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Richard Wagner

Wilhelm Richard Wagner (* 22. Mai 1813 in Leipzig; † 13. Februar 1883 in Venedig) war ein deutscher Komponist, Schriftsteller, Regisseur und Dirigent.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und künstlerisches Konzept
  2. 2. Lebensweg und Bayreuth
  3. 3. Musikalische Mittel
  4. 4. Stoffe, Themen und Ideen
  5. 5. Antisemitismus und politische Belastung
  6. 6. Wirkung und anhaltende Kontroverse

Bedeutung und künstlerisches Konzept

Wilhelm Richard Wagner (22. Mai 1813 in Leipzig – 13. Februar 1883 in Venedig) war ein deutscher Komponist, Schriftsteller, Regisseur und Dirigent. Seine durchkomponierten Musikdramen gehören zu den wichtigsten Werken der Romantik. Sie beeinflussten die Musik bis in die Moderne, aber auch Literatur, Philosophie, bildende Kunst, Architektur, Film und Filmmusik.

Wagner wollte Musik, Dichtung und Schauspiel zu einem Gesamtkunstwerk verbinden. Dabei sollte nicht eine einzelne Kunst dominieren, sondern das Bühnenereignis als Einheit wirken. Seine späteren Werke unterscheiden sich deshalb von der traditionellen Nummernoper, die aus deutlich getrennten Arien, Ensembles und Szenen besteht. Wagner entwickelte stattdessen eine fortlaufende musikalische Gestaltung, die er als „unendliche Melodie“ bezeichnete.

Sein Schaffen lässt sich grob in drei Phasen gliedern: Die frühen Werke bis Rienzi stehen unter dem Einfluss Giacomo Meyerbeers und der Pariser Grand opéra. Vom Fliegenden Holländer bis Lohengrin knüpfte Wagner an die deutsche romantische Oper an und rückte das Motiv der Erlösung in den Mittelpunkt. Die letzte Phase reicht vom Rheingold bis zum Parsifal; hier verwirklichte er sein Konzept des Musikdramas und Gesamtkunstwerks besonders umfassend. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Der fliegende Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg, der vierteilige Ring des Nibelungen und Parsifal.

Lebensweg und Bayreuth

Wagner wuchs in Leipzig und Dresden auf. Die Begegnung mit Carl Maria von Webers Musik und eine Aufführung von Beethovens Fidelio im April 1829 bestärkten ihn darin, Musiker zu werden. Ab 1831 studierte er an der Universität Leipzig Musik und nahm Kompositionsunterricht beim Thomaskantor Christian Theodor Weinlig. Erste Theaterstellen führten ihn ab 1833 nach Würzburg, Magdeburg, Königsberg und Riga. 1836 heiratete er die Schauspielerin Minna Planer.

Von 1839 bis 1842 lebte Wagner unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in Paris. Dort vollendete er Rienzi und komponierte 1841 den Fliegenden Holländer. Der erfolgreiche Rienzi brachte ihm am 20. Oktober 1842 in Dresden den Durchbruch. 1843 wurde er Königlich-Sächsischer Kapellmeister. In diesen Jahren entstanden oder reiften Tannhäuser und Lohengrin sowie erste Gedanken zum späteren Ring.

Wagner beteiligte sich 1849 am Dresdner Maiaufstand, half den Aufständischen und wurde steckbrieflich gesucht. Er floh in die Schweiz und lebte bis 1858 überwiegend in Zürich. Dort schrieb er zentrale theoretische Texte wie Die Kunst und die Revolution, Das Kunstwerk der Zukunft und Oper und Drama, begann die Arbeit am Ring des Nibelungen und konzipierte Tristan und Isolde. Die Lektüre von Arthur Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung ab 1854 veränderte seine Kunst- und Weltanschauung nachhaltig.

Nach weiteren Wanderjahren wurde Wagner ab 1864 von König Ludwig II. von Bayern finanziell unterstützt. In München fand am 10. Juni 1865 die Uraufführung von Tristan und Isolde unter Hans von Bülow statt. Wagner hatte inzwischen eine Beziehung mit dessen Ehefrau Cosima begonnen. Nach der Scheidung Cosimas heirateten beide am 25. August 1870. In Tribschen bei Luzern vollendete Wagner Die Meistersinger von Nürnberg und komponierte für Cosima das Siegfried-Idyll.

