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Oratorium

Oratorium (kirchenlateinisch oratorium „Bethaus“, von lateinisch orare „beten“) nennt man in der musikalischen Formenlehre die dramatische, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und musikalische Grundform
  2. 2. Entstehung und Entwicklung bis zur Klassik
  3. 3. Romantik und internationale Entwicklung
  4. 4. 20. und 21. Jahrhundert: Vielfalt der Formen
  5. 5. Untergattungen und Grenzformen

Begriff und musikalische Grundform

Ein Oratorium ist in der musikalischen Formenlehre die dramatische, mehrteilige Vertonung einer zumeist geistlichen Handlung für mehrere Personen, Chor und Orchester. Es ist eine erzählend-dramatische Komposition: Eine Handlung wird durch Musik und Text vermittelt, jedoch traditionell nicht szenisch dargestellt. Im Unterschied zur Oper wird das Oratorium ausschließlich konzertant aufgeführt. Die Handlung findet nur in den Texten und in der Musik statt. Während Opern meist weltliche Stoffe behandeln, konzentrieren sich Oratorien überwiegend auf geistliche Geschichten und wurden traditionell häufig in kirchlicher Umgebung aufgeführt.

Das frühe Oratorium war grundsätzlich zweiteilig. Diese Form hing mit den Andachten im Oratorium Philipp Neris zusammen, bei denen die Musik als Rahmen für eine Predigt diente, die zwischen den beiden Teilen gehalten wurde. Eine Aufführung dauerte etwa 40–50 Minuten; die Texte umfassten ungefähr 350–450 Zeilen. Sie waren poetisch gestaltet und oft gereimt.

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts erzählte meist ein Solist, der „Testo“ oder „Historicus“, die Handlung. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzte sich zunehmend eine dramatische Form ohne ausführliche epische Erzählerpartien durch. Üblicherweise wirkten drei bis fünf singende Personen, die Interlocutori, mit. Die Fünfstimmigkeit SSATB verweist auf das italienische Madrigal als einen Vorläufer des Oratoriums.

Musikalisch entwickelte sich die Abfolge von Rezitativ und Arie. Ein Rezitativ leitet dabei in der Regel eine Arie gleicher Besetzung ein; beide bilden eine Sinneinheit, die ungefähr einer Szene in der Oper entspricht. Im deutschen protestantischen Oratorium erzählt ein Evangelist oder anderer Erzähler die Rahmenhandlung meist in Rezitativen. Die Worte Jesu und anderer Personen werden rezitativisch oder als monodische Ariosi mit Streicherbegleitung vertont. Chöre und Solisten übernehmen zusätzlich geistliche Lyrik, madrigalische Dichtungen und Choräle.

Daraus entsteht die charakteristische Drei-Ebenen-Dramaturgie: Der epische Erzählerbericht vermittelt die Handlung, Arien geben individuelle Gefühle wieder, und Choräle formulieren kollektive Reflexionen der gläubigen Gemeinde. Der Chor kann außerdem Menschenmengen in Turbachören darstellen oder madrigalische Texte als Chorarien singen.

Die Stoffe stammen meist aus dem Alten oder Neuen Testament, aus der Hagiographie, also Heiligenlegenden, und aus der christlichen Allegorik. Möglich sind aber auch mythologische und weltgeschichtliche Themen. Das Oratorium hat sich wiederholt der Oper angenähert; beide Gattungen beeinflussten sich beispielsweise durch die Da-capo-Arie gegenseitig.

Entstehung und Entwicklung bis zur Klassik

Die Entstehung des Oratoriums steht im Zusammenhang mit dem Trienter Konzil 1545–1563. Es begrenzte die Verwendung von Musik im Gottesdienst und verlangte unter anderem Verständlichkeit des Textes. Diese Bestimmungen wurden 1917 bestätigt und erst durch die kirchenmusikalische Neubestimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962–1965 aufgehoben. Als Gegenbewegung entstanden katholische Reformbewegungen, besonders die Kongregation vom Oratorium des heiligen Philipp Neri. In ihren römischen Gebetsräumen wechselten sich Gebete, Predigten und volkssprachige Musik ab. Eine wichtige Rolle spielten die mehrstimmigen Lauden.

Zu den Vorläufern gehören italienische geistliche Madrigale in Dialogform sowie lateinische, aus Bibeltexten verdichtete Dialogkompositionen der Congregatio del Santissimo Crocifisso. Emilio de’ Cavalieris Rappresentatione di Anima, et di Corpo wurde 1600 szenisch aufgeführt und galt früher als erstes Oratorium; heute wird es als erste geistliche Oper angesehen. Um 1640 ist die Bezeichnung „Oratorium“ erstmals für ein musikalisches Werk belegt. Die Grenzen zu „Dialogo“ und „Cantata“ waren zunächst unscharf.

