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Frühe Neuzeit

... Lehnsherr oder Vasall des Monarchen und deren Besitz leibeigener Bauern beruhte. Weiterhin bedeutet es das Ende des bisherigen Zunft- und Ständewesens in …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Bedeutung und zeitliche Grenzen
  2. 2. Innere Gliederung und grundlegende Umbrüche
  3. 3. Politik und Wirtschaft
  4. 4. Wissenschaft, Weltbild und Philosophie
  5. 5. Kunst, Literatur und Musik
  6. 6. Alltag, Ehre und Körperkultur

Begriff, Bedeutung und zeitliche Grenzen

Die Frühe Neuzeit bezeichnet in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Spätmittelalter und dem Übergang zur Moderne um 1800. Sie ist wichtig, weil in ihr zentrale Grundlagen der modernen Welt entstanden: ein neues Menschenbild, der Buchdruck, die Reformation, die europäische Expansion, neue Staats- und Wirtschaftsformen, die moderne Wissenschaft sowie die Aufklärung.

Ihre Grenzen sind nicht exakt bestimmbar. Historische Epochen sind wissenschaftliche Einteilungen, mit denen Entwicklungen geordnet und untersucht werden. Die Übergänge bleiben fließend und hängen davon ab, ob politische, kulturelle, wirtschaftliche oder soziale Veränderungen betrachtet werden und welche Region gemeint ist.

Als mögliche Anfangsmarken gelten die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453, die „Entdeckung“ Amerikas durch Christoph Kolumbus und das Ende der Reconquista 1492, der Beginn der Italienischen Kriege 1494, die Reichsreform von 1495 und der Beginn der Reformation 1517. Kulturell markieren Renaissance und Humanismus den Übergang. Der Humanismus rückte das selbstbestimmte Individuum und seine Fähigkeiten in den Mittelpunkt; die Renaissance orientierte sich als „Wiedergeburt“ der Antike an antiken Formen und Inhalten. Johannes Gutenbergs Buchdruck mit beweglichen Lettern beschleunigte die Verbreitung und Ansammlung von Wissen erheblich.

Das Ende wird meist mit der Französischen Revolution von 1789 bis 1799 verbunden. Sie schloss das Zeitalter der Aufklärung ab und leitete den Zusammenbruch des Ancien Régime, also der alten monarchisch-ständischen Ordnung, ein. Im deutschen Sprachraum gilt außerdem die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 als entscheidende Grenze. Reinhart Koselleck bezeichnete die umfassende Übergangsphase von ungefähr 1750 bis 1850/70 als „Sattelzeit“.

Innere Gliederung und grundlegende Umbrüche

Je nach Betrachtungsweise wird die Frühe Neuzeit in mehrere überlappende Abschnitte gegliedert:

  • Anbruch der Renaissance, etwa 1350–1450
  • Zeitalter der Entdeckungen, 1415–1531
  • Reformation, Glaubensspaltung und Konfessionalisierung, 1517–1648
  • Barock, „Absolutismus“ und Aufklärung, etwa 1650–1789
  • Ende des Ancien Régime und Beginn der Französischen Revolution, 1789–1815

In der englischsprachigen Forschung umfasst „Early Modern History“ beziehungsweise „Early modern Europe“ meist das 15. bis späte 18. Jahrhundert. Der Zeitraum zwischen Reformation und Französischer Revolution gilt dabei als Epoche kultureller Transformation mit eigenen Strukturen, die ihn sowohl vom Mittelalter als auch von der Moderne unterscheiden.

Drei miteinander verbundene Entwicklungen kennzeichnen besonders den Beginn: Renaissance und Humanismus, die europäischen Entdeckungsfahrten sowie die Reformation. Die Renaissance setzte im 14. Jahrhundert in Italien ein, erreichte im 15. Jahrhundert in Florenz eine erste Hochblüte und verbreitete sich bis zum frühen 16. Jahrhundert in Europa. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 brachten griechische Gelehrte antikes Wissen in den Westen. Der Buchdruck machte dieses Wissen einem größeren Publikum zugänglich.

Martin Luthers 95 Thesen von 1517 beruhten auf dem Studium der Bibel in Griechisch und Hebräisch und damit auf humanistischen Vorarbeiten. Luther verteidigte seine Position 1521 auf dem Wormser Reichstag. Gleichzeitig erweiterten Entdeckungsfahrten das europäische Weltbild: Seit 1415 wurden von Portugal Expeditionen zur Suche nach einem Seeweg nach Indien ausgesandt; Vasco da Gama erreichte dieses Ziel 1498. Die portugiesischen und spanischen Entdeckungen leiteten die weltweite europäische Expansion ein.

Politik und Wirtschaft

Politisch prägte der Konflikt zwischen Protestantismus und Katholizismus die Epoche und mündete in den Dreißigjährigen Krieg. Die Konfessionalisierung, also die gesellschaftliche und staatliche Festigung der christlichen Konfessionen, veränderte viele Lebensbereiche. Die anschließende europäische Neuordnung erkannte Altgläubige und Protestanten als gleichberechtigte Religionsgemeinschaften an; zugleich ging die Vormachtstellung des katholischen Spanien schrittweise zurück.