1871 wählte Wagner Bayreuth als Festspielort. Das von ihm geplante Festspielhaus sollte ideale Bedingungen für seine Musikdramen schaffen, unter anderem durch den verdeckten Orchestergraben. Am 13. August 1876 begannen die ersten Bayreuther Festspiele mit der vollständigen Aufführung des Ring des Nibelungen; sie endeten jedoch mit einem großen Defizit. Parsifal wurde am 26. Juli 1882 bei den zweiten Festspielen uraufgeführt. Wagner starb am 13. Februar 1883 in Venedig an einem Herzanfall und wurde im Garten der Villa Wahnfried in Bayreuth beigesetzt.

Musikalische Mittel

Ein Leitmotiv ist ein wiedererkennbares musikalisches Motiv, das einer Figur, einem Gegenstand, einem Vorgang oder einem Gefühl wie Liebe, Wut oder Sehnsucht zugeordnet wird. Vorformen gab es schon früher, doch Wagner entwickelte die Technik im Ring des Nibelungen zu einem systematischen, dichten Beziehungsnetz. Die Motive erinnern an Vergangenes, deuten Zusammenhänge an und kommentieren die Handlung. Ihre heute üblichen Namen stammen größtenteils aus der späteren Analyseliteratur, nicht von Wagner selbst.

Wagners Harmonik ist durch schwebende Dissonanzen, charakteristische Vierklänge, starke Chromatik und häufige Modulationen geprägt. Chromatik bedeutet die Verwendung von Halbtönen außerhalb der jeweiligen Grundtonleiter; Modulation bezeichnet den Wechsel der Tonart. Besonders bekannt ist der mehrdeutige Tristan-Akkord aus dem Vorspiel zu Tristan und Isolde. Wagner verzögert die Auflösung von Spannungen, lässt sie aus oder führt sie in neue spannungsreiche Akkorde weiter. Der Tristan darf dennoch nicht vereinfachend als alleiniger Ausgangspunkt der atonalen Musik gelten, da Chromatik und enharmonische Umdeutungen bereits zuvor, etwa bei Franz Schubert, Franz Liszt und Frédéric Chopin, weit entwickelt waren.

Auch Instrumentation und Orchestersatz waren neuartig. Das Orchester sollte nicht bloß den Gesang begleiten, sondern als aktives Ausdrucksorgan die dichterische Idee verwirklichen. Wagner fächerte Klangfarben auf, verselbständigte Instrumentengruppen und verband musikalische Gedanken eng mit bestimmten Registern und Klangmischungen. Er erweiterte den Orchesterapparat und verwendete unter anderem sechs Harfen im Rheingold, Ambosse sowie eigens angefertigte Wagnertuben im Ring. Der Gesang wurde in die durchkomponierte Orchesterstruktur eingefügt; geschlossene, liedhafte Melodien blieben eher die Ausnahme.

Mit der „unendlichen Melodie“ meinte Wagner eine durchgehende musikalische Entwicklung über einzelne Szenen und teilweise ganze Aufzüge hinweg. Regelmäßige Phrasen und klar getrennte Nummern verlieren dadurch an Bedeutung. In den Texten des Rings nutzte er häufig den Stabreim, also die Verbindung betonter Wörter durch denselben Anfangslaut. Sprache, Harmonik und Melodie sollten gemeinsam den dramatischen Gehalt ausdrücken.

Stoffe, Themen und Ideen

Wagner griff vor allem auf germanische und mittelalterliche Sagenstoffe zurück: den Schwanenritter, die Nibelungensage, den Heiligen Gral und die Artusüberlieferung. Der Mythos war für ihn geeigneter als ein gewöhnlicher historischer Stoff, weil er allgemeine menschliche Konflikte und überzeitliche Fragen darstellen könne. Der Ring des Nibelungen beruht auf diesem Verständnis, verbindet verschiedene Überlieferungen und gestaltet sie für die Gegenwart um.

Ein Grundthema der reifen Werke ist Erlösung. Häufig stehen sich zwei Welten gegenüber: im Tannhäuser die sinnliche Welt des Venusbergs und die vergeistigte Wartburg-Gesellschaft, im Fliegenden Holländer die dämonische und die bürgerliche Welt, in Lohengrin und Parsifal heidnische Magie und Christentum. Erlösung geschieht oft durch Liebe, Opfer oder Untergang. Im Fliegenden Holländer kann Senta den zur ewigen Wanderschaft Verurteilten durch Treue bis in den Tod erlösen. In Tristan und Isolde überwindet die Liebe die Grenzen der Individualität und erfüllt sich erst im Tod.

Unter den philosophischen Einflüssen waren Ludwig Feuerbach und Arthur Schopenhauer besonders wichtig. Feuerbachs Religionskritik, sein Sensualismus und sein Begriff des „Reinmenschlichen“ prägten den revolutionären Wagner und die Zürcher Kunstschriften. Schopenhauer gab der Musik als unmittelbarem Ausdruck des Willens den höchsten Rang unter den Künsten. Dies widersprach teilweise Wagners früherer Lehre, nach der Musik und Sprache dem Drama untergeordnet sein sollten.

