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Interkulturelle Kommunikation
Interkulturelle Kommunikation befasst sich mit der Interaktion von Menschen oder Gruppen in interkulturellen Situationen. Interkulturelle Kommunikation …
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Begriff und Grundlagen
Interkulturelle Kommunikation bezeichnet die Interaktion von Menschen oder Gruppen unter kulturellen Überschneidungsbedingungen. Sie ist nicht abschließend definiert. Eine enge, heute eher veraltete Auffassung versteht darunter nur die sprachliche Interaktion zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen. Das Fach untersucht inzwischen jedoch die gesamte Bandbreite kultureller Einflüsse auf Wahrnehmung, Denken und Handeln. Es verbindet deshalb Fragestellungen der Sprach-, Kommunikations-, Kultur-, Wirtschafts-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Nach Edward T. Hall werden über 90 Prozent der menschlichen Kommunikation nicht durch Sprache, sondern durch nonverbale Botschaften vermittelt.
Alexander Thomas definiert Kultur als ein für eine Gesellschaft oder Gruppe typisches Orientierungssystem. Es beeinflusst, wie ihre Mitglieder die Umwelt wahrnehmen und deuten, und bietet Handlungsmuster für den Umgang mit ihr. Menschen aus einem gemeinsamen Kulturkreis können auf ein kollektives Gedächtnis zurückgreifen, also auf einen gemeinsamen Vorrat an Wissen und Assoziationen. Alfred Schütz und Thomas Luckmann zufolge lässt die eigene Kultur alltägliches Handeln vertraut, relevant, plausibel und vorhersehbar erscheinen. In interkulturellen Situationen können die Beteiligten dagegen nicht ausschließlich ihre gewohnten Kodes, Konventionen, Einstellungen und Verhaltensformen verwenden, weil sie zugleich mit anderen Orientierungsmustern konfrontiert werden.
Sprache und Kommunikationsformen
Innerhalb einer Kultur funktioniert Kommunikation nach Jürgen Bolten unter anderem deshalb, weil Sprache und andere Zeichen konventionalisiert sind: Die Beteiligten teilen meist unausgesprochene Regeln darüber, was Wörter, Zeichen und Gesten bedeuten. Beim Kontakt verschiedener Kulturen ist diese gemeinsame Grundlage nicht selbstverständlich.
Neben verbalen, also sprachlichen Äußerungen sind drei weitere Ebenen wichtig: Nonverbale Botschaften werden etwa durch Gesten und Körpersprache vermittelt; paraverbale Merkmale betreffen die Art des Sprechens; extraverbale Botschaften ergeben sich aus der Situation. Ihre Bedeutung kann kulturell verschieden sein und deshalb irrtümlich interpretiert werden. Para- und nonverbales Verhalten lässt sich zudem weniger leicht kontrollieren und trainieren als verbales Verhalten.
Interkulturelle Kommunikation geht häufig mit Mehrsprachigkeit einher. Die Fremdsprachenkompetenz der Beteiligten beeinflusst ihren Erfolg wesentlich. Seit dem 20. Jahrhundert hat sich Englisch zunehmend als Lingua franca, also als gemeinsame Verkehrssprache, durchgesetzt. Alternativen sind die Verwendung einer der beteiligten Sprachen sowie Übersetzer oder Dolmetscher. Ungleich verteilte Sprachkenntnisse können Machtasymmetrien schaffen und die Teilhabe von Personen mit geringerer Sprachkompetenz einschränken.
Modelle und Entwicklung des Fachs
Edward T. Hall begründete das Fach in den 1950er Jahren und entwickelte die ersten interkulturellen Trainings für US-Diplomaten. Sein Werk „Silent Language“ von 1959 gilt als erstes Standardwerk. Hall nahm an, Menschen würden weitgehend unbewusst von ihrer Kultur gesteuert. Als wichtige Unterscheidungsmerkmale betrachtete er den Umgang mit Raum, mit Zeit und mit dem Kommunikationskontext. Beim Raum unterschied er intime, persönliche, soziale und öffentliche Bereiche, bei der Zeit lineare beziehungsweise monochrone und zirkuläre beziehungsweise polychrone Orientierungen.