Im 17. Jahrhundert etablierte sich das Oratorium besonders in Italien, unter anderem in Rom, Bologna, Modena, Florenz, Venedig und Neapel. Zu den frühen Vertretern gehören Giacomo Carissimi, Marco Marazzoli und Luigi Rossi. Das lateinische Oratorium blieb seltener als das italienische. In Wien entstand Mitte des 17. Jahrhunderts das „Oratorio al Sepolcro del Venerdì Santo“, das sogenannte Wiener Sepolcro. Es war eine szenische, zugleich einteilige musikdramatische Darstellung am Heiligen Grab und wurde etwa zwischen 1640 und 1705 am Karfreitag oder Gründonnerstag gepflegt.

Im 18. Jahrhundert blieb Italien ein wichtiges Zentrum. Die Da-capo-Arie wurde unter dem Einfluss der neapolitanischen Oper zunehmend durch Formen wie Cavatine und Rondo ersetzt. Chöre, Ensembles und Instrumentalsätze wurden umfangreicher. Pietro Metastasios sieben Oratorienlibretti von 1730 bis 1740 wurden vielfach vertont. In England prägte Georg Friedrich Händel die Gattung. Seine englischen Oratorien sind meist dreiteilig, verwenden die englische Sprache und geben dem Chor eine besonders bedeutende Rolle. Die Stoffe stammen häufig aus dem Alten Testament. Musikfeste und große bürgerliche Chorgemeinschaften trugen zur Verbreitung bei; der Messiah wurde oft zu karitativen Zwecken aufgeführt.

Das deutsche protestantische Oratorium entwickelte sich eigenständig aus responsorialen Passionsvertonungen, Historien, Dialogen und geistlichen Konzerten. Dietrich Buxtehudes fünfteilige Kompositionen für die Lübecker Abendmusiken waren wichtige Vorläufer. Als erstes deutsches Oratorium gilt Reinhard Keisers Der blutige und sterbende Jesus, 1704 in Hamburg uraufgeführt. Die Brockes-Passion von Barthold Heinrich Brockes, unter anderem von Händel, Mattheson und Telemann vertont, verhalf dem Oratorium in Deutschland zum Durchbruch. Höhepunkt und Abschluss der barocken protestantischen Passionstradition waren Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion BWV 245 von 1724, Matthäus-Passion BWV 244 von 1727/29 beziehungsweise 1736 und Markus-Passion BWV 247 von 1731. Sein Weihnachtsoratorium BWV 248, Osteroratorium BWV 249 und Himmelfahrtsoratorium BWV 11 stehen dagegen stärker mit dem Kantatenschaffen in Verbindung.

In der Vorklassik ersetzte Carl Heinrich Grauns Der Tod Jesu (1755) die unmittelbare Darstellung des biblischen Geschehens durch Betrachtung und Reflexion. Joseph Haydns Die Schöpfung leitete zur Klassik über. Haydns Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten sowie Beethovens Christus am Ölberge zeigen individuelle Lösungen der Gattung. Bei Haydn fällt die starke Bedeutung des Chores und die Aufhebung der festen Verbindung von Rezitativ und nachfolgender Arie auf.

Romantik und internationale Entwicklung

Im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Oratorium endgültig aus dem kirchlichen Raum in das bürgerliche Konzertwesen. Es wurde als geistliches Gegenstück zur Sinfonie verstanden. Höfe und kirchliche Zentren verloren an Bedeutung; Musikfeste, Musikvereine und Singakademien wurden wichtiger. Dazu gehörten die Tonkünstler-Societät in Wien, die Musikalische Akademie in München und die Sing-Akademie zu Berlin. Der Anteil und die Differenzierung der Chöre nahmen zu, auch unter dem Einfluss von Händels Chorbehandlung.

Felix Mendelssohn Bartholdys Paulus (1836) und Elias (1846) prägten das romantische Oratorium besonders stark. Weitere wichtige Komponisten waren Friedrich Schneider, Carl Loewe, Franz Schubert, Robert Schumann, Franz Liszt, Louis Spohr und Friedrich Kiel. Biblische Stoffe, besonders aus dem Alten Testament, blieben verbreitet; daneben entstanden weltliche Oratorien wie Max Bruchs Odysseus und Die Glocke. Auch Komponistinnen wie Luise Adolpha Le Beau mit Ruth (1882) und Hadumoth (1893) gehören zur romantischen Oratorientradition.

In Frankreich verhinderte die Dominanz der Oper lange eine starke Oratorienentwicklung. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts führten Konzertgesellschaften und die Rezeption klassischer Vorbilder zu einer Belebung, häufig mit Themen aus der Weihnachtsgeschichte. In Belgien schufen Peter Benoit, Edgar Tinel und Paul Gilson bedeutende Beiträge. England pflegte die Gattung über große Musikfeste und Choral Societies. Zunächst dominierte Händel, später wirkten Mendelssohns Elias und Bachs Passionen als Vorbilder. Komponisten der New English School suchten schließlich nach einer erneuerten nationalen Tonsprache. Auch in Italien, Schweden und Polen entstanden Oratorien, etwa Lorenzo Perosis La risurrezione di Cristo (1898), Anders Eliassons Dante Anarca und Feliks Nowowiejskis Quo vadis (1903).

