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Orthodoxe Kirchen
Die selbstverwalteten Ostkirchen sind teilweise Nationalkirchen und weisen kulturelle Unterschiede auf, stehen jedoch in Kirchengemeinschaft miteinander.
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Grundverständnis und Einordnung
Orthodoxe oder byzantinisch-orthodoxe Kirchen sind vorreformatorische Kirchen des byzantinischen Ritus. Sie verstehen sich als katholisch („allumfassend“) und apostolisch, also in der Nachfolge der Apostel (traditio apostolica). Die selbstverwalteten Kirchen haben kulturelle und teilweise nationale Unterschiede, stehen aber untereinander in Kirchengemeinschaft. Deshalb sprechen viele Angehörige von der einen „Kirche der Orthodoxie“.
Die Kirchen leiten ihre Traditionen von der Jerusalemer Urgemeinde her und erhielten ihre volle Ausprägung im byzantinischen Reich mit Konstantinopel als Zentrum. Sie richten sich nach den Beschlüssen der sieben ökumenischen Konzile von 325 bis 787. Gottesdienst- und Bibelsprache sind jeweilige Landessprachen oder ältere Sprachformen wie Altgriechisch und Kirchenslawisch.
Sie sind von altorientalischen Kirchen sowie von katholischen Ostkirchen zu unterscheiden. „Ostkirche“ ist nur ein geografischer Sammelbegriff: Orthodoxe, unierte und altorientalische Kirchen bilden keine einheitliche Gemeinschaft. Für die Zahl der Angehörigen nennt der Artikel unterschiedliche Schätzungen: etwa 300 Millionen laut Pressemitteilungen des Patriarchen Bartholomaios I., 192 Millionen als gemittelten Schätzwert einer Studie der Society for Orthodox Christian History in the Americas und etwa 270 Millionen laut Pew Research Center.
Kirchenordnung und Ämter
Kanonische Kirchen stehen in voller Kommunion mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und den anderen kanonischen Kirchen. Sie gelten in diesem Verständnis als Träger der vollen apostolischen Sukzession und der ganzen Fülle der Sakramente. Nichtkanonische Kirchen oder Gemeinschaften stehen nicht in dieser Kirchengemeinschaft, meist weil sie sich aus theologischen oder politischen Gründen getrennt haben.
Autokephale Kirchen sind rechtlich und geistlich vollständig selbständig und wählen ihr Oberhaupt selbst. Autonome Kirchen regeln innere Angelegenheiten weitgehend selbst, bleiben aber in bestimmten Punkten von einer autokephalen Mutterkirche abhängig. Eine autokephale Kirche kann Patriarchat, Erzbistum oder Metropolie heißen; ihr Oberhaupt ist entsprechend Patriarch, Erzbischof oder Metropolit.
Alle Bischöfe sind rechtlich und geistlich gleichgestellt. Ein Patriarch, Metropolit oder Erzbischof ist Primus inter pares, also „Erster unter Gleichen“, vertritt seine Kirche nach außen, hat aber keine höhere Autorität über Bischöfe anderer Gebiete. Entscheidungen für eine ganze Kirche treffen Bischöfe gemeinsam in Konzil oder Synode. In Westeuropa und Nordamerika bestehen wegen Migration mehrere, meist ihrer Herkunftskirche unterstellte orthodoxe Gemeinden nebeneinander. Das widerspricht zwar dem Ideal einer Kirche pro Gebiet, wird aber aus Nachsicht (kat’ oikonomían) geduldet.
Das Weihesakrament (Cheirotonie) hat die Stufen Diakonat, Presbyterat beziehungsweise Priestertum und Episkopat beziehungsweise Bischofsamt. Priester und Bischöfe können nur Männer werden. Diakoninnen sind grundsätzlich möglich, ihre sakramentale Weihe ist aber selten und teilweise umstritten; seit 2004 sind sie in Griechenland bei Zustimmung des Ortsbischofs zugelassen. Bischöfe sind meist Mönche und zum Zölibat verpflichtet. Priester und Diakone dürfen verheiratet sein, wenn die Ehe vor der Diakonenweihe geschlossen wurde; nach Verwitwung oder Trennung ist keine zweite Ehe möglich.
Glaube, Mysterien und Gottesdienst
Zentrale Begriffe der orthodoxen Theologie sind apophatische oder negative Theologie und Patristik, die Theologie der Kirchenväter. Negative Theologie bedeutet: Gottes Wesen kann der Mensch nicht vollständig erkennen und daher nicht endgültig definieren; anhand der Offenbarung kann er vor allem sagen, was Gott nicht ist. Daraus folgt eine starke Betonung der Mystik.
Erlösung wird nicht vor allem als juristischer Ausgleich einer vererbten Schuld verstanden. Die Menschheit wird vielmehr von der „Krankheit“ der Sterblichkeit geheilt: Durch Tod und Auferstehung Jesu Christi wird der Tod von innen besiegt. Ziel ist die Theosis, die Heiligung oder „Vergöttlichung“. Gläubige verbinden sich dabei mystisch mit Gottes ungeschaffenen Energien, nicht mit seinem unerkennbaren Wesen. Die Kirchenväter gelten als Wegweiser, weil sie diesen Weg erfahren und bezeugt hätten. Persönliche Stille, das Jesusgebet, die Göttliche Liturgie und Kommunion gehören zu diesem Weg.