Besonders bekannt ist Halls Unterscheidung zwischen High-Context- und Low-Context-Kulturen. In High-Context-Kulturen hängen Aussagen stark vom Kontext und von den Beziehungen der Beteiligten ab. Vieles wird nur angedeutet oder als bekannt vorausgesetzt. In Low-Context-Kulturen wird nach Hall direkter, genauer und ausdrücklicher kommuniziert; Kontext und Beziehungen erhalten weniger Gewicht. Das Modell wird heute wegen seines essentialistischen Kulturverständnisses kritisiert, kann aber beispielsweise noch in der vergleichenden internationalen Marketing- und Werbeforschung oder bei technisch beziehungsweise computervermittelter Kommunikation verwendet werden.
In den 1960er Jahren weitete sich das Forschungsfeld besonders in den USA und Kanada auf Immigration, die Akkulturation von Einwanderern und das Zusammenleben in Einwanderungsgesellschaften aus. In Europa wurde Geert Hofstede zu einem wichtigen Vertreter. Seit den 1970er Jahren beschrieb er nationale Kulturen anhand der Dimensionen Machtdistanz, Kollektivismus beziehungsweise Individualismus, Maskulinität beziehungsweise Femininität, Unsicherheitsvermeidung und Langfristorientierung. Die Nationszugehörigkeit verstand er als eine Art „mentale Programmierung“ des Einzelnen.
Alexander Thomas entwickelte in den 1980er Jahren das Modell der Kulturstandards. Damit sind gemeinsame Symbol-, Zeichen- und Orientierungssysteme einer Kultur gemeint, die Gedanken und Gefühle verständlich machen. Kulturstandards werden jeweils aus der Perspektive einer anderen Kultur wahrgenommen: Deutsche Kulturstandards können aus französischer Sicht anders erscheinen als aus italienischer. Abweichende Standards können Fehlinterpretationen und Konflikte begünstigen. Essentialistische Modelle reduzieren die Komplexität und waren deshalb lange für interkulturelle Trainings attraktiv. Kritisiert wird jedoch ihr Determinismus: Würde Kultur Menschen vollständig festlegen, wären sie kaum zu kreativem Handeln oder Lernen fähig; erkennt man Wahlfreiheit und Lernfähigkeit an, kann Kultur keine einseitig bestimmende Rolle haben.
Globalisierung und vielfältige Kulturzugehörigkeiten
Seit den 1990er Jahren gewann interkulturelle Kommunikation durch Globalisierung, weltweite Arbeitsteilung, Mobilität, Reisefreiheit, Massentourismus und das Internet an Bedeutung. Die neuen Bedingungen werden teilweise als „vuca“ bezeichnet: volatil, uncertain, complex und ambiguous, also wechselhaft, unsicher, komplex und mehrdeutig. Zugleich gerieten Modelle in die Kritik, die Kulturen als klar getrennte, homogene Einheiten und Konflikte als vorhersehbare Folge kultureller Unterschiede behandeln. Neuere Ansätze verstehen Kultur eher als offenes, verbundenes oder hybrides Netzwerk und untersuchen auch digitale und virtuelle Kommunikation.
Wolfgang Welsch entwickelte 1992 das Konzept der Transkulturalität. Danach sind heutige Kulturen weder nach innen homogen noch nach außen eindeutig abgegrenzt. Sie durchdringen sich gegenseitig und bilden Geflechte und Mischungen. Multikollektivität bezeichnet die Vorstellung, dass auch ein einzelner Mensch mehreren kulturellen Kollektiven angehört. Für die vielfältigen Unterschiede innerhalb moderner Gesellschaften wurde außerdem der Begriff Superdiversität eingeführt. Jürgen Bolten beschreibt Kulturen als „fuzzy“, also unscharf: Je genauer man sie betrachtet, desto weniger erscheinen sie einheitlich und eindeutig voneinander trennbar. Menschen lassen sich daher nicht zuverlässig einer einzigen, fest umrissenen Kultur zuordnen.
Interkulturelle Kommunikation entstand als Forschungs- und Anwendungsfeld unter anderem aus Diplomatie, Wirtschaftsbeziehungen, Auslandsentsendungen und Entwicklungszusammenarbeit. Heute wird sie auch innerhalb multikultureller Einwanderungsgesellschaften untersucht. Ein zentraler Vorgang ist die Akkulturation, also die Annäherung an und Übernahme von Verhaltensweisen einer anderen Kultur bei gleichzeitiger Bewahrung oder Veränderung eigener Umgangsformen. Mögliche Formen sind Integration, Assimilation, Segregation und Dekulturation. Häufig geht es dabei um Teilhabe in Bildung, Verwaltung oder Gesundheit. Mit einem erweiterten Kulturbegriff spielt interkulturelle Kommunikation zudem im Diversity Management eine Rolle, nicht nur in transnationalen Unternehmen.
