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Soziale Klasse

Der Klassenbegriff ist vor allem in seinen polemisch-politischen Auswirkungen umstritten (siehe dazu verschiedene Definitionen von sozialer Ungleichheit).

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee sozialer Klassen
  2. 2. Marxistische Klassentheorie
  3. 3. Klassen und Mehrwert bei Marx
  4. 4. Weber und machtbezogene Ansätze
  5. 5. Bourdieus Kapital- und Klassenmodell
  6. 6. Milieus und heutige Kontroversen

Begriff und Grundidee sozialer Klassen

Eine soziale Klasse bezeichnet in den Sozialwissenschaften eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamen sozialen, besonders wirtschaftlichen Interessen. Häufig knüpft der Begriff an Karl Marx an: Gesellschaften sind demnach wesentlich durch den Gegensatz zwischen herrschenden und beherrschten beziehungsweise ausgebeuteten Klassen geprägt. Aus diesem Gegensatz entsteht der Klassenkampf.

Eine Klasse muss kein Zusammengehörigkeitsgefühl besitzen. Die objektive Klassenlage ist daher nicht dasselbe wie Klassenbewusstsein, also das Bewusstsein gemeinsamer Interessen, und führt nicht automatisch zu gemeinsamem politischem Handeln.

Der Klassenbegriff ist umstritten, besonders wegen seiner politischen Bedeutung. Im englischsprachigen Raum wird class weiterhin relativ neutral verwendet, während im Deutschen häufiger von Schichten, Milieus, sozialen Lagen oder Marktwirtschaft gesprochen wird.

Klassenkonzepte gab es schon vor Marx. Aristoteles erwähnte soziale Klassen im 4. Jahrhundert v. Chr. David Ricardo unterschied 1821 drei große Klassen nach ihren Einkommensquellen: Grundeigentümer mit Bodenrente, Kapitalisten mit Profit und Arbeiter mit Lohn. Marx entwickelte ab 1842, beeinflusst von französischer Geschichtsschreibung und politischer Ökonomie, seine Theorie der Klassen und Klassenkämpfe.

Marxistische Klassentheorie

Im Marxismus bestimmt vor allem die Stellung in den Produktionsverhältnissen die Klassenzugehörigkeit. Produktionsverhältnisse regeln, wie Menschen mit Produktionsmitteln und Arbeitsgegenständen verbunden sind und wie die erzeugten Produkte verteilt werden. Davon hängen Einkommen, Vermögen und der Anteil am gesellschaftlichen Reichtum ab.

Historische Klassengesellschaften besitzen nach dieser Theorie meist zwei antagonistische, also unversöhnlich gegensätzliche, Hauptklassen: Eine zahlenmäßig große beherrschte Klasse wird von einer kleinen herrschenden Klasse wirtschaftlich ausgebeutet, politisch unterdrückt und ideologisch beherrscht. Nebenklassen können Überreste älterer oder Ansätze neuer Produktionsverhältnisse sein. In der Sklavenhaltergesellschaft stehen Sklavenhalter und Sklaven, im Feudalismus Lehnsherren und unfreie Bauern, im Kapitalismus Bourgeoisie und Proletariat einander gegenüber. Eine Hauptklasse kann später zur Nebenklasse werden, wie die Bauern beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus.

Klassen sind nach marxistischer Auffassung historisch entstanden und nicht dauerhaft. In der frühen Urgesellschaft verhinderten schwach entwickelte Produktivkräfte, gemeinsames Eigentum und gemeinsame Arbeit die Ausbeutung. Klassen entstanden, als die Menschen mehr als das unmittelbar Lebensnotwendige produzieren konnten und sich die Arbeit gesellschaftlich teilte. Dadurch konnte eine von unmittelbar produktiver Arbeit befreite Klasse Aufgaben wie Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaft und Kunst übernehmen.

