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Kulturimperialismus
Kulturimperialismus bezeichnet eine spezielle Herrschaftsbeziehung, welche durch Zerstörung, Unterbindung und Umformung der ursprünglichen Kultur der …
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Begriff und zentrale Bedeutung
Kulturimperialismus bezeichnet eine Herrschaftsbeziehung, bei der die ursprüngliche Kultur der Beherrschten zerstört, unterbunden oder umgeformt wird, während die Kultur der imperialistisch Herrschenden dominiert. Heute bezieht sich der Begriff meist auf ein ungleiches Verhältnis zwischen reichen und armen Nationen. Er kann jedoch auch Machtgefälle zwischen zentralen und peripheren Nationen sowie innergesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse beschreiben. Wissenschaftliche und theoretische Verwendungen sind vom oft willkürlichen Gebrauch des Begriffs im politischen oder medialen Tagesgeschäft zu unterscheiden.
Iris Marion Young ordnet Kulturimperialismus als „soziale“ Form der Unterdrückung ein. Sie unterscheidet insgesamt fünf Unterdrückungsformen: Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, Kulturimperialismus und Gewalt. Kulturimperialismus bedeutet dabei, dass eine mächtige Gruppe ihre eigene Lebensweise als normal und andere Gruppen als das „Andere“ (Othering) festlegt. Gewalt tritt häufig zusätzlich auf. Auch Archive können kulturimperialistisch wirken, wenn ihr selektiver Blickwinkel zu einer strukturellen Amnesie späterer Generationen beiträgt.
Internationale Theorien und Mechanismen
Frantz Fanon führte Kulturimperialismus in den 1950er und frühen 1960er Jahren als wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand ein, besonders in „Les Damnés de la Terre“ von 1961. Aus Sicht der Kolonisierten beschrieb er die Folgen von Entmachtung, Herabsetzung und dem Zwang zur Nachahmung: Selbstbewusstsein und soziale Solidarität werden geschwächt, Selbstverachtung und Entfremdung entstehen. Rassismus, Versklavung und Ausbeutung beruhen nach Fanon nicht nur auf ökonomischer, militärischer, politischer oder technischer Macht, sondern auch auf einer Inferiorisierung der Farbigen, der eine weiße Überlegenheitskultur gegenübersteht.
Johan Galtung prägte den Begriff besonders durch seine „Structural Theory of Imperialism“ von 1971. Imperialismus ist bei ihm zunächst eine Herrschaftsbeziehung zwischen einer zentralen und einer peripheren Nation. Das zentrale Zentrum und das periphere Zentrum arbeiten bei wichtigen Interessen zusammen, während die Interessen zwischen der zentralen und der peripheren Peripherie auseinandergehen. Außerdem ist der innere Widerspruch in der peripheren Nation größer als in der Zentralnation.
Galtung unterscheidet fünf grundlegende Typen des Imperialismus: ökonomischen, politischen, militärischen, Kommunikations- und kulturellen Imperialismus. Keiner dieser Typen gilt als grundsätzlich wichtiger oder zeitlich vorrangig. Sie können ineinander übergehen und müssen für einen „perfekten Imperialismus“ in allen fünf Dimensionen zusammenwirken. Kultureller Imperialismus ist damit ein Typ des allgemeinen Imperialismus und der strukturellen Gewalt. Das Zentrum vermittelt der Peripherie unter anderem Bildung, Wissenschaft, Theorien, Lerninhalte, Werte, Kunst, Literatur, Comics, Filme, Musik und Lebensstile. Dies geschieht auf ungleicher Grundlage und wird mit einem Entwicklungs- und Beteiligungsversprechen verbunden, während die bestehende Machtstellung gesichert wird.
Bildung, Medien und koloniale Deutungsmuster
Björn Pätzoldt untersuchte 1972 in seiner Dissertation „Kulturimperialismus und Ausländerstudium“ die politischen Ziele und Folgen des staatlich geförderten Studiums ausländischer Studierender an westdeutschen Universitäten. Nach seiner Analyse sollten vor allem Studierende aus sogenannten Entwicklungsländern nach dem Abschluss als Kompradoren-Bourgeoisie, also als wirtschaftlich und politisch mit ausländischen Interessen verbundene Führungsschicht, in ihren Herkunftsländern eingesetzt werden. Die Untersuchung des tatsächlichen Studienverlaufs bestätigte den angenommenen kulturimperialistischen Erfolg jedoch weitgehend nicht: Ein großer Teil der nahezu ausschließlich männlichen Studierenden erreichte keinen Abschluss. Viele der erfolgreichen Absolventen blieben wegen besserer Verdienstmöglichkeiten oder politischer Distanz zu ihren Herkunftsregimen in der Bundesrepublik. Der entwicklungspolitische Zweck wurde daher überwiegend verfehlt.
Herbert Schiller richtete seine Studien, besonders „Communication and Cultural Domination“ von 1976, auf US-amerikanische Beispiele. Er prägte damit die starke Ausrichtung der Kulturimperialismusforschung auf die USA. Kulturimperialismus kann nach dieser Perspektive auch im Inneren einer Gesellschaft durch Medien und Konsum als eine Art Gehirnwäsche wirken.
Edward W. Said und Ranajit Guha untersuchten kolonial geprägte Fremdwahrnehmungen. Said verstand den westlichen Diskurs über den Orient – also literarische, wissenschaftliche, populäre, journalistische und andere Darstellungen – sowie kolonial geprägte Geschichtsbilder über die „Dritte Welt“ auch nach der Dekolonisation als mögliche Formen des Kulturimperialismus. In „Culture and Imperialism“ analysierte er die Verbindung europäischer Kultur mit erfolgreichem Imperialismus und zeigte anhand literarischer Beispiele, wie tief imperialistische Vorstellungen in europäischer Kultur verankert waren. Die „Subaltern Studies“ kritisierten eine nachkoloniale Elite-Historiografie, die eurozentrische Prämissen übernimmt und koloniale Modernisierungserzählungen in indischer Form wiederholt.
Neoliberalismus und globale Ordnung
Kulturimperialismus wird nicht als ausschließlich amerikanische Erfindung verstanden, sondern als imperialistische Ausrichtung vielfältiger Kulturen auf eine nicht völlig einheitliche Weltleitkultur. Von deren gemeinsamem Maßstab aus wird die Peripherie zur zivilisatorischen Aufholung aufgefordert, zugleich aber praktisch auf Abstand gehalten.
In politisch-ökonomischen Analysen wird beispielsweise die Strukturanpassungspolitik des Internationalen Währungsfonds mit Kulturimperialismus verbunden. Maßnahmen wie Abwertung der einheimischen Währung, Begrenzung öffentlicher Ausgaben, Privatisierung, Liberalisierung, freier Kapital- und Warenverkehr, Lohnstopps, Preisfreigaben sowie Patent- und Lizenzbeschränkungen schränken die Selbstbestimmung betroffener Entwicklungsländer ein. Sie können soziokulturelle Grundlagen der Autonomie zerstören, etwa subsistenzwirtschaftliche Unabhängigkeit vom Weltmarkt, lokale Selbstorganisation, Nachbarschafts- und Gemeindehilfe, erschwingliche Medikamentenkopien oder die freie Nutzung selbst gezogenen Saatguts.
An die Stelle dieser Strukturen tritt eine Kultur nachholender Kapitalisierung. Sie vermittelt eine Grundpsychologie von Abhängigkeit und Unterentwicklung, in der ausverkaufendes Nachahmen als einziger Weg zur Überwindung erscheint. Innerhalb des gesetzten Systems kann die Peripherie den Abstand zum Zentrum jedoch nicht wirklich aufholen und soll dies auch nicht.
Herbert Schui bezeichnete eine damit verbundene wissenschafts- und ideologiekritische Entwicklung als „the New Social Science of Cultural Imperialism“. Ihr methodologischer Individualismus löse sozialwissenschaftliche Erkenntnis in der Beliebigkeit ökonomischer Rationalität auf. Individuen verinnerlichten ihre Zwänge und würden dadurch zur Grundlage einer reformierten Sozial- und Weltordnung. Die passende kulturelle Leitfigur des globalen neoliberalen Wirtschaftsmodells sei der „Homo Oeconomicus“.
Politisches Programm, Gender und Eurozentrismus
Kulturimperialismus wird in Gesellschaftstheorie und politischer Philosophie teilweise ausdrücklich als weltpolitisches Programm vertreten. David Rothkopf und Zbigniew Brzeziński stellen amerikanische Werte als strategisch notwendiges Kulturexportgut dar. Die USA sollen als führende Macht einer westlichen Wertegemeinschaft im „battle of the world's information flows“ weltweit bestimmende Ideen durchsetzen. Wie Großbritannien früher die Weltmeere beherrscht habe, müssten die USA im Informationszeitalter die „airwaves“ dominieren.
Birthe Kundrus untersuchte den weiblichen Kulturimperialismus in der Kolonialbewegung des deutschen Kaiserreichs. In diesem Zusammenhang war die „Kulturarbeit der Frau“ für die Erhaltung des Deutschtums zentral. Imperialer Feminismus konnte sich mit Nationalismus und Rassismus verbinden und dadurch zu einer gesellschaftlich anerkannten Strategie völkischer Beteiligung werden. Das Muster, dass weiße Bildungsbürgerinnen ihre eigenen Vorstellungen zum Maßstab für alle erklären, wurde in der internationalen Frauenbewegung mehrfach zurückgewiesen, unter anderem von proletarischen Feministinnen vor dem Zweiten Weltkrieg und von nicht-weißen Feministinnen danach.
Dipesh Chakrabarty kritisiert eurozentrische Geschichtsschreibung, in der Europa stillschweigend als Maßstab historischen Wissens gilt und indische, kenianische, chinesische oder andere subalterne Geschichten zu minderwertigen Varianten einer europäischen Meistererzählung werden. „Europa provinzialisieren“ bedeutet, ein überhöhtes Europa aus dem Zentrum der historischen Vorstellung zu verdrängen, den Zusammenhang von Gewalt und zivilisatorischem Idealismus offenzulegen und Kategorien wie den modernen Staat erneut politisch-philosophisch zu prüfen, statt ihre weltweite Gültigkeit als selbstverständlich anzunehmen.