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Soziale Frage
Die Kinderarbeit gibt es in der ländlichen Familienwirtschaft seit Menschengedenken, aber mit der Industrialisierung nahm sie im 18. und 19. Jahrhundert in …
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Definition und historische Entwicklung
Die soziale Frage bezeichnet die sozialen Missstände, die durch Bevölkerungsexplosion, Industrielle Revolution und den Übergang von der Agrar- zur urbanisierten Industriegesellschaft entstanden. Dieser Wandel setzte in England etwa ab 1760 und in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert ein. Zu den Kernproblemen gehörten Pauperismus, also massenhafte dauerhafte Armut, sowie die Existenzunsicherheit von Bauern, ländlichem Gesinde, Handwerkern, Industriearbeitern und kleinen Kontorangestellten.
In Deutschland war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts durch starkes Bevölkerungswachstum, Bauernbefreiung, Landflucht, Verstädterung, den Niedergang alter Gewerbe und das allmähliche Aufkommen der Fabrikindustrie geprägt. Von den 1850er bis zu den 1870er Jahren wuchs die Industrie stark, während Heimgewerbe und Handwerk weiter in die Krise gerieten. Seit etwa 1870 führte die Hochindustrialisierung dazu, dass die soziale Frage vor allem als Arbeiterfrage verstanden wurde. Im Mittelpunkt standen nun die Lebensbedingungen der Industriearbeiterschaft, die Entstehung von Großstädten und die gesellschaftliche Integration der Arbeiter.
Ursachen und betroffene Gruppen
Hauptursachen waren das beschleunigte Bevölkerungswachstum sowie die Folgen von Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit. Nach 1815 nahm die Bevölkerung Europas stark zu. Als mögliche Gründe nennt der Artikel sicherere Ernten infolge einer Klimaerwärmung seit den 1780er Jahren sowie medizinische und hygienische Fortschritte. Dazu gehörten die Einführung der Pockenimpfung durch Edward Jenner 1796 und eine verbesserte chirurgische Ausbildung. Außerdem hatte bereits die merkantilistische Politik das Bevölkerungswachstum gefördert.
Die Bauernbefreiung hob die Grundherrschaft und persönliche Abhängigkeit auf. Für die Ablösung früherer Frondienste mussten Bauern jedoch häufig Land abgeben. Viele blieben mit zu kleinen, unwirtschaftlichen Höfen zurück, verschuldeten sich und verloren ihren Besitz durch das sogenannte Bauernlegen.
Im Handwerk beseitigte die Gewerbefreiheit den Zunftzwang. Zusammen mit der Abwanderung vom Land erhöhte dies die Zahl der Gesellen. Sinkende Löhne und steigende Arbeitslosigkeit führten zum Handwerksburschenelend. Gleichzeitig lösten sich traditionelle soziale Bindungen, etwa die Großfamilie und die Verbindung zum Grundherrn. Damit gingen auch bisherige Unterstützungsnetze verloren. Das Überangebot an Arbeitskräften in den Städten drückte die Löhne und zwang häufig mehrere Familienmitglieder zur Erwerbsarbeit.
Arbeit, Frauen und Kinder
Die frühe Industriearbeit war durch sehr niedrige Löhne, strenge Disziplin, lange Arbeitszeiten und fehlende soziale Absicherung gekennzeichnet. Arbeitstage von 12 und mehr, teilweise bis zu 18 Stunden sowie Nacht- und Sonntagsarbeit waren üblich. Gesundheitsschutz und Unfallverhütung spielten kaum eine Rolle; Transmissionsbänder von Dampfmaschinen bildeten beispielsweise eine große Gefahrenquelle. Altersversorgung, Unfallversicherung und Kündigungsschutz bestanden nicht. Bei zehn Minuten Verspätung konnte ein halber Tageslohn abgezogen werden; auch Fehler oder Werkzeugbruch konnten Lohnabzüge auslösen. In englischen Industriestädten betrug die durchschnittliche Lebensarbeitszeit bis zur Arbeitsunfähigkeit etwa 15 Jahre, das Durchschnittsalter der Industriearbeiter in Manchester nur 18 Jahre.
Weil der Lohn eines Arbeiters häufig nicht für die Familie reichte, mussten Frauen und Kinder mitarbeiten. Frauen waren besonders in Heimarbeit und Textilindustrie beschäftigt. Sie erhielten deutlich weniger Lohn als Männer. Die schon vorher bestehende Kinderarbeit erreichte im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und den USA ein Ausmaß, das Gesundheit und Bildung massiv beeinträchtigte. Kinder arbeiteten unter anderem in engen Bergwerksstollen. In England waren im Sommer bis zu 64, im Winter 52 Wochenstunden unter Tage und in Webereien sogar 80 Wochenstunden üblich. Obwohl Kinder fast so lange wie Erwachsene arbeiteten, bekamen sie nur etwa ein Zehntel des durchschnittlichen Männerlohns.
England verbot 1833 Kindern unter neun Jahren die Arbeit in Textilfabriken, untersagte Nachtarbeit und begrenzte die Arbeitszeit von Jugendlichen unter 18 Jahren auf 12 Stunden täglich. Etwa zehn Jahre später wurde die Untertagearbeit für Frauen und Kinder unter zehn Jahren verboten. Preußen untersagte 1839 Fabrikarbeit für Kinder unter zehn Jahren sowie Nacht- und Sonntagsarbeit für 10- bis 16-Jährige. 1853 stieg das Mindestalter auf zwölf Jahre; zur Kontrolle wurde die Gewerbeaufsicht eingeführt. Im Handwerk, Gewerbe und besonders in der Landwirtschaft blieben Kinder jedoch ungeschützt.
