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Kirchen und Judentum nach 1945

Dabei hat die Erforschung und Überwindung von dessen Ursachen Vorrang, vor allem des christlichen Antijudaismus als Wurzel des Antisemitismus. Arbeitsgruppe „ …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlegende Erneuerung nach dem Holocaust
  2. 2. Evangelische Schuldbekenntnisse 1945 bis 1950
  3. 3. Neuorientierung der evangelischen Kirchen
  4. 4. Katholische Kirche und Zweites Vatikanisches Konzil
  5. 5. Ökumene und jüdische Antwort
  6. 6. Jüdisch-christlicher Dialog in der Praxis

Grundlegende Erneuerung nach dem Holocaust

Seit 1945 haben die deutschen Kirchen ihr Verhältnis zum Judentum schrittweise grundlegend erneuert. Im Mittelpunkt stehen die Erforschung und Überwindung des christlichen Antijudaismus, also religiös begründeter Judenfeindschaft, als einer Wurzel des Antisemitismus. Wichtige Anstöße kamen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seit etwa 1960 aus dem jüdisch-christlichen Dialog, in der katholischen Kirche aus dem ersten päpstlichen Besuch in Israel 1964 und dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Die Erneuerung vollzog sich vor allem in fünf Bereichen: Hilfe für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung, Entnazifizierung kirchlicher Mitarbeiter, Schuldbekenntnisse und neue Erklärungen zum Judentum, Überprüfung und schließlich weitgehende Abkehr von der Judenmission sowie persönliche Begegnungen und gemeinsame Projekte.

Unmittelbar nach Kriegsende lebten etwa 290.000 meist osteuropäische Überlebende des Holocaust als Displaced Persons in ungefähr 60 Lagern auf deutschem Gebiet. Wegen katastrophaler Lebensbedingungen starben in den ersten Nachkriegsjahren nochmals Tausende, unter anderem an Tuberkulose. Hilfe kam zunächst hauptsächlich von jüdischen und internationalen Organisationen, besonders vom amerikanischen Joint. In der evangelischen Kirche kümmerten sich nur wenige Personen ausdrücklich um die Verfolgten, darunter Fritz Majer-Leonhard, Hermann Maas und Heinrich Grüber.

Evangelische Schuldbekenntnisse 1945 bis 1950

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 benannte erstmals im evangelischen Raum eine Mitschuld an den Verbrechen des Deutschen Reiches. Sein Kernsatz lautete: „Durch uns ist unendliches Leid über Länder und Völker gebracht worden“. Die Juden, der Holocaust und der christliche Antijudaismus wurden jedoch nicht ausdrücklich erwähnt. Auch das Darmstädter Wort von 1947 kritisierte zwar das Bündnis der Kirche mit konservativen Mächten und ihre Zustimmung zur Entwicklung einer Diktatur, sprach aber die kirchliche Schuld gegenüber dem Judentum nicht konkret an.

Das „Wort zur Judenfrage“ des Reichsbruderrats von 1948 bekannte das Judesein Jesu und wies eine besondere Schuld des jüdischen Volkes am Tod Jesu zurück: Alle Menschen seien am Kreuz Christi mitschuldig. Zugleich blieb es der Substitutionstheologie verhaftet. Nach dieser Auffassung sei die Erwählung Israels auf die Kirche übergegangen; das jüdische Schicksal wurde als göttliches Gericht verstanden und die Bekehrung der Juden weiterhin erwartet. Dennoch erkannte die Erklärung an, dass Christen durch ihr Verhalten dem Unrecht und Leid an Israel Vorschub geleistet hatten, und warnte vor Antisemitismus.

Einen entscheidenden Schritt vollzog die EKD-Synode am 27. April 1950 in Berlin-Weißensee. Ihre acht Punkte bekannten die bleibende Gültigkeit der göttlichen Verheißung für Israel, die Mitschuld der Kirche durch Unterlassen und Schweigen sowie die Pflicht, jedem Antisemitismus ernsthaft zu widerstehen. Gemeinden sollten auch unbetreute jüdische Friedhöfe schützen. Damit rückte die EKD von der Lehre einer Verwerfung oder Verfluchung Israels ab. Die Formulierung blieb allerdings ein Kompromiss: Aus der ursprünglich vorgeschlagenen „Schuld der Deutschen am Massenmord“ wurden die „Mitschuld“ am „Frevel“, den „Menschen unseres Volkes“ begangen hatten.