Hindernisse und produktiver Umgang
Interkulturelle Missverständnisse entstehen, wenn Beteiligte die kulturelle Prägung ihrer eigenen Wahrnehmung oder der Wahrnehmung ihres Gegenübers nicht erkennen. Unterschiedliche Annahmen, Werte und Verhaltensweisen können die erwartete Normalität stören und zu falschen Bedeutungszuschreibungen, sogenannten Attributionen, führen. Auch zwischen scheinbar ähnlichen Kulturen können Missverständnisse auftreten. Gerade dort wird ein gemeinsamer Hintergrund oft vorschnell vorausgesetzt, sodass Störungen möglicherweise erst spät auffallen.
Die Wahrnehmung des Fremden bewegt sich zwischen Faszination und Feindbild. Wer das eigene kulturelle Interpretationssystem unreflektiert auf andere anwendet, kann Vorurteile entwickeln. Der fundamentale Attributionsfehler kann die Bildung von Stereotypen fördern. Stereotype sind nicht zwangsläufig negativ, können die Kommunikation aber beeinträchtigen und zu Vorurteilen werden, die wiederum Diskriminierung von Personen und Gruppen begünstigen.
Ethnozentrismus bedeutet nach William Graham Sumner, der den Zusammenhang 1906 formulierte, eine Sichtweise, bei der die eigene Gruppe als Mittelpunkt gilt und alle anderen an ihr gemessen und bewertet werden. Das Eigene erscheint dadurch als Normalität, während das Fremde häufig als minderwertige Abweichung gilt. Ethnozentrismus hängt oft mit der Aufwertung der Eigengruppe, der Abwertung der Fremdgruppe und dem Othering, also der Herstellung einer abgrenzenden Vorstellung von „den Anderen“, zusammen.
Interkulturelles Lernen soll Menschen dazu befähigen, in interkulturellen Situationen angemessen und effektiv zu handeln. Angemessen ist ein Verhalten, das der Situation und dem Gegenüber gerecht wird. Effektiv ist Kommunikation, wenn sie zugleich die eigenen Bedürfnisse berücksichtigt und das angestrebte Ziel erreicht. Dies setzt interkulturelle Kompetenz voraus. Nach Bolten besteht erfolgreicher Umgang darin, ein Ziel kollaborativ zu erreichen, ohne die Akzeptanzgrenzen des anderen zu überschreiten. Besonders wichtig sind Rollendistanz, also die Fähigkeit zur kritischen Betrachtung der eigenen Rolle, Empathie und Metakommunikationsfähigkeit, also die Fähigkeit, über die Kommunikation selbst zu sprechen.
Professionelle Unterstützung bietet die interkulturelle Mediation. Dieses Beratungsverfahren berücksichtigt den kulturellen Kontext und sucht Vereinbarungen, die beide Seiten akzeptieren können. Es eignet sich sowohl für zwischenmenschliche Konflikte als auch für Konflikte zwischen Gruppen, beispielsweise über Landnutzung oder über die Aufarbeitung von Bürgerkriegsverbrechen.
Akademisches Fach in Deutschland
In Deutschland wird Interkulturelle Kommunikation an mehreren Universitäten und Hochschulen als eigener Studiengang oder als Studienschwerpunkt angeboten. Das Portal „Kleine Fächer“ verzeichnete 2024 neunzehn Standorte mit Professuren im Fachgebiet. 2018 gab es außerdem rund 40 Studiengänge, die zwar anders hießen, aber der Fachrichtung zugerechnet wurden.
Der Hochschulverband Interkulturelle Studien zählte 2018 mehr als 100 Mitglieder aus rund 40 Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eine weitere zentrale Fachgesellschaft ist die Gesellschaft für Angewandte Linguistik, besonders ihre Sektion Interkulturelle Kommunikation. Studienangebote reichen von Interkultureller Kommunikation und Interkultureller Kompetenz über Sprachwissenschaft, Bildung und europäische Studien bis zu Wirtschaftskommunikation, internationalem Management und Interkulturalitätsmanagement. Mehrere Hochschulen bieten viersemestrige Masterstudiengänge an; an der Hochschule München beträgt die Regelstudienzeit des entsprechenden Masterstudiengangs fünf Semester, an der TU Chemnitz sechs Semester für den Bachelor und vier für den Master.