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Imperialismus

Als eigentliches Zeitalter des Imperialismus gilt das späte 19. Jahrhundert, wozu auch die verschiedenen marxistischen Imperialismustheorien beitrugen. Im …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Abgrenzung
  2. 2. Bedeutung und Deutungen
  3. 3. Imperiale Herrschaft vor 1870
  4. 4. Klassischer Imperialismus und europäische Mächte
  5. 5. Russland, Japan und die Vereinigten Staaten

Begriff und Abgrenzung

Imperialismus bezeichnet das Bestreben eines Staates oder seiner politischen Führung, in anderen Ländern oder bei anderen Völkern politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Dies kann bis zur Unterwerfung und Eingliederung in den eigenen Machtbereich reichen. Typisch ist eine ungleiche wirtschaftliche, kulturelle oder territoriale Beziehung, die aufgebaut und erhalten wird.

Imperialismus ist weiter gefasst als Kolonialismus und besonders von Kolonisierung zu unterscheiden. Edward Said beschreibt Imperialismus als Praxis, Theorie und Verhaltensregeln eines dominierenden städtischen Zentrums gegenüber einem regierten fernen Gebiet. Kolonisierung meint bei ihm vor allem die Besiedlung entfernter Länder. Robert J. C. Young betont ebenfalls: Imperialismus geht als staatliche Politik vom Zentrum aus; Kolonisierung bedeutet vor allem Siedlungs- oder Wirtschaftsentwicklung.

Neben der bewussten Ausdehnung staatlicher Regierungsgewalt gibt es weiter gefasste Begriffe: Kulturimperialismus meint kulturelle Einflussnahme und kulturelle Hegemonie nach Antonio Gramsci eine vorherrschende kulturelle Stellung.

Bedeutung und Deutungen

Im heutigen Gebrauch bezieht sich Imperialismus besonders auf die europäische Expansionswelle von 1870 bis 1914 und ihre Folgen. Das Großmachtstreben europäischer Mächte trug zum Ersten Weltkrieg bei; mit ihm endete das Zeitalter des klassischen Imperialismus. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff auch für ideologisch oder missionarisch begründete Bestrebungen nach Welt- oder Großraumherrschaft verwendet, etwa Sowjet-Imperialismus und US-Imperialismus. Als Abgrenzung zum Neo-Imperialismus heißt die Epoche von 1870 bis 1914 auch historischer Imperialismus.

Marxistische Theorien erklären Imperialismus meist aus dem Kapitalismus. Rosa Luxemburg ging von der Sättigung des inneren Marktes, der Eroberung des Weltmarkts und der Konkurrenz nationaler Kapitale aus. Wladimir Iljitsch Lenin sah das Verschmelzen von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital sowie die monopolistische Phase des Kapitalismus als Kennzeichen. Für ihn war Imperialismus dessen höchstes und letztes Stadium. Karl Kautsky verstand ihn zunächst als Politik zur Unterwerfung eines außerhalb des Staates liegenden agrarischen Gebietes. Eine Gegenthese war der mögliche friedliche Ultraimperialismus: Kriegsfördernde Widersprüche könnten innerhalb des Kapitalismus überwunden werden; in diesem wirtschaftlichen Sinn wird heute auch von Globalisierung gesprochen.

Joseph Schumpeter betrachtete Imperialismus dagegen nicht als notwendige Folge kapitalistischer Konkurrenz, sondern als irrationalen Chauvinismus von Oberschichten zur Sicherung ihrer Macht. Daher könne er in verschiedenen Epochen und politischen Systemen auftreten. Kritiker wie John Andrew Gallagher und Ronald Robinson betonten, dass formale rechtliche Kontrolle nicht die einzige Grundlage imperialer Herrschaft sei: Britische Auswanderung, Handel und Investitionen lagen oft außerhalb des formalen Empires. Indirekte Herrschaft konnte auf der Mitwirkung lokaler Eliten und der politischen Schwäche bestehender Staaten beruhen. Jens Flemming unterscheidet ebenfalls: Imperialismus umfasst auch indirekte Abhängigkeitsverhältnisse, während nicht jeder Kolonialismus ein Imperium errichten müsse.

Herfried Münkler beschreibt Imperien als Großreiche mit abgestuften Formen von Macht und Einfluss: von der Metropole über direkt angeschlossene Gebiete bis zu indirekt kontrollierten Klientelstaaten. Diese Perspektive kann neben Kritik auch Leistungen wie Friedenssicherung und gemeinsame Kommunikations- und Wirtschaftsräume, etwa die pax Romana, erfassen.

