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Imperativ (Modus)

„Um Neun bist du wieder zu Hause!“ · „In Zukunft wendest du dich bitte direkt an mich!“ · Alternativ: „In Zukunft wirst du dich direkt an mich wenden!“ (Futur I).

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Gebrauch
  2. 2. Bildung im Deutschen
  3. 3. Unregelmäßigkeiten und Ausnahmen
  4. 4. Andere Formen der Aufforderung
  5. 5. Imperativ im Englischen und Französischen
  6. 6. Imperativ im Lateinischen

Bedeutung und Gebrauch

Der Imperativ, deutsch Befehlsform, ist ein Modus des Verbs. Er dient nicht in erster Linie dazu, Aussagen zu machen, sondern einen besonderen Sprechakt auszudrücken: vor allem Aufforderungen und Befehle, aber auch Ratschläge und Einladungen.

Der Imperativ wird häufig dem irrealen Modus zugerechnet. Anders als andere Formen des Irrealis macht er jedoch keine Aussage. In der Fachliteratur ist umstritten, ob seine direktive Bedeutung zugleich eine Aussage über eine noch nicht verwirklichte Handlung enthält und er deshalb einem irrealen Modus ähnelt.

Mit dem Imperativ verwandte Modi sind der Jussiv, also ein Befehl an die 3. Person, sowie der Adhortativ oder Kohortativ, also eine Aufforderung an die 1. Person. Im Deutschen gibt es dafür keine eigenständigen Verbformen; solche Aufforderungen werden umschrieben.

Bildung im Deutschen

Im Deutschen wird der Imperativ grundsätzlich für die 2. grammatische Person, den Adressaten, verwendet. Dazu gehört auch die Höflichkeitsform mit „Sie“: Sie steht formal in der 3. Person Plural des Konjunktivs I. Normalerweise entfällt das Personalpronomen. Nur das höfliche „Sie“ muss stehen.

Im familiären Singular entspricht der Imperativ bei fast allen Verben der 2. Person Singular Präsens ohne die Endung ‑st und ohne das Pronomen: du gehst → geh! Im familiären Plural entspricht er genau der 2. Person Plural, wobei lediglich das Pronomen wegfällt: ihr geht → geht!, ihr schaut → schaut! Die distanzierte Form lautet im Singular und Plural gleich: gehen Sie! beziehungsweise seien Sie!

Die Standardsprache verwendet außerdem einen Adhortativ für die 1. Person Plural: „Gehen wir!“ Historisch gab es auch die heute veraltete höfliche Anrede mit „Er/Sie“ im Singular: Aus „Er/Sie ist streng“ wurde die Aufforderung „Sei Er/Sie nicht so streng!“

Die Endung ‑e ist bei vielen Verben heute fakultativ: schlaf! und schlafe! sowie mach! und mache! gelten in Deutschland als gleichwertige Formen. Im österreichischen Standard ist dieses Endungs-e unüblich und veraltet. Bei schwachen Verben, deren Stamm auf ‑d, ‑t, ‑ig, ‑ier oder auf einen Konsonanten plus ‑m oder ‑n endet, ist die Form mit ‑e stilistisch besser oder allein möglich: rede!, warte!, entschuldige!, studiere!, atme!, rechne! Bei rechnen und atmen ist nur die Form mit ‑e möglich. Bei Verben auf ‑eln sind sammele!, sammel! und sammle! möglich.

Unregelmäßigkeiten und Ausnahmen

Einige häufige Verben weichen im familiären Singular vom allgemeinen Muster ab:

  • haben: du hast → hab(e)!
  • sein: du bist → sei!
  • werden: du wirst → werde!
  • wissen: du weißt → wisse!

Im familiären Plural sind diese Verben regelmäßig und stimmen mit der 2. Person Plural überein. Auch die distanzierte Form ist regelmäßig. Nur bei sein unterscheidet sich der Konjunktiv I vom Indikativ: „Sie sind“, aber „seien Sie!“

Bei starken Verben mit dem Ablaut e > i erscheint der Vokalwechsel normalerweise auch im Imperativ: geben – du gibst – gib! Eine Ausnahme ist werden: du wirst, aber werd(e)! beziehungsweise werde! Verben mit Umlaut in der 2. und 3. Person Singular verlieren diesen Umlaut dagegen im Imperativ: du fährst → fahr!, du schläfst → schlaf!, du läufst → lauf! Starke Verben mit Vokalwechsel können kein ‑e erhalten; möglich sind nur wirf!, gib! und iss! In der gesprochenen Sprache kommen allerdings bei einigen starken Verben auch Formen ohne Vokalwechsel vor, etwa ess(e), les(e), seh(e) und werf(e), während es weiterhin du isst, liest, siehst und wirfst heißt.

Andere Formen der Aufforderung

Aufforderungen, Befehle und Anweisungen können auch ohne grammatischen Imperativ ausgedrückt werden. Modalpartikeln wie „bitte“ können dabei den Aufforderungscharakter verdeutlichen.