Neuorientierung der evangelischen Kirchen

Die erste EKD-Studie „Christen und Juden“ von 1975 untersuchte die gemeinsamen biblischen Wurzeln, die geschichtliche Trennung und die Möglichkeiten heutiger Begegnung und gemeinsamer Verantwortung. Sie verstand sich als Grundlage für weiteres Gespräch, nicht als abschließende Lösung aller Fragen.

Der rheinische Synodalbeschluss vom 11. Januar 1980 stand unter dem biblischen Leitwort „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ und beschloss unter anderem die Abkehr von der Judenmission. Zahlreiche Landeskirchen folgten mit vergleichbaren Erklärungen und Verfassungsänderungen. Die zweite EKD-Studie von 1991 stellte einen grundlegenden Wandel seit 1975 fest. Zum neuen Konsens gehörten die Absage an den Antisemitismus, das Eingeständnis christlicher Mitverantwortung am Holocaust, die unlösbare Verbindung des Christentums mit dem Judentum, die bleibende Erwählung Israels und die Bedeutung des Staates Israel. Zudem wurden judenfeindliche Auslegungstraditionen einzelner Bibelstellen überprüft.

Im Jahr 2000 erklärte die EKD-Synode, die Kirche sei nicht nur durch Schweigen und Unterlassen schuldig geworden. Die lange theologische Tradition der Entfremdung und Feindschaft habe sie in die systematische Vernichtung des europäischen Judentums verstrickt und die Neubestimmung des Verhältnisses nach 1945 verzögert. Die dritte EKD-Studie von 2000 stellte den „Bund“ als Modell für das Verhältnis von Kirche und Judentum in den Mittelpunkt. Sie behandelte außerdem den Verzicht auf eine organisierte Judenmission, das christliche Verständnis der biblischen Landverheißung ohne religiöse Überhöhung des Staates Israel und Grundfragen der Bibelauslegung.

Dass die Neuorientierung umstritten blieb, zeigte 2011 ein antizionistischer Artikel des Theologen Jochen Vollmer im Deutschen Pfarrerblatt. Kritiker warfen ihm vor, sich mit seiner Ablehnung einer staatlichen Verfasstheit der Besonderheit des jüdischen Volkes über Juden zu erheben. Die Zeitschrift verwies sowohl auf ihre Funktion als offenes Forum als auch auf kirchliche Beschlüsse, die Vollmers Auffassung widersprachen.

Katholische Kirche und Zweites Vatikanisches Konzil

In der katholischen Kirche überwog nach 1945 zwar eine respektvolle Haltung gegenüber dem Judentum, doch blieb zunächst die Vorstellung bestehen, die Kirche besitze eine besondere, dem Judentum fehlende Vollmacht. Daneben gab es weiterhin offen antisemitische Äußerungen einzelner Kirchenvertreter.

Den grundlegenden Wandel brachte das von Papst Johannes XXIII. einberufene Zweite Vatikanische Konzil. Die am 28. Oktober 1965 verabschiedete Erklärung Nostra Aetate beklagte „alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus“. Umstritten blieb die Bezeichnung der Kirche als „neues Gottesvolk“, weil sie so verstanden werden konnte, als sei Israels Erwählung beendet. Der am 25. Januar 1983 in Kraft getretene neue Codex Iuris Canonici strich antijudaistische Tendenzen.

Ein häufig Johannes XXIII. zugeschriebenes Bußgebet über die christliche Schuld an den Juden stammt nachweislich nicht von ihm; wahrscheinlich verfasste es der Jesuit Malachi Martin. Seine weite Verbreitung spiegelte dennoch die Scham vieler Katholiken über das Versagen ihrer Kirche während der Schoa.

Die Gemeinsame Synode der deutschen Bistümer bekannte am 22. November 1975, die Kirche habe insgesamt zu stark auf ihre eigenen Institutionen geblickt und zu den Verbrechen an Juden und Judentum geschwiegen. Die vatikanische Erklärung Unaussprechliche Tragödie vom 16. März 1998 benannte dagegen vor allem Fehler einzelner Katholiken und bezeichnete die Schoa als Werk eines neuheidnischen Regimes; ihre fehlende Konkretisierung kirchlichen Versagens wurde kritisiert. Am 12. März 2000 bat Papst Johannes Paul II. Gott wegen des Judenhasses um Verzeihung.

