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Weltgeschichte
Weltgeschichte (neuerdings auch Globalgeschichte) ist ein Teilgebiet der Geschichtswissenschaft, das sich mit historischen Fragestellungen in einer die …
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Grundidee und Gegenstand
Weltgeschichte, neuerdings auch Globalgeschichte, ist ein Teilgebiet der Geschichtswissenschaft. Sie untersucht historische Fragen aus einer Perspektive, die über einzelne Weltregionen hinausgeht. Im Mittelpunkt stehen Einflüsse und Wechselwirkungen über Kulturen und Staatsgrenzen hinweg sowie Vergleiche, die einzelne Entwicklungen in globale Zusammenhänge einordnen. Zur Weltgeschichte gehören Ansätze wie World History, transnationale Geschichte, Geschichte der Globalisierung und Big History.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Erdgeschichte: Erdgeschichte meint historische Geologie, also die Geschichte der Erde als Naturkörper. Weltgeschichte meint dagegen die Geschichte der Menschheit und ihrer Verflechtungen.
Weltgeschichtliche Darstellungen gab es schon in der Antike und an verschiedenen Orten der Welt. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert hat das Fach, besonders ausgehend von den Vereinigten Staaten, wieder deutlich an Bedeutung gewonnen; dieses stärkere Interesse zeigt sich auch in Europa und Asien.
Frühe Darstellungen und klassische Universalgeschichte
Schon Herodot verstand seine „Historien“, das erste Werk der europäischen Geschichtsschreibung, als Weltgeschichte, weil er die Entwicklung der ganzen ihm bekannten Welt, der Oikumene, beschreiben wollte. Auch Diodor führte diese Tradition fort. Im Mittelalter erhoben Weltchroniken wie die „Chronica sive Historia de duabus civitatibus“ des Otto von Freising den Anspruch, die ganze Menschheitsgeschichte zu umfassen. Sie begannen mit der Erschaffung der Welt, behandelten persische, griechische und römische Geschichte des Mittelmeerraums und endeten in der jeweiligen Gegenwart der Verfasser.
Vom 18. bis 20. Jahrhundert entwickelte sich Weltgeschichte auch als Universalgeschichte, also als Versuch, große Entwicklungslinien der Menschheit zu deuten. Friedrich Schiller stellte 1789 in Jena mit seiner Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ programmatisch die Frage nach Sinn und Ziel solcher Geschichtsschreibung. Johann Gottfried Herder kritisierte die aufklärerische Vorstellung, die ganze Menschheit schreite immer zum Besseren fort. Er legte damit eine Grundlage des hermeneutischen Historismus: Jede Kultur sollte aus sich selbst heraus verstanden und an ihren eigenen Idealen gemessen werden.
Jacob Burckhardt arbeitete an großen Epochen und kunstgeschichtlichen Entwicklungen. Max Weber verband seine Universalgeschichte mit Studien zur antiken Gesellschaft, zur Stadt, zu Weltreligionen und zu „Wirtschaft und Gesellschaft“. Oswald Spengler deutete Weltgeschichte nicht als linearen Fortschritt, sondern als Abfolge einzelner Kulturen, die er wie Organismen mit Jugend, Manneszeit und Greisentum verstand. Arnold J. Toynbee griff Spenglers kulturvergleichendes Denken auf, lehnte aber dessen Vorstellung einer notwendigen Entwicklung über drei Altersstufen ab.
Raum und Zeit der Weltgeschichte
Theoretisch ist Weltgeschichte räumlich und zeitlich unbegrenzt. Praktisch wurde eine Weltgeschichte im räumlichen Sinn aber erst möglich, als Menschen nahezu den ganzen Planeten in den Blick nehmen konnten. Das geschah besonders seit den europäischen Entdeckungsfahrten und dem Beginn der europäischen Expansion an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert.
Darum war Weltgeschichtsschreibung lange stark eurozentrisch geprägt, also auf Europa als Mittelpunkt ausgerichtet. Moderne Ansätze versuchen diese Perspektive zu überwinden. Sie wollen zum Beispiel Süd-Süd-Verbindungen und nicht-westliche Akteure gleichberechtigt berücksichtigen.
Als universalhistorisch galten lange Darstellungen, die wenigstens Europa, Amerika, Vorderasien und Nordafrika behandelten und zueinander in Beziehung setzten. Das waren die Weltregionen, mit denen Europa in direktem Austausch stand. Seit dem 18. Jahrhundert wurden auch Ostasien mit dem Kaiserreich China, Japan und Indien stärker beachtet. Subsahara-Afrika, Südostasien, Australien und Ozeanien spielen in vielen Darstellungen bis heute nur eine untergeordnete Rolle.
Auch der zeitliche Beginn ist unterschiedlich. Traditionelle Weltgeschichten setzen je nach Quellenlage bei Vor- und Frühgeschichte, den Hochkulturen Ägyptens und des Alten Orients oder der europäischen Antike ein. Big History erweitert den Zeithorizont noch stärker und beginnt bereits mit der kosmischen Entstehungsgeschichte.