Wenn hoch entwickelte Produktivkräfte die notwendigen Güter in kurzer Zeit hervorbringen, soll die Klassenteilung überflüssig werden können. Ernest Mandel hielt eine Verkürzung des Arbeitstags auf vier Stunden für möglich. Unter Kollektivbesitz an den Produktionsmitteln und einer Planwirtschaft könne es nach dieser Vorstellung zum Absterben der Klassen kommen. Der marxistische Klassenbegriff beschreibt Gesellschaft daher nicht nur, sondern ist auch handlungsleitend.

Klassenkampf betrifft letztlich die Erhaltung oder Abschaffung einer Ausbeutungsordnung. Er kann zur Umgestaltung der Gesellschaft oder zum gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen führen. Der historische Materialismus erwartet Revolutionen besonders dann, wenn bestehende Produktionsverhältnisse die weitere Entwicklung der Produktivkräfte behindern.

Klassen und Mehrwert bei Marx

Marx verwendet den Klassenbegriff unterschiedlich. In seinen früheren Schriften über die Revolution von 1848 beschreibt er konkrete Klassen anhand ihrer gesamten Existenzbedingungen, darunter Lebensweise, Interessen, Bildung und politische Organisation. In Das Kapital leitet er Klassen abstrakter aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen ab. Im unmittelbaren Produktionsprozess stehen sich produktive Lohnarbeiter und industrielle Kapitalisten gegenüber; im dritten Band nennt Marx zusätzlich die Grundeigentümer.

Nach der Arbeitswerttheorie schafft allein Arbeitskraft Wert. Ihr Wert entspricht dem Wert der Waren, die Arbeiter zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft einschließlich des Nachwuchses benötigen. Da Arbeiter länger arbeiten können, als zur Herstellung dieses Gegenwerts nötig ist, zerfällt ihr Arbeitstag in notwendige, bezahlte Arbeit und unbezahlte Mehrarbeit. Das Ergebnis der Arbeit gehört den Kapitalisten, welche die Arbeitskraft gekauft haben. Der dabei erzeugte Mehrwert kann auf zwei Arten vergrößert werden:

• Absoluter Mehrwert entsteht durch eine Verlängerung des Arbeitstags.

• Relativer Mehrwert entsteht, wenn bei gleichbleibender Länge des Arbeitstags der unbezahlte Anteil wächst.

Kapitalisten konsumieren einen Teil des Mehrwerts und investieren einen anderen erneut. Diese Kapitalakkumulation reproduziert dauerhaft die Trennung zwischen Kapitalisten und Arbeitern. Daneben bestehen einfache Warenproduzenten, die eigene Produktionsmittel besitzen und wenige oder keine Arbeitskräfte beschäftigen, sowie Großgrundbesitzer, die Grundrente beziehen.

Die objektive Klassenlage erzeugt nicht zwingend Klassenbewusstsein. Die Annahme „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ wurde empirisch nicht immer bestätigt. Neuere marxistische Ansätze versuchten dennoch, Klassen anhand ihrer Stellung im Verwertungsprozess zu messen. Das Projekt Klassenanalyse unterschied Kapitalisten, Kleinbürgertum, lohnabhängige Mittelklasse sowie produktive und nichtproduktive Arbeiter. Für 1985 wurden 1,5 % Kapitalisten, 8,3 % Kleinbürger, 24,8 % lohnabhängige Mittelklasse und 65,4 % Arbeiter ausgewiesen. Eine Umfrage von 1987 zeigte jedoch Probleme bei der erwarteten Zuordnung von Klassenlage und Bewusstsein.

Mandel fasst die Arbeiterklasse weiter: Zu ihr gehören alle, die mangels Produktionsmitteln und ausreichenden Vermögens ihre Arbeitskraft regelmäßig verkaufen müssen, einschließlich kommerzieller Arbeiter und großer Teile der Staatsangestellten. Formal angestellte Manager, deren Einkommen Kapitalakkumulation erlaubt, zählt er nicht dazu.

