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Hegemonie
In der Geschichte finden sich viele Beispiele von hegemonialen Herrschaftsstrukturen, in der Antike beispielsweise Athen und Sparta, Makedonien unter Philipp II …
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Grundidee der Hegemonie
Hegemonie bedeutet die zugerechnete oder tatsächlich eingenommene Führungsrolle oder Vorrangstellung einer gesellschaftlichen Institution, etwa eines Staates oder einer Organisation, oder eines ähnlichen Akteurs. Diese Vorrangstellung kann politische, militärische, wirtschaftliche, soziale, religiöse oder kulturelle Angelegenheiten betreffen.
Ein Hegemon ist der Machthaber innerhalb einer Hegemonie, im antiken Griechenland auch der Anführer eines Bundes. Andere Akteure in einem sozialen System können zwar theoretisch oder rechtlich eigene Vorstellungen und Interessen haben und vertreten, ihre praktische Durchsetzung ist aber eingeschränkt. Sie kann an den Einflussmöglichkeiten und an der Übermacht des Hegemons scheitern.
Das zugehörige Adjektiv lautet hegemonisch oder hegemonial. Das Gegenteil ist antihegemonial.
Begriff und Herkunft
Der fachsprachliche Begriff Hegemonie im Sinn von „Vorherrschaft“ oder „Vormachtstellung“ wurde um 1800 aus dem Altgriechischen entlehnt. Das altgriechische Wort ἡγεμονία hēgemonía bedeutet „Heerführung, Oberbefehl, Oberherrschaft, Hegemonie“.
Es ist abgeleitet von ἡγεμών hēgemṓn, also „Führer“ oder „Anführer“. Dieses Wort geht wiederum auf das Verb ἡγεῖσθαι hēgeĩsthai zurück, das „vorangehen, führen, anführen“ bedeutet. Die Entlehnung bezieht sich auf das attische Griechisch. In anderen griechischen Dialekten gab es abweichende Formen, etwa dorisch ἁγεμών hagemṓn und äolisch ἀγίμων agímōn.
Verwandt ist auch Hegumen oder Hegumenos, die Bezeichnung für den Vorsteher eines orthodoxen Klosters.
Hegemonie zwischen Staaten
In den internationalen Beziehungen beschreibt Hegemonie eine Vormachtstellung innerhalb des Staatensystems. Historische Beispiele für hegemoniale Herrschaftsstrukturen sind in der Antike Athen und Sparta, Makedonien unter Philipp II. sowie das Römische Reich. Auch die Hegemonie von Theben in Böotien von 371 bis 362 wird genannt. In der Gegenwart wird besonders die Supermacht USA häufig mit dem Begriff Hegemonie verbunden, im Sinn einer weltpolitischen Vormachtrolle. Dazu gehören Schlagworte wie Amerikanisches Jahrhundert, Petrodollar, Pax Americana und Amerikanischer Exzeptionalismus.
Der Neorealismus, eine Theorie der internationalen Politik, erklärt Hegemonien mit unterschiedlichen Fähigkeiten verschiedener Staaten und einer daraus entstehenden Vormachtstellung. Ein Hegemon kann dadurch eine Machthierarchie im internationalen System schaffen. Diese Hierarchie gilt jedoch als unsicher und wird von anderen Akteuren kritisiert. Grund dafür ist das Streben einzelner Staaten nach relative gains, also nach ungefähr ausgeglichenen Machtverhältnissen. Langfristig kann dadurch ein Gegenpol zur bestehenden Hegemonie entstehen. Nach neorealistischer Auffassung ist ein bipolares System, also ein System mit zwei großen Machtpolen, die stabilste Konstellation. Heinrich Triepel formulierte diesen Gedanken bereits 1938 und sprach dabei von Dualismus.
