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Rigveda
Zu den vier Veden gehören neben dem Rigveda noch Samaveda, Yajurveda sowie Atharvaveda. Alle hinduistischen Religionen akzeptieren die Unantastbarkeit dieser …
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Bedeutung und Aufbau des Rigveda
Der Rigveda ist der älteste Teil der vier Veden und gehört damit zu den wichtigsten Schriften des Hinduismus. Zu den vier Veden zählen außerdem Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda. Die hinduistischen Religionen erkennen die Unantastbarkeit dieser vier Veden an; einzelne Richtungen rechnen jedoch weitere Schriften hinzu.
Oft bezeichnet „Rigveda“ die Rigvedasamhita, den Kerntext des Werkes. Sie umfasst 1028 Hymnen, nach anderen Zählungen 1017, die in zehn Liederkreise oder Mandalas eingeteilt sind. Im weiteren Sinn besteht der Rigveda aus mehreren Textschichten: Die Samhitas mit den Hymnen bilden die älteste Schicht, danach folgen die Brahmanas mit vor allem rituellen Texten, die Aranyakas („Waldtexte“) und schließlich die Upanishaden mit überwiegend philosophischen Abhandlungen. Die Hymnen sind in vedischer Sprache verfasst, die späteren Schichten in Sanskrit.
Historischer und geographischer Kontext
Die genaue Entstehungszeit der Rksamhita ist unbekannt und war lange Gegenstand unterschiedlicher Spekulationen. Datierungen auf 6000–4000, 8000 oder 12.000 v. Chr. sowie eine Zurückführung bis ins Pliozän gelten nach heutiger Sprachgeschichte, wegen der vorausgesetzten Gesellschaftsstruktur und angesichts archäologischer Befunde als unvereinbar mit den Erkenntnissen. Nach dem derzeitigen Stand der Indogermanistik und Indologie ist eine Entstehung in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. wahrscheinlich. Die Bücher II bis IX gelten als älter als die Bücher I und X; einzelne Hymnen können noch einige Jahrhunderte älter sein.
Philologische und linguistische Untersuchungen verorten den Großteil der Rigveda Samhita wahrscheinlich zwischen 1500 und 1200 v. Chr. in der nordwestlichen Region des indischen Subkontinents. Die ältesten Schichten gehören zu den ursprünglichsten Texten in einer indogermanischen Sprache und könnten ein ähnliches Alter wie hethitische Texte besitzen.
Die Hymnen stammen von Dichtern aus priesterlichen Familien. Ihr Volk nannte sich Arier. Die Sprache ist mit dem Avestischen und Altpersischen verwandt, und auch inhaltlich bestehen Beziehungen zur ältesten sakralen Poesie des Iran. Zur Entstehungszeit sollen die Indoarier in das Industal, den heutigen Punjab, eingewandert sein. Die von Viehzucht abhängige, vermutlich halbnomadische Gesellschaft war auf Regen und Flusswasser angewiesen. Deshalb spielen der lebensspendende Regen und die Sturmgötter, besonders die Maruts, eine wichtige Rolle.
In RV 10,75 („An die Flüsse“) werden 18 Flussläufe mit ihren rigvedischen Namen aufgezählt, zunächst von Osten nach Westen und anschließend von Norden nach Süden. Besonders der Sindhu, der heutige Indus, und seine Nebenflüsse werden wegen ihrer Wassermenge gepriesen. Die vedischen Stämme verfügten über Ochsenkarren, Pferdegespanne und Bronzewaffen. Opferzeremonien fanden im Freien statt; Götterbilder oder Statuen soll es im Gegensatz zum späteren Hinduismus nicht gegeben haben.
Liederkreise und religiöse Funktion
Die Mandalas II bis VII sind Familien- oder Clantraditionen. Ihre Dichtkunst wurde über Generationen weitergegeben und bildet den ältesten Kern des Rigveda. Der erste Liederkreis enthält Werke von 15 verschiedenen Rishis. Die Liederkreise I und X gelten als jünger. Der neunte Liederkreis enthält ausschließlich Lieder zur Herstellung des Somatrankes und zum Somaopfer. Im zehnten Liederkreis stehen Gruppen- und Einzellieder, die keiner bestimmten Familie zugeordnet werden können oder für besondere Anlässe gedichtet wurden.
Die im Artikel angegebene Gliederung lautet:
- Erster Liederkreis: verschiedene Verfasser, 191 Lieder
- Zweiter Liederkreis: Grtsamadas, 43 Lieder
- Dritter Liederkreis: Visvamitras, 62 Lieder
- Vierter Liederkreis: Vamadevas, 58 Lieder
- Fünfter Liederkreis: Atris, 87 Lieder
- Sechster Liederkreis: Bharadvajas, 75 Lieder
- Siebter Liederkreis: Vasisthas, 104 Lieder
- Achter Liederkreis: kleine Dichtergruppen, 103 Lieder
- Neunter Liederkreis: Soma-Pavamana-Lieder, 114 Lieder
- Zehnter Liederkreis: „der große Nachtrag“, 84 Lieder
- Zusätzlich: 107 Einzellieder.
Der Rigveda enthält die Texte für den Hotri, den „Rufer“, einen Priester des vedischen Opferkults. Es handelt sich vor allem um Loblieder an Götter wie Agni, Indra und Varuna. Nach dem Shatapatha Brahmana umfasst der Rigveda 432.000 Silben. Diese Zahl entspricht der Anzahl der Muhurtas in 40 Jahren, wobei ein Tag 30 Muhurtas hat. Damit wird eine Verbindung zwischen Astronomie und Religion hervorgehoben.