Weber und machtbezogene Ansätze

Max Weber sieht die ungleiche Verteilung wirtschaftlicher Macht als Grundlage ungleicher Lebenschancen. Er unterscheidet Besitzklassen, Erwerbsklassen und soziale Klassen. Besitzklassen werden durch Besitz oder Besitzlosigkeit bestimmt: Begünstigt sind etwa Rentiers, die von Vermietung, Verpachtung oder Aktiendividenden leben; ihnen stehen unter anderem Unfreie, Sklaven, Schuldner und Arme gegenüber. Erwerbsklassen unterscheiden sich nach ihren Chancen, Güter oder Leistungen auf dem Markt zu verwerten, etwa als Unternehmer, Handwerker, Bauern oder Arbeiter.

Erwerbs- und Besitzklassen sind für Weber noch keine sozialen Einheiten. Eine soziale Klasse umfasst Lebenslagen, zwischen denen Personen oder ihre Nachkommen relativ leicht und häufig wechseln können. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterschied Weber in Deutschland Besitzende und durch Bildung Privilegierte, das Kleinbürgertum zusammen mit besitzloser Intelligenz und Fachgeschulten sowie die Arbeiterschaft.

Zusätzlich beschreibt Weber die ständische Lage, also die soziale Wertschätzung aufgrund von Lebensführung, Erziehung, Abstammungs- oder Berufsprestige. Sie zeigt sich beispielsweise in Heirat innerhalb eines Standes, gemeinsamen gesellschaftlichen Kontakten, privilegierten Erwerbschancen und Traditionen. Sie kann auf der Klassenlage beruhen, wird aber nicht vollständig durch sie bestimmt.

Ferdinand Tönnies erklärte 1935 den wiederkehrenden Kampf um wirtschaftliche, politische und geistig-moralische Macht zum Klassenkampf. Ralf Dahrendorf hielt 1957 den Gegensatz von Besitz und Nichtbesitz an Produktionsmitteln für zu eng und gründete seine Klassentheorie stattdessen auf Besitz oder Nichtbesitz von Machtmitteln.

Bourdieus Kapital- und Klassenmodell

Pierre Bourdieu erweitert den Kapitalbegriff. Die gesellschaftliche Stellung hängt für ihn von mehreren Kapitalformen ab:

• Ökonomisches Kapital ist materieller Reichtum und dominiert in modernen kapitalistischen Gesellschaften.

• Kulturelles Kapital besteht als inkorporiertes Wissen und Bildung, als objektivierte Kulturgüter wie Bücher und Gemälde oder als institutionalisierte Abschlüsse und Titel.

• Soziales Kapital beruht auf Beziehungen und sozialen Netzwerken.

• Symbolisches Kapital ist anerkanntes Ansehen, Prestige oder Ruhm, das aus den übrigen Kapitalformen entsteht. Ohne gesellschaftliche Anerkennung entfalten diese nicht dieselbe Machtwirkung.

Kapital ist ein „Instrument zur Aneignung von Chancen“. Kapitalformen können ineinander umgewandelt werden, wobei der Gewinn einer Form Kosten in einer anderen verursacht. Universelles Maß dieser Umwandlungen ist Arbeitszeit im weiten Sinn. Ökonomisches Kapital ermöglicht beispielsweise die von wirtschaftlichen Zwängen freie Zeit zum Erwerb von Bildung. Zeit, Aufmerksamkeit und Unterstützung können in soziales Kapital investiert werden und später Vorteile bringen.

Kapital wirkt in sozialen Feldern, also relativ eigenständigen Bereichen des sozialen Raums. Historisch war zunächst das Feld sozialer Beziehungen wichtig, in dem Konkurrenz um Ehre und Ansehen herrschte. Später entstand ein eigenständiges ökonomisches Feld, das Geld als Kapital und einen Staat zur Sicherung von Verträgen voraussetzt. Sein Prinzip ist, aus eingesetztem Geld mehr Geld zu machen. Das kulturelle Feld setzt Schrift und wenigstens ein einfaches Schulsystem voraus; wissenschaftliche und philosophische Konkurrenz trat erstmals ab 600 v. Chr. in griechischen und chinesischen Philosophenschulen auf.

