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Kulturelle Identität

Der Begriff der kulturellen Identität ist Mitte der 1990er Jahre im Zusammenhang mit der Kontroverse um das 1996 erschienene Buch Kampf der Kulturen (The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order) des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington in die Kritik geraten.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Entstehung kultureller Identität
  2. 2. Codes, Zivilisationsstile und Ebenen
  3. 3. Kulturkontakt innerhalb einer Gesellschaft
  4. 4. Expansion, Globalisierung und Hybridisierung
  5. 5. Kulturelle Identität im Recht und in der Kontroverse

Begriff und Entstehung kultureller Identität

Kulturelle Identität bezeichnet das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einem bestimmten kulturellen Kollektiv. Ein solches Kollektiv kann eine Gesellschaft, ein kulturelles Milieu oder eine Subkultur sein. Identität entsteht durch die Vorstellung, sich von anderen Menschen oder Gruppen kulturell zu unterscheiden. Wichtige Unterscheidungsmerkmale sind Sprache, Religion, Nation, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche sowie weitere Aspekte der Lebenswelt.

Kulturelle Identität ist keine einheitliche oder widerspruchsfreie Größe. Individuelle Weltanschauungen und Deutungsmuster können sehr verschieden sein und sogar miteinander in Konflikt stehen. Sie können außerdem zu Ideologien verdichtet werden. Kulturelle Identität entsteht durch die diskursive Konstruktion des „Eigenen“ im Gegensatz zu einem wirklichen oder vorgestellten „Anderen“. Dieser Prozess ist stark von Gefühlen geprägt: Das Eigene kann Sicherheit, Geborgenheit und Heimat vermitteln.

Das „Andere“ oder „Fremde“ wird häufig erst im Prozess der Identitätsbildung als solches festgelegt. Dieser Vorgang wird als Othering bezeichnet. Gegenüber dem Fremden können Nichtwahrnehmung, Verunsicherung, Abneigung oder Hass entstehen. Für Gruppen, die Unterdrückung, Ausbeutung, Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren, kann eine kollektive Identität zur Selbstbehauptung beitragen. In traditionalen Gesellschaften zeigt sich kulturelle Identität dagegen oft als unhinterfragte Identifikation mit der bestehenden Ordnung.

Nach George Herbert Mead setzt kulturelle Identität voraus, dass Menschen die Haltung ihrer eigenen Gruppe verinnerlichen, deren Normen und Werte auch auf sich selbst anwenden und die vom Kollektiv formulierte Verantwortung übernehmen. Durch Sozialisation beziehungsweise Enkulturation wird das Individuum in diese kulturelle Identität eingebunden. Zugleich können nationale, regionale, ethnische, sprachliche, religiöse, sexuelle oder ästhetisch-lebenspraktische Komponenten, etwa ein bestimmter Lifestyle, miteinander verbunden sein. Deshalb sind Konzepte kultureller Identität zwangsläufig von Inkohärenzen geprägt. Internet und soziale Medien öffnen kulturelle Identitäten nach außen; Identitäten können dadurch auch sekundär erlernt, übernommen oder konstruiert werden.

Seit der „kulturellen Wende“ beziehungsweise dem Cultural Turn wurde der Begriff in den 1990er Jahren in den Sozialwissenschaften verstärkt verwendet. Er dient sowohl der Beschreibung pluraler Identitäten und Lebensformen im Rahmen der Globalisierung als auch der Forderung nach der Bewahrung nationaler oder religiöser Identitäten und Traditionen. Diese unterschiedlichen Verwendungen tragen zur Unschärfe des Begriffs bei. In Deutschland zeigte sich dies unter anderem in der Debatte um eine Leitkultur im Jahr 2000.

Kulturelle Identität wird besonders sichtbar, wenn sie infrage gestellt wird und kulturelle Unterschiede Bedeutung erhalten. Dies geschieht etwa durch Migration, im Kolonialismus, in Großstädten und Industriezentren sowie allgemein unter Bedingungen sozialen Wandels. Traditionelle Gesellschaften, die moderne Kulturelemente übernehmen und zugleich ihre eigene Identität stärken wollen, werden mit dem Begriff Indigenisierung beschrieben. Wenn weitgehend assimilierte Ethnien traditionelle Elemente und ihre ethnische Identität wiederbeleben und verändert in ihre Kultur integrieren, spricht man von Re-Indigenisierung.

