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Christliche Zeitrechnung

Die christliche Zeitrechnung ist ein System der Zeitrechnung mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den verschiedenen christlichen Gemeinschaften.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip und Bestandteile
  2. 2. Jahreszählung nach Christus
  3. 3. Andere Ären und Kalender
  4. 4. Jahresbeginn und Osterrechnung
  5. 5. Monate, Woche und Tag

Grundprinzip und Bestandteile

Die christliche Zeitrechnung umfasst Zeitrechnungssysteme verschiedener christlicher Gemeinschaften. Ihre verbreitetste Jahreszählung setzt das angenommene Geburtsjahr Jesu Christi als Jahr 1 an. Die folgenden Jahre heißen „nach Christus“ (n. Chr.), vorhergehende „vor Christus“ (v. Chr.); säkulare Bezeichnungen sind „unserer Zeitrechnung“ (u. Z.) und „vor unserer Zeitrechnung“ (v. u. Z.). Daneben gibt es kirchlich unterschiedliche Ären.

Sonnenjahr, Monate, Woche und Wochentage stammen aus älteren Kulturen. Übernommen wurden insbesondere der später reformierte julianische Kalender, das Sonnenjahr mit zwölf vom Mondmonat abweichenden Monaten und die aus der Tora bekannte Sieben-Tage-Woche. Bezugspunkte für Jahres-, Wochen- und Tagesbeginn wechselten geschichtlich.

Im lateinischen Mittelalter hieß die kirchliche Zeitrechnung Computus. Er umfasste nicht nur die Osterberechnung, sondern Zeitrechnung, Liturgie, Geschichtsschreibung und Jahreskalender. Nach Arno Borst waren Computus, Martyrologium und Chronik drei „gleich mächtige Hauptsäulen“ benediktinischer Gelehrsamkeit; der Jahreskalender ergänzte sie als vierte Säule.

Jahreszählung nach Christus

In der frühen Kirche bestanden lokale Jahreszählungen. Im Römischen Reich wurden Jahre meist nach amtierenden Konsuln bezeichnet; im Osten nutzte man griechische Zeitrechnungen, im Westen die Zählung seit der Gründung Roms (ab urbe condita). Kaiser Justinian machte 537 die Zählung nach Regierungsjahren rechtsverbindlich.

Dionysius Exiguus berechnete 525 im päpstlichen Auftrag den Ostertermin. Er verwarf die Datierung nach der Regierungszeit Diokletians und bezog seine Ostertafel auf ab incarnatione domini nostri Iesu Christi, „seit der Fleischwerdung unseres Herrn Jesus Christus“. Die Geburt Jesu setzte er in das Jahr 754 ab urbe condita und bezeichnete das erste Lebensjahr Christi mit 1. Seine Tabelle umfasste Ostersonntage von 532 bis 626, also fünf neunzehnjährige Mondzyklen, und berücksichtigte mit Faustregeln das römische Sonnenjahr und dessen Schalttage.

Beda Venerabilis machte diese Inkarnationsära weit wirksam. Sein Lehrbuch De temporum ratione von 725 wurde zum Standardwerk der mittelalterlichen Komputistik. In seiner Historia ecclesiastica gentis Anglorum, um 731, datierte er die Geschichte nach der Fleischwerdung Jesu Christi. Von angelsächsischem England aus verbreitete sich diese Zählung im 8. Jahrhundert über das fränkische Reich im Abendland. Karl der Große verlangte 789, dass Priester den Computus beherrschten; um 1060 übernahm die römisch-katholische Kirche die Jahresrechnung nach Christi Geburt.

Das tatsächliche Geburtsdatum Jesu ist nicht bekannt. Mt 2,1 und Lk 1,5 nennen Herodes den Großen, der nach Flavius Josephus umgerechnet 4 v. Chr. starb. Daher wird heute allgemein eine Geburt zwischen 7 und 4 v. Chr. angenommen. Lk 2,2 mit einer Volkszählung unter Publius Sulpicius Quirinius gilt meist als ahistorisch: Seine Amtszeit in Judäa begann nach zuverlässigen römischen Quellen erst 6 n. Chr.; Belege für einen früheren Zensus fehlen.

In der historischen Zeitrechnung gibt es kein Jahr 0. Zwischen 1 v. Chr. und 1 n. Chr. liegt daher ein Jahr, nicht zwei. ISO 8601 verwendet dagegen für Naturwissenschaften, Technik, Software und internationale Korrespondenz eine Skala mit Jahr 0 und negativen Jahreszahlen; sie kann das gregorianische Schaltverfahren auch rückwirkend anwenden.

Andere Ären und Kalender

Der äthiopische Kalender bezieht sich ebenfalls auf Jesu Geburt, folgt aber der alexandrinischen Weltära des Panodorus von Alexandrien. Gegenüber Bedas Zählung im gregorianischen Kalender beträgt die Abweichung etwa sieben Jahre und acht Monate. Der koptische Kalender beginnt mit der Thronbesteigung Diokletians am 29. August 284 nach julianischem Datum. Der armenische Kalender beginnt 552 n. Chr., als sich die Armenische Apostolische Kirche von der römischen Reichskirche trennte.