Im Heiligen Römischen Reich entwickelte sich der Territorialstaat. Sein Herrscher trat nicht mehr nur als Lehnsherr oder Vasall des Monarchen, sondern als Souverän seines Landes auf. Die prägende Staatsform war der Absolutismus, bei dem die Herrschaft stark auf den Monarchen konzentriert war. Ludwig XIV. von Frankreich verkörperte dieses Verständnis mit dem Satz „L’État, c’est moi“ – „Der Staat bin ich“. Friedrich II. von Preußen verstand sich im aufgeklärten Absolutismus dagegen als „oberster Diener des Staates“.

Die großen Hexenverfolgungen gehören ebenfalls in die Frühe Neuzeit. In der ehelichen Arbeitsgemeinschaft standen nach dem Konzept des „Arbeitspaares“ die Arbeitsbereiche von Frauen und Männern zunächst gleichberechtigt nebeneinander; die Abwertung häuslicher und weiblicher Arbeit setzte erst mit der bürgerlichen Welt ein. Am Ende der Epoche führten der Nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg und die Französische Revolution zu republikanischen Neuordnungen, zum Verlust adliger Privilegien in Frankreich und zu einer schriftlich festgelegten demokratischen Verfassung in den Vereinigten Staaten.

Wirtschaftlich endeten allmählich Feudalismus, Zunftwesen und ständische Ordnung. Seefahrt, Kolonialismus und Überseehandel schufen neue Strukturen des Welthandels. Spanien, Portugal, die Niederlande, England und Frankreich bauten koloniale Handelssysteme auf; zugleich entwickelte sich die Manufaktur. Damit entstanden Grundlagen von Industrialisierung und Kapitalismus. Der Merkantilismus war die Wirtschaftsform des Absolutismus: Der Staat richtete seine Außenwirtschaft nach kaufmännischen Interessen und Handelsgewinnen aus, weshalb auch von Frühkapitalismus gesprochen wird.

Im 18. Jahrhundert entwickelte James Watt die erste voll funktionsfähige Dampfmaschine; frühere Modelle wie das von Thomas Newcomen waren deutlich weniger effizient. Die Dampfkraft veränderte besonders die Eisenindustrie. Richard Trevithicks Dampflokomotive scheiterte 1804 am Schienenmaterial. George Stephensons Eisenbahn von 1825 in England steht bereits für den Übergang zur industriellen Moderne.

Wissenschaft, Weltbild und Philosophie

Die Entdeckungsfahrten erweiterten das europäische Weltbild, das zuvor im Wesentlichen Europa, Nordafrika und Teile Asiens umfasst hatte. Sie förderten die Kartografie: Martin Behaim schuf 1492 einen ersten Erdglobus noch ohne Amerika; Gerhard Mercator entwickelte die nach ihm benannte winkeltreue Mercator-Projektion. Die Entdeckungen begründeten zunächst spanische und portugiesische Weltreiche, später englische, niederländische und französische Kolonialsysteme. James Cooks Reisen lieferten weitere Erkenntnisse über die Erde; außerdem fand er einen wirksamen Weg, Skorbut auf Seereisen zu bekämpfen.

In der Astronomie trugen Tycho Brahe, Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Galileo Galilei und Isaac Newton dazu bei, das geozentrische oder ptolemäische Weltbild durch das heliozentrische Weltbild zu ersetzen. Dieses stellt die Sonne statt der Erde in den Mittelpunkt des Planetensystems und wurde durch Newtons Gravitationstheorie gestützt.

Christiaan Huygens entwickelte ab 1657 die Pendeluhr. Sie maß die Zeit mit einer Abweichung von nur wenigen Sekunden täglich und steigerte dadurch die Genauigkeit astronomischer und geografischer Messungen sowie der Landkarten. Ein Jahrhundert später machte vor allem John Harrison tragbare Uhren zur Bestimmung des Längengrades brauchbar. In der Medizin stehen Paracelsus als Vorläufer der Pharmazie und Bartolomeo Eustachi als Mitbegründer der wissenschaftlichen Anatomie für wichtige Fortschritte.

Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts war ein geistiger Emanzipationsprozess, der sich gegen Denken richtete, das allein auf Autoritätsglauben beruhte. Je nach Schwerpunkt gilt das 17. Jahrhundert als Zeit der Vernunft und das 18. Jahrhundert als Zeit der Enzyklopädie und bürgerlichen Emanzipation. Gesellschaftsvertrag, Volkssouveränität und Naturrecht begründeten Kritik am Absolutismus und bereiteten die Revolutionen in Amerika und Frankreich vor. Ihr Menschenbild fand in der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ einen prägnanten Ausdruck. Wichtige Denkrichtungen verbanden sich unter anderem mit René Descartes, John Locke, Francis Bacon, Thomas Hobbes, Voltaire, Denis Diderot, Jean-Jacques Rousseau, David Hume und Immanuel Kant.