20. und 21. Jahrhundert: Vielfalt der Formen

Im 20. Jahrhundert gibt es keine allgemein verbindliche Oratorienform. Die Gattung öffnet sich weltlichen, politischen, mythologischen und philosophischen Themen sowie neuen Klangmitteln. Arthur Honeggers Le Roi David (1921), Igor Strawinskys Oedipus Rex (1927) als Zwischenform von Oper und Oratorium, Arnold Schönbergs unvollendete Jakobsleiter (1917–1922) und Paul Hindemiths Das Unaufhörliche (1931) stehen für diese Vielfalt. Franz Schmidts Das Buch mit sieben Siegeln entstand 1935–1937 und wurde 1938 in Wien uraufgeführt. Michael Tippetts A Child of Our Time entstand 1939–1941.

Während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs entstanden sowohl religiöse als auch politisch belastete Werke. Paul Höffer schrieb 1944 im Auftrag Joseph Goebbels’ das Oratorium Mysterium der Liebe. Willy Burkhards Das Gesicht Jesajas entstand 1933–1935, Frank Martins In terra pax 1944. Nach dem Krieg suchten Komponisten nach einer neuen Klangsprache. Johannes Driessler, Heinz Wunderlich, Heinrich Vogel, Kurt Fiebig und Klaus Huber erweiterten Besetzung und Form. Hans Werner Henzes Das Floß der Medusa (1968) führte die Gattung endgültig aus dem kirchlichen Raum. Paul Dessaus Deutsches Miserere, gemeinsam mit Bertolt Brecht 1943–1947 komponiert, wurde erst am 20. September 1966 uraufgeführt.

Im späten 20. Jahrhundert entstanden unter anderem Oratorien über Dietrich Bonhoeffer, die Umweltzerstörung, die deutsche Wiedervereinigung und jüdische Themen. Steve Reichs The Cave (1990–1993) ist ein Multimedia-Oratorium in drei Teilen. In der DDR entstanden politische Werke wie Günter Kochans Das Friedensfest oder die Teilhabe (1978) und Paul Kurzbachs Der blaue Planet (1988). In Estland komponierte Arvo Pärt 1982 eine lateinische Johannespassion; in Israel entstand Karel Salmons Shir Hatekuma.

Seit den 2000er Jahren verbindet das Oratorium historische Formen mit modernen Techniken, gesellschaftlichen Themen und Popularmusik. Beispiele sind Hans Georg Bertrams Hioboratorium (2001) und Schöpfungsoratorium (2005), Wolfram Grafs Auferstanden (2006–2008), Jutta Bitsch’ Mit allen Augen (2014) über Schöpfung und Naturzerstörung sowie Gunther Martin Göttsches Passionsoratorium Jerusalem (2016). Lothar Graaps Oratorium zum Reichstagsbrand 1933 und Moritz Eggerts Fußballoratorium Die Tiefe des Raumes zeigen die Ausweitung weltlicher Stoffe. International behandeln Oratorien unter anderem Darwins Werk, den Holocaust und politische Geschichte. Die Gattung bleibt damit durch die Verbindung von Text, Stimmen, Chor und Orchester offen für religiöse, historische und gegenwartsbezogene Themen.

Untergattungen und Grenzformen

Zu den Untergattungen gehören die Abendmusiken, die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts von Franz Tunder und Dietrich Buxtehude für die Lübecker Marienkirche komponiert wurden. Die Oratorische Passion und das Passionsoratorium konzentrieren sich auf das Leiden Jesu und die Vertonung der Passionsberichte der vier Evangelien.

Ein Kinderoratorium ist ein konzertantes Oratorium, das von Kinderchören aufgeführt werden kann oder einen kindgerechten Inhalt besitzt. Es unterscheidet sich vom szenischen Singspiel für Kinder und vom Kindermusical. Ein Geistliches Drama, italienisch „dramma sacro“, ist ein Oratorium mit Bühnenbild. Beim szenischen Oratorium wird die Grenze zur Oper überschritten; die Aufführung kann ganz oder teilweise szenisch erfolgen. Das Opern-Oratorium bezeichnet ebenfalls Werke im Grenzbereich beider Gattungen.

Das Ballettoratorium verbindet Oratorium und Tanz. Ein Volksoratorium ist ein Oratorium für und über das Volk. Ein Pop-Oratorium ordnet sich ausdrücklich der Popularmusik zu. Besonders groß dimensioniert war Die 10 Gebote von Dieter Falk und Michael Kunze: Bei der Uraufführung im Januar 2010 in der Dortmunder Westfalenhalle wirkten laut Veranstalter 2700 Personen vor und hinter der Bühne mit; 9000 Zuschauer waren anwesend. Das Rock-Oratorium arbeitet mit der Tonsprache und den Mitteln der Rockmusik.

Die Forschungsgeschichte begann mit Arnold Scherings Schrift Die Anfänge des Oratoriums, mit der er sich 1907 habilitierte und die er 1911 erweitert als Geschichte des Oratoriums veröffentlichte. Günther Massenkeil promovierte 1952 mit einer Arbeit über Giacomo Carissimi. Diese Forschungen bildeten wichtige Grundlagen für die weitere wissenschaftliche Darstellung der Gattung.

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