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Begriffsgeschichte des Wortes Kanon
Vorschrift des kirchlichen (kanonischen) Rechts;; Musikstück, bei dem die Stimmen nacheinander mit derselben Melodie einsetzen (Kanon). Sie alle beziehen sich …
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Grundbedeutung und Entwicklung
„Kanon“ geht auf altgriechisch κανών kanṓn zurück und gelangte über lateinisch canon ins Deutsche. Das Wort bezeichnete ursprünglich einen „Rohrstab“, eine „gerade Stange“, „Richtschnur“, „Regel“ oder ein „Modell“. Daraus entwickelten sich mehrere bis heute wichtige Bedeutungen: eine verbindliche Sammlung religiöser Schriften, eine grundlegende Norm, eine kirchenrechtliche Vorschrift, der Canon Missae als feststehendes eucharistisches Gebet sowie ein Musikstück, dessen Stimmen nacheinander mit derselben Melodie einsetzen. Nach dem Vorbild des Bibelkanons entstanden später Ausdrücke wie Literatur-, Bildungs- und Filmkanon.
Kanṓn ist wahrscheinlich von κάννα kánna „Rohr, Rohrgeflecht, Rohrmatte“ abgeleitet. Dieses Wort stammt seinerseits aus dem Babylonisch-Assyrischen qanū „Rohr“. Verwandte Wörter kommen in mehreren semitischen Sprachen vor. Hebräisch קָנֶה qānæh kann beispielsweise Schilfrohr, Pfeilrohr, Halm, Messrute, Waagbalken oder den Schaft einer Menora bedeuten.
Im klassischen Griechisch trat das Material des Schilfrohrs hinter dessen Geradheit zurück. Besonders wichtig wurde das kanṓn genannte Richtscheit, eine Art hölzernes Lineal zur Bearbeitung von Holz und Stein. Weil dieses Werkzeug Maß und Geradheit verband, konnte kanṓn im übertragenen Sinn eine Norm oder einen Maßstab bezeichnen. Im Deutschen ist canon seit dem 9./10. Jahrhundert als „kirchliche Rechtsvorschrift“ und seit dem 15. Jahrhundert als Bezeichnung des Messkanons belegt.
Bedeutungen in der Antike
Im Altgriechischen entstanden aus der Grundvorstellung des geraden Rohrstabs drei wesentliche Bedeutungsfelder: mathematische oder handwerkliche Exaktheit, ein nachzuahmendes Modell und eine einzuhaltende Regel oder Grenze.
Im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. bezeichnete kanṓn in verschiedenen Wissensgebieten Mittel, mit denen man dem Ideal der Genauigkeit, griechisch ἀκρίβεια akríbeia, nahekommen wollte. Der Kanon des Bildhauers Polyklet war eine Lehre von den richtigen Körperproportionen. Wahrscheinlich wurde auch eine diese Proportionen beispielhaft verkörpernde Statue, der Doryphoros, als kanṓn verstanden. In der Musiktheorie war der κανὼν ἁρμονικός kanṑn harmonikós ein Monochord, also ein Instrument zur Messung musikalischer Intervalle. Deshalb hieß die Musiktheorie der Pythagoreer κανονική kanonikḗ.
Aristoteles übertrug den Ausdruck auf einen vorbildhaften Menschen, dessen Verhalten zum Maßstab für andere wird. Dionysios von Halikarnassos nannte Lysias einen kanṓn des reinen attischen Stils und empfahl angehenden Rednern, sich an solchen Vorbildern zu schulen. Antike Listen der besten Dichter oder Redner wurden jedoch noch nicht als literarischer Kanon bezeichnet. Diese Benennung führte David Ruhnken erst 1768 nach dem Vorbild des Bibelkanons ein.
Als sittliche und gesellschaftliche Richtschnur bezeichnete kanṓn außerdem eine Grenze, deren Beachtung vor einer Übertretung bewahren sollte. Daran schlossen sich Bedeutungen wie grammatische Regel und wissenschaftliche Tabelle an. Ein wichtiges Beispiel sind die „Handtafeln“ des Claudius Ptolemäus, die zu einem Standardwerk der antiken und mittelalterlichen Astronomie wurden.
