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Sensibilität

Diese reichen von der Empfindlichkeit, Empfindsamkeit und Feinfühligkeit über Anteilnahme und Empathie bis hin zur Sentimentalität. Speziell ist oft die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbedeutung
  2. 2. Historische Entwicklung
  3. 3. Kunst und Hypersensibilität
  4. 4. Das sensible Selbst
  5. 5. Well-being und Kritik

Grundbedeutung

Sensibilität bezeichnet in Philosophie, Psychologie, Literaturwissenschaft und Alltagssprache eine hohe Aufnahmebereitschaft für Signale der Umgebung. Der Begriff umfasst ein breites Spektrum: Empfindlichkeit, Empfindsamkeit, Feinfühligkeit, Anteilnahme, Empathie und auch Sentimentalität. Häufig ist damit besonders die künstlerische Sensibilität gemeint, also die Fähigkeit, stark und differenziert auf ästhetische Einflüsse zu reagieren. Davon zu unterscheiden ist Sensitivität oder Sensibilität im rein physiologischen Sinn, also die körperliche Reiz- und Wahrnehmungsfähigkeit.

Historische Entwicklung

In der Geschichte des Begriffs wurde Sensibilität unterschiedlich verstanden. Vergil gilt als ein früher Meister der Sensibilität, weil er in seinen Eklogen eine idyllische Welt mit feinen Stimmungen und tiefen menschlichen Emotionen schilderte.

Thomas von Aquin unterschied zwischen „sensibilitas“ und „sensualitas“. „Sensibilitas“ meinte bei ihm den Prozess von Wahrnehmung und Erkenntnis; „sensualitas“ bezeichnete körperliche Lust oder Unlust. Im englischen Sensualismus des 17. Jahrhunderts wurde Empfindung als Grundlage von Erkenntnis verstanden. Später unterschied man stärker zwischen äußerer und innerer Erfahrung. Materialistische Denker wie Claude Adrien Helvétius und Diderot sahen in körperlicher Sensibilität eine zentrale Eigenschaft des Menschen, aus der auch Urteilskraft hervorgehe. Diderot schrieb sogar der Materie eine universelle Sensibilität zu; auch Pierre Louis Moreau de Maupertuis nahm Sensibilität in der unbelebten Natur an.

Seit dem 17. Jahrhundert wurde „sensibilité“ in Frankreich im Moral- und Liebesdiskurs wichtiger. Die „sensibilité de l’âme“, also die Sensibilität der Seele, und ein gesteigertes moralisches Empfinden galten als Kräfte des zwischenmenschlichen Handelns. In der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wurde tugendhafte Sensibilität zu einem ethischen und ästhetischen Ideal. Um 1750 prägte sie englische und französische Romane. Jean-Jacques Rousseau verband das „sentiment d'existence“ mit intensiver Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis.

Die literarische Epoche der Empfindsamkeit reagierte auf den französischen Rationalismus. Sie endete mit der Französischen Revolution, wirkte aber in der Romantik weiter. Sensibilität bekam nun oft eine melancholische Färbung, etwa im von Jean Paul geprägten Begriff „Weltschmerz“. Außerdem erschien sie als christliche Empfindsamkeit, Innerlichkeit und Schwärmerei, die mit Pietismus und einer Verklärung des Leidens verbunden war. Im 19. Jahrhundert wurde besonders Frauen eine erhöhte Sensibilität zugeschrieben; zugleich wurde die Vorstellung von Sensibilität zunehmend trivialisiert und verkitscht.

Kunst und Hypersensibilität

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich Psychologen und Literaten verstärkt mit erhöhter Sensibilität. Das hing mit dem Geniekult und mit der Kultur der Dekadenz zusammen. In Joris-Karl Huysmans’ Roman „Gegen den Strich“ pflegt die Hauptfigur eine krankhafte, also pathologische Sensibilität teilweise mithilfe von Rauschgiften.

Paul Valéry sah in künstlerischer Sensibilität und Imagination den höchsten Ausdruck menschlicher Intelligenz. Gleichzeitig kritisierte er, dass Hypersensibilität zur Mode werde. Er beschrieb den Literaten als jemanden, der mit allem Handel treibe, was er sehe, fühle und lese, und seine Gefühle zur Selbstveredelung mache. Die Dekadenzdichtung spiele mit dem Wechsel von Lebenslust und Lebensüberdruss. Valéry meinte außerdem, dass die Sensibilität des modernen Menschen nach einer langen Phase der Verfeinerung durch Reizüberflutung abnehme: Schmerz habe dann keine Bedeutung mehr, sondern sei nur noch ein physiologischer Reiz.

Das sensible Selbst

Nach einer Phase, in der der Begriff Sensibilität durch Dekadenzliteratur, Wissenschaftsgläubigkeit, Diktaturen und Konsumismus verdrängt oder abgewertet worden war, gewann er seit der Studentenbewegung wieder Aufmerksamkeit. Die Sensibilisierung des Subjekts wurde als Reaktion auf die fortschreitende „Entzauberung“ der Welt verstanden, ein Ausdruck, der mit Max Weber verbunden ist.

