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Konzil von Chalcedon
Das Konzil von Chalcedon entschied den lange und erbittert geführten christologischen Streit um das Verhältnis zwischen der göttlichen und der menschlichen …
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Kern und Bedeutung
Das Konzil von Chalcedon fand vom 8. Oktober bis zum 1. November 451 in Chalcedon, auch Chalkedon, in Bithynien in Kleinasien statt, dem heutigen Istanbuler Stadtteil Kadiköy. Es war das vierte der ersten sieben ökumenischen Konzilien der Alten Kirche. Ein ökumenisches Konzil ist eine Versammlung von Bischöfen, die für die ganze Kirche verbindliche Fragen von Lehre und Ordnung klären sollte.
Einberufen wurde das Konzil von Kaiser Markian. Den Vorsitz führten der Patrizier Anatolios und andere Staatsbeamte. Die Teilnehmerzahl wird unterschiedlich angegeben: Nach den Unterschriftenlisten waren anscheinend rund 450 Bischöfe beteiligt, Papst Leo sprach von fast 600 Teilnehmern, ein Brief des Konzils an Leo nennt 520, neuere wissenschaftliche Arbeiten gehen von etwa 350 Bischöfen aus. Die Bischöfe kamen fast alle aus dem Östlichen Christentum; aus dem Westen waren vor allem vier Legaten Papst Leos sowie zwei aus Nordafrika geflohene Bischöfe anwesend.
Das wichtigste Thema war die Christologie, also die Lehre davon, wer Jesus Christus ist und wie sich seine göttliche und menschliche Natur zueinander verhalten. Das Konzil entschied diesen lange geführten Streit zugunsten der Zwei-Naturen-Lehre: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Diese Lehre wurde als Dogma festgelegt, also als verbindliche kirchliche Lehre. Die dogmatischen Definitionen des Konzils werden in der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen als unfehlbar anerkannt; sie bilden auch eine Lehrgrundlage in protestantischen und anglikanischen Kirchen.
Vorgeschichte des Konflikts
Vor dem Konzil stand ein heftiger Streit über die Natur Christi. Im Jahr 449 hatte ein Konzil in Ephesos unter dem starken Einfluss des alexandrinischen Patriarchen Dioskoros I. den Miaphysitismus zum Dogma erklärt. Diese Lehre besagte in der Darstellung des Artikels, Jesus Christus habe nur eine einzige, nämlich göttliche Natur. Kaiser Theodosius II. neigte unter dem Einfluss seines Hofeunuchen Chrysaphios ebenfalls dieser Position zu.
Im Westen löste dies große Empörung aus. Papst Leo der Große protestierte scharf gegen dieses Konzil, das unter dem Schimpfnamen latrocinium Ephesinum, auf Deutsch meist „Räubersynode von Ephesus“, in die Kirchengeschichte einging. Als Theodosius II. ein Jahr später bei einem Reitunfall starb, nutzten die Dyophysiten die neue Lage. Dyophysiten glaubten, Jesus Christus habe zwei Naturen, nämlich eine göttliche und eine menschliche.
Theodosius’ Schwester Aelia Pulcheria verbündete sich mit Papst Leo. Sie entmachtete Chrysaphius und ließ ihn später hinrichten. Den Konstantinopolitaner Presbyter Eutyches, einen Vertreter des Monophysitismus, schickte sie in die Verbannung. Pulcheria heiratete Markian, den tribunus der kaiserlichen Garde, und sorgte damit dafür, dass er Kaiser wurde. Markian berief gleich nach seiner Thronbesteigung ein neues Konzil ein, das die langanhaltenden christologischen Querelen verbindlich beenden sollte.
Auch Anatolios von Konstantinopel, ursprünglich monophysitischer Patriarch von Konstantinopel, wechselte auf die dyophysitische Seite. Laut Artikel tat er dies, weil er die Chance sah, vom Papst die Würde Konstantinopels als zweiten Bischofssitz der Christenheit anerkennen zu lassen.
Lehrentscheidung
Das Konzil wurde am 8. Oktober 451 von Kaiser Markian in der Kirche der Heiligen Euphemia in Chalkedon eröffnet, unmittelbar gegenüber Konstantinopel auf der asiatischen Seite des Bosporus. Die 17 Arbeitssitzungen standen unter der straffen Regie der Kaiserin Pulcheria und des örtlichen Patriarchen Anatolius.
Christologisch verurteilte das Konzil sowohl den Miaphysitismus als auch den Nestorianismus. Nestorianismus meint hier die Lehre, dass es in Jesus Christus zwar eine göttliche und eine menschliche Natur gebe, diese aber geteilt existiert hätten. Daraus folgte für Nestorianer, dass Maria nicht als „Theotókos“, also Gottesgebärerin, bezeichnet werden dürfe.
Demgegenüber formulierte das Konzil das sogenannte Chalcedonense, das bis heute eine zentrale christologische Lehrgrundlage der orthodoxen, katholischen, anglikanischen und protestantischen Kirchen ist. Die entscheidende Formel lautet, Christus sei „ein und derselbe“ Sohn, eingeborener, „in zwei Naturen unvermischt (asynchýtōs), unverwandelt (atréptōs), ungeteilt (adiairétōs) und ungetrennt (achōrístōs)“ erkannt. Dabei werde „keineswegs die Verschiedenheit der Naturen um der Einung willen aufgehoben“; vielmehr bleibe die Eigenart jeder der beiden Naturen gewahrt und verbinde sich „zu einer Person und einer Hypostase“. Hypostase bedeutet hier die konkrete personale Wirklichkeit Christi.