Imperiale Herrschaft vor 1870

Schon antike Großreiche werden rückblickend als imperial bezeichnet. Nach Karl August Wittfogel entstanden frühe Ausdehnungen durch Machtkonzentration beim Bau großer Bewässerungsanlagen und Dämme in China am Hoangho, in Indien am Indus, in Mesopotamien an Euphrat und Tigris sowie in Ägypten am Nil. Das Römische Reich wurde besonders prägend. Nach dem Prinzip divide et impera („teile und herrsche“) ließ es eroberten Gebieten teilweise Selbstbestimmung oder eigene Regierungen, vertreten durch Statthalter. Die Pax Romana beruhte auf der Befriedung eroberter Gebiete durch Machtteilung mit lokalen Eliten.

Im Mittelalter gehörten das Byzantinische Reich, das Frankenreich, die Krone Aragon sowie die Handelsimperien Genuas und Venedigs zu wichtigen Großmächten. Byzanz eroberte im frühen Mittelalter Teile des östlichen Mittelmeerraums, Vorderasiens und Italiens; nach dem Vierten Kreuzzug setzte der Machtverfall ein, bis Konstantinopel 1453 an die Osmanen fiel. Die islamische Expansion schuf nach Mohammeds Tod unter Umayyaden und Abbasiden ein islamisch-arabisches Weltreich in Nordafrika und Vorderasien, das teilweise bis ins 13. Jahrhundert bestand. Das mongolische Weltreich entstand durch Dschingis Khan; unter Kublai Khan war es mit dem Chinesischen Kaiserreich der Yuan-Dynastie verbunden und umfasste um 1260 beinahe ganz Zentralasien.

Das Osmanische Reich wurde nach der Einnahme Konstantinopels 1453 eine führende Großmacht. Im 17. Jahrhundert reichte es von Kleinasien und Rumelien bis zum Schwarzen und Asowschen Meer und weit auf den Balkan. Es konkurrierte im Mittelmeer mit Venedig, Genua, dem Kirchenstaat und dem Malteserorden, später mit Russland um die Schwarzmeerregion und mit Portugal im Indischen Ozean.

Portugal und Spanien teilten im Vertrag von Tordesillas 1494, zwei Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, die Erde unter sich auf. Spanien eroberte und nutzte die Gebiete der Azteken und Inkas; Hernán Cortés und Francisco Pizarro versklavten diese Bevölkerungen. Das Konquistadoren-System folgte den Prinzipien Erobern von Land, Vernichten der Kultur und Errichten eigener Staaten in Form von Vizekönigreichen. Portugal erwarb unter anderem Goa, Macau und die Gewürzinseln, später größere Gebiete wie Brasilien, Mosambik und Angola; Spanien besetzte die Philippinen und pazifische Inseln.

Klassischer Imperialismus und europäische Mächte

Das Zeitalter des Imperialismus, auch klassischer Imperialismus oder Hochimperialismus, umfasst ungefähr 1870 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Europäische Groß- und Mittelmächte dehnten ihre Herrschaft weltweit auf Überseegebiete aus. Gründe waren vor allem strategische, wirtschaftliche und politische Interessen; später kamen Prestigestreben und Rivalitäten hinzu. Formeller Imperialismus, also Kolonialismus, etwa beim Wettlauf um Afrika, war nur ein Teil. Ebenso wichtig waren informelle politische und wirtschaftliche Durchdringung, zum Beispiel in China und im Osmanischen Reich. Der Frühimperialismus begann etwa 1815 und war vor allem informell.

Drei Herrschaftsformen werden unterschieden:

  • Handelsstützpunkte konnten zu Herrschaftsgebieten mit Ansätzen eigener Industrie werden, wie in Indien.
  • Staaten konnten unter dem Anschein von Souveränität und Autonomie beherrscht werden, wie China unter den „Ungleichen Verträgen“ während der Qing-Dynastie.
  • Souveräne Staaten ohne eigene Industrie konnten wirtschaftlich beherrscht werden, etwa Balkanstaaten und das Osmanische Reich.

Das Vereinigte Königreich wurde durch frühe Industrialisierung, Schiffbau, Dampfschifffahrt, Kohle und Eisen zur führenden Seemacht. Nach 1815 festigte es unter „splendid isolation“ und der später so genannten Pax Britannica seine Handels- und Machtstellung. Es übte auch auf nominell unabhängige Staaten wie China, Argentinien und Siam Einfluss aus; dies wird informelles Empire genannt. 1858 übernahm die Regierung Indien von der Britischen Ostindien-Kompanie. Bis 1914 beherrschte das British Empire ein Viertel der Landfläche der Erde. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Mandate wie Tanganjika, Palästina und Irak hinzu. Die Unabhängigkeit Britisch-Indiens 1947, die Sueskrise 1956 und die Übergabe Hongkongs an China 1997 markieren wichtige Schritte des Zerfalls.

