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Arnold Gehlen

Arnold Karl Franz Gehlen (* 29. Januar 1904 in Leipzig; † 30. Januar 1976 in Hamburg) war ein deutscher Philosoph, Anthropologe und Soziologe.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einführung
  2. 2. Ausbildung und frühe Laufbahn
  3. 3. Lehrstühle und Verhalten im Nationalsozialismus
  4. 4. Anthropologie und Institutionenlehre
  5. 5. Handlungsbegriff
  6. 6. Wirkung

Einführung

Arnold Karl Franz Gehlen (geboren 29. Januar 1904 in Leipzig, gestorben 30. Januar 1976 in Hamburg) war ein deutscher Philosoph, Anthropologe und Soziologe. Zusammen mit Helmuth Plessner und Max Scheler zählt er zu den Hauptvertretern der Philosophischen Anthropologie, einer Denkschule, die sich mit der Besonderheit des Menschen und seiner Stellung in der Welt befasst. In den 1960er Jahren galt Gehlen als konservativer Gegenspieler Theodor W. Adornos.

Ausbildung und frühe Laufbahn

Gehlen war Sohn des Verlegers Max Gehlen und dessen Frau Margarete. Seit 1937 war er mit Veronika Freiin von Wolff verheiratet; aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Nach dem Abitur 1923 am Thomas-Gymnasium Leipzig studierte er von 1924 bis 1927 Philosophie, Philologie, Kunstgeschichte, Germanistik und Psychologie in Leipzig und Köln. Bei Hans Driesch promovierte er mit der Arbeit „Zur Theorie der Setzung und des setzungshaften Wissens bei Driesch“. 1930 habilitierte er sich mit „Wirklicher und unwirklicher Geist“.

Lehrstühle und Verhalten im Nationalsozialismus

Von 1930 bis 1934 war Gehlen Privatdozent in Leipzig. Zum 1. Mai 1933 trat er in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 2.432.245), 1934 wurde er Mitglied im NS-Dozentenbund. Im November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler. Nach der Entlassung Paul Tillichs übernahm er dessen Professur in Frankfurt, 1934 erhielt er einen Lehrstuhl in Leipzig. 1938 wechselte er nach Königsberg, 1940 nach Wien. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zweimal eingezogen, zuletzt als Leutnant, und schwer verwundet. Nach Kriegsende wurde er aus dem österreichischen Staatsdienst entlassen. Ab 1947 lehrte er Psychologie und Soziologie in Speyer, ab 1962 war er ordentlicher Professor für Soziologie an der RWTH Aachen bis zur Emeritierung 1969. 1968 unterzeichnete er das „Marburger Manifest“ gegen die studentische Mitbestimmung. Nach dem Krieg wurde sein Verhalten im Nationalsozialismus, besonders von der Frankfurter Schule, scharf kritisiert: Er hatte von der Entlassung von Professoren aus rassistischen und politischen Gründen profitiert und war mehr als nur Mitläufer – der Sicherheitsdienst der SS zählte ihn 1942 zu den „nationalsozialistischen Professoren“. Antisemitische Äußerungen sind von ihm jedoch nicht bekannt; seine Anthropologie gilt als frei davon. Ende der 1950er Jahre scheiterte seine Bewerbung um eine Heidelberger Soziologie-Professur, weil Max Horkheimer, Theodor Adorno und René König ihre Berufung verhinderten; König verwies auf NS- und Rosenberg-Passagen in „Der Mensch“ von 1940.

Anthropologie und Institutionenlehre

Wichtige Einflüsse während des Studiums waren Hans Driesch, Nicolai Hartmann und Max Scheler; Gehlen galt als bedeutender Vertreter der Leipziger Schule. Nach Gehlen ist der Mensch ein „instinktentbundenes, antriebsüberschüssiges und weltoffenes Wesen“. Seine These vom Menschen als „Mängelwesen“ geht im Kern auf Johann Gottfried Herder zurück und erinnert an Nietzsches „nicht festgestelltes Tier“. Der Mensch besitzt trotz relativer Instinktarmut eine große Formbarkeit, Lernfähigkeit und Erfindungsgabe. Daraus ergibt sich Gehlens zentrale These der „Institutionenbedürftigkeit“. Institutionen versteht er sehr grundlegend: Dazu gehören technische Werkzeuge ebenso wie Sprache, Rituale, Kulte („magische Techniken“) sowie Familie, Staat und Kirche. Die Technik ist ein „Organersatz“ bzw. eine „Organverlängerung“ des Menschen – ein Gedanke, der bereits bei August Koelle auftauchte. Die mächtigste Institution ist für Gehlen der Staat. Die mangelhafte organische Ausstattung zeige sich schon in der unvergleichlich langen Humanisationsphase (das „extra-uterine Frühjahr“ nach der für einen Primaten „konstitutionellen Frühgeburt“, wie Adolf Portmann betont hatte). Aus dem Denken und Handeln der Menschen entstehen Institutionen, die sich als „historisch gewachsene Wirklichkeiten“ verselbständigen und zu einer Macht werden, die bis „in ihr Herz hinein“ wirkt. Der Mensch muss sich als geschichtliches Wesen von diesen stabilisierenden Institutionen „konsumieren lassen“ – diese Betonung trug Gehlen den Ruf des gesellschaftspolitischen Rechtskonservativismus ein. In der 68er-Bewegung war er umstritten; eine berühmte Fernsehdiskussion mit Adorno zeigte, dass sich die beiden Kulturkritiker in ihrem Pessimismus trotz aller Differenzen sehr einig waren. Eine ähnliche Position wie Gehlen vertrat der jüngere Heinrich Popitz.

