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Rationierung
Rationierung (oder Bewirtschaftung) ist in der Wirtschaft ein staatlicher Markteingriff, der bei einem knappen Güterangebot zur limitierten Zuteilung von …
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Begriff und Grundformen
Rationierung ist ein staatlicher oder von einer anderen Autorität angeordneter Markteingriff: Bei einem knappen Güterangebot werden den Nachfragern nur begrenzte Teilmengen zugeteilt. Sie tritt besonders in Mangelwirtschaften auf, etwa während Kriegen, Wirtschaftskrisen, Hungersnöten, Katastrophen oder Epidemien. Anlass kann ein tatsächlicher Mangel sein; Rationierung kann aber auch vorbeugend erfolgen, wenn aus Angst vor einer Krise Hamsterkäufe erwartet werden. Lebensmittelmarken und Kontingentierungen, also festgelegte Höchstmengen, sind typische Mittel. Ursache ist eine Angebotslücke oder ein Nachfrageüberhang und damit ein Marktungleichgewicht.
Es gibt zwei Grundformen:
• Bei der Preisrationierung wird der Preis so festgelegt, dass ein Teil der Nachfrager nicht mehr bereit oder finanziell nicht in der Lage ist, das Gut zu kaufen. Dadurch verschwindet der Nachfrageüberhang. Wie bei einer Auktion erhalten vor allem die Meistbietenden das Gut. Auch die Hochpreisstrategie bei künstlich verknappten Luxusgütern wirkt auf diese Weise.
• Bei der Mengenrationierung erfolgt die Verteilung nach nicht-monetären Kriterien, beispielsweise Alter, Bedürftigkeit, Recht des Stärkeren oder Zufall. So wurden bei Corona-Impfungen etwa Personen über 60 Jahre gegenüber anderen Altersgruppen bevorzugt. Mehrere Kriterien können miteinander kombiniert werden.
Wenn allgemein von Rationierung gesprochen wird, ist meistens Mengenrationierung gemeint. Die Bezeichnung Bewirtschaftung wird zwar häufig als Synonym verwendet, ist aber weiter gefasst und umfasst auch andere Vorgänge, etwa die Immobilienbewirtschaftung.
Rationierung auf Güter- und Arbeitsmärkten
Auf einem funktionierenden Gütermarkt entsteht der Gleichgewichtspreis dort, wo sich Angebots- und Nachfragekurve schneiden. Die angebotene und die nachgefragte Menge stimmen überein; der Markt wird geräumt. Diese Menge heißt Gleichgewichtsmenge.
Werden Geschäfte nicht zum Gleichgewichtspreis abgeschlossen, können gleichzeitig eine Budgetrestriktion durch den Preis und eine Mengenrestriktion durch begrenzte Verfügbarkeit wirken. Marktteilnehmer richten ihre Entscheidungen dann nicht nur an Preissignalen aus. Der allein vom gewünschten Kauf oder Verkauf bestimmte „notional demand“ wird durch die Einschränkungen zur tatsächlich wirksamen „effective demand“ verändert.
Bei einer Angebotslücke, etwa wegen länger anhaltender Produktionsengpässe, oder einem Nachfrageüberhang, etwa durch Hamsterkäufe, entstehen besonders bei Lebensmitteln und Getränken Warteschlangen und Regallücken. Teilweise erhalten nur die zuerst handelnden Kunden Waren nach dem Prinzip „First In – First Out“. Kaufen Menschen aus Angst mehr als benötigt und horten die Waren, verhindert dieses Herdenverhalten eine gleichmäßige und gerechte Verteilung lebensnotwendiger Güter.
Ein Ungleichgewicht kann als Spill-over-Effekt auf den Arbeitsmarkt übergreifen. Können Privathaushalte wegen einer Rationierung weniger Güter kaufen, bieten sie möglicherweise weniger Arbeit an. Unternehmen verstehen dies wiederum als Beschränkung ihrer Arbeitsnachfrage und senken ihr Güterangebot weiter. Nach dem Walras-Gesetz gilt umgekehrt: Befindet sich beispielsweise der Gütermarkt im Gleichgewicht, muss dies auch für einen anderen Markt wie den Arbeitsmarkt gelten.