Wagner hinterließ mehr als 200 Veröffentlichungen auf ungefähr 4000 Druckseiten sowie fast zehntausend Briefe. In Oper und Drama erklärte er seine Vorstellung, Dichtkunst und Musik im Drama zu vereinigen. In den späten „Regenerationsschriften“, darunter Religion und Kunst, Erkenne dich selbst und Heldentum und Christentum, verband er Überlegungen zu Religion, Mitleid, Kunst, Vegetarismus, gesellschaftlicher Erneuerung und Rassentheorien. Nach seinem Tod bauten Autoren des Bayreuther Kreises um Cosima Wagner diese Gedanken zu einer umfassenderen Ideologie aus.

Antisemitismus und politische Belastung

Wagner gehört zu den bekanntesten Verfechtern des Antisemitismus im 19. Jahrhundert. In der Hetzschrift Das Judenthum in der Musik, die 1850 unter dem Pseudonym „K. Freigedank“ und 1869 erweitert unter seinem Namen erschien, griff er jüdische Künstler und insbesondere Felix Mendelssohn Bartholdy an. Auch Giacomo Meyerbeer, der Wagner in Paris unterstützt hatte und dessen Einfluss auf die frühen Werke erkennbar ist, wurde Ziel seiner Feindseligkeit. Wagner stellte eigene Misserfolge wiederholt als Folge angeblicher jüdischer Machenschaften dar.

Seine Haltung war nicht frei von Widersprüchen: Er konnte einzelne Werke Mendelssohns loben und arbeitete mit jüdischen Musikern wie Hermann Levi zusammen, der 1882 die Uraufführung des Parsifal dirigierte. Dennoch äußerte Wagner bis kurz vor seinem Tod aggressiv judenfeindliche Vorstellungen. Ob und in welcher Form antisemitische Stereotype in Figuren seiner Musikdramen eingegangen sind, wird bis heute kontrovers diskutiert.

Der Bayreuther Kreis verbreitete nach Wagners Tod Nationalismus, Rassendenken und Antisemitismus weiter. Bedeutend wurden dabei Hans von Wolzogen und später Houston Stewart Chamberlain. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Wagners Werke zum Staatskult erhoben. Diese politische Vereinnahmung hängt sowohl mit der späteren Wagner-Bewegung als auch mit antisemitischen und nationalistischen Aussagen des Komponisten selbst zusammen.

Wirkung und anhaltende Kontroverse

Wagners musikalischer Einfluss reicht von der erweiterten Tonalität des 19. Jahrhunderts bis zur Neuen Musik. Seine Chromatik, Orchesterfarben, Leitmotivtechnik und Vorstellung des Gesamtkunstwerks wirkten unter anderem auf Anton Bruckner, Gustav Mahler, Richard Strauss, Claude Debussy, Arnold Schönberg und die Filmmusik. Debussy und andere Komponisten übernahmen einzelne klangliche Anregungen, grenzten sich aber zugleich von Wagners überwältigendem Stil ab. Johannes Brahms wurde oft als konservativer Gegenpol dargestellt, schätzte Wagner jedoch stärker, als dieser Gegensatz vermuten lässt.

Auch Literatur, Philosophie und bildende Kunst wurden stark geprägt. Friedrich Nietzsche feierte Wagner zunächst als Erneuerer der deutschen Kultur, wandte sich später jedoch gegen dessen Erlösungsideen, Nationalismus, Antisemitismus und die aus seiner Sicht dekadente Wirkung der Musik. Thomas Mann nutzte Wagners Leitmotivtechnik und Musik als Modell für sein eigenes Erzählen, behandelte dabei aber zugleich Verfall, Rausch und Todesnähe. Das Gesamtkunstwerk beeinflusste Künstler der Wiener Secession und architektonische Vorstellungen; König Ludwig II. ließ in Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee zahlreiche Bezüge zu Wagners Opern gestalten.

Die Bayreuther Festspiele wurden 1951 unter Wieland und Wolfgang Wagner wiedereröffnet. Wieland Wagner brach mit dem historisierenden Aufführungsstil der NS-Zeit und entwickelte reduzierte, moderne Inszenierungen. Wagners Werke gehören weiterhin zum Kernrepertoire internationaler Opernhäuser. Zugleich bleibt er wegen seines künstlerischen Herrschaftsanspruchs, seiner Ideologie und seines Antisemitismus eine der umstrittensten Persönlichkeiten der Kulturgeschichte.

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