Die sieben Mysterien sind: Taufe, Myronsalbung, Eucharistie beziehungsweise Kommunion, Buße, Weihe, Ehe und Krankensalbung. Die Siebenzahl ist nicht dogmatisch festgelegt; die Abgrenzung zu Sakramentalien wie Begräbnis oder Wasserweihe ist weniger scharf als in der römischen Kirche. Myronsalbung und Erstkommunion folgen unmittelbar auf die Taufe.
Die hauptsächlich gesungene byzantinische Liturgie steht im Mittelpunkt der Spiritualität. Ihre heutige Form reicht größtenteils bis ins 4., ihre Grundstruktur wohl bis ins 1. und 2. Jahrhundert zurück. Sie umfasst die Liturgie der Katechumenen mit Lesungen und Gebeten sowie die eucharistische Liturgie der Gläubigen. Häufig gefeiert wird die Chrysostomos-Liturgie, an hohen Feiertagen die Basilius-Liturgie; in der Fastenzeit gibt es die Liturgie der vorgeweihten Gaben. Typisch ist der Ruf „Kyrie eleison“ („Herr, erbarme dich“). Instrumentalmusik ist besonders in griechisch-orthodoxen Kirchen nicht gestattet oder sonst unüblich; Gesang gilt als Gebet.
Frömmigkeit, Feste und Kalender
In der Eucharistie wird gesäuertes Brot, Prosphora, verwendet. Gebetet und am Gottesdienst teilgenommen wird grundsätzlich stehend; Sitzplätze sind oft für Alte und Schwache vorgesehen. Knien ist in der sonntäglichen Liturgie unüblich. Kleidung und weitere Gewohnheiten, etwa Kopfbedeckung von Frauen, unterscheiden sich regional.
Das Kreuzzeichen wird von der Stirn bis zur Bauchmitte und dann von der rechten zur linken Schulter gemacht. Dabei werden Daumen, Zeige- und Mittelfinger als Zeichen der Dreifaltigkeit zusammengehalten; Ringfinger und kleiner Finger stehen für die zwei Naturen Christi. Es erfolgt etwa bei der Erwähnung der Dreifaltigkeit, bei Kreuz- oder Ikonenverehrung und kann mit Verbeugung oder Niederwerfung verbunden sein.
Das Hauptfest ist Ostern. Fast alle orthodoxen Kirchen berechnen es nach dem julianischen Kalender; die finnische Kirche ist ausgenommen. Das Kirchenjahr beginnt am 1. September. Die zwölf gleichrangigen großen Feste umfassen unter anderem Geburt Christi am 25. Dezember, Theophanie am 6. Januar, Verkündigung am 25. März, Verklärung am 6. August und Entschlafung der Gottesgebärerin am 15. August sowie Palmsonntag, Himmelfahrt und Pfingsten. Es gibt vier längere Fastenzeiten: Philippsfasten ab 15. November, Großes Fasten vor Ostern, Peter-und-Pauls-Fasten und Fasten vor der Entschlafung der Gottesgebärerin.
Für feste Feste führten einige Kirchen in den 1920er Jahren den neo-julianischen Kalender ein, der bis 2800 dem gregorianischen Kalender entspricht. Andere blieben beim julianischen Kalender: Deshalb wird Weihnachten etwa in Griechenland am 25. Dezember, in Russland und Serbien aber am 7. Januar des gregorianischen Kalenders gefeiert. Die Reform war umstritten und führte zur Abspaltung der Altkalendarier.
Kirchenfamilie und Ökumene
Zu den kanonischen Kirchen gehören die Patriarchate von Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien, Jerusalem, Georgien, Bulgarien, Moskau, Serbien und Rumänien sowie weitere autokephale Kirchen, etwa Zypern, Griechenland, Polen, Albanien, Tschechien und Slowakei. Die Orthodoxe Kirche in Amerika wird von anderen autokephalen Kirchen nur als autonom anerkannt. Die Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Ukraine wird vom Ökumenischen Patriarchat gewährt, vom Moskauer Patriarchat aber als nichtkanonischer Eingriff in sein Gebiet angesehen. Die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche erhielt ihre Autokephalie 2022 von Konstantinopel und der serbisch-orthodoxen Kirche. Daneben bestehen autonome und selbstverwaltete Kirchen. Nichtkanonische Gemeinschaften, Altkalendarier und Altgläubige gehören nicht zur kanonischen Kirchengemeinschaft.
Die Orthodoxie versteht sich als ursprüngliche Kirche; daraus folgt der Anspruch, dass in einem Gebiet nur eine Kirche bestehen soll. Sie beteiligt sich dennoch meist am Ökumenischen Rat der Kirchen und führt Dialoge mit römisch-katholischen, altkatholischen, anglikanischen, evangelischen und orientalischen Kirchen. Sie lehnt jedoch Praktiken ab, die ihren Traditionen widersprechen, etwa Frauenordination, Interkommunion, inklusive Sprache in der Liturgie und Befreiungstheologie.
Mit der römisch-katholischen Kirche bestehen gemeinsame apostolische Glaubensbekenntnisse, Sakramente und Weiheämter. Streitpunkte sind besonders Filioque, päpstlicher Primat und spätere katholische Dogmen. Das morgenländische Schisma von 1054 blieb trotz der Aufhebung der gegenseitigen Kirchenbänne durch Papst Paul VI. und Patriarch Athinagoras 1964 bestehen. Belastend bleiben außerdem Erinnerungen an die Eroberung Konstantinopels 1204 sowie Konflikte um katholische Ostkirchen und katholische Bistümer auf orthodoxem Gebiet.