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Kaste

Ein Kastenwesen im eigentlichen Sinne findet sich insbesondere in Indien und Nepal, auf den Inseln Sri Lanka und Bali, sowie bei der ethno-religiösen Gruppe der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundstruktur
  2. 2. Varna, Jati und religiöse Legitimation
  3. 3. Dynamik, Heirat und Alltag
  4. 4. Dalits, Staat und politische Folgen
  5. 5. Entstehung und Kolonialismus
  6. 6. Kastenwesen außerhalb Indiens

Begriff und Grundstruktur

Eine Kaste ist eine religiös begründete und legitimierte gesellschaftliche Gruppe, die hierarchisch eingeordnet und gegenüber anderen Gruppen abgegrenzt wird. Der Begriff bezeichnet vor allem ein aus Indien bekanntes soziales Phänomen. Heute wird das Kastenwesen zunehmend als umfassendes System sozialer Unterdrückung verstanden.

Die Zugehörigkeit wird durch Geburt bestimmt. Ein Wechsel oder Austritt ist normalerweise nicht möglich. Kasten beeinflussen insbesondere den sozialen Status, die Heirat und die Arbeitsteilung, aber auch das gesamte Lebensumfeld. Dadurch unterscheiden sie sich von beweglicheren gesellschaftlichen Einteilungen wie Stand oder Klasse. Im eigentlichen Sinn gibt es Kastenwesen vor allem in Indien und Nepal, auf Sri Lanka und Bali sowie bei den Jesiden. Der Begriff wird teilweise auch umgangssprachlich auf Gruppierungen moderner Gesellschaften angewandt.

Für Indien ergaben Befragungen, dass sich 98 % der Bevölkerung selbst einer Kaste zuordnen, darunter auch Menschen, die Religionen angehören, welche das Kastensystem ablehnen. Das System geht daher über den Hinduismus hinaus. Die Zahl der Kasten ist unbekannt und geht in die Tausende. Nach Auswertungen im Zusammenhang mit dem Mandal-Bericht wurden beispielsweise 7.000 Kasten genannt; diese Zählung galt jedoch als unvollständig. Eine neuere anthropologische Untersuchung nimmt etwa 40.000 endogame Gemeinschaften an, davon 37.000 hinduistische. Endogamie bedeutet, dass innerhalb der eigenen Gruppe geheiratet wird.

Varna, Jati und religiöse Legitimation

Das traditionelle Modell unterscheidet vier Hauptkasten, die Varnas, und zahlreiche Untergruppen, die Jatis. Die vier Varnas sind:

  • Brahmanen: traditionell Priester, Ausleger heiliger Schriften und intellektuelle Elite.
  • Kshatriyas: traditionell Krieger, Fürsten und höhere Beamte.
  • Vaishyas: traditionell Händler, Kaufleute, Grundbesitzer und Landwirte.
  • Shudras: traditionell Handwerker, Pachtbauern und Tagelöhner.

Unterhalb dieser vier Varnas stehen die sogenannten Unberührbaren, die sich selbst meist Dalits nennen. Sie werden auch Paria oder Harijan genannt. Das Varna-Modell ist vor allem eine geistig-ideologische Ordnung zur Begründung der Hierarchie. Im täglichen Leben sind dagegen die Jatis entscheidend. Der Begriff Jati bezeichnet eine Geburtsgruppe und kann auch größere Gemeinschaften, Unterkasten, Großfamilien oder Clans meinen. Deshalb ist er mehrdeutig. Louis Dumont ging von etwa 2.000 bis 3.000 Jatis aus.

Jatis sind soziale und familiäre Gemeinschaften. Sie unterscheiden Menschen unter anderem beruflich, ethnisch, sozioökonomisch und kulturell. Jede Jati besitzt eigene Normen und Institutionen. Die Grenzen sind durch rituelle und teilweise räumliche Trennung besonders fest. Jatis können sich in Subjatis aufteilen und politisch als Lobbyverbände oder Wählerblöcke auftreten.

Eine Hierarchie der Varnas wurde besonders in Texten der Dharmaśāstra, darunter der Manusmriti, formuliert. Die Manusmriti entstand zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. und glorifizierte die Rolle der Brahmanen. Sie war kein einfaches Abbild der damaligen Gesellschaft, sondern ein Programm für eine hierarchisch geordnete Welt. Gruppenmischung wurde als Verunreinigung und Gefahr betrachtet. Rituale, Speisevorschriften und die Vermeidung verunreinigenden Kontakts sollten die Ordnung sichern.