Eine objektive Klasse ist bei Bourdieu eine Gruppe mit ähnlichen Lebensbedingungen, gemeinsamen objektivierten Merkmalen wie Besitz und ähnlichen inkorporierten Merkmalen wie dem Habitus. Der Habitus umfasst meist unbewusste, klassenspezifische Wahrnehmungen, Geschmäcker, Ängste und Verhaltensmuster. Eine objektive Klasse ist nicht automatisch eine mobilisierte Klasse, die gemeinsam um die Verteilung von Kapital kämpft.

Klassenpositionen werden durch drei Dimensionen bestimmt: Gesamtvolumen des Kapitals, Verhältnis der Kapitalarten und zeitliche Entwicklung der sozialen Laufbahn. In kapitalistischen Gesellschaften unterscheidet Bourdieu drei Hauptklassen. Die herrschende Klasse oder Bourgeoisie umfasst einen stärker ökonomisch geprägten, dominierenden Teil und einen stärker kulturell geprägten Teil, etwa Künstler und Intellektuelle. Die Mittelklasse oder das Kleinbürgertum gliedert sich in alte, eher ökonomisch gestützte Gruppen wie kleine Händler und Handwerker sowie neue, stärker kulturell gestützte Dienstleistungsgruppen. Die Arbeiterklasse verfügt nur über ein geringes Kapitalvolumen. Den drei Klassen entsprechen der legitime Lebensstil, der Habitus des Strebens und der Habitus der Notwendigkeit. Geschlecht, Ethnie und Wohnort wirken als zusätzliche Teilungsprinzipien.

Milieus und heutige Kontroversen

Klassenlagen prägen nach Bourdieu den Habitus und dadurch Arbeitserfahrungen, Konsum, Lebensperspektiven und Lebensstile. Eine zusammenhängende Form solcher Praktiken heißt soziales Milieu. Menschen derselben Klasse besitzen jedoch nicht immer denselben Habitus. Der Hysteresis- oder Don-Quijote-Effekt bezeichnet das Beharrungsvermögen eines Habitus, der noch an frühere Lebensbedingungen angepasst ist. Deshalb können sich innerhalb derselben Klassenlage unterschiedliche Milieus entwickeln.

Sinus-Untersuchungen verbinden eine vertikale Gliederung in drei soziale Lagen mit einer horizontalen Vielfalt von Werthaltungen. Aus drei Klassen und drei Grundorientierungen ergaben sich zunächst neun Milieus; durch die Teilung eines gehobenen modernisierten Bereichs wurden daraus zehn. Für 2010 wurden sozial gehobene Milieus mit 30 %, Milieus der Mitte mit 30 % sowie Milieus der unteren Mitte und Unterschicht mit 40 % angegeben. Die Milieus nach Modernisierungsgrad sind nicht identisch mit Bourdieus Klassenfraktionen nach dominierender Kapitalform.

In Deutschland konkurriert das Klassenmodell seit der Nachkriegszeit mit Konzepten wie Schicht, Milieu und sozialer Lage. Helmut Schelsky sprach 1953 von einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Ulrich Beck argumentierte, Individualisierung löse Lebensweisen und Lebensverläufe von Klassenpositionen, obwohl sich soziale Ungleichheit verschärfe. Niklas Luhmann hielt 1985 dagegen, der Klassenbegriff treffe weiterhin zu, weil die „gebündelte Ungleichverteilung“ fortbestehe. Um die Jahrtausendwende wurden wieder stärkere Klassenunterschiede festgestellt.

Andreas Reckwitz unterschied 2017 eine kleine Oberschicht, eine neue und eine alte Mittelklasse sowie eine Unterschicht. Zur neuen Mittelklasse zählt er vor allem hoch qualifizierte Akademiker in Großstädten mit guten Chancen in der Wissensökonomie. Die alte Mittelklasse umfasst Menschen mit mittlerer Bildung, häufig in kleinstädtisch-ländlichen Regionen und mit eher konservativ-traditioneller Lebensführung. Die Debatte bleibt somit offen: Einige Ansätze sehen stabile Klassen als unzureichend an, andere halten Klassen weiterhin für wichtig, um gebündelte soziale Ungleichheit zu erklären.

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