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Imperialismustheorie
Imperialismustheorien wurden im 20. Jahrhundert entwickelt. Damit versuchten Wissenschaftler wie auch revolutionäre Politiker, die Entstehung und den Verlauf …
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Gegenstand und Grundidee
Eine Imperialismustheorie soll wissenschaftlich erklären, unter welchen Bedingungen Imperialismus entsteht, wie er sich entwickelt und durch welche Mechanismen er funktioniert. Jede Theorie verwendet dabei einen eigenen Begriff von Imperialismus und leitet daraus ab, welche Entwicklungen aus einem bestimmten sozialen System zu erwarten sind.
Imperialismustheorien entstanden im 20. Jahrhundert. Sie sollten vor allem die koloniale sowie andere wirtschaftliche und politische Expansion europäischer Staaten erklären, später auch die Expansion der USA und seltener der Sowjetunion. Wissenschaftler und revolutionäre Politiker nutzten sie teilweise auch als Grundlage für politische Strategien. Im sozialistischen Selbstverständnis sollte die Theorie die revolutionäre Praxis anleiten.
Die Theorien setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Einige erklären Imperialismus hauptsächlich aus wirtschaftlichen Interessen, andere aus Macht-, Prestige-, nationalistischen, kulturellen oder sozialpsychologischen Motiven. Mehrere marxistische Theorien verstehen ihn als Entwicklungsstufe oder notwendige Folge des Kapitalismus; nicht-marxistische Ansätze betonen stärker Innenpolitik, Ideologien und überkommene gesellschaftliche Strukturen.
Wirtschaftliche und marxistische Erklärungen
John Atkinson Hobson entwickelte 1902 wahrscheinlich die erste Imperialismustheorie. Auslöser waren die Burenkriege, die er als Journalist miterlebt hatte. Nach Hobson entsteht Imperialismus vor allem durch Unterkonsumtion: Die breite Bevölkerung kann wegen zu geringer Einkommen nicht genug kaufen, während sich bei einer kleinen Minderheit ein Kapitalüberschuss ansammelt. Dadurch gibt es mehr Waren, als im Inland gewinnbringend verkauft werden können, und mehr Kapital, als dort lohnend angelegt werden kann. Kapital wird deshalb exportiert; Unternehmen suchen ausländische Absatzmärkte und Anlagemöglichkeiten.
Zum Schutz dieser Anlagen verlangen die Investoren staatliche Machtmittel. Das kann zur Vergrößerung des Staatsgebiets, zum Wettlauf rivalisierender Imperien und damit zur Gefährdung des Friedens führen. Hobson erklärte Imperialismus somit vor allem ökonomisch und verurteilte ihn moralisch. Er knüpfte an John Stuart Mill an: Die Produktionsgesetze seien unveränderlich, die Verteilung des Reichtums liege jedoch im Bereich des sozialen Willens. Wenn Arbeiter mehr Einkommen erhielten und dadurch mehr konsumierten, könne die Unterkonsumtion verschwinden. Bei einer idealen Verteilung entfiele damit auch der Expansionszwang des Kapitalismus. An Hobsons Vorarbeit knüpften Rudolf Hilferding 1910 und Lenin 1916/1917 an, verbanden sie aber mit dem historischen Materialismus von Karl Marx.
Rosa Luxemburg betonte 1913 in Die Akkumulation des Kapitals vor allem die Gefahr für den Weltfrieden. Der Konkurrenzkampf kapitalistischer Nationen zwinge den Kapitalismus dazu, seine Wirtschaft in noch nicht kapitalistische Gebiete auszudehnen. Dadurch könne sein Niedergang verzögert werden. Langfristig würden sich jedoch weltweit kapitalistische Verhältnisse durchsetzen. Diese Entwicklung ende entweder durch eine sozialistische Revolution oder durch einen krisenhaften ökonomischen und politischen Zusammenbruch, der letztlich immer im Krieg münde.
Karl Kautsky erklärte 1914, Imperialismus sei nur eine mögliche, keineswegs die einzige Form, in der der Kapitalismus die notwendige Kapitalakkumulation erreichen könne. Er erwartete, dass Finanzkapitalisten verschiedener Nationen ihre Konkurrenz möglicherweise in einer gemeinsamen, „syndizierten“ Zusammenarbeit überwinden könnten. Diese von ihm „Ultraimperialismus“ genannte Phase würde die imperialistischen Mächte zu Verständigungen über eine gemeinsame Ausbeutung der Welt führen. Kriege zwischen ihnen und das Wettrüsten könnten dadurch überflüssig werden.