Nach hinduistischer Vorstellung sind mit der Kastenzugehörigkeit bestimmte Pflichten, das Dharma, verbunden. Kshatriyas sollen kämpfen und die Gesellschaft führen, während Brahmanen die Schriften studieren, lehren und Rituale vollziehen. Das Purushasukta im Rigveda führt die vier Varnas auf Körperteile des göttlichen Urmenschen Purusha zurück. Es ist die einzige Hymne des Rigveda, in der alle vier Varnas erwähnt werden; eine Hierarchie enthält diese Hymne jedoch nicht. Andere hinduistische Schriften bewerten das System unterschiedlich und lehnen teilweise die erbliche Hierarchie ab.

Dynamik, Heirat und Alltag

Obwohl die Theorie ein starres System nahelegt, können sich Jatis als ganze Gruppen verändern. Eine Jati kann durch politischen oder wirtschaftlichen Aufstieg einen höheren Rang beanspruchen, sich abspalten oder mit einer anderen Teilgruppe eine neue endogame Gemeinschaft bilden. So entstehen neue Jatis mit eigenen Regeln und Kastenräten. Die soziale Mobilität einzelner Menschen innerhalb einer Jati ist dagegen gering.

Den Aufstieg ganzer Jatis durch die Übernahme des Lebensstils höherer Gruppen bezeichnete der Soziologe M. N. Srinivas als „Sanskritisierung“. Niedriger eingestufte Jatis übernehmen Rituale, Bildungstraditionen, Symbole, Speisevorschriften und Lebensweisen höherer Jatis. Dazu kann die Hinwendung zu vegetarischer Ernährung oder die Abkehr von als unrein geltenden Tieren gehören. Sanskritisierung bedeutet nicht, dass eine Jati zu Brahmanen wird. Sie kann auch westliche Symbole und Bildungstraditionen einschließen. Dalit-Bewegungen lehnen diese Orientierung an höheren Kasten teilweise ab und fordern eine eigenständige kulturelle Entwicklung.

Die Heirat bleibt ein zentraler Bereich des Kastenwesens. 2011 wurden nur 5,8 % der Ehen kastenübergreifend geschlossen; 19 von 20 Ehen fanden innerhalb der Kaste statt. 73 % aller Ehen waren arrangiert, und 70 % der Frauen in arrangierten Ehen lernten ihren Mann erst am Hochzeitstag kennen. Subjatis heiraten oft nur innerhalb bestimmter Heiratsbündnisse. Ehen zwischen Personen desselben Gotra, also mit gemeinsamem Vorfahren, werden traditionell zur Vermeidung von Inzest strikt vermieden. Kastenübergreifende Beziehungen können familiär bis hin zu Ehrenmorden bestraft werden. In ländlichen Gebieten üben Kastenräte, sogenannte khap panchayats, Druck zur Einhaltung dieser Regeln aus.

Die Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit bestimmen den Rang der Jatis. Brahmanen gelten als besonders rein; Gruppen mit traditionell als unrein geltenden Berufen, etwa Wäscher, Friseure und Müllbeseitiger, gelten als besonders unrein. In Städten ist eine dauerhafte räumliche Trennung schwer durchzusetzen, auf dem Land bestehen die alten Strukturen stärker fort. Gemeinsame Mahlzeiten sind heute vielerorts möglich, doch Diskriminierung beim Essen besteht weiter. In Südindien wurden in Madurai bei 60 % der Teestände Dalits andere Becher oder schlechteres Essen zugewiesen. Insgesamt lehnten 27 % der Befragten ab, Angehörige niedriger Kasten in die eigene Küche zu lassen; unter Brahmanen waren es 52 %.

Die traditionellen Berufszuordnungen sind heute weitgehend theoretisch. Praktisch kann jeder Beruf ausgeübt werden; nur ein Bruchteil der Brahmanen ist Priester, und auch Dalits können in staatlich kontrollierten Tempeln zu Priestern ernannt werden. Lokal bestehen jedoch alte Berufsbindungen fort, etwa bei den Dhobi, den Wäscherinnen und Wäscher von Benares. Viele Nachnamen weisen weiterhin auf eine Kastenzugehörigkeit hin, beispielsweise Sharma oder Banerjee auf Brahmanen.