Rationierung auf Finanzmärkten
Auf Finanzmärkten wird für Rationierung häufig der Begriff Repartierung verwendet, also die nur anteilige Zuteilung einer begrenzten Menge.
Auf dem Devisenmarkt kann eine Währung durch eingeschränkte Konvertibilität oder durch Devisenverkehrsbeschränkungen rationiert werden. De-Rationierung bezeichnet entsprechend den schrittweisen Aufbau der Konvertibilität und den Abbau solcher Beschränkungen. Die Reichsbank begrenzte im Februar 1934 wegen unzureichender Währungsreserven ihren täglichen Devisenverkauf auf die Höhe ihrer Deviseneingänge desselben Tages; dies wurde „Devisen-Repartierung“ genannt.
Auf dem Geldmarkt kommt es bei der Offenmarktpolitik zu einer Repartierung, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. Beim Zinstender betrifft dies die Nachfragemenge zum unteren Grenzzinssatz; beim Mengentender werden die Gebote zum Einheitszinssatz nur anteilig berücksichtigt.
Auf dem Kapitalmarkt können Kauf- oder Verkaufsaufträge für Aktien und seltener für Anleihen nach einem Verteilungsschlüssel nur teilweise ausgeführt werden. Bei beschränkter Ausführung von Verkaufsaufträgen lautet der Kurszusatz „ratB“, bei Kaufaufträgen „ratG“. Auch bei einer überzeichneten Wertpapieremission ist eine anteilige Zuteilung nötig.
Auf dem Kreditmarkt ist Mengenrationierung besonders wichtig. Banken beantworten einen Nachfrageüberhang nicht einfach mit höheren Kreditzinsen: Dadurch könnten Kreditnehmer mit geringem Ausfall- oder Insolvenzrisiko verdrängt werden, während Kunden mit schwacher Bonität und hohem Risiko eher bereit wären, hohe Zinsen zu akzeptieren. Deshalb gilt Kreditrationierung hier als der Preisrationierung überlegen.
Rationierung im Gesundheitswesen
Im Gesundheitswesen folgt die Rationierung auf die Priorisierung medizinischer Leistungen. Priorisierung bedeutet, Leistungen in eine Rangfolge zu bringen. Dadurch sollen nützliche Leistungen erkannt und weniger sinnvolle Leistungen begrenzt werden. Gründe sind vor allem finanzielle Beschränkungen und knappe Ressourcen.
Mehrere Formen werden unterschieden:
• Primäre Rationierung legt auf staatlicher Ebene fest, welcher Anteil der Gesamtausgaben für das Gesundheitswesen verfügbar ist. Sie begrenzt damit die Gesamtmenge medizinischer Leistungen und wird auch indirekte, ressourcenbezogene Rationierung genannt. Sekundäre oder direkte Rationierung verteilt die Mittel innerhalb des Gesundheitssystems auf Fachbereiche und einzelne Patienten; dabei entscheidet ein Arzt im Einzelfall über eine Leistung.
• Bei starker Rationierung ist der private Zukauf zusätzlicher Leistungen gesetzlich verboten. Bei schwacher Rationierung dürfen nicht staatlich finanzierte Leistungen über einen legalen Markt, etwa durch private Zusatzversicherungen oder Eigenfinanzierung, erworben werden. Kritiker sehen darin eine Benachteiligung weniger vermögender Menschen.
• Harte Rationierung betrifft eine Menge, die nicht vergrößert werden kann, beispielsweise Spenderorgane. Bei weicher Rationierung wird bewusst entschieden, nicht mehr von einem Gut bereitzustellen; ein Beispiel ist die Zahl der Rettungswagen.