Lenins Imperialismusbegriff
Lenin wollte mit Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus seine Strategie des „revolutionären Defätismus“ theoretisch begründen. Nach dieser Strategie sollte eine Niederlage Russlands im Ersten Weltkrieg eine Revolution begünstigen. Lenin sah den Imperialismus als das fünfte und letzte Stadium des Kapitalismus. Das Finanz- und Monopolkapital beherrsche die gesamte Politik: Produktion und Kapital seien stark konzentriert, und ihre wirtschaftliche Macht lenke den Staat. Diese Verbindung wird im Artikel mit „Stamokap“, also staatsmonopolistischem Kapitalismus, bezeichnet.
Für Großkonzerne sei Imperialismus notwendig, um das Sinken der Profitrate zu verhindern. Er könne daher nur durch die Abschaffung des Kapitalismus beseitigt werden. Lenins Kurzdefinition lautet: „der Imperialismus ist das monopolistische Stadium des Kapitalismus“.
Inhaltlich verbindet diese Definition zwei Seiten. Erstens verschmilzt das Finanzkapital weniger monopolistischer Großbanken mit dem Kapital monopolistischer Industrieverbände. Zweitens wird die Welt unter den Großmächten aufgeteilt. Eine frühere Kolonialpolitik hatte sich noch auf Gebiete ausgedehnt, die von keiner kapitalistischen Macht erobert waren; nun ging es um die monopolistische Beherrschung der gesamten Erde. Ursache der imperialistischen Kriege ist nach Lenin das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder. Weil sich die Länder unterschiedlich entwickeln, wird die bereits vorgenommene Aufteilung der Erde regelmäßig infrage gestellt.
Lenin nannte fünf Grundzüge des Imperialismus: die Konzentration von Produktion und Kapital, durch die Monopole mit entscheidender Rolle entstehen; die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital und die Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Grundlage des Finanzkapitals; die besondere Bedeutung des Kapitalexports gegenüber dem Warenexport; die Bildung internationaler monopolistischer Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich aufteilen; sowie den Abschluss der territorialen Aufteilung der Erde unter den kapitalistischen Großmächten.
Die dabei erzielten Extraprofite könnten nach Lenin genutzt werden, um einen Teil der Arbeiterklasse, die sogenannte „Arbeiteraristokratie“, durch vergleichsweise hohe Löhne zu „verbürgerlichen“. Damit erklärte er, warum die erwartete Revolution trotz der „inneren Fäulnis“ des Kapitalismus ausblieb. Zugleich richtete sich diese Erklärung gegen die „revisionistischen“ Strömungen der deutschen Sozialdemokratie und besonders gegen Kautsky. Den Weltkrieg deutete Lenin als Ergebnis der Gegensätze zwischen den imperialistischen Mächten und als möglichen Ausgangspunkt der Revolution. Im imperialistischen Stadium führe der Kapitalismus die Produktion bis nahe an ihre allseitige Vergesellschaftung heran und bilde damit einen Übergang von der freien Konkurrenz zur vollständigen Vergesellschaftung.
Politische, psychologische und gesellschaftliche Motive
Max Weber erklärte den Imperialismus in seinem 1921 postum erschienenen Hauptwerk Wirtschaft und Gesellschaft vor allem aus dem Prestigestreben der Großmächte. Erfolgreiche imperialistische Zwangspolitik nach außen erhöhe zunächst auch im Inneren das Prestige, die Machtstellung und den Einfluss derjenigen Klassen, Stände und Parteien, unter deren Führung der Erfolg errungen wurde. Außenpolitische Erfolge dienten damit zugleich der innenpolitischen Herrschaftssicherung.
Unterstützt werden konnten diese politischen Motive von Wirtschaftsgruppen, die in der unmittelbaren gewaltsamen Ausbeutung kolonialer Bevölkerungen durch Zwangsarbeit größere Gewinnchancen sahen als im Handel. Weber bezeichnete diese Form als „kolonialen Beutekapitalismus“; zu den beteiligten Gruppen gehörten auch Rüstungsindustrielle. Außerdem konnten Intellektuelle ein Interesse daran haben, den Geltungsbereich der eigenen nationalen Kultur auszuweiten. So erklärte Weber, warum der Imperialismus um die Jahrhundertwende besonders in bürgerlichen Kreisen massenhafte Unterstützung fand.
Joseph A. Schumpeter definierte 1919 in Zur Soziologie der Imperialismen Imperialismus als „die objektlose Disposition eines Staates zu gewaltsamer Expansion ohne angebbare Grenze“. Seine Erklärung beruht auf drei Prämissen: Kriege entstünden meistens nicht aus rationalen Gründen, sondern aus einer triebhaften Neigung; dieser Kriegswille gehe auf eine in der menschlichen Psyche verankerte, aber inzwischen nicht mehr notwendige Lebensform kriegerischer Konkurrenz zurück; und herrschende Schichten sowie alle Personen, die sich soziale oder wirtschaftliche Vorteile versprechen, würden den Kriegswillen weiter antreiben.