Dalits, Staat und politische Folgen

Dalits sind keine „Kastenlosen“ im wörtlichen Sinn, sondern Angehörige der niedrigsten Kasten und Unterkasten. Wahrscheinlich gibt es mehr als 3.000 solcher Gruppen; Dalits machen bis zu 20 % der indischen Bevölkerung aus. Traditionell mussten viele von ihnen die schwersten Arbeiten für sehr geringe Löhne verrichten, durften oft kein Land besitzen und wurden als rituell unrein behandelt. Historische Berichte von Faxian und Xuanzang beschreiben Gruppen wie die Chandala, die außerhalb von Ortschaften leben mussten. Die Unberührbarkeit prägte auch spätere europäische Darstellungen des Kastensystems.

Innerhalb der Dalits bestehen selbst Rangunterschiede und Diskriminierungen. Es gibt beispielsweise Priesterkasten, denen als Heilern der Volksmedizin eine gewisse Mittelstellung zugeschrieben wird. Gleichzeitig grenzen sie sich von besonders niedrig eingestuften Dalit-Gruppen ab.

Seit der Unabhängigkeit erhalten Angehörige der Scheduled Castes und Scheduled Tribes Quoten im öffentlichen Dienst und im Bildungswesen. Dadurch werden sie in diesen Bereichen gezielt gefördert. K. R. Narayanan war von 1997 bis 2002 der erste Staatspräsident aus einer ehemals unberührbaren Kaste. Die rechtliche Gleichstellung hat die soziale Diskriminierung jedoch nicht überall beseitigt. Der Begriff Harijan, „Kind Gottes“, wurde von Mahatma Gandhi verwendet; B. R. Ambedkar lehnte ihn ab, weil er eine bloße Verbesserung statt der vollständigen Abschaffung des Kastensystems nahelege. Ambedkar trat mit vielen Dalits zum Buddhismus über.

Die Förderung wurde zunächst hinduistischen Kastenlosen gewährt und später auf Buddhisten und Sikhs ausgeweitet. Christen und Muslime blieben zunächst ausgeschlossen. Die Mandal-Kommission listete 1980 insgesamt 3.743 Other Backward Classes auf. 1990 wurde die Reservierung für Scheduled Tribes, Scheduled Castes und OBC auf insgesamt 49,5 % erhöht, darunter 7,5 % für ST und 15 % für SC. Die Umsetzung führte besonders in Nordindien zu massiven Protesten. 2006 lösten Pläne für Eliteuniversitäten wie IITs, IIMs und AIIMS erneut Proteste und Hungerstreiks aus.

Die positive Diskriminierung kann das Kastendenken zugleich erhalten. Gruppen konkurrieren um staatliche Förderung und betonen dafür ihre frühere Benachteiligung. Kastenidentitäten spielen außerdem bei der Bildung von Wählerblöcken eine Rolle. So kann Politik, die Kasten überwinden will, sie teilweise auch verfestigen.

Entstehung und Kolonialismus

Das Alter des Kastensystems ist umstritten. Früher wurde seine Entstehung bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. und in der Zeit des Rigveda angenommen. Neuere genetische Untersuchungen von 2013 über 73 indische Kasten sprechen jedoch dafür, dass sich das System erst deutlich später durchsetzte. Zwei große genetische Gruppen, die Ancestral South Indians (ASI) und die Ancestral North Indians (ANI), begannen sich vor 4.200 Jahren zu vermischen. Diese Vermischung endete erst vor etwa 1.900 Jahren; danach wurde endogames Heiraten üblich. Eine weitere Studie ordnet die Durchsetzung in das relativ späte Zeitalter des Guptareiches ein. Die Angaben widersprechen der Vorstellung, das Kastensystem habe seit Beginn der indischen Geschichte unverändert bestanden.

Der britische Kolonialismus schuf das Kastensystem nicht, beeinflusste aber seine Ausformung. Unter Warren Hastings wollten die Briten Indien nach den eigenen Gesetzen der Bevölkerung regieren. Sie ließen sich dabei von englischsprachigen Brahmanen beraten und deuteten Texte der Dharmaśāstra als unmittelbar geltendes religiöses Recht. Tatsächlich enthielten diese Texte häufig theoretische Vorstellungen, die regional unterschiedlich beachtet wurden. Koloniale Gerichte und Institutionen verbreiteten hierarchische brahmanische Ordnungsvorstellungen auch in Regionen, in denen sie zuvor eine geringere Bedeutung hatten.