Handlungsbegriff

Gehlen bestimmt den Menschen primär als handelndes Wesen; „Handeln“ meint zunächst die Arbeit, die die Natur zum Zweck des Menschen verändert. Der Mensch besitzt „Weltoffenheit“ und unterscheidet sich damit vom Tier, dessen hochspezialisierte Organ- und Instinktausstattung seine Wahrnehmung auf einen Ausschnitt der Umwelt einschränkt. Dem Menschen fehlen dagegen erblich bedingt organische Waffen, Schutzmittel und voll ausgebildete Instinkte – Gehlen prägt dafür den Begriff der „Instinktreduktion“. Bemerkenswert ist, dass der Mensch seine Umwelt durch Arbeit so umformen kann, dass sie seinen Gegebenheiten entspricht. Möglich macht dies seine unspezifische Ausstattung: aufrechter Gang, Hand mit opponierbarem Daumen, Lernfähigkeit und Intelligenz. Übernommen von Viktor von Weizsäcker ist der Begriff des „Handlungskreises“. Ein typisches Beispiel: Wer eine klemmende Tür mit einem Schlüssel öffnen will, bewegt ihn hin und her, erfährt durch Rückmeldungen Erfolg oder Misserfolg und ändert sein Handeln, bis das Schloss aufgeht. Dieser Vorgang ist zirkulär: Er läuft über psychische Zwischenglieder (Wahrnehmungen), physische Teile, Eigenbewegungen, die Sachebene und wieder zurück. Die Handlung ist kein Dualismus von Leiblichem und Seelischem – alle Teile sind untrennbar und arbeiten im selben Vorgang zusammen. Gehlens eigene Definition: „Das Handeln selber ist – würde ich sagen – eine komplexe Kreisbewegung, die über die Außenweltsachen geschaltet ist, und je nach der Rückmeldung ändert sich das Verhalten.“ Handeln ist für Gehlen die zentrale menschliche Eigenschaft.

Wirkung

Aus Gehlens Zeit- und Gesellschaftsanalysen sind Begriffe wie Reizüberflutung und Entinstitutionalisierung in die Alltagssprache eingegangen. Sprache entlaste den Menschen „durch Symbolisierung vor Reizüberflutung“. Besonders einflussreich war der Begriff des „Mängelwesens“. In der Pädagogik dient er dazu, das Kind als unfertiges Lebewesen zu beschreiben, das erst durch Erziehung zum vollständigen Menschen werde. Die phänomenologische Soziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann geht ebenfalls vom Menschen als Mängelwesen aus: Objektivierte intersubjektive Konstruktionen wie Typisierungen und Institutionen lösen das Problem der Stabilisierung des Menschen. Auch Hans Blumenberg verwendet den Begriff mit Vorsicht; er kritisiert, dass Institutionen einen neuen „Absolutismus“ herausbilden, der die Menschen bedränge. Autoren aus dem rechtsintellektuellen Milieu knüpfen an Gehlens anthropologische, kulturalistische und autoritäre Konzepte an, etwa sein Konzept der Zucht (verbunden mit Herrschaft, Führung, Willen und Leistung), dessen „Negativpol“ das Konzept der Entartung bildet. Autoren der Jungen Freiheit beziehen ihr Menschenbild auf ihn; „Der Mensch“ von 1940 beeinflusste die Tradition der Konservativen Revolution. Gehlen selbst verband Gesellschaftsintegration mit einer „von oben her institutionalisierten ‚Weltanschauung‘“ und äußerte sich zustimmend über ein „immanentes Zuchtbild“ unter der nationalsozialistischen Herrschaft. Henning Ottmann stellt dazu fest, dass solche Akkommodationen zwar da seien, die Theorie aber mit der nationalsozialistischen Weltanschauung nichts verband und ihr sogar fundamental entgegengesetzt war – sie war fern allem Völkischen und Rassistischen und operierte mit der Fiktion eines einsam handelnden Individuums. Eine umfassende Einordnung leistet der 2021 von Christine Magerski herausgegebene Band „Die Macht der Institution“. Jüngere Forschung betont Gehlens Bedeutung für die Kultursoziologie, etwa seine Auseinandersetzung mit der modernen Kunst und der Avantgarde und deren Weiterentwicklung durch Niklas Luhmanns Systemtheorie.

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