Jüdischer und frühchristlicher Sprachgebrauch
In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung jüdischer Schriften, kommt kanṓn nur dreimal vor und dient nie als Übersetzung des hebräischen qānæh. Im 4. Buch der Makkabäer bezeichnet der Ausdruck den gesamten Maßstab philosophischer Lebensführung. Philo von Alexandria erklärte mit ihm das Verhältnis zwischen den Zehn Geboten und den Einzelgesetzen des Pentateuchs: Die Zehn Gebote seien der kanṓn, die Einzelgebote deren Entfaltungen. Außerdem sprach er von den κανόνες τῆς ἀληθείας kanónes tẽs aletheías, den „Normen der Wahrheit“.
Unter den Autoren des Neuen Testaments verwendete nur Paulus kanṓn. In Gal 6,15–16 bezeichnet es die grundlegende Norm seines Evangeliums. In 2 Kor 10,13–16 ist die Bedeutung umstritten: Gemeint sein kann entweder das Paulus zugewiesene, auch geografisch begrenzte Missionsgebiet oder der von Gott gesetzte Maßstab zur Beurteilung seiner apostolischen Tätigkeit.
Der Erste Clemensbrief bietet den frühesten entschiedenen christlichen Gebrauch außerhalb des Neuen Testaments. Die „Norm des Dienstes“ bezeichnet dort den von Gott vorgegebenen Aufgabenbereich von Amtsträgern und Laien. Hinzu kommen eine „Norm der Unterordnung“ innerhalb der kirchlichen Ordnung und eine „Norm der Überlieferung“.
Irenäus von Lyon stellte der gnostischen Verwendung einzelner Bibelverse die „Norm der Wahrheit“ entgegen. Wie aus den Steinchen eines Kaiserbildes ein Fuchs gelegt werden kann, lasse sich auch ein Text durch falsche Zusammensetzung entstellen. Die Norm war wahrscheinlich kein festgelegter Glaubensbekenntnistext, sondern ein Konsens über die Grundlinien der kirchlichen Verkündigung einschließlich Glaubenslehre, Ethik und Kirchenordnung.
Clemens von Alexandria verstand die „Norm der Wahrheit“ ähnlich. Sie leitete die christliche Bibelauslegung in Übereinstimmung mit Christus und der kirchlichen Überlieferung. Als „Norm der Kirche“ bezeichnete er zudem die maßgebliche Schriftauslegung in einer liturgischen Streitfrage, nämlich der Verwendung von Wein statt Wasser in der Eucharistie. Origenes sprach vom „kirchlichen kanṓn“, vom „kanṓn der Kirche“ und kurz von „dem kanṓn“. Gemeint war das von Aposteln und Kirche verkündete Kerygma, also die grundlegende Botschaft, die für Lehre, Ethik, Liturgie und Bibelauslegung maßgeblich war.
Kirchenordnung, Bibel und Tabellen
Vor Konstantin wurden bischöfliche Weisungen und Synodenbeschlüsse noch nicht als kanónes bezeichnet, sondern im griechischen Osten als ὅροι hóroi, also „Grenzziehungen“. Beim Konzil von Nicäa 325 meinte der häufig im Singular verwendete „kirchliche kanṓn“ noch die Gesamtheit dessen, was in der Kirche bereits als maßgeblich und normativ galt. Die eigenen Beschlüsse des Konzils hießen hóroi.
Im 4. Jahrhundert setzte sich für einzelne Synodenbeschlüsse der Plural kanónes durch. Hóros wurde zunehmend auf dogmatische Festlegungen beschränkt, während kanṓn disziplinäre Vorschriften und teilweise auch Bußfristen bezeichnete. Unter dem Einfluss der römischen Verwaltung wurden Synodalkanones oft als kurze Wenn-dann-Sätze formuliert. Schließlich konnte kanṓn einen einzelnen Sinnabschnitt oder eine Einzelbestimmung des Kirchenrechts bedeuten.
Athanasius von Alexandria bezeichnete in seinem Osterfestbrief von 367 die heute zum Neuen Testament gerechneten Schriften erstmals als „zum Kanon gehörige, überlieferte und von Gott beglaubigte Bücher“. Die afrikanischen Synoden von Hippo 393 und Karthago 397 sprachen von „kanonischen Schriften“. Augustinus von Hippo setzte den „kirchlichen Kanon“ mit dem Bibelkanon gleich und schrieb dessen Büchern „kanonische Autorität“ zu. Damit prägte er den westkirchlich-lateinischen Ausdruck „Kanon der Heiligen Schrift“.