Der Indikativ wirkt als Aufforderung, wenn erwartet wird, dass die angesprochene Person die Handlung künftig ausführt: „Um Neun bist du wieder zu Hause!“ oder „In Zukunft wendest du dich bitte direkt an mich!“ Auch das Futur I ist möglich: „In Zukunft wirst du dich direkt an mich wenden!“ Besonders deutlich wirkt das unpersönliche Passiv: „Licht aus, jetzt wird geschlafen“ oder „Jetzt wird gearbeitet, nicht gequatscht“.

Der Infinitiv ist typisch für Anleitungen, Rezepte und Schilder, die niemanden persönlich ansprechen: „Gemüse putzen, waschen und vorbereiten“, „Links stehen, rechts gehen!“, „Im Notfall Glas einschlagen“ oder „Nicht rauchen!“ Auch mündliche, kurze Aufforderungen können im Infinitiv stehen: „Aufpassen!“, „Hergucken!“ oder „Erst denken, dann reden!“ Für Bitten und längere Sätze ist dieser Gebrauch nicht üblich.

Das Partizip Perfekt oder Partizip II wird besonders bei trennbaren intransitiven Verben verwendet, häufig als Kommando: „Stillgestanden!“, „Aufgepasst!“ oder „Hereinspaziert!“ Höfliche Bitten werden oft mit dem Konjunktiv II formuliert: „Würdest du bitte das Fenster zumachen?“ statt „Mach bitte das Fenster zu!“

In der indirekten Rede ersetzt man den Imperativ im geschriebenen Standarddeutsch durch Modalverben im Konjunktiv I. Höfliche Bitten werden etwa mit mögen wiedergegeben: „Sie bat ihn, er möge sich nicht so aufregen.“ Bei Befehlen und Aufforderungen verwendet man beispielsweise sollen: „Er befahl ihnen, sie sollten aufhören, über das Wahlergebnis zu diskutieren.“

Imperativ im Englischen und Französischen

Im Englischen entspricht der Imperativ dem Infinitiv. Er richtet sich an die 2. Person; Singular und Plural sind nicht unterscheidbar. Das Pronomen you wird gewöhnlich ausgelassen, kann aber zur besonderen Betonung erscheinen. Die Verneinung wird mit dem verneinten Hilfsverb do gebildet: „Don’t touch me!“ Mit besonderer Betonung sind auch „You don’t touch these!“ und „Don’t you touch these!“ möglich. Im bejahten Imperativ kann do ebenfalls Nachdruck ausdrücken: „Do be quiet!“ Eine Aufforderung in der 1. Person wird mit let umschrieben: „Let us (Let’s) have a drink!“

Das Französische besitzt mit dem impératif eine flektierte Verbform. Es gibt drei Personen: 2. Person Singular „Regarde.“ („Schau!“), 1. Person Plural „Regardons.“ („Lass(t) uns schauen!“) und 2. Person Plural „Regardez.“ („Schaut!“). Die Form der 1. Person Plural ist funktional ein Adhortativ. Anders als im Deutschen wird der französische Imperativ nicht durch ein Ausrufezeichen am Satzende gekennzeichnet.

Daneben beschreibt die französische Grammatik einen Imperativ Perfekt, den impératif passé oder impératif futur antérieur. Er drückt aus, dass ein Befehl zu einem zukünftigen Zeitpunkt bereits befolgt worden sein soll. Gebildet wird er aus einer Imperativform von avoir – aie, ayons, ayez – oder être – sois, soyons, soyez – und dem passenden participe passé, dem Partizip Perfekt. Beispiele sind „Sois parti(e) à midi.“ („Sei bis Mittag aufgebrochen!“) und „Soyez parti(e)s à midi.“ („Seid bis Mittag aufgebrochen!“). Eine entsprechende deutsche Form ist zwar bildbar, aber selten und wird nicht als eigenständige Form gelehrt.

Imperativ im Lateinischen

Das Lateinische unterscheidet Imperativ I und Imperativ II. Der Imperativ I richtet sich in den angegebenen Formen an die 2. Person: laudā! bedeutet „lobe!“, laudāte! bedeutet „lobt!“ Bei dīcere („sagen“) und facere („machen“) setzten sich im klassischen Latein die Kurzformen dīc! („sag!“) und fac! („mach!“) gegen die älteren langen Formen durch.

Der Imperativ II heißt auch Imperativ Futur. Sein Befehlscharakter ist abstrakter als beim Imperativ I: Er bezieht sich nicht auf einen einzelnen, unmittelbar auszuführenden Akt, sondern auf eine spätere Handlung oder eine unbegrenzte Zeitdauer. Daher erscheint er besonders in Gesetzen, sakralen Vorschriften, Anweisungen und Kochrezepten. Im Deutschen steht an solchen Stellen häufig der Infinitiv, etwa „Den Teig über Nacht ruhen lassen“.

Der Imperativ II besitzt folgende Formen: laudātō! für die 2. oder 3. Person Singular („du sