrag der Diseuse passte zu diesen Stücken.
Arnold Schönberg erweiterte die Stimme zwischen Singen und Sprechen. Pierrot lunaire op. 21 (1912) verwendet Sprechgesang und Kammerensemble, Das Buch der hängenden Gärten op. 15 gehört zu seinen Liederzyklen. Atonalität und Zwölftonmusik vermieden bewusst herkömmliche Dreiklänge und Tonalität. Nach 1933 unterdrückte der Nationalsozialismus moderne, jüdische oder als politisch unerwünscht geltende Musik; Komponisten wurden verfolgt, mit Aufführungsverboten belegt, in Konzentrationslager gebracht oder zur Emigration gezwungen.
Nach 1945 experimentierten Komponisten in Deutschland mit Stimme, Sprache, Ensemble und Elektronik. Werke wie György Ligetis Aventures, Luciano Berios Sequenza III oder Dieter Schnebels Maulwerke nutzen Hauch-, Schrei-, Stöhn- und Zischlaute und überschreiten die klassische Belcanto-Technik. Karlheinz Stockhausen verfremdete im Gesang der Jünglinge im Feuerofen (1955) auf Tonband eingesungene Melodieteile elektronisch. Seit den 1980er Jahren gewannen wieder Gedichtvertonungen an Gewicht, besonders bei Hans Werner Henze, Aribert Reimann und Wolfgang Rihm.
Nach dem Jahrtausendwechsel erlebt das Lied laut Artikel eine Renaissance. Traditionellere Notenschrift und eine Klanggebung, die die Möglichkeiten der Stimme berücksichtigt, treten stärker hervor; der Wechsel von Sing- und Sprechstimme bleibt wichtig. Die Besetzung Stimme und Klavier wird weiterhin verwendet, zugleich bleiben die Werke rhythmisch und vokal sehr anspruchsvoll. Beispiele sind Aribert Reimanns Rilke-Fragmente (2011) und Il Ryun Chungs fast 40-minütiger Zyklus BirnenBlütenRegen (2009) für hohen Sopran und Ensemble.