Frankreich verlor nach dem Siebenjährigen Krieg große Teile seines ersten Kolonialreichs an Großbritannien, baute aber später erneut ein Kolonialreich auf. 1912 entstand durch den Vertrag von Fès das französische Protektorat in Marokko. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Frankreich Mandate, darunter Französisch-Kamerun, Französisch-Togo, Syrien und Libanon. Indochina wurde 1954, Algerien im Juli 1962 unabhängig.

Das Deutsche Reich begann seine Kolonialpolitik 1884/85 mit Schutzgebieten in Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo und Deutsch-Neuguinea. Unter Wilhelm II. prägten „Weltpolitik“ und der 1897 geforderte „Platz an der Sonne“ das Prestigedenken. Die Marokkokrisen 1905 und 1911 verstärkten die außenpolitische Isolation. Nach 1918 stellte der Völkerbund die deutschen Kolonien als Mandate Siegermächten zur Verfügung. Im NS-Staat stand das Konzept vom „Lebensraum im Osten“ stärker im Vordergrund als die Rückgewinnung alter Kolonien.

Italien erwarb Kolonien in Ostafrika, eroberte 1935/36 Abessinien unter Einsatz von Senfgas und vereinte es mit seinen ostafrikanischen Besitzungen zu Italienisch-Ostafrika. Nach dem Krieg gegen das Osmanische Reich erhielt es 1912 Tripolitanien und Cyrenaika, die 1934 Italienisch-Libyen wurden. Belgien erhielt 1885 den Kongo-Freistaat als Privatbesitz Leopolds II.; wegen der Kongogräuel wurde er 1908 an den belgischen Staat übertragen. Der Kongo wurde 1960 unabhängig. Die Niederlande bauten ihre Herrschaft in Indonesien aus; nach dem Zweiten Weltkrieg scheiterte der Versuch einer erneuten Besetzung Indonesiens. Surinam wurde 1975 unabhängig. Österreich-Ungarn betrieb auf dem Balkan imperialistische Politik, besetzte 1878 Bosnien-Herzegowina und annektierte Bosnien 1908.

Russland, Japan und die Vereinigten Staaten

Der Imperialismus des Russischen Reiches beruhte vor allem auf zusammenhängender Territorialvergrößerung: nach Sibirien bis Sachalin, in den Kaukasus, nach Nordpersien, Afghanistan, Samarkand, Taschkent und in die Nordmongolei. Ein wichtiges Ziel war ein eisfreier Hafen für eine ganzjährig einsetzbare Flotte, besonders durch die Ausdehnung nach Osten, die Gründung Wladiwostoks und die Politik an den Meerengen des Bosporus. Im „Great Game“ rivalisierte Russland im 19. Jahrhundert mit Großbritannien um Zentralasien. Die Expansion war mit Russifizierung verbunden, also einer gegen die kulturelle Eigenständigkeit beherrschter Völker gerichteten Politik. Der Krieg gegen Japan 1904/05 stoppte die russische Expansion in Ostasien. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ein System von Satellitenstaaten in Osteuropa sowie der Ostblock, Warschauer Pakt und Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe; dies wird häufig als Sowjetimperialismus bezeichnet. Die expansive Politik Wladimir Putins wird gemeinhin ebenfalls als imperialistisch gewertet.

Japan modernisierte sich nach 1854 schnell. Es besiegte China 1894/95 und Russland 1905, wodurch es seine Ambitionen in Korea und Nordchina verwirklichen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt es deutsche pazifische Inselgruppen als Völkerbundmandate. 1931 eroberte Japan die Mandschurei, im Juli 1937 begann der Krieg gegen China. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 eroberte Japan pazifische Kolonialgebiete Großbritanniens, Frankreichs, der Niederlande und der USA. Nach der Kapitulation 1945 musste es alle besetzten Gebiete abgeben.

Die USA zeigten mit der Landnahme im Westen, der Unterdrückung der Indianer sowie der gewaltsamen Aneignung von Texas und weiterer mexikanischer Gebiete 1848 früh imperialistische Züge; dabei spielte Manifest Destiny, ein eigenes Sendungsbewusstsein, eine Rolle. Mit der Annexion Hawaiis und dem Sieg im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 wurden sie imperialistische Weltmacht. Danach folgten der Erwerb der Philippinen und Puerto Ricos, die Besetzung Kubas und der Bau des Panamakanals. Interventionen und Einflussnahmen der USA in Süd- und besonders Mittelamerika bis in die 1980er-Jahre gelten häufig als neoimperiale Machtpolitik. Als Erbe bestehen Außengebiete der Vereinigten Staaten.

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