Kanṓn behielt daneben die Bedeutung „Tabelle“ oder „Liste“. Das Konzil von Nicäa bezeichnete so ein Verzeichnis von Klerikern. Tabellen zur Berechnung des Osterdatums hießen ebenfalls kanṓn. Eusebius von Caesarea entwickelte zehn Kanontafeln, mit denen parallele Texte in den vier Evangelien auffindbar wurden. Wegen ihres praktischen Nutzens standen sie seit dem 5. Jahrhundert vielen Handschriften des Neuen Testaments voran.
Mittelalterliche Liturgie und kirchliche Ämter
Canon Missae bezeichnet in der römischen Liturgie seit dem 6. Jahrhundert das priesterliche Konsekrationsgebet während der Eucharistie. Der Name wird als „Richtschnur“ erklärt: Entweder fasst der Text den Glauben an Gottes Heilshandeln zusammen oder er heißt so, weil der Zelebrant ihn nicht verändern darf.
Der Ordo Romanus beschreibt, dass sich nach dem Sanctus allein der Papst erhebt und „in den Kanon eintritt“. Ursprünglich bedeutete dies wohl, dass sich der Zelebrant aus einer tiefen Verneigung aufrichtete. Frühmittelalterliche fränkische Liturgieerklärer verstanden den Kanon jedoch als einen heiligen Raum, den der Priester ähnlich wie der Jerusalemer Hohepriester das Allerheiligste betrat. Daraus entwickelte sich die Vorstellung, der Priester sei während dieses Gebets allein; als weitere Folge sprach er den Canon so leise, dass nur er selbst ihn hören konnte.
Schon im 4. Jahrhundert unterschied man den ordo canonicus, die Klerikergemeinschaften an Bischofskirchen, vom ordo monasticus, dem Mönchtum. Die Bezeichnung „Kanoniker“ beruht wahrscheinlich darauf, dass diese dem Bischof unterstehenden Geistlichen in einem amtlichen canon, also einer Liste, verzeichnet waren. In derselben Listenbedeutung bezeichnet Kanonisation die Aufnahme des Namens einer Person in das Verzeichnis der Heiligen. Als Rechtsakt ist sie in der lateinischen Westkirche seit dem Frühmittelalter bekannt.
Recht und Musik
Im klassischen römischen Recht wurde kanṓn beziehungsweise canon kaum verwendet. Eine Ausnahme bildet die stoische Vorstellung eines Erkenntnismaßstabs, mit dem Juristen Recht und Unrecht unterscheiden können. In der Kaiserzeit wurde canon dagegen zum Fachwort für eine feststehende, regelmäßig zu entrichtende Abgabe. Diese Verwendung ist erstmals unter Kaiser Hadrian belegt und wurde seit dem 4. Jahrhundert allgemein üblich. In der Gesetzgebung Justinians wurden kirchliche kanónes und weltliche nómoi begrifflich unterschieden, ihrer Bedeutung nach aber gleichgestellt.
Aus dem Griechischen wurde arabisch قانون qānūn entlehnt. Im islamischen Recht bezeichnet es staatliches Gesetz oder Recht im Unterschied zur Scharia sowie unter anderem Steuerzahlungen, Steuerlisten und Verwaltungsvorschriften.
In der byzantinisch-orthodoxen Liturgie ist der Kanon eine Dichtungsform, die vermutlich bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht. In seiner Grundform besteht er aus einer Ode mit drei Troparia, also liturgischen Strophen, und löste das Kontakion ab.
Qānūn heißt außerdem eine orientalische Kastenzither. Der Name wurde wahrscheinlich aus dem griechischen kanṓn übernommen. Die früheste Abbildung eines solchen Instruments stammt ungefähr aus dem Jahr 963; der Name begegnet etwa gleichzeitig in einer Erzählung aus Tausendundeine Nacht. Ein Zusammenhang mit mehrsaitigen Instrumenten, die Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. aus dem Monochord entwickelte, ist beschrieben, doch wurden diese bei Al-Fārābī im 10. Jahrhundert nicht kānōn oder qānūn genannt.
Ein Musikstück, bei dem verschiedene Stimmen in bestimmten Abständen mit derselben Melodie einsetzen, heißt erst seit dem 16. Jahrhundert Canon beziehungsweise Kanon. Zuvor waren Bezeichnungen wie Fuga, fuga perpetua, fuga legata oder conseguenza üblich. Anfangs bezeichnete canon nur das Zeichen oder die Anweisung, die als Richtschnur für den Einsatz der einzelnen Stimmen diente. Später wurde der Name dieser Anweisung auf das gesamte Musikstück übertragen.