Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Nestorianismus
Nestorianismus ist die christologische Lehre, dass die göttliche und die menschliche Natur in der Person Jesus Christus geteilt und unvermischt seien, …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Einordnung
Nestorianismus ist eine christologische Lehre, also eine Lehre darüber, wie Jesus Christus als göttlich und menschlich verstanden wird. Sie besagt, dass die göttliche und die menschliche Natur in der Person Jesus Christus geteilt und unvermischt seien. Damit gehört sie zu den Zweinaturenlehren, also zu Lehren, die in Christus eine göttliche und eine menschliche Natur unterscheiden.
Benannt ist die Lehre nach Nestorius, der von 428 bis 431 Patriarch von Konstantinopel war und diese Position maßgeblich vertreten haben soll. Besonders Kyrill von Alexandria kritisierte sie heftig. Auf dem Konzil von Ephesos 431 und dem Zweiten Konzil von Konstantinopel 553 wurde der Nestorianismus als Häresie verurteilt, also als von der kirchlichen Lehre abweichende Irrlehre. Danach wurde vor allem die Assyrische Kirche des Ostens mit dieser Lehre verbunden und deshalb auch „Nestorianische Kirche“ genannt.
Lehre von Christus und Maria
In den christologischen Diskussionen des 5. Jahrhunderts stand der Nestorianismus dem Miaphysitismus gegenüber. Der Miaphysitismus betonte nur die eine, göttliche Natur Jesu Christi. Der Nestorianismus wurde vor allem durch die Anathemata, also Lehrverurteilungen, Kyrills von Alexandria und des Konzils von Ephesos definiert.
Nach Kyrills Darstellung bestand der Hauptpunkt des Nestorianismus darin, dass es in Jesus Christus eine Person mit göttlicher Natur und eine Person mit menschlicher Natur gegeben habe. Jedes Attribut und jede Handlung des inkarnierten Christus könne einer dieser Personen zugeordnet werden. Beide Personen seien lediglich durch das Band der Liebe verbunden.
Der Artikel weist jedoch darauf hin, dass weder Nestorius selbst noch die als seine Anhänger beschuldigten Vertreter der Antiochenischen Schule diese Ansicht tatsächlich gelehrt hätten. Sie hätten vielmehr, teilweise in unglücklichen Formulierungen, Positionen vertreten, die später auf dem Konzil von Chalzedon 451 wichtig wurden. Dort wurde eine andere Zweinaturenlehre angenommen: Die göttliche und die menschliche Natur Christi stehen unvermischt und ungewandelt, ungetrennt und ungesondert nebeneinander. Damit werden sie nicht geteilt wie im Nestorianismus.
Ein zentraler Streitpunkt war die Bezeichnung Marias. Nestorius lehnte den Gebrauch des Attributs Theotokos, also „Gottesgebärerin“, für Maria ab, weil dieses Attribut auch für pagane Göttinnen verwendet worden sei. Nach seiner Auffassung sei es besser, von Maria als „Christusgebärerin“ oder „Menschengebärerin“ zu sprechen. Im Nestorianismus wird Maria daher nur als „Christusgebärerin“, nicht als Gottesgebärerin verehrt.
Streit um die historische Bewegung
Der Artikel betont, dass der Nestorianismus nicht einfach als klar nachweisbare historische Bewegung verstanden werden sollte. Die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche bezeichneten die Assyrische Kirche des Ostens oft als nestorianisch. Nach Darstellung des Artikels hat diese Kirche die ihr vorgeworfenen Lehren aber nie vertreten.
Deshalb könne man beim Nestorianismus eher von einem häresiologischen Konstrukt sprechen. Das bedeutet: Der Begriff beschreibt vor allem eine Lehre, die von Gegnern als Häresie formuliert und bekämpft wurde, nicht unbedingt eine Bewegung, die sich selbst genau so verstanden hätte. Auch miaphysitische Kirchen dehnten den Vorwurf des Nestorianismus auf die Chalzedonensier aus, also auf Orthodoxe und Katholiken.
Ausbreitung nach Persien und Asien
Nachdem die von Nestorius vertretene Lehre 431 auf dem Konzil von Ephesos verurteilt worden war, wanderten wegen Verfolgung viele seiner Anhänger bis 489 in das persische Sassanidenreich aus. Dort gab es bereits eine relativ große Zahl von Christen, auch wenn sie nie die Mehrheit bildeten. Eine wichtige Quelle dafür ist die sogenannte Chronik von Seert.