Im 21. Jahrhundert wurde der Dialog 2008 durch die Neufassung der lateinischen Karfreitagsfürbitte für die Juden durch Benedikt XVI. belastet. 2013 bekannte die Österreichische Bischofskonferenz, die Kirche habe 1938 in Theologie und Liebe versagt und zu einem antisemitischen Klima beigetragen. Unter Papst Franziskus verzichtete die katholische Kirche im Dezember 2015 auf Versuche, Juden zum Christentum zu bekehren. Benedikt XVI. erklärte 2018 ebenfalls, eine Judenmission sei weder vorgesehen noch nötig.

Ökumene und jüdische Antwort

Auch internationale und ökumenische Kirchen begannen nach dem Nationalsozialismus, christliche Judenfeindschaft aufzuarbeiten. 1947 formulierten Christen und Juden in Seelisberg zehn Punkte für ein Verhältnis ohne Antijudaismus und Antisemitismus. Die erste Vollversammlung des 1948 gegründeten Ökumenischen Rates der Kirchen hob die besondere Bedeutung des jüdischen Volkes für den christlichen Glauben hervor und erklärte den Kampf gegen Antisemitismus zum Bestandteil des christlichen Zeugnisses. Sie erkannte auch die Gründung Israels an, betrachtete sie aber zugleich mit Sorge.

1954 scheiterte auf der Vollversammlung in Evanston ein Text, der die ganze Geschichte Israels und seine Hoffnung auf das Reich Gottes als Offenbarung der Treue Gottes würdigen sollte. Die Mehrheit strich den Hinweis auf Israel; ein Minderheitsvotum hielt an der Erwartung einer Bekehrung des jüdischen Volkes fest. 1961 erklärte die Vollversammlung in Neu-Delhi, die Kreuzigung Jesu dürfe im christlichen Unterricht nicht so dargestellt werden, dass dem heutigen jüdischen Volk Verantwortung auferlegt werde. Ein Bericht von 1967 verlangte eine umfassende Reflexion über die Bedeutung des fortbestehenden Judentums und über christliches Glaubenszeugnis gegenüber Juden.

Europäische evangelische Dokumente betonen später die „unlösliche Verbundenheit mit Israel“. Zugleich warnen sie vor einer unreflektierten Übernahme jüdischer Gebete und Traditionen, weil dadurch Unterschiede verwischt und jüdische Traditionen vereinnahmt werden könnten.

Mit Dabru Emet antworteten jüdische Gelehrte auf die christlichen Veränderungen. Sie erklärten, der Nationalsozialismus sei kein christliches Phänomen gewesen, hätte sich aber ohne die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und der Gewalt gegen Juden nicht verwirklichen können. Sie würdigten Christen, die Juden retteten oder die christliche Verachtung des Judentums überwanden. Judentum und Christentum seien eigenständige Traditionen; zugleich sollten Juden und Christen gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden arbeiten.

Jüdisch-christlicher Dialog in der Praxis

In Deutschland entstanden nach Nationalsozialismus und Holocaust mehr als 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mit etwa 20.000 Mitgliedern. Ihr Dachverband ist der Deutsche Koordinierungsrat, die größte Vereinigung unter den 32 Mitgliedern des Internationalen Rats der Christen und Juden. Die Gesellschaften fördern Aussöhnung, gegenseitiges Verständnis und friedliches Zusammenleben und wenden sich gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus. Ihre Leitungen sind jeweils jüdisch, evangelisch und katholisch besetzt.

Ein Beispiel für die Wirkung des Dialogs ist die 2006 von 52 deutschsprachigen Bibelwissenschaftlern veröffentlichte Bibel in gerechter Sprache. Sie soll deutlicher machen, dass Jesus sowie die Apostelinnen und Apostel Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft waren. Deshalb werden die sogenannten Antithesen der Bergpredigt nicht mit dem abgrenzenden „Ich aber sage euch“, sondern nach dem Muster rabbinischer Auslegung als „Ich lege euch das heute so aus“ übersetzt.

Ein weiteres Zeichen institutioneller Gleichberechtigung war 2010 die Ernennung Alfred Bodenheimers, eines Professors für Jüdische Studien, zum Dekan der Theologischen Fakultät Basel. Damit leitete erstmals in Europa ein Jude eine christliche theologische Fakultät.

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