• Explizite oder offene Rationierung beruht auf veröffentlichten Richtlinien, nach denen bestimmte Leistungen gewährt oder verweigert werden. Bei impliziter oder verdeckter Rationierung erfahren Patienten nicht, ob ihnen eine Ressource wegen der Rationierung vorenthalten wird; die Entscheidung wird ohne vorherige öffentliche Debatte an Ärzte übertragen.
Auch Warteschlangen sind eine zeitliche Form: Ein Teil der Nachfrage in Stoßzeiten wird auf Zeiten mit geringerer Nachfrage verschoben, sodass weniger Kapazitäten benötigt werden.
Diskutiert werden besonders ethische und rechtliche Fragen, gesellschaftlich akzeptable Zuteilungskriterien und Verfahren zur Priorisierung von Behandlungen oder Patientengruppen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis medizinischer Leistungen ist für einzelne Patienten, Fallgruppen und die Gesellschaft schwer zu bestimmen und häufig umstritten. Großbritannien, die Niederlande, Schweden und Dänemark sind bei der praktischen Priorisierung weiter fortgeschritten.
Ein bekanntes Beispiel ist Oregon im Jahr 1987. Eine Krankenversicherung für die gesamte Bevölkerung sollte eingeführt werden, ohne die Gesamtkosten von Medicaid zu erhöhen. Daher wurde der Leistungsumfang anhand einer Prioritätenliste gekürzt: Statt etwa Organtransplantationen bei Kindern wurden Vorsorgeuntersuchungen für sozial schwache Schwangere und Kinder finanziert. Damit bestand das Risiko schwerer Beeinträchtigungen bei Kindern, deren Transplantationen ausblieben.
In Deutschland finanzierte die gesetzliche Krankenversicherung 2010 mit sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts die Versorgung von rund 70 Millionen Menschen. Gedeckelte Praxisbudgets und Schließungen vieler Praxen gegen Quartalsende gelten ebenfalls als Rationierung. Umstritten ist dabei, ob Ärzte solche Entscheidungen im einzelnen Arzt-Patienten-Verhältnis treffen dürfen oder ob sie auf höherer Ebene politisch festgelegt werden müssen.
Gleichgewicht und wirtschaftliche Folgen
Ein Rationierungsgleichgewicht liegt vor, wenn Güterangebot und Güternachfrage sowie Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage mengenmäßig übereinstimmen, obwohl keine Gleichgewichtspreise im Sinne des Walras-Gesetzes bestehen. Bei einem zu hohen Reallohn und/oder einem zu niedrigen absoluten Preisniveau werden Privathaushalte rationiert und entwickeln Nachfrageüberhänge, die von den Unternehmen nicht erfüllt werden. Da Unternehmen nicht zu einem höheren Güterangebot oder einer höheren Arbeitsnachfrage gezwungen werden können, bleibt der „notional demand“ der Haushalte teilweise unerfüllt.
Bleibt das Arbeitseinkommen konstant, führt eine Rationierung auf dem Gütermarkt zum Zwangssparen: Haushalte können einen Teil ihres Einkommens nicht für die gewünschten Güter ausgeben. Dadurch steigt ihr finanzielles Potenzial für künftigen Konsum. Sinkt die Arbeitsnachfrage, geht bei gegebenen Preisen auch die Güternachfrage zurück. Dies zeigt die gegenseitige Abhängigkeit der Märkte nach dem Walras-Gesetz.
Mengenrationierung benötigt staatliche Koordinierung. Diese kann zusätzliche Ineffizienzen erzeugen, die nicht allein auf „falsche“ Preise zurückzuführen sind. Nach John Maynard Keynes lässt sich eine Rationierung auf dem Gütermarkt durch höhere Staatsausgaben mittels Deficit spending überwinden, also durch schuldenfinanzierte zusätzliche Ausgaben. Die dadurch entstehende Inflation senkt bei konstantem Nominallohn den Reallohn.