Codes, Zivilisationsstile und Ebenen

Shmuel N. Eisenstadt und Bernhard Giesen unterscheiden vier Arten von Codes, durch die kulturelle Gruppenidentitäten mit zunehmendem Reflexionsniveau gebildet werden. Gerard Delanty ergänzt eine fünfte Gruppe:

  • Primordiale Codes betrachten Gruppenzugehörigkeit als naturgegeben.
  • Die zweite Gruppe begründet kulturelle Identität durch Traditionen und Ursprungsmythen.
  • Delanty bezeichnet die dritte Gruppe als kulturelle Codes. Sie bezieht sich auf religiöse oder transzendentale Bezugsgrößen wie Gott, die Vernunft oder die Idee des Fortschritts.
  • In der vierten Gruppe werden die vorherigen Codes kritisiert und gebrochen. An die Stelle von Mythen, Traditionen oder metaphysischen Ideen treten Inhalte des Alltagslebens, etwa Geschmack, materielle Werte oder Privilegien.
  • Die fünfte Gruppe nennt Delanty Diskursivität. Die mit den früheren Codes verbundenen starken Ausschlüsse werden im Sinne eines demokratischen Bewusstseins zurückgenommen. Die Identitätsbildung wird transparent und reflektiert.

Thomas Meyer entwickelte 2002 ein Modell, mit dem kulturelle Identitäten strukturell unterschieden und empirisch untersucht werden können. Er unterscheidet drei „basale Zivilisationsstile“:

  • Traditionalismus verteidigt hierarchisch und patriarchalisch überkommene kulturelle und soziale Traditionen gegen Veränderungen.
  • Modernisierung oder Liberalisierung versucht, Individualismus, Säkularismus, Rationalismus und Pluralismus gegenüber den überkommenen Traditionen durchzusetzen.
  • Fundamentalismus radikalisiert die defensive Haltung des Traditionalismus zu einem offensiven Kampf gegen die Modernisierung.

Meyer lässt offen, ob traditionelle Kulturen mit ihren Clans, Familien, Ahnen, Mythen und Göttern ein eigenes Existenzrecht besitzen oder ob nur den Individuen ein Recht auf kulturelle Selbstbestimmung zukommt.

Quer zu diesen Zivilisationsstilen unterscheidet Meyer drei Ebenen von Werthaltungen und Gewohnheiten, die sich zu kulturellen Identitäten verbinden können: „ways of believing“ sind persönliche Glaubenswahrheiten und metaphysische Sinngebungen. „Ways of life“ bezeichnen alltagskulturelle Lebensweisen, etwa Tischsitten, Wohnformen und Arbeitsethiken. „Ways of living together“ betreffen soziopolitische Gemeinschaftswerte, zum Beispiel die Vorstellungen davon, wie Gerechtigkeit, Freiheit und Sicherheit in einer Kultur definiert werden und welchen Stellenwert sie besitzen.

Kulturkontakt innerhalb einer Gesellschaft

Kulturelle Identität wird im Kontakt mit anderen Identitäten besonders deutlich. Innerhalb einer Gesellschaft dominiert häufig die majoritäre Kultur über eine minoritäre Kultur. Die Minderheit kann ausgegrenzt oder marginalisiert werden, etwa durch die Ghettoisierung von Juden im Mittelalter oder durch das Apartheidregime in Südafrika. Als Reaktion kann eine trotzig-stolze kulturelle „Widerstandsidentität“ entstehen, wie beim Zionismus oder bei der südafrikanischen Black-Consciousness-Bewegung. Möglich ist auch ein Selbstausschluss in eine Parallelgesellschaft, wie er teilweise in Deutschland lebenden Türken vorgeworfen wird.

Eine andere Form der Diskriminierung ist der Druck zur Assimilierung, bei dem die Mehrheitskultur den kulturellen Unterschied der Minderheit beseitigen will. Ein Beispiel ist der Schulstreik in Wreschen von 1901 bis 1904: Polen wehrten sich gegen das preußische Verbot ihrer Sprache im Religionsunterricht. Positive Beispiele für Integration ohne Aufgabe der eigenen Identität oder für eine friedliche gegenseitige Befruchtung von Kulturen sind laut Artikel selten. Das Kalifat von Córdoba wird wegen seiner Toleranz gegenüber Juden und Christen genannt, wobei diese als Dhimmas eine Sondersteuer zahlen mussten. Auch das normannische Sizilien und Sizilien unter Kaiser Friedrich II. gelten im Vergleich zur sonstigen mittelalterlichen Unterdrückungspraxis als bemerkenswert tolerant. Das Bild vom US-amerikanischen Melting Pot wird durch die Diskriminierung von Nicht-Protestanten der zweiten Einwanderungswelle seit den 1880er Jahren eingeschränkt, besonders von Italienern, Iren, Polen und Juden.

