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Edward Said

Er lehrte als Professor für Englische Literatur und Komparatistik an der Columbia University. Sein im Jahr 1978 erschienenes Buch Orientalismus zählt gemeinhin …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lebensweg
  2. 2. Orientalismus und postkoloniale Theorie
  3. 3. Kritik an Saids Ansatz
  4. 4. Palästina und politische Positionen
  5. 5. Aussöhnung, Werke und Ehrungen

Bedeutung und Lebensweg

Edward William Said, eigentlich Edward Wadie Saïd (1. November 1935–25. September 2003), war ein US-amerikanischer Literaturtheoretiker und Literaturkritiker palästinensischer Herkunft. Als Professor für Englische Literatur und Komparatistik, also vergleichende Literaturwissenschaft, lehrte er an der Columbia University. Sein 1978 erschienenes Buch „Orientalismus“ wurde zu einem grundlegenden Werk der postkolonialen Theorie, die kulturelle und politische Folgen kolonialer Herrschaft untersucht. In den USA galt Said außerdem als bedeutender Fürsprecher der Palästinenser.

Said wurde in Jerusalem geboren und wuchs vorwiegend in Kairo auf. Seine palästinensischen Eltern waren Christen; durch seinen Vater besaß er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Die Familie hielt sich regelmäßig in Palästina und im Libanon auf. Ihr Haus in Westjerusalem ging 1948 während des Palästinakrieges verloren. Mit 16 Jahren wechselte Said auf ein Internat in Massachusetts.

Er erwarb 1957 an der Princeton University den Bachelor of Arts und an der Harvard University 1960 den Master of Arts sowie 1964 den Ph.D. in englischer Literatur. Seine Dissertation behandelte Joseph Conrad. Seit 1963 lehrte er an der Columbia University, seit 1966 als Professor auf Lebenszeit. 1991 wurde bei ihm lymphatische Leukämie festgestellt; er starb 2003 in New York.

Orientalismus und postkoloniale Theorie

In „Orientalismus“ versteht Said den Orientalismus als eine Form bewusster menschlicher Arbeit, die Wissen und Politik so verbindet, dass sie westliche koloniale Herrschaft ermöglicht. Er bezeichnet ihn als „ein Wissenssystem über den Orient“, das sich als Instrument von Imperialismus und Kolonialismus bewährt habe. Seine Analyse richtet sich besonders gegen die britische und französische Orientalistik, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprachen und Kulturen des sogenannten Orients. Den deutschsprachigen Orientalismus beurteilte er differenzierter.

Nach Said gingen viele europäische Forscher selbstverständlich von der Überlegenheit der eigenen Kultur aus und betrachteten die politische Unterwerfung anderer Völker als notwendig. Bereits die scharfe Trennung zwischen Abendland und Morgenland sei irreführend. Mithilfe von Michel Foucaults Diskursanalyse untersuchte Said, wie ein Diskurs – ein gesellschaftlich wirksames System von Aussagen und Begriffen – Vorstellungen über den Orient formt und politische Macht stützt.

Das Buch gilt als „Gründungsdokument“ der postkolonialen Theorie. Said selbst schrieb jedoch der Indologie und besonders der Forschergruppe um Ranajit Guha eine zentrale Rolle bei der Entwicklung postkolonialer Geschichtsschreibung zu. Die erste Generation postkolonialer Studien unterschied er von der Postmoderne: Sie halte an den großen Vorstellungen von Emanzipation und Aufklärung fest.

Mit seinen Arbeiten verband Said Kulturkritik und Machtanalyse. Er entwickelte die Vorstellung, dass Exilierte und Unterdrückte politische Machtverhältnisse besonders klar erkennen könnten. Der Standpunkt des Exils ermögliche Intellektuellen, „der Macht die Wahrheit zu sagen“. Auch der von Said geprägte Begriff „Textuelles Verhalten“ bezeichnet die autoritative Kraft, die ein Text gegenüber der Realität gewinnen kann.

Kritik an Saids Ansatz

Saids Theorie polarisierte stark. Politisch engagierte Literaturwissenschaftler, besonders aus ehemals kolonisierten Ländern, griffen seine Analyse westlicher Wissensproduktion auf. Kritiker warfen ihm dagegen historische Ungenauigkeiten, eine einseitige Quellenauswahl und mangelnde Ausgewogenheit vor.

Clive Dewey bezeichnete „Orientalismus“ als technisch schlecht und als politisch motivierte Karikatur westlichen Wissens. Ibn Warraq verwies auf fehlerhafte historische Abfolgen. Robert Graham Irwin hielt die Vorstellung eines einheitlichen europäischen Orientdiskurses von der Antike bis zur Gegenwart für historisch nicht belegbar. James Clifford sah einen Widerspruch darin, dass der Orient zunächst als wirklichkeitslose Konstruktion, später aber als realer, unterworfener und im Diskurs verzerrter Raum erscheine. Weitere Einwände betrafen die geringe Beachtung von Gegendiskursen, die Auswahl nicht repräsentativer Personen und – nach Sadik al-Azm – die Vernachlässigung der Rückwirkung des Orientalismus auf den Islam.

