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Sozialstruktur
Die Sozialstruktur unterliegt einer Dynamik, die maßgeblich durch soziale Prozesse geprägt ist und eine zentrale Dimension des sozialen Wandels bildet. Die …
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Grundbegriff
Sozialstruktur ist ein Begriff der Soziologie. Er beschreibt die Ordnung menschlicher Gesellschaften nach sozialen Merkmalen, besonders nach sozialer Schichtung. Gemeint ist also, wie eine Gesellschaft in Gruppen gegliedert ist und wie sich diese Gruppen voneinander unterscheiden oder ähneln.
Die Sozialstrukturanalyse untersucht diese Ordnung empirisch-sozialwissenschaftlich. Ihre Ziele sind Beschreibung, Erklärung von Zusammenhängen, Vergleich und Politikberatung. Davon unterschieden ist die Bevölkerungswissenschaft, also die Demografie: Sie erfasst Bestandszahlen und zahlenmäßige Veränderungen einer Gesellschaft.
Sozialstruktur bezieht sich auf das soziale Beziehungsgefüge einer Gesamtgesellschaft. Strukturgebende Gruppierungen können zum Beispiel soziale Schicht, soziale Klasse, Kaste, soziale Lage, soziales Milieu, Lebensstil oder historisch die Ständeordnung sein. Je nach soziologischem Blickwinkel werden diese Gruppierungen weiter unterteilt, um dauerhafte soziale Wechselwirkungen zwischen ihnen zu erkennen und zu erklären.
Von geschichteten oder gruppierten Gesellschaften unterscheidet der Artikel segmentäre Gesellschaften. Das sind Gesellschaften mit gleichartigen und gleichrangigen Bevölkerungsteilen. Sozialstruktur ist nicht starr: Sie verändert sich durch soziale Prozesse und bildet eine zentrale Dimension des sozialen Wandels.
Bevölkerungs- und Sozialmerkmale
Zur Beschreibung der Sozialstruktur werden soziodemographische Merkmale genutzt. In der Demografie und Statistik bezeichnet Bevölkerungsstruktur die Zusammensetzung einer Bevölkerung aus Teilgruppen. Soziodemographie beschreibt in der empirischen Sozialforschung Merkmale von Personen auf der Mikroebene, also auf der Ebene einzelner Menschen. Aus diesen Angaben können Aggregatdaten gebildet werden, mit denen die Bevölkerungsstruktur beschrieben wird.
Häufig abgefragte Angaben heißen Standard-Soziodemographie. Zu den gebräuchlichen Merkmalen gehören biologisches oder soziales Geschlecht, Alter, Familienstand, Nationalität, Migration und Herkunftsland, regionale Zugehörigkeit, Religionszugehörigkeit, Familienstruktur, Bildung, Schulbildung, Erwerbsstatus, Berufstätigkeit, Beruf, Einkommen, sozialer oder sozioökonomischer Status, Gesundheit und Wohnung.
Diese Merkmale können unterschiedlich klassifiziert werden. Beim Geschlecht nennt der Artikel weiblich, männlich und nichtbinäre Geschlechtsidentitäten; beim Alter das Alter in Jahren; beim Familienstand verheiratet, geschieden und verwitwet; bei der Schulbildung ohne Schulabschluss, Hauptschulabschluss, Realschulabschluss und Fach-/Abitur. Beim Erwerbsstatus werden Vollzeit und Teilzeit sowie die berufliche Stellung genannt. Beim Einkommen können Hauptverdienereinkommen, Haushaltsnettoeinkommen und die Zahl der Einkommensbezieher im Haushalt erfasst werden.
Ungleichheit und Wandel
Soziodemographische Merkmale dienen nicht nur zur Beschreibung einzelner Personen, sondern auch zur Untersuchung sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Veränderungen. Aus den Merkmalen entstehen Aggregatdaten wie Geschlechterverteilung, Altersstruktur, Lebenserwartung, Ausländeranteil, Haushaltsgröße, Bildungsungleichheit, berufliches Prestige, Einkommensverteilung, soziale Schicht, soziale Klasse, sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen, Volkszählung und Einwohnerzahl.
Mit denselben Merkmalen lassen sich Veränderungen im Zeitverlauf beschreiben. Der Artikel nennt dafür Begriffe wie Frauenemanzipation, Alterung der Bevölkerung, Integration, Segregation, Säkularisierung, Individualisierung, Bildungsexpansion, Entgrenzung der Arbeit, Prestige-Skala, Armutsbericht, soziale Mobilität, vertikale Durchlässigkeit, Gesundheitspolitik und Wohnungsbaupolitik.
Der Artikel weist darauf hin, dass die dargestellte Übersicht besonders die Situation in Deutschland beschreibt. Ähnliche Standardmerkmale werden auch für Betriebe, Unternehmen und Organisationen auf der Mesoebene sowie für Regionen oder Länder auf der Makroebene erhoben. Auch die Marktforschung nutzt soziodemographische Daten, zum Beispiel um Produkte besser auf Zielgruppen abzustimmen oder festzustellen, in welcher Bevölkerungsgruppe ein Produkt am meisten konsumiert wird.
Dynamik der Sozialstruktur
Sozialstruktur entwickelt sich durch soziale Prozesse. Friedrich von Hayek unterscheidet dabei die spontane Sozialordnung von sozialen Organisationen. Eine spontane Sozialordnung ist nach der im Artikel zitierten Formulierung „eine polyzentrische Ordnung, ungerichtet und ungeplant, die durch die Wechselwirkung vieler Individuen und vorgegebener Randbedingungen entsteht“. Soziale Organisationen sind dagegen Ergebnis eines bewussten gesellschaftlichen Entwurfs.
Beide Prozesse fasst Hayek unter dem Begriff Erweiterte Ordnung zusammen. Gesellschaftsformen und ihre Regeln unterliegen nach Hayek einer kulturellen Evolution. Dabei spielen emergente Selbstorganisation und die Wettbewerbsfähigkeit der Gesellschaftsform eine große Rolle.
Die Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen ist laut Artikel zu einem großen Teil selbstorganisiert und findet unter Bedingungen von Komplexität statt. Diese Komplexität entsteht durch soziale Rückkopplungen und durch begrenzte Rationalität. Begrenzte Rationalität bezeichnet hier die eingeschränkte Fähigkeit der Menschen und ihrer Institutionen, die als nichtlineare Bausteine der Gesellschaft beschrieben werden. Die Komplexität wird durch die nichtlineare Dynamik gesellschaftlicher Prozesse erzeugt.
Ebenen und Länderbeispiele
Klaus Mainzer unterscheidet strukturell zwischen Mikroebene und Makroebene. Die Mikroebene betrifft einzelne Menschen und kleinere Handlungseinheiten, die Makroebene größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Beide Ebenen beeinflussen sich in sozialen Prozessen gegenseitig und sind dadurch rückgekoppelt.
Die daraus entstehende gesellschaftliche Struktur nennt Mainzer Soziokonfiguration. Die dazugehörigen Prozesse nennt er Soziodynamik. Diese Begriffe beschreiben, dass Sozialstruktur nicht nur aus festen Gruppen besteht, sondern auch aus Wechselwirkungen und Veränderungen zwischen gesellschaftlichen Ebenen.
Als Beispiele für Sozialstrukturen einzelner Länder verweist der Artikel auf die Demografie Deutschlands, die Gesellschaftsstruktur der österreichischen Bevölkerung und die Demografie der Schweiz.