Neuere Ansätze
World History entstand besonders in der US-Geschichtswissenschaft. Einen wichtigen Anstoß gab William Hardy McNeills Werk „The Rise of the West“ von 1963. Seit den 1980er Jahren wurde World History an Hochschulen als eigene Unterdisziplin fester etabliert und fand zunehmend Eingang in den US-Schulunterricht. Sie betrachtet die Menschheit auf dem ganzen Planeten und ordnet die Geschichte einzelner Gesellschaften in weltgeschichtliche Zusammenhänge ein.
Ein Hauptziel von World History ist die Überschreitung räumlicher und zeitlicher Grenzen. Sie kritisiert eurozentrische oder westlich zentrierte Sichtweisen. Gesellschaften und Zivilisationen sollen weder räumlich noch zeitlich isoliert betrachtet werden. Stattdessen fragt World History nach weiträumigen Verflechtungen, langfristigen Entwicklungen und „cross-cultural interactions“, also Begegnungen und Austauschprozessen zwischen Kulturen. Themen sind zum Beispiel die Verbreitung technischer und kultureller Innovationen, Tiere, Pflanzen und Krankheitserreger, der Aufstieg und Niedergang von Reichen, Beziehungen zwischen Zentren und Peripherien sowie die Verlagerung geschichtlicher Zentren.
Big History stellt Weltgeschichte in den Zusammenhang der Geschichte des Universums. Sie unterscheidet, im Anschluss an Norbert Elias und teilweise Karl Popper, physikalisch-chemische, biologische und soziokulturelle Evolution. Zentral ist der Begriff der Komplexitätssteigerung. Wichtige Impulse kamen von Fred Spier aus den Niederlanden und dem anglo-amerikanischen Historiker David Christian.
Connected History oder „Histoire connectée“ entstand in den 1990er Jahren. Ihr Hauptrepräsentant ist Sanjay Subrahmanyam. Sie untersucht mikrohistorisch das Zusammentreffen von Kulturen, die zuvor keine Beziehung hatten, etwa Indien und Portugal im 16. Jahrhundert. Wichtige Begriffe sind Reziprozität und Hybridisierung: Es geht darum, wie Kulturen miteinander auskommen, sich gegenseitig beeinflussen und kulturell interagieren.
Globalgeschichte in Europa und Kritik
Die amerikanische Entwicklung beeinflusste auch die europäische und deutsche Debatte, die häufig unter dem Begriff Globalgeschichte geführt wird. Ein wichtiger Kristallisationspunkt ist das 2002 gegründete European Network in Universal and Global History mit Mitgliedern aus west- und osteuropäischen Ländern.
Deutschsprachige Vertreter der Globalgeschichte wollen den Prozess der Globalisierung stärker berücksichtigen und die bisher oft nationalstaatlich geprägte und europazentrierte Sicht auf Weltgeschichte aufbrechen. Verwandt sind Ansätze wie transnationale Geschichte und „histoire croisée“. Die heutige Globalgeschichte erhält wichtige Impulse aus neuer Kulturgeschichte und Kulturwissenschaft. Der Niedergang traditioneller Universalgeschichte seit den 1960er Jahren hing auch mit einer polarisierten Wahrnehmung der Welt in Ost-West- und Nord-Süd-Konstellationen zusammen. Nach dem Ende des Kalten Krieges warf die Osterweiterung der Europäischen Union neue Fragen nach Europas Stellung in der Welt auf.
Eine wichtige Kritik formuliert Margrit Pernau. Sie warnt, Globalgeschichte könne zum „Wegbereiter für eine neue Form des akademischen Kolonialismus“ werden. Diese Gefahr sieht sie besonders dann, wenn Historikerinnen und Historikern Kenntnisse über Sprache und Besonderheiten außereuropäischer Gesellschaften fehlen und sie sich nur auf Sekundärliteratur in europäischen Sprachen oder Quellen in europäischen Archiven stützen.
Beispiele für Werke
Die Artikel nennt zahlreiche Beispiele für Weltgeschichtsschreibung. Zur klassischen Universalgeschichte gehören unter anderem Leopold von Rankes „Weltgeschichte“ (9 Bände, 1881–1888), Jacob Burckhardts „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ (1905), Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ (Band 1: 1918, Band 2: 1922) und Arnold J. Toynbees „A Study of History“ (Bände I–X, 1934–1954; Zusatzbände XI–XII, 1959/61).
Für die traditionelle Weltgeschichte der Nachkriegszeit werden etwa die „Fischer Weltgeschichte“ (36 Bände, ab 1965), die „Propyläen Weltgeschichte“ (11 Bände, ab 1961), Alexander Demandts „Kleine Weltgeschichte“ (2003) und die „WBG-Weltgeschichte“ (6 Bände, 2009–2010) genannt.
Zu zeitgenössischen Werken der Weltgeschichte und World History zählen unter anderem die sechsbändige „Geschichte der Welt“, herausgegeben von Akira Iriye und Jürgen Osterhammel (2012–2023), Christopher A. Baylys „Die Geburt der modernen Welt. Eine Globalgeschichte 1780–1914“ (2006), Jürgen Osterhammels „Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“ (2008), William Hardy McNeills „The Rise of the West“ und John Robert McNeill/William Hardy McNeills „The Human Web“ (2003). Für Big History werden David Christians „Maps of Time“ (2005) und Fred Spiers „Big History. Was die Geschichte im Innersten zusammenhält“ (1998) genannt.