Die Briten bevorzugten zunächst Brahmanen und schriftkundige Gruppen in Verwaltung und Militär. Nach dem Aufstand von 1857 förderten sie auch andere Gruppen. Überregionale Märkte ermöglichten manchen Kasten wirtschaftlichen Aufstieg. Verkehr, Bildung und koloniale Verwaltung lösten Kastenidentitäten aus ihren lokalen Grenzen und machten sie politisch nutzbar. Zugleich bildeten britische Bildungseinrichtungen auch Sozialreformer aus unteren Kasten wie B. R. Ambedkar aus. Daher gilt der Kolonialismus als verstärkender und verändernder Einfluss, nicht als alleinige Ursache des Kastenwesens.

Kastenwesen außerhalb Indiens

In Sri Lanka beachten sowohl Tamilen als auch buddhistische Singhalesen Kasten. Die Singhalesen kennen jedoch keine Kaste der Unberührbaren. Der Buddhismus liefert keine religiöse Legitimation wie der Hinduismus, steht dem Kastensystem aber auch nicht eindeutig ablehnend gegenüber.

Auf Bali gibt es die vier Gruppen Brahmana, Satria, Wesia und Sudra sowie die „Zweimalgeborenen“ (Triwangsa). Das Gegenstück zur indischen Jati ist die Dadia, eine Titelgruppe. Ihre Titel sind nicht mit Berufen verbunden. Der Status wird durch Zeremonien signalisiert. Unberührbarkeit gibt es auf Bali nicht; eingeschränktes gemeinsames Essen betrifft nur höhere Ränge.

In Japan wurden die Burakumin wegen der Berufe ihrer Vorfahren als unrein angesehen, räumlich abgesondert und diskriminiert. Ethnisch und religiös unterscheiden sie sich nicht von anderen Japanern und sind rechtlich gleichgestellt, gesellschaftliche Benachteiligungen bestehen jedoch fort. In Korea standen die Paekchŏng jahrhundertelang unter den übrigen Bevölkerungsgruppen. Sie lebten abgesondert, arbeiteten häufig als Schlachter oder Henker, durften nur innerhalb ihrer Gruppe heiraten und mussten besondere Bekleidung tragen. Reformen glichen ihre Lage zunächst nur teilweise an; erst die Gabo-Reformen verbesserten sie.

Bei den Jesiden gibt es die drei gleichberechtigten Hauptkasten der Scheichs, Pîren und Mirîden. Scheichs und Pîren übernehmen religiöse Aufgaben, Mirîden sind Laien. Die Jesiden heiraten nicht außerhalb ihrer ethnisch-religiösen Gruppe; auch die drei Kasten heiraten nicht untereinander.

Die Cagots im westlichen Frankreich, in den Pyrenäen und im Norden Spaniens wurden über Jahrhunderte ausgegrenzt. Sie durften nur untereinander heiraten, mussten in bestimmten Wohngebieten leben, durften nur bestimmte Berufe ausüben und wurden in Kirchen und auf Friedhöfen getrennt. Ihre Herkunft und die Gründe ihrer Ausgrenzung sind ungeklärt. Die Verbindung mit Lepra gilt als falsch. Ihre Diskriminierung wurde in Frankreich 1787/1788 und in Navarra 1819 aufgehoben; das letzte Cagot-Wohnviertel bestand bis ins 20. Jahrhundert.

In Afrika verloren die Andriana, die königliche Familie der Merina auf Madagaskar, durch Christianisierung und Kolonialisierung offiziell an Einfluss, gehören aber weiterhin zur privilegierten Oberschicht. Bei den Dizi in Südwest-Äthiopien wurde früher eine Ordnung aus drei freien und drei abhängigen Kasten beschrieben. Im 21. Jahrhundert überträgt Isabel Wilkerson den Kastenbegriff auch auf moderne Gesellschaften. Als Herrschaftsprinzipien nennt sie Erbfolge, Endogamie, strenge Hierarchien, angebliche Reinheit und angeborene Überlegenheit, Entmenschlichung und Stigmatisierung sowie Gewalt und Terror.

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