Auch Schöpfungsjahre wurden verwendet. Im Oströmischen Reich setzte man die Schöpfung nach der Septuaginta auf 5501 oder 5508 v. Chr.; Russland behielt diese Zählung bis 1699. Zar Peter I. ordnete an, ab dem 1. Januar des folgenden Jahres statt 7208 nach Erschaffung der Welt das Jahr 1700 n. Chr. zu schreiben, weiterhin nach julianischem Kalender. Der jüdische Kalender beginnt am 7. Oktober 3761 v. Chr. Die spätere römische Tradition setzte die Schöpfung auf 5196 v. Chr.

Der julianische Kalender beruhte auf einem Jahr von 365,25 Tagen und schaltete alle vier Jahre einen Tag ein. Weil sich dadurch der Frühlingszeitpunkt verschob, wurde 1582 unter Papst Gregor XIII. der gregorianische Kalender eingeführt: Zehn Tage wurden einmalig übersprungen und die Schalttagsregel verändert. Spanien, Portugal, Teile Italiens und Polens übernahmen ihn bereits am 4./15. Oktober 1582; Russland am 31. Januar/14. Februar 1918, Griechenland am 9./23. März 1924 und die Türkei am 1. Januar 1927. Der gregorianische Kalender ist heute weit verbreitet. Altkalendarier nutzen den julianischen, Neukalendarier den neujulianischen Kalender mit eigener Schaltregel. Der armenische Kalender besitzt keine Schaltregel, weshalb sein Neujahrstag langsam durch das Jahr wandert.

Jahresbeginn und Osterrechnung

Der Jahresanfang war regional und je nach Kanzlei verschieden. Verwendet wurden der 1. Januar, der 6. Januar, der 1. März, der 25. März, Ostern, der 1. September, der 1. Advent oder der 25. Dezember. Der Oster- oder Paschalstil führte wegen des wechselnden Osterdatums zwischen dem 22. März und dem 25. April zu unterschiedlichen Jahreslängen. Erst im ausgehenden Mittelalter setzte sich der 1. Januar zunehmend durch; Papst Innozenz XII. erkannte ihn 1691 in päpstlichen Bullen als Jahresanfang an. In den Ostkirchen ist der 1. September weiterhin Beginn des Kirchenjahres, in der Westkirche der 1. Advent.

Das Osterdatum ist zentral, weil Ostern ein bewegliches Fest ist. Das Erste Konzil von Nicäa entschied 325: Ostern wird am ersten Sonntag gefeiert, der dem Frühlingsbeginn und dem jüdischen Pessachfest folgt. Im 6. und 7. Jahrhundert führten unterschiedliche Berechnungsmethoden zum irisch-römischen Osterstreit. Die Synode von Whitby entschied 664 für die römische Osterrechnung im angelsächsischen England. Die Notwendigkeit eines verbindlichen Termins förderte astronomische und arithmetische Grundlagen der Komputistik.

Die Verschiebung von Frühlingsanfang und Osterdatum machte Reformen nötig. Die gregorianische Reform von Februar/Oktober 1582 setzte den Frühlingsanfang auf den 21. März, unterdrückte zehn Tage und regelte den Wegfall von Schalttagen neu. Konfessionen stritten danach auch über den Zeitpunkt gemeinsamer Feste. Pfingsten hängt vom Osterdatum ab: Es fällt auf den fünfzigsten Tag nach Ostersonntag, diesen eingerechnet.

Monate, Woche und Tag

Die heutigen zwölf Monatsnamen stammen aus dem julianischen und letztlich aus dem altrömischen Zehnmonatskalender. Der koptische Kalender besitzt zusätzlich den dreizehnten Monat Heriu-renpet, „kleines Jahr“.

Die sieben Wochentage gehen auf babylonische Namen nach Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn zurück. Germanen ersetzten im 4. Jahrhundert einige Namen durch entsprechende germanische Götter, etwa Tyr beziehungsweise Tiu für Dienstag/Marstag, Donar und Freya. Das deutsche „Mittwoch“ geht auf Notker den Deutschen zurück: Er übersetzte vor 1020 quarta sabbati als mittauuechun, „in der Wochenmitte“, und bezog sich dabei auf einen sonntäglichen Wochenbeginn. In Großbritannien, Nordamerika und vielen anderen Gebieten ist Sonntag der erste Wochentag. In Deutschland gilt seit 1976 nach DIN 1355-1, heute ISO 8601, Montag als erster Wochentag; 1978 beschloss auch die UNO dies international.

Die Römer überlieferten die Einteilung in 24 gleich lange äquinoktiale Stunden und den Tagesbeginn um Mitternacht. Im Mittelalter waren jedoch Temporalstunden üblich: Die Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde in zwölf gleich große, jahreszeitlich unterschiedlich lange Abschnitte geteilt. Sie wurden von der Prim bei Sonnenaufgang über die Sext mittags zur Vesper bei Sonnenuntergang gezählt. Nach antikem Kalender endete der Tag bei Sonnenuntergang; deshalb gehört etwa der Weihnachtsabend liturgisch bereits zum Festtag. Bis Ende des 19. Jahrhunderts zeigten Kirchturmuhren Ortszeit. Für Verkehr und Telegrafie entstanden regionale Zeiten; Zeitzonen wurden 1884 beschlossen und für das Deutsche Reich am 1. April 1893 als Einheitszeit eingeführt.

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