Die Formel wurde aus mehreren Texten zusammengestellt: aus dem Beschluss des Konzils von Ephesos von 431, aus Papst Leos Tomus ad Flavianum und in größerem Maß aus den Briefen Kyrills von Alexandria an Nestorius. Zugleich wurde der Status Mariens als Gottesgebärerin ausdrücklich festgeschrieben. Die Lehren des Nestorius und des Eutyches wurden verurteilt. Dioskoros I. von Alexandria wurde abgesetzt und ging ins Exil.
Kirchenordnung und Kanones
Neben der Lehrentscheidung verabschiedete das Konzil bis zu seiner Abschlusssitzung am 1. November 451 insgesamt 28 Kanones. Kanones sind kirchliche Regeln oder Beschlüsse. Sie behandelten Vermögensfragen, Disziplinarfragen und Fragen der Kirchenverfassung.
Zu den wichtigen Ergebnissen gehörte, dass Konstantinopel als Berufungsinstanz gegen Entscheidungen von Provinzialsynoden erklärt wurde. Außerdem wurde geregelt, wie das Mönchtum in die Kirchenorganisation integriert werden sollte. Die kirchlichen Privilegien des Patriarchats von Konstantinopel wurden ausdrücklich bestätigt.
Besonders umstritten war der 28. Kanon. Er bestätigte die Stellung Konstantinopels als „Neues Rom“ und gab dem Patriarchen von Konstantinopel Jurisdiktion über die wichtigen Erzdiözesen Pontus, Asia und Thracien. Außerdem beseitigte er den 381 festgelegten Ehrenvorrang Roms vor Konstantinopel. Für die Sonderstellung sowohl des alten als auch des neuen Rom wurden politische Gründe genannt. Dieser Kanon wurde beschlossen, als die päpstlichen Legaten gerade abwesend waren.
Folgen und Spaltungen
Die Einigung von Chalcedon wurde nicht überall angenommen. Papst Leo war mit den theologischen Ergebnissen vollständig einverstanden, lehnte aber den 28. Kanon scharf ab. Bereits seine Legaten hatten dieser Formulierung widersprochen. Obwohl Kaiser Markian die Beschlüsse des Konzils 452 zum Gesetz erklärte, annullierte Leo eigenmächtig den 28. Kanon. Er protestierte heftig gegen diesen Beschluss und gegen Patriarch Akakios von Konstantinopel. Zwei Jahre lang weigerte er sich, Chalcedon zu ratifizieren. Schließlich bestätigte er alle Kanones außer dem 28. Die Päpste bestehen daher bis heute auf dem Primat des römischen Bischofs über die Gesamtkirche, den die orthodoxen Kirchen bis heute ablehnen.
Kurz- und mittelfristig noch bedeutsamer war die Opposition der Kirchen von Ägypten, Palästina und Syrien. Sie sahen in den Beschlüssen von Chalcedon eine Rückkehr zum Irrtum des Nestorianismus. Das Konzil führte daher zum Schisma zwischen der Römischen Reichskirche, also der später orthodoxen und katholischen Kirche, und den altorientalischen Kirchen. Schisma bedeutet Kirchenspaltung.
Der Streit mit den Miaphysiten konnte bis zum Ende der Spätantike nicht beigelegt werden. Spätere Einigungsversuche der Kaiser führten unter anderem zum akakianischen Schisma. Die Auseinandersetzungen wurden teils mit großer Gewalt geführt: Orthodoxe Bischöfe und Herrscher ließen miaphysitische Christen als Häretiker verfolgen, während miaphysitische Gruppen orthodoxe Gegner massakrierten. Der britische Historiker Philip Jenkins bezeichnete die nach Chalcedon folgenden Auseinandersetzungen als „Jesus-Kriege“. Der deutsche Theologe Jörg Lauster schrieb, das Christentum habe darin sowohl seine Unschuld als auch seine Einheit verloren. Eine Folge war, dass miaphysitische Kirchen des Ostens die islamischen Eroberer im 7. Jahrhundert als Befreier begrüßten, weil diese toleranter waren als die orthodoxen Christen der Reichskirche.
Quellenlage
Die Verhandlungen des Konzils wurden schriftlich festgehalten. Die dabei entstandenen „Akten des Konzils von Chalcedon“ bilden eine ausführliche Quellengrundlage für die Erforschung des Konzils. Eine aktuelle englischsprachige Übersetzung stammt von Richard Price und Michael Gaddis: The Acts of the Council of Chalcedon, erschienen 2005 bei Liverpool University Press in der Reihe Translated Text for Historians, Band 45.
Der Horos, also die dogmatische Lehrentscheidung, und die Kanones liegen außerdem in der COD-Ausgabe vor. Eine deutsche Übersetzung findet sich in Josef Wohlmuths Ausgabe Konzil von Chalcedon – 451, enthalten in Konzilien des ersten Jahrtausends. Vom Konzil von Nizäa (325) bis zum Vierten Konzil von Konstantinopel (869/70), Band 1 der Dekrete der ökumenischen Konzilien, 3. Auflage, 2002.