Die entstehende Kirche in Persien wurde oft „nestorianische Kirche“ genannt. Der Artikel betont aber, dass sie mit Nestorius wenig gemein gehabt habe und besser als ostsyrische Kirche oder Assyrische Kirche des Ostens bezeichnet werden sollte. Da sie nun der römischen Reichskirche feindlich gegenüberstand, behandelten die persischen Könige die persischen Christen zeitweise wohlwollender, weil Persien mit dem Römischen Reich verfeindet war. Trotzdem kam es vereinzelt zu Übergriffen.
Da die alten Zentren Konstantinopel, Alexandria und Antiochia am Orontes nicht erreichbar waren, wurde Edessa, das heutige Urfa beziehungsweise Şanlıurfa im Südosten der Türkei, zum „nestorianischen“ Zentrum. Sitz des Katholikos, also des Oberhaupts dieser Kirche, war Ktesiphon.
Über die Seidenstraße konnte sich trotz mancher Behinderungen eine Missionstätigkeit entwickeln. Nestorianische Händler verbreiteten nicht nur Waren, sondern auch ihre Religion und Überzeugungen nach Osten. Christliche Gemeinden entstanden unter Turkvölkern in Zentralasien, in der Mongolei, in Sibirien und in Xinjiang im Nordwesten der heutigen Volksrepublik China. Bereits 635 erreichte Aloben als einer der ersten nestorianischen Mönche die chinesische Handelsmetropole Xi’an. Im Jahr 779 wurde im westlichen China ein Denkmal errichtet, das von der Einführung der großen „leuchtenden Religion aus Daqin (Rom)“ berichtete. Diese sogenannte Nestorianische Stele befindet sich heute in Xi’an. Spuren der Mission wurden außerdem im Japan des 9. Jahrhunderts dokumentiert sowie auf Sumatra, Sri Lanka und in Indien entdeckt.
Blütezeit, Rückgang und spätere Spuren
Der franziskanische Missionar Johannes de Plano Carpini reiste von 1245 bis 1247 im Auftrag des Papstes zum Großkhan in die Mongolei. Nach seiner Rückkehr nach Lyon berichtete er auch von nestorianischen Christen, die er dort angetroffen hatte. In der mongolischen Hauptstadt Karakorum befand sich um 1250 eine nestorianische Kirche. Daraus kann geschlossen werden, dass das nestorianische Christentum im Mongolenreich bis um 1250 verbreitet war und teilweise sogar am Hof des Großkhans eine gewisse Rolle spielte.
Nach der Blütezeit dieser Kirche im 13. Jahrhundert folgte im 14. Jahrhundert fast ihre vollständige Vernichtung durch den muslimischen Herrscher und Eroberer Timur Lenk, auch Tamerlan genannt. Später stieß der Jesuitenpater Matteo Ricci im 16. Jahrhundert in China auf Reste des Christentums. Als 1625 die Nestorianische Stele gefunden wurde, erklärte dieser Fund, warum Ricci bei seiner Mission christliche Elemente vorfinden konnte. Zugleich widerlegte die Stele den Vorwurf, christliche Missionare brächten etwas völlig Neues und Fremdes nach China. Sie zeigte, dass der christliche Glaube schon lange zuvor in China Wurzeln geschlagen hatte.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 wurden weitere Zeichen nestorianischer Präsenz sichtbar. Außerdem konnten Manuskripte aus Zentralasien erforscht werden. Eine der zuletzt durch Verfolgung aufgelösten Gruppen waren die Bergnestorianer, die bis zu ihrem Exodus 1915 im Gebirge der heutigen türkischen Provinz Hakkari siedelten.
Erwähnungen in Literatur und Film
Der Artikel nennt zwei spätere kulturelle Erwähnungen des Nestorianismus. James Hilton thematisierte die Ausbreitung des Nestorianismus in Mittelasien in seinem 1933 erschienenen Roman „Der verlorene Horizont“.
Auch im Film „Ulzhan – Das vergessene Licht“ von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 2007 werden die Nestorianer erwähnt. In der zweiten Hälfte des Films fragt Ulzhan den Franzosen Charles, was er am Berg Khan Tengri suche. Er antwortet: „Ich suche den Schatz der Nestorianer“, und führt entsprechende Zusammenhänge aus.