John W. Berry ordnet Formen der Akkulturation nach zwei Fragen: Soll die Minderheit ihre eigene Kultur beibehalten, und soll Kontakt zwischen Mehrheit und Minderheit bestehen?

  • Werden beide Fragen bejaht, handelt es sich um Integration.
  • Ist Kontakt erwünscht, die Beibehaltung der eigenen Identität aber nicht, spricht Berry von Assimilierung.
  • Ist kein Kontakt erwünscht, darf die Minderheit ihre Kultur jedoch beibehalten, nennt er dies Segregation.
  • Sind weder Kontakt noch kulturelle Beibehaltung gestattet, handelt es sich um Marginalisierung oder Exklusion.

Das Zusammenleben verschiedener kultureller Identitäten wird als multikulturelle Gesellschaft diskutiert. Bassam Tibi und Norbert Lammert bezweifeln deren Wünschbarkeit, weil die Gleichwertigkeit aller Identitäten als Werterelativismus und Abwertung der Mehrheits- oder Leitkultur verstanden werden könne. Außerdem wird befürchtet, dass Gruppen nur nebeneinanderher leben und Parallelgesellschaften entstehen. Wolfgang Welsch schlug 1992 dagegen den Begriff der transkulturellen Gesellschaft vor. Durch vielfältige Kontakte entwickeln deren Mitglieder ihre kulturellen Identitäten weiter und bleiben sich der „fremden“ Anteile in ihrem Identitätskonzept bewusst.

Umstritten ist außerdem kulturelle Aneignung, also die Verwendung identitätsstiftender kultureller Produkte wie Mode, Musik oder Haartracht durch Menschen, die der jeweiligen Gruppe nicht angehören. Kritiker sehen darin eine unreflektierte Nutzung kultureller Praktiken durch Angehörige einer Dominanzkultur, ohne deren Diskriminierungserfahrungen zu teilen. Der Einwand lautet, dass kulturelle Identität dadurch essenzialisiert werde: Gruppenzugehörigkeiten würden als unveränderlich behandelt, Unterschiede innerhalb einer Gruppe verdeckt und der Austausch zwischen Gruppen behindert.

Expansion, Globalisierung und Hybridisierung

Urs Bitterli unterscheidet am Beispiel der europäischen Expansion der Frühen Neuzeit drei Formen des Kulturkontakts:

  • Kulturberührung bezeichnet meist oberflächliche Erstkontakte zwischen europäischen Kolonisatoren und indigener Bevölkerung. Sie verliefen oft friedlich, etwa durch Geschenke oder kleinere Handelsgeschäfte, und beeinflussten die kulturelle Identität zunächst wenig. Die Europäer hielten sich für kulturell überlegen und stellten die angetroffenen Menschen entweder als „edle Wilde“ oder als „Kannibalen“ dar.
  • Kulturzusammenstoß meint die gewaltsame Unterdrückung indigener Kulturen. Kulturberührung schlug besonders dann in Gewalt um, wenn indigene Gruppen ihre Lebensweise und ihren Besitz durch Missionsversuche und das Erwerbsstreben der Europäer bedroht sahen. Sklaverei, andere Formen des Arbeitszwangs und kulturelle Missverständnisse zerstörten anfängliches Vertrauen und Respekt.
  • Kulturbeziehungen sind ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Nach Bitterli waren sie vor allem möglich, wenn die beteiligten Zivilisationen ungefähr gleich stark waren. Gegenüber dem islamischen Kulturkreis, Indien und China bestanden über längere Zeit machtpolitische Gleichgewichte. Handel und kulturelle Einflüsse wirkten in beide Richtungen. Als Beispiel wird die jesuitische Mission in China und die europäische Bewunderung für chinesische Kunst und chinesisches Handwerk genannt. Hier ist zumindest ansatzweise von gegenseitiger Akkulturation, also kultureller Befruchtung, Bereicherung und Durchdringung, zu sprechen.

Durch Globalisierung nehmen Kulturkontakte über Migration, Medien, Welthandel und Tourismus stark zu. Die wirtschaftlich erfolgreichen und am individuellen Konsum orientierten westlichen Kulturen, besonders die der USA, erscheinen anderen, traditionelleren Kulturen dabei überlegen. Die Gefährdung der eigenen kulturellen Identität wird von muslimischen, aber auch von europäischen rechten Kräften als Kulturimperialismus kritisiert.