Kunst, Literatur und Musik

Die Kunststile der Epoche waren vor allem Renaissance, Manierismus, Barock und Rokoko. Sie spiegelten Menschenbild, Gesellschaft und Zeitgeschmack. Bedeutende Renaissancekünstler waren Sandro Botticelli, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Tizian und Albrecht Dürer; für den Barock stehen Peter Paul Rubens und Rembrandt. Zugleich entstand ein stärker gewinnorientierter Kunstbetrieb mit Werkstätten für höfische, kirchliche oder private Auftraggeber. Außereuropäisch bestanden unter anderem die Künste der Inka, Maya und Azteken, deren Hochkulturen nach den Eroberungen durch Hernán Cortés und Francisco Pizarro untergingen.

Die Literatur wird grob in Renaissance-Humanismus, etwa 1470–1600, Barock, 1600–1720, Aufklärung, 1730–1800, Sturm und Drang, 1765–1785, und Weimarer Klassik, 1786–1805 oder bis 1832, gegliedert. Diese Strömungen überlappten sich; manche Literaturwissenschaftler lassen die literarische Frühe Neuzeit bereits um 1700 enden, doch besteht kein Konsens.

Im 16. und 17. Jahrhundert galten imitatio und aemulatio, also „Nachahmung“ und „Wetteifern“ mit literarischen Vorbildern, als Leitideale. Rhetorik war zentral; Reden, Briefe, Flugblätter und Flugschriften waren wichtige Gattungen. Der Buchdruck verbreitete Literatur und politische oder religiöse Streitschriften. Übersetzungen antiker und zeitgenössischer Werke machten Texte auch Menschen ohne Lateinkenntnisse zugänglich. Sprachgesellschaften stärkten im 17. Jahrhundert die deutsche Sprache gegenüber dem Lateinischen. Martin Opitz’ Buch von der Deutschen Poeterey von 1624 formulierte einflussreiche Regeln für die deutsche Dichtung. Im Barock standen infolge des Dreißigjährigen Krieges häufig Vergänglichkeit und Tod im Mittelpunkt, ausgedrückt durch Memento mori und vanitas.

Die Aufklärung verband Literatur eng mit Philosophie. Sturm und Drang bezeichnet die frühe Schaffenszeit Goethes, Schillers und Herders; spätere Werke Goethes und Schillers gehören zur Weimarer Klassik.

In der Musik sind aus der Reformationszeit Kirchenlieder Martin Luthers überliefert. Bedeutende Barockkomponisten waren Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. An den Höfen der Aufklärung gehörten Musizieren und Gesellschaftstänze wie das Menuett zur Kultur. Typische Instrumente waren Cembalo, Virginal, Spinett, Violine und Querflöte.

Alltag, Ehre und Körperkultur

Der einzelne Mensch war stärker als heute in Gemeinschaften eingebunden: Verwandtschaft, Hausgemeinschaft, Nachbarschaft, Dorf, Freundeskreis und Handwerksvereinigung bestimmten Identität und Handeln. Solidarität und Geselligkeit sicherten das Überleben, während feste Umgangsregeln Konflikte begrenzen sollten. Regelverstöße konnten Sanktionen und Ausschluss bewirken.

Zentral war die Ehre. Sie bestimmte Ansehen, gesellschaftliche Stellung und Zugehörigkeit und galt oft mehr als Vermögen oder Macht. Jeder Stand besaß eine eigene Gruppenehre; daneben gab es persönliche Ehre. Besonders ausgeprägt war dieses Denken bei Adel und Handwerk. Im 17. und 18. Jahrhundert veränderte es sich: Für Adelige wurde die Stellung am Hof wichtiger, und die Aufklärung entwickelte die Vorstellung einer inneren, auf Tugend beruhenden Ehre.

Ehre musste ständig verteidigt werden. Beleidigungen, Gesten oder Streit um Besitz und Rechte konnten als existenzielle Angriffe verstanden werden und Raufhändel auslösen. „Unehrlichkeit“ bezeichnete dabei keine moralische Unaufrichtigkeit, sondern die rechtliche und soziale Herabsetzung bestimmter Menschen und Berufe. Betroffene hatten geringe Chancen auf Bürgerrecht oder Aufnahme in eine Zunft. Ausgegrenzt wurden unter anderem unehelich Geborene, als „fahrende Leute“ bezeichnete Gruppen sowie Angehörige verschiedener stigmatisierter Berufe. Diese Einteilung diente der ständischen Abschottung.

Leibesübungen wurden für Gesundheit, Kriegshandwerk, Selbstverteidigung und Wettkampf betrieben. Das moderne Denken zeigte sich in schriftlichen Regeln und in der Anwendung von Naturwissenschaften und Mathematik, besonders der Geometrie, auf den Sport. Auch Tanz und andere Körperpraktiken spiegelten das veränderte Körperverständnis. In dieser Zeit entstanden zudem Grundlagen der medizinischen Gymnastik, aus der sich die Physiotherapie weiterentwickelte.

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