Herbert Marcuse forderte in seinem „Versuch über die Befreiung“ eine „neue Sensibilität“. Sie sollte sich gegen Gewalt, Grausamkeit, Manipulation, Leistungsdenken und eine bloß technische Rationalität richten. Die durch den Kapitalismus verzerrte Triebstruktur des Menschen müsse nach Marcuse regeneriert werden, damit der Mensch gegen Brutalität widerstandsfähiger werde. Ähnliche Tendenzen zeigte die subjektzentrierte Literatur seit den 1970er Jahren.

Richard Rorty verband Sensibilität mit Ethik. In seinem neopragmatistischen Ansatz ist der Zweifel an der eigenen Sensibilität für die Schmerzen anderer die Grundlage von Solidarität mit Verletzten und Gedemütigten. Empathie ist für ihn eine Voraussetzung moderner Ethik; sie entstehe im Bereich der Emotionen, nicht durch Verstand oder Gewissen. Dadurch werde auch eine rein rationalistische Begründung von Demokratie und Menschenrechten fraglich. José Manuel Barreto spricht in diesem Zusammenhang von „global moral warming“, also einer globalen moralischen Erwärmung oder Sensibilisierung für Menschenrechte. Für Alasdair MacIntyre ist dafür eine „éducation sentimentale“, eine Erziehung der Gefühle, wichtig.

Im späten 20. Jahrhundert wurde Sensibilität nicht mehr nur Künstlern und Literaten zugeschrieben. Viele Angehörige der Mittelklasse begannen, ihre Alltagswelt stärker zu ästhetisieren und zu poetisieren; die Gesellschaft wurde als „Kulturgesellschaft“ beschrieben. Zugleich kam es zu einer „Sensibilisierung des Psychosomatischen“: Menschen achteten stärker auf psychische Belastungen, Lebensmittelunverträglichkeiten oder Stress. Ihre Selbstbeobachtung und die Sorge um das eigene Befinden nahmen zu.

Ob dadurch auch Empathie zugenommen hat, bleibt fraglich. Einige Studien zeigen, dass Jüngere Emotionen ihres Gegenübers genauer erkennen als Ältere. Ältere zeigen dagegen eine größere Bereitschaft zu Mitgefühl, zum Beispiel mit Trauernden, und eine größere Gefühlskonkordanz. Seit etwa 1980 ist in vielen Bereichen dennoch eine ethische Sensibilisierung erkennbar: Man spricht stärker über die Verletzlichkeit des Kindes, Wertschätzung am Arbeitsplatz, Benachteiligung von Minderheiten, Me too, geschlechtergerechte Pädagogik, geschlechtergerechte Sprache, Klimasensibilität und politisch korrekte Formulierungen. Gleichzeitig können solche Prozesse auch vor allem sprachlich oder symbolisch bleiben. Die Sensibilität für Ungerechtigkeit und Opfer scheint zu steigen, ebenso aber die Sorge, selbst ausgenutzt oder zum Opfer zu werden. Mit der Sensibilität für Diskriminierung kann außerdem die Aufwertung der eigenen Gruppe und die Abwertung anderer Gruppen zunehmen.

Well-being und Kritik

Andreas Reckwitz beschreibt die Spätmoderne als „massiv psychologisierte Kultur“. Sensibilität sei dort eng mit einer positiven Psychologie der Selbstentfaltung verbunden. Zugelassen werde vor allem eine positive Sensibilität, also eine „Wohlfühlsensitivität“, die Freude, Begeisterung und ästhetisches Wohlgefühl betone. Schwieriger werde der Umgang mit negativen Abweichungen vom Erwarteten, mit Missempfindungen und mit Ambiguitäten, also Mehrdeutigkeiten.

Eine besondere Rolle spielen moderne Bedrohungen, die Wolfgang Welsch als „anästhetisch“ beschreibt: Sie sind nicht direkt wahrnehmbar, etwa Strahlung oder Umweltgifte. Weil sie nicht mit den Sinnen gespürt werden können, lassen sie sich auch nicht durch gesteigerte Sensibilität im strengen Sinn erfassen. Gerade deshalb können sie diffuse Angst auslösen.

Kritisiert wird außerdem eine verbreitete Hypersensibilität. Sie könne dazu führen, dass Menschen den eigenen Empfindungen, die etwa Romane oder Bilder auslösen, nicht mehr gewachsen seien. Als Beispiele nennt der Artikel den starken Gebrauch von Triggerwarnungen an amerikanischen Hochschulen und die Einrichtung von safe spaces. Kritiker sehen darin die Gefahr, junge Erwachsene zu infantilisieren, eine Opferhaltung zu fördern und Emotionen gegen rationale Kritik abzuschirmen. Reckwitz warnt zudem, dass rechter Populismus diese Schwäche des Kulturliberalismus ausnutzen könne, indem er das „Weiche“ verächtlich mache und dem „Harten“ gegenüberstelle.

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