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Interkulturelle Kompetenz

Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, mit Individuen und Gruppen anderer Kulturen erfolgreich und angemessen zu interagieren, im engeren Sinne die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Voraussetzungen und gesetzliche Bestimmungen
  3. 3. Modelle und Entwicklung
  4. 4. Kulturen erfassen und vergleichen
  5. 5. Kulturverträglicher Umgang
  6. 6. Messung und Beurteilung

Begriff und Bedeutung

Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, mit einzelnen Menschen und Gruppen anderer kultureller Orientierung erfolgreich und angemessen umzugehen. Im engeren Sinn soll die Interaktion für beide Seiten zufriedenstellend sein. Dafür muss eine Person kulturell geprägte Formen des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Handelns erkennen, verstehen und ihr eigenes Verhalten darauf abstimmen. Frühere Erfahrungen sollen möglichst vorurteilsfrei einbezogen und erweitert werden. Zugleich sind Offenheit und Lernbereitschaft während der Begegnung nötig.

Die Fähigkeit kann schon in jungen Jahren vorhanden sein oder durch Enkulturation, also direkte und indirekte Erziehung, entwickelt werden. Dieser Entwicklungsprozess heißt interkulturelles Lernen. Wichtige Grundlagen sind emotionale Kompetenz und interkulturelle Sensibilität.

Kultur wird dabei nicht als feststehende Eigenschaft einheitlicher Gruppen verstanden. Jeder Mensch besitzt aufgrund seiner Geschichte, Lebenswelten und Zugehörigkeiten eine eigene kulturelle Identität. Kulturelle Unterschiede bestehen daher nicht nur zwischen Ländern, Regionen oder ethnischen Gruppen, sondern beispielsweise auch zwischen Unternehmen, Abteilungen, Geschlechtern, Minderheiten, sozialen Schichten oder Familienmitgliedern. Weil die Anforderungen von der jeweiligen Situation abhängen, sind allgemeine Definitionen häufig weniger aussagekräftig als bereichs- oder berufsspezifische Beschreibungen, etwa für Lehrkräfte.

Voraussetzungen und gesetzliche Bestimmungen

Zu den Grundvoraussetzungen gehören Feinfühligkeit und Selbstvertrauen. Eine interkulturell kompetente Person versucht, andere Denk- und Verhaltensweisen zu verstehen, kann aber zugleich den eigenen Standpunkt verständlich und transparent vermitteln. Sie verhält sich flexibel, wo dies möglich ist, und klar, wo es notwendig ist.

Entscheidend ist ein situationsgerechtes Gleichgewicht aus Kenntnissen und Erfahrungen, Neugier, Offenheit und Interesse, Empathie sowie Selbstsicherheit. Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle und Bedürfnisse richtig zu deuten. Zur Selbstsicherheit gehören das Wissen um eigene Stärken, Schwächen und Bedürfnisse sowie emotionale Stabilität. Ebenso wichtig ist die kritische Reflexion eigener Vorurteile und Stereotype.

Berlin definierte interkulturelle Kompetenz im Partizipations- und Integrationsgesetz vom 15. Dezember 2010 als eine auf Kenntnissen über kulturell geprägte Regeln, Normen, Wertehaltungen und Symbole beruhende Form fachlicher und sozialer Kompetenz. Fortbildung und Qualifizierung sollen für alle Beschäftigten angeboten werden; bei Einstellungen und Aufstiegen im öffentlichen Dienst soll die Kompetenz grundsätzlich berücksichtigt werden.

Nordrhein-Westfalen nennt im Gesetz vom 24. Februar 2012 drei Bestandteile: erstens erfolgreiches und gegenseitig zufriedenstellendes Handeln mit Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, besonders im Beruf; zweitens die Beurteilung unterschiedlicher Auswirkungen von Vorhaben, Maßnahmen und Programmen auf diese Menschen und entsprechendes Handeln; drittens das Erkennen und Überwinden integrationshemmender Folgen von Diskriminierung und Ausgrenzung.