Gottheiten und religiöse Vorstellungen
Im Zentrum der Rigveda-Religion stehen Feuer- und Tieropfer. Daher beginnen die Hymnen jedes Liederkreises mit Anrufungen an Agni, den Gott des Feuers. Agni gilt als Götterbote, der die Götterschar zum Opferplatz führt; ein Beispiel ist RV 1,1.
Die meisten Hymnen richten sich an Indra. Durch seine Großtaten befreite er das Wasser und ließ Sonne, Himmel und Morgenröte hervortreten. Er raubte das Soma und befreite die Kühe. Soma, der Trank und die Pflanze, verleiht ihm unwiderstehliche Stärke; zugleich wird Soma selbst bisweilen als Gottheit angesprochen, besonders im neunten Liederkreis. Ein Beispiel für Indras Rolle ist RV 1,32.
Weitere Gottheiten verkörpern Naturerscheinungen: Ushas ist die Morgenröte und Himmelstochter, die die Dunkelheit vertreibt. Surya ist der Sonnengott, Vayu der Windgott. Parjanya bringt als Regengott zusammen mit den Maruts, den Gewitterstürmen, den belebenden Regen.
Eine Gruppe bilden die Adityas, die Söhne der Aditi. Im Rigveda besteht sie aus sieben oder acht Göttern, später aus zwölf; sechs werden namentlich genannt. Sie verkörpern ethische Prinzipien. Mitra wacht über die Heiligkeit des Vertragswortes. Varuna ist der Gott des Wahrheitswortes und erhält Recht und Ordnung im Kosmos, auf der Erde und in der Gesellschaft. Aryaman schützt den Gastvertrag und damit die Gastfreundschaft.
Zu den Schutzgöttern gehören die göttlichen Zwillinge Ashvins. Menschen rufen sie in Not an oder danken ihnen für wunderbare Rettungen und Heilungen. Viele Hymnen richten sich gleichzeitig an mehrere Gottheiten; einige wenden sich an alle Götter.
Weltentstehung und soziale Ordnung in einzelnen Hymnen
Die meisten Hymnen sind an eine oder mehrere Gottheiten gerichtet. Einige behandeln jedoch die Entstehung und Ordnung der Welt. Besonders wichtig ist RV 10,90, die Purusha-Hymne. Purusha wird als tausendköpfig, tausendäugig und tausendfüßig beschrieben. Er bedeckt die ganze Erde und ragt noch zehn Fingerbreit darüber hinaus. Er ist die gesamte Welt, die vergangene und die zukünftige, sowie der Herr über die Unsterblichkeit und über alles, was durch Nahrung weiterwächst.
Die Hymne beschreibt Purushas Größe als nur einen Teil seiner eigentlichen Größe: Ein Viertel von ihm sind alle Geschöpfe, drei Viertel bilden das Unsterbliche im Himmel. Diese Vorstellung wird in den Upanishaden, die viele Jahrhunderte später entstanden, weiter ausgeführt.
In Vers 12 derselben Hymne findet sich der deutlichste Hinweis des gesamten Rigveda auf das Kastensystem. Aus Purushas Mund entsteht der Brahmane, aus seinen Armen der Kshatriya, aus seinen Schenkeln der Vaishya und aus seinen Füßen der Shudra. Der Text liefert damit eine mythologische Begründung sozialer Schichtungen. Zugleich wird angenommen, dass das Kastensystem zu dieser Zeit im sozialen Leben noch nicht vollständig entwickelt war; außerdem handelt es sich bei Buch X um einen späteren Teil des Rigveda.
Mündliche Überlieferung und Übersetzungen
Die Texte des Rigveda wurden ohne Kenntnis der Schrift verfasst und über mindestens drei Jahrtausende mündlich weitergegeben, vor allem von Vater zu Sohn und von Lehrer zu Schüler. Entscheidend war der Glaube, dass nur das exakt rezitierte Dichterwort seine innewohnende Kraft hervorbringt. Dadurch entstand eine außergewöhnlich genaue Überlieferung, die im Artikel als genauer als die Überlieferung klassischer oder biblischer Texte beschrieben wird. Ihre Genauigkeit sei so groß, dass man von einer Art Tonaufnahme aus etwa 1000 v. Chr. sprechen könne.
Das Wissen der Veden galt als Macht. Deshalb wurden die Texte auch nach der Einführung der Schrift nicht verschriftlicht, weil man befürchtete, diese Macht könne in falsche Hände geraten.
Im 14. Jahrhundert verfasste Sayana einen der ersten ausführlichen Kommentare zum Rigveda. Eine geläufige Ausgabe in lateinischer Umschrift ist die von Theodor Aufrecht (Leipzig 1861–1863). Deutsche Gesamtübersetzungen stammen von Hermann Graßmann (Leipzig 1876, zwei Bände, metrisch), Alfred Ludwig (Prag 1876–1888, sechsbändig, Prosa) und Karl Friedrich Geldner (1923). Eine russische Gesamtübersetzung von Tatjana Elizarenkova erschien in Moskau 1989–1999 und berücksichtigt die neuere Forschungsliteratur bis etwa 1990.