Said antwortete, er habe keine Geschichte des Orients geschrieben. Sein Gegenstand seien die politischen Grundlagen westlicher Wissensproduktion und deren Verbindung mit kolonialer Herrschaft. Deshalb berührten Fehler bei einzelnen historischen Angaben seiner Ansicht nach nicht die Kernthese.

Palästina und politische Positionen

In „The Question of Palestine“ von 1979 beschreibt Said den Nahostkonflikt als Konflikt zweier Wirklichkeitsdeutungen: der palästinensischen und der israelischen. Nach seiner Darstellung blendeten Israel und seine westlichen Verbündeten die palästinensische Sicht systematisch aus, während das vorherrschende Narrativ die Erfolge des Zionismus bei der Kolonisierung des Landes betone. An Texten von George Eliot, Moses Hess und Theodor Herzl untersuchte er eine imperiale Perspektive, in der Palästina als leer vorgestellt werde.

Dem stellte er den „Zionismus aus der Sicht seiner Opfer“ gegenüber. Said deutete den Zionismus als Form des Imperialismus und erklärte historische und biblisch-archäologische Narrative zu Mitteln, mit denen Einwanderung und territoriale Expansion legitimiert würden. Das Buch behandelte nach einer zeitgenössischen Rezension drei Bereiche: die palästinensischen Gemeinschaften in den besetzten Gebieten, im Exil und in Israel; die Verneinung ihrer Lebenswirklichkeit durch zionistische Bestrebungen; und die weitgehend unkritische Unterstützung Israels durch die amerikanische Politik.

Nach dem Sechs-Tage-Krieg verstärkte sich Saids Eindruck, dass die westliche Wahrnehmung der arabischen Welt verzerrt sei. Er machte die als Nakba bezeichnete Vertreibung der Palästinenser infolge des Palästinakrieges in westlichen Leitmedien zum Thema. Zugleich kritisierte er die unter Muslimen und Arabern verbreitete Leugnung des Holocaust.

Said gehörte mehrere Jahre dem palästinensischen Exil-Parlament an, brach jedoch 1993 wegen seiner Ablehnung des Oslo-Abkommens mit Jassir Arafat. Seit 1999 trat er ausdrücklich für eine binationale Ein-Staaten-Lösung ein: Israelis und Palästinenser sollten in einem gemeinsamen Staat mit säkularer Verfassung und gleichen Bürgerrechten leben. Eine Zwei-Staaten-Lösung hielt er wegen der engen gegenseitigen Abhängigkeiten, der israelischen Gebietsansprüche und des Siedlungsausbaus nicht für tragfähig. Zur Palästinafrage gehörten für ihn außerdem Selbstbestimmung, die Wiederinbesitznahme von Land durch die arabische Bevölkerung Israels und das Rückkehrrecht der im Exil lebenden Palästinenser.

Sein politisches Engagement führte zu heftigen Konflikten: Said und seine Familie erhielten Todesdrohungen, und 1985 wurde sein Universitätsbüro in Brand gesetzt. Das FBI beobachtete ihn von 1971 bis mindestens 1993. 2000 wurde er kritisiert, nachdem er an der libanesisch-israelischen Grenze einen Stein geworfen hatte; Said erklärte dies als symbolische Geste nach dem Abzug bewaffneter Gruppen und betonte, auf niemanden gezielt zu haben. Den Irakkrieg von 2003 lehnte er ab.

Aussöhnung, Werke und Ehrungen

1999 gründete Said mit dem Dirigenten Daniel Barenboim und Bernd Kauffmann das West-Eastern Divan Orchestra, in dem arabische und israelische Musiker gemeinsam spielen. Dahinter stand die Überzeugung, dass militärische Mittel keinen Frieden im Mittleren Osten schaffen und alternative Wege zu einer politischen Lösung notwendig sind.

Neben „Orientalismus“ und „The Question of Palestine“ veröffentlichte Said unter anderem „The World, the Text, and the Critic“ (1983), „Culture and Imperialism“ (1993), „Representations of the Intellectual“ (1994), die Autobiografie „Out of Place“ (1999) und „The end of the peace process. Oslo and after“ (2000). Mit Barenboim schrieb er „Parallels and Paradoxes. Explorations in Music and Society“ (2002). Seine Arbeiten verbinden Literatur- und Kulturkritik häufig mit Fragen politischer Macht, kolonialer Herrschaft, Exil und intellektueller Verantwortung.

Said wurde 1991 in die American Academy of Arts and Sciences, 2000 in die American Philosophical Society und 2002 in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. Für ihre Verdienste um die israelisch-palästinensische Aussöhnung erhielten Said und Barenboim 2002 gemeinsam den Prinz-von-Asturien-Preis. Nach Saids Tod richteten mehrere Hochschulen jährliche Gedenkvorträge ein; 2004 erhielt die Musikschule der Universität Bir Zait den Namen „Edward Said National Conservatory of Music“.

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