Modelle und Entwicklung

Interkulturelle Kompetenz wird vor allem durch vier Modelltypen beschrieben:

• Listenmodelle stellen relevante Fähigkeiten ohne feste Rangordnung zusammen. Dazu zählen unter anderem Empathie, Ambiguitätstoleranz, also der konstruktive Umgang mit Mehrdeutigkeit und Unsicherheit, Offenheit, Toleranz, polyzentrisches Denken, Rollendistanz, Flexibilität und Metakommunikationsfähigkeit.

• Strukturmodelle unterscheiden meist drei Teilbereiche. Die affektive Dimension betrifft Gefühle und Einstellungen, etwa Neugier und Toleranz. Die kognitive Dimension umfasst Wissen und bewusst erfassbare Fähigkeiten, beispielsweise Kenntnisse über andere Kulturen und die eigene kulturelle Prägung. Die behaviorale oder konative Dimension betrifft das Handeln, etwa Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit.

• Prozessmodelle untersuchen die wechselseitige Abhängigkeit dieser kognitiven, affektiven und konativen Fähigkeiten. Kompetenz entsteht demnach durch das ganzheitliche Zusammenspiel individuellen, sozialen, fachlichen und strategischen Handelns. Weil interkulturelle Situationen häufig mehrdeutig und nur begrenzt vorhersehbar sind, soll dieses Zusammenspiel zielführendes Handeln unter Unsicherheit ermöglichen. Interkulturelle Kompetenz besteht deshalb nicht nur aus Soft Skills, sondern schließt methodische und fachliche Teilkompetenzen ein.

• Phasen- oder Stufenmodelle beschreiben den Erwerb als einen individuellen und situationsabhängigen Entwicklungsprozess. Nach Milton Bennett wächst die Kompetenz mit Erfahrung über sechs Stufen: Denial (Verleugnung), Defense (Abwehr), Minimization (Verkleinerung oder Bagatellisierung), Acceptance (Annahme), Adaptation (Anpassung) und Integration (Eingliederung).

Umstritten ist, ob interkulturelle Kompetenz kulturspezifisch oder kulturübergreifend ist. Ein rein kulturspezifischer Ansatz konzentriert sich vor allem auf Wissen über ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Kultur. Er gilt allein als wenig hilfreich, weil Menschen mit erfolgreicher interkultureller Erfahrung sich oft auch in neuen Kontexten schneller anpassen. Kulturübergreifende Kompetenz meint daher besonders die Fähigkeit, in unerwarteten oder zunächst unverständlichen Situationen das eigene Denken zu reflektieren, flexibel zu handeln und angemessene Umgangsformen zu finden.

Kulturen erfassen und vergleichen

Zur Untersuchung kultureller Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es etische und emische Ansätze. Etische Ansätze suchen universelle Kriterien, die auf jede Kultur angewendet werden können. Dadurch werden Vergleiche möglich; zugleich müssen Merkmale verallgemeinert und möglicherweise auf Kulturen übertragen werden, in denen sie keine besondere Rolle spielen. Emische Ansätze beschreiben eine Kultur aus sich selbst heraus. Das erlaubt genauere und passendere Begriffe, erschwert aber den Vergleich. So besitzt die englische Sprache kein genaues Synonym für „Gemütlichkeit“.

Geert Hofstede unterscheidet sechs Kulturdimensionen: Individualismus gegenüber Kollektivismus; Femininität gegenüber Maskulinität; Unsicherheitsvermeidung; Machtdistanz; Langzeit- gegenüber Kurzzeitorientierung sowie Restraint (Beherrschung durch soziale Normen) gegenüber Indulgence (Hingabe oder Genuss bei wenigen sozialen Normen). Michael Minkov nennt außerdem Exklusionismus gegenüber Universalismus, Monumentalismus gegenüber Flexibilität und Bescheidenheit beziehungsweise Ergebenheit sowie Freizügigkeit gegenüber Restriktion. Edward T. Hall unterscheidet monochrones Handeln, bei dem Tätigkeiten zeitlich nacheinander erfolgen, von polychronem Handeln mit mehreren gleichzeitigen Tätigkeiten. Außerdem stellt er indirekte, anspielungsreiche High-Context-Communication der direkten Low-Context-Communication gegenüber und betrachtet Strukturmerkmale wie Wertorientierung, Zeit- und Raumerleben, selektive Wahrnehmung, nonverbale Kommunikation und Verhaltensmuster.