In Kultur- und Sozialwissenschaften wird jedoch häufig angenommen, dass Globalisierung nicht zu vollständiger kultureller Homogenisierung führt. Stattdessen entstehen Hybridisierungen, also vielfältige und teilweise widersprüchliche Mischformen kultureller Identität. Diese Traditionen verschmelzen nicht unbedingt zu einer einheitlichen Kreolisierung. Hybridität kann vielmehr einen „dritten Raum“ schaffen, in dem Mehrheits- und Herkunftskultur ausgehandelt und neue Positionen konstruiert werden, ohne dass daraus eine neue feste Essenz entsteht. Stuart Hall fordert deshalb, sowohl Identitätspolitiken mit ihren ein- und ausschließenden Fremd- und Selbstzuschreibungen als auch die oft nur vorübergehenden individuellen Identifikationen zu untersuchen.

Kulturelle Identität im Recht und in der Kontroverse

Die Rechtsordnung muss bei Ausländern zwischen dem Erfordernis gesellschaftlicher Integration und der Wahrung kultureller Identität vermitteln. Die Interessen unterscheiden sich je nach Lebenssituation: Flüchtlinge oder Asylbewerber können sich dem Gastland stärker verbunden fühlen als ihrem Heimatland. Multinationale Beschäftigte, ausländische Studierende, Diplomaten oder Rückkehrwillige wünschen dagegen möglicherweise, dass ihre kulturelle Identität berücksichtigt wird. Wer erst im Erwachsenenalter auswandert, ist insbesondere in familiären Fragen oft stark vom Heimatrecht geprägt.

Bei persönlichen Rechtsverhältnissen, dem sogenannten Personalstatut, stellt sich die Frage, ob das Recht des ständigen Aufenthaltsortes oder das Recht des Staates der Staatsangehörigkeit gelten soll. Das betrifft unter anderem Rechtsfähigkeit, Namensrecht, Geschäftsfähigkeit, Eheschließung, eheliche Wirkungen, Güterstand, Scheidung, Unterhalt, Abstammung, Sorgerecht, Adoption und Rechtsnachfolge von Todes wegen. Zuständig für diese Entscheidung ist das Internationale Privatrecht. Die USA und Australien knüpfen häufig an das Recht des ständigen Aufenthaltsortes, das Domizil, an. Deutschland unterstellt das Personalstatut grundsätzlich dem Recht des Staates, dem der Ausländer angehört, auch wenn dieser Staat auf religiöses Recht verweist. Sind dessen Regelungen mit deutschen Wertvorstellungen unvereinbar, können deutsche Behörden und Gerichte über den Ordre-public-Vorbehalt korrigierend eingreifen.

In der Kontroverse um Samuel P. Huntingtons 1996 erschienenes Buch Kampf der Kulturen wurde der Begriff kultureller Identität grundsätzlich kritisiert. Huntington behauptete, die Weltpolitik werde nach dem Ende des Kalten Krieges vor allem von Konflikten zwischen Angehörigen verschiedener Kulturkreise bestimmt. Er unterschied sechs Kulturkreise mit ihren Kernstaaten: China, Japan, den slawisch-orthodoxen Raum mit Russland, Indien, die islamischen Staaten und die Westliche Welt. Da ihre Grundwerte prinzipiell unvereinbar seien, hielt er einen „Kampf der Kulturen“ für unvermeidbar. Die Ereignisse des 11. September 2001, die Kriege gegen den Terror in Afghanistan und im Irak sowie die zweite Intifada seit 2000 wurden teilweise als Bestätigung dieser These interpretiert.

Kritiker wenden ein, Huntingtons Modell könne als selbsterfüllende Prophezeiung Konflikte erst fördern, weil es friedliches Zusammenleben als aussichtslos darstelle. Thomas Meyer verweist darauf, dass Unterschiede etwa bei Unsicherheitsvermeidung, Ungleichheit und Individualismus zwischen verschiedenen islamischen Ländern größer sein können als zwischen einzelnen Ländern verschiedener Kulturkreise. Kulturübergreifende Ähnlichkeiten und Überschneidungen sprechen gegen einheitliche kulturelle Identitäten ganzer Staaten oder Staatengruppen. Amartya Sen betont, dass eine Person gleichzeitig viele Zugehörigkeiten haben kann, etwa amerikanische Bürgerin, karibischer Herkunft, Christin, Liberale, Frau, Vegetarierin, Langstreckenläuferin, Heterosexuelle und Tennisfan. Konrad Köstlin kritisiert die Vorstellung von Kultur als festem „Prägestempel“, während Andre Gingrich Huntingtons Ansatz als einen möglichen „Rassismus ohne Rassen“ einordnet, weil er das Zusammenleben unterschiedlich kulturell geprägter Menschen als unmöglich erscheinen lasse.

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