Hegemonie, Stabilität und Soft Power
Weil wichtige Beiträge zum Neorealismus von US-amerikanischen Wissenschaftlern und Historikern stammen, wird dieser Theorie teils vorgeworfen, westliche und besonders amerikanische Hegemonie stillschweigend oder ausdrücklich zu bejahen. Dazu passt die Diskussion über einen möglichen Verfall der US-amerikanischen Vormachtstellung zu Beginn der 1970er Jahre. Aus dieser Debatte entstand unter anderem die Hegemonic Stability Theory, die mit Charles P. Kindleberger verbunden ist, und daraus folgte eine Neuausrichtung der US-Außenpolitik.
In dieser Sicht kann Hegemonie positiv gedeutet werden: Die Vormachtstellung eines Staates könne kollektive Güter wie Sicherheit und Wohlstand garantieren. Gleichzeitig bedeutet sie aber die Unterordnung dritter Staaten. Neuere Hegemonietheoretiker wie Robert O. Keohane und Joseph Nye fordern deshalb eine Außenpolitik, die stärker auf Kooperation und Konsens als auf Zwang beruht. So soll Anerkennung im internationalen System gesichert werden. Dabei spielt Soft Power eine wichtige Rolle: Damit ist das politische Kapital symbolischer Politik gemeint, also Einfluss durch Attraktivität, Überzeugung und Bedeutung statt nur durch militärische oder wirtschaftliche Macht.
Seit Anfang der 2014er Jahre wird die politische Umsetzung der Hegemonialtheorie vor dem Hintergrund eines vorwiegend konfrontativen außen- und militärpolitischen Kurses der US-Administration und Russlands beschrieben.
Hegemonie in der Zivilgesellschaft
Antonio Gramsci entwickelte in den 1920er und 1930er Jahren, besonders in seinen Gefängnisheften, eine marxistische Theorie zum Verhältnis von politischer Macht und Hegemonie. Er setzte sich dabei mit Politik sowie mit Theorien des Leninismus, Stalinismus und italienischen Faschismus auseinander. Im Anschluss an Gramsci bezeichnet Hegemonie „ein[en] Typus von Herrschaft, der im Wesentlichen auf der Fähigkeit basiert, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen“.
Die Orte, an denen um Hegemonie gerungen wird, nannte Gramsci Zivilgesellschaft. Dazu gehören Auseinandersetzungen um Weltanschauungen, um den „gesunden Menschenverstand“, um Intellektuelle und um Parteien als „kollektive Intellektuelle“. Daraus entsteht bei ihm die Vorstellung eines widerständischen und demokratischen Kampfes um kulturelle Hegemonie. Wer kulturelle Hegemonie gewinnt, schafft nach Gramsci erst die Möglichkeit politischer Herrschaft. Wer sie verliert, untergräbt die herrschende Macht.
Kulturelle Hegemonie reicht nach Gramsci bis in Alltagskultur, Folklore, Aberglauben und ähnliche Bereiche hinein. Die faschistischen Diktatoren nutzten demnach eine Zustimmungskultur und bedienten sich dabei auch des Sports, im Sinne von „Brot und Spiele“. Hegemonie ist bei Gramsci also eine besondere Art, gesellschaftliche Macht auszuüben.
Neuere Deutungen
Aus dem Poststrukturalismus entwickelte sich in den letzten Jahren eine diskursanalytische Hegemonietheorie, die unter anderem auf Gramsci aufbaut. Maßgeblich ausgearbeitet wurde sie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Diskursanalytisch bedeutet hier, dass untersucht wird, wie Bedeutung, Identität und gesellschaftliche Ordnung durch Sprache, Deutungen und soziale Praktiken entstehen.
Laclau und Mouffe entfernen sich von den klassentheoretischen Annahmen, die bei Gramsci noch wichtig waren. Hegemonie wird bei ihnen als „Grundprinzip sozialer Interaktion“ verstanden. Sie ist damit nicht nur eine politische Herrschaftsform, sondern ein grundlegender Mechanismus dafür, wie Identitäten entstehen und Bedeutungen konstruiert werden. Benjamin Opratko beschreibt dies als Ontologisierung des Hegemoniekonzeptes: Hegemonie wird also auf eine sehr grundlegende Ebene des Sozialen übertragen.
Raewyn Connell führte außerdem den Begriff „hegemoniale Männlichkeit“ in die Männerforschung ein.