Schumpeter bezeichnete Imperialismus als Atavismus, also als Übernahme von Merkmalen und Verhaltensweisen aus einem früheren Entwicklungsstadium. Gemeint war besonders die Bewahrung absolutistischer Denkmuster durch vorkapitalistische Führungsschichten wie Adel und Militär. Imperialismus sei daher sowohl ein „Atavismus der sozialen Struktur“ als auch ein „Atavismus individualpsychologischer Gefühlsgewohnheit“. Der gesellschaftliche Strukturwandel werde schließlich zu seinem Untergang führen.
Im Gegensatz zu Lenin und Luxemburg hielt Schumpeter den Kapitalismus grundsätzlich für antiimperialistisch, weil kriegerische Energien in einer kapitalistischen Gesellschaft eher in die Kapitalanhäufung als in eine gewaltsame, ziellose Expansion gelenkt würden. Dennoch beeinflussten sich Kapitalismus und Imperialismus. Kartelle und Trusts wollten ein hohes Preisniveau im Inland halten und überproduzierte Waren zu Dumpingpreisen in kolonialen Absatzmärkten verkaufen. Der Imperialismus sei aber trotz solcher wirtschaftlichen Wirkungen nicht aus dem Streben nach materiellem Gewinn entstanden, sondern ein Nebeneffekt der nicht zweckgebundenen, im Atavismus begründeten Expansion.
Nationalismus, Innenpolitik und neuere Forschung
Wolfgang J. Mommsen entwickelte 1969 einen pluralistischen, nicht-marxistischen Erklärungsansatz. Er verband ideologische und wirtschaftliche Antriebskräfte und verstand den europäischen Imperialismus als äußerste Form nationalistischen Denkens. Die Idee der Nation war ursprünglich mit Demokratie verbunden; ab 1885 entstand jedoch ein pathetischer Imperialismus, der zu einem antiliberalen Nationsverständnis führte.
Als Ursachen nannte Mommsen den „Pseudohumanismus“, religiöses Sendungsbewusstsein, das Streben der Großmächte nach Weltmachtstatus, das „Irrationalismus und Prestigebedürfnis“ einer an Macht verlierenden Herrschaftsschicht sowie das kulturelle Sendungsbedürfnis einzelner Nationen. Auch der aus dem Sozialdarwinismus hervorgehende Rassismus trug nach diesem Ansatz zum Imperialismus bei.
Hans-Ulrich Wehler formulierte ebenfalls 1969, in Anlehnung an Eckart Kehrs „Primat der Innenpolitik“, die Theorie des Sozialimperialismus. Außenpolitische Ziele seien für den Imperialismus vor allem dann entscheidend gewesen, wenn sie die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit im Inneren sichern konnten. Außenpolitische Ambitionen sollten innenpolitische Probleme, etwa Emanzipationsforderungen des Proletariats, überspielen. Erfolge nach außen sollten die Arbeiterschaft stärker an den Staat binden. Auswärtige Märkte sollten gleichmäßiges Wirtschaftswachstum ermöglichen, die Soziale Frage entschärfen, innere Spannungen nach außen ablenken und die bestehenden Machtverhältnisse stabilisieren.
Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich die politikwissenschaftliche Forschung zunehmend mit Imperiumstheorien. Frühere Imperialismustheorien waren ihrem Gegenstand nicht wertfrei gegenüber eingestellt: Sie verwendeten „Imperium“ meist abwertend und als etwas, das überwunden werden sollte. Auch im Kalten Krieg beschuldigten sich die Sowjetunion und die USA gegenseitig, ein Imperium zu bilden, während beide diese Bezeichnung für sich selbst ablehnten. Viele Imperialismustheorien beanspruchten außerdem eine prognostische Bedeutung und erwarteten den bevorstehenden Zusammenbruch des Kapitalismus sowie den Aufstieg des Sozialismus.
Moderne Imperiumstheorien gehen dagegen wertfrei und empirisch vor. Sie vergleichen Weltreiche hinsichtlich ihrer Strukturen, ihrer Ordnungsfunktion, ihrer inneren Entwicklungslogiken, ihrer Sachzwänge und ihrer Eigendynamiken. Zu den Autoren solcher Ansätze zählen unter anderem Michael W. Doyle, David B. Abernethy, Herfried Münkler und Hans-Heinrich Nolte.