Als Beispiele nach Hofstede werden die USA, Großbritannien und Australien für hohe Werte beim Individualismus genannt, Guatemala, Ecuador und Panama für Kollektivismus. Bei der Machtdistanz werden die Slowakei, Malaysia und Guatemala als Länder mit hohen, Österreich, Israel und Dänemark als Länder mit niedrigen Werten aufgeführt. Nach Hall steht Deutschland beispielhaft für Low-Context-Communication und China für High-Context-Communication.

Seit den 1990er Jahren wird die Einteilung in homogene Nationalkulturen zunehmend kritisiert. Menschen werden nicht vollständig durch ihre Kultur gesteuert und gleichen Angehörigen derselben Kultur nicht automatisch. Kulturstandards können zudem eine ethnozentrische, also von der eigenen Kultur ausgehende Sicht enthalten. Neuere Ansätze betrachten interkulturelle Begegnungen deshalb stärker als dynamische Wechselbeziehungen und betonen kulturelle Pluralität, Mischformen, Hybridität und Multikollektivität.

Kulturverträglicher Umgang

Unter „Kulturverträglichkeit“ fordern einige Ethnologen im Zusammenhang mit der UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt einen kompetenten und respektvollen Umgang mit Angehörigen traditionell lebender Kulturen. Das betrifft unter anderem Tourismus, Journalismus, ethnologische Feldarbeit, Gesundheitswesen und Entwicklungspolitik. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die moderne westliche Kultur dominant wirken und bereits durch scheinbar harmlose Kontakte schwer umkehrbare Veränderungen auslösen kann.

Als Beispiel nennt der Artikel westliche Kleidung sowie aufdringliches Fotografieren barbusiger Mädchen und Frauen durch Touristen oder die Verbreitung christlicher „Anstandsnormen“ durch Missionare. Dadurch könne eine zuvor unbekannte Scham entstehen und der Wunsch nach westlicher Kleidung wachsen. Der dafür nötige Gelderwerb könne wiederum zur Abkehr von der traditionellen Subsistenzwirtschaft, also der Versorgung aus eigener Produktion, und zu stärkerer Naturnutzung führen. Ähnliche Folgen könne das Verteilen von Geld haben. Auch Geländefahrten in abgelegene Gebiete, Eingriffe in Privatsphäre und Jagd sowie romantische Erwartungen von Touristen an „exotische“ Lebensweisen können Gewohnheiten, Bedürfnisse und Werte verändern und kulturelle Entwurzelung fördern.

Die praktische Umsetzung bleibt mangels konkreter Konzepte schwierig. Kritiker befürchten eine eurozentrische Bevormundung und eine künstliche Steuerung des natürlichen Kulturwandels. Daraus entsteht ein Dilemma: Unregulierte Kontakte können kulturelle Vielfalt vermindern; eine gezielte Lenkung zum Schutz dieser Vielfalt kann jedoch das Selbstbestimmungsrecht einer Ethnie beeinträchtigen.

Messung und Beurteilung

Bei der Beurteilung interkultureller Kompetenz wird entweder die bereits vorhandene Fähigkeit oder das Entwicklungspotenzial untersucht. Dazu gehören Voraussetzungen, Entwicklungsfähigkeit und der mögliche Zeithorizont der Weiterentwicklung. Bewertet werden einzelne Merkmale oder ihre Kombination, beispielsweise Ambiguitätstoleranz, Kontaktfreudigkeit, Verhaltensflexibilität, emotionale Stabilität, Leistungsmotivation, Einfühlungsvermögen und Polyzentrismus.

Besonders empfohlen werden Assessment-Center. Dabei werden möglichst realitätsnahe Situationen, etwa ein typischer Arbeitstag, simuliert. Meist beobachten mehrere Personen das Verhalten der Teilnehmenden, halten es fest und bewerten es anschließend. Weitere Möglichkeiten sind interkulturelle Kompetenztests, Kulturassimilatoren und eignungsdiagnostische Interviews. Die Wirksamkeit und Verlässlichkeit solcher Verfahren ist jedoch umstritten.

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