Wohnungsnot und gesellschaftliche Folgen
Das schnelle Städtewachstum verursachte extreme Wohnungsnot. Es entstanden Slums ohne ausreichende städtische Infrastruktur und mehrgeschossige Mietskasernen. Bis zu zehn Personen lebten auf 14 Quadratmetern. Teilweise stand für mehr als hundert Menschen nur eine Toilette zur Verfügung; Wasser- und Abwasserleitungen fehlten. Wasser und Klosett befanden sich später oft gemeinsam für alle Bewohner auf dem Gang. Innenhöfe sorgten für wenig Licht, viele Wohnungen waren feucht. Die Miete konnte bis zu drei Viertel des Arbeitslohns verschlingen. Manche Familien teilten ihr Bett im Schichtbetrieb zusätzlich mit einem Schlafburschen.
Unterernährung, schlechte Hygiene und gefährliche Arbeit führten zu Krankheiten und einer sinkenden Lebenserwartung. Genannt werden Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, Krätze, Verlausung, chronische Vergiftungen, Silikose und die durch Vitaminmangel verursachte „Englische Krankheit“. Die belastenden Lebensverhältnisse gefährdeten das Familienleben. Als weitere Folgen beschreibt der Artikel Schulmangel, Prostitution und Kinderprostitution, Trunksucht, Kriminalität, Bandenbildung und persönliche Vereinzelung. Armenaufstände und Hungerdemonstrationen wurden von Polizei und Militär häufig gewaltsam niedergeschlagen; dabei kam es zu Verletzten, Toten, Inhaftierungen und Hinrichtungen von Anführern.
Organisationen, Reformen und Sozialstaat
Die soziale Frage löste eine breite gesellschaftliche und politische Mobilisierung aus. Genossenschaften, Arbeitervereine, Gewerkschaften, kirchliche Organisationen und neue Parteien entwickelten unterschiedliche Lösungsansätze. Die Arbeiterbewegung erklärte die Missstände vor allem mit dem Klassengegensatz zwischen den Kapitaleignern, der Bourgeoisie, und den lohnabhängigen Arbeitern, dem Proletariat. Im Deutschen Reich vertrat unter anderem die SPD die Interessen der Arbeiterschaft. Daneben entstanden Organisationen wie der katholische Kolping-Bund. Einige Unternehmen stellten günstigere Werkwohnungen bereit, richteten werkärztliche Dienste ein oder erhöhten die Löhne etwas. Auch die Frauenbewegung, die unter anderem gleichen Lohn und den Kampf gegen Prostitution forderte, sowie nach 1900 die Jugendbewegung reagierten auf die sozialen Probleme.
Der Staat schuf schrittweise Arbeits- und Sozialgesetze sowie Behörden zu ihrer Durchsetzung. Im Deutschen Reich begann Otto von Bismarcks Sozialgesetzgebung 1883 mit der Krankenversicherung. Es folgten die Unfallversicherung von 1884 und die Alters- und Invaliditätsversicherung von 1889, aus der 1891 die gesetzliche Rentenversicherung wurde. Andere Staaten übernahmen und veränderten diesen Ansatz. Die unter Kaiser Wilhelm II. fortgesetzten Reformen milderten das soziale Elend und verbesserten die gesellschaftliche und politische Stellung der Unterschichten. Bismarcks Ziel, die Arbeiter dadurch von der Arbeiterbewegung zu lösen und an die Monarchie zu binden, wurde jedoch nicht erreicht.
Auch Wissenschaften und Kirchen griffen das Problem auf. Nationalökonomie, Sozialmedizin und Soziologie untersuchten Ursachen und Lösungen; Ferdinand Tönnies veröffentlichte 1907 die Abhandlung „Die soziale Frage“. Papst Leo XIII. behandelte 1891 in der Enzyklika „Rerum Novarum“ soziale Missstände und Lösungswege. Papst Pius XI. betonte 1931 in „Quadragesimo anno“ das Subsidiaritätsprinzip und umfassende Reformen im Sinne der katholischen Soziallehre. Pius XII. erinnerte 1941 an diese Forderungen und rief zu schnellen Lösungen auf.
Spätere Bedeutungsverschiebung
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff erweitert und zunehmend durch umfassendere Bezeichnungen wie Sozialpolitik und Sozialreform ersetzt. Der Ausbau des Sozialstaats und der Anstieg des allgemeinen Wohlstands nach 1950, besonders während des Wirtschaftswunders, ließen die soziale Frage als klassische Arbeiterfrage in den Industrieländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend in den Hintergrund treten.
In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde in Deutschland der Ausdruck „neue soziale Frage“ geprägt, setzte sich im politischen Sprachgebrauch aber nicht dauerhaft durch. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen die Soziologen Robert Castel und Klaus Dörre erneut eine solche Frage: Durch die Rückkehr sozialer Unsicherheit und atypische Beschäftigungsverhältnisse, beispielsweise Arbeitnehmerüberlassung, entstehe ein Prekariat, also eine gesellschaftliche Gruppe mit unsicheren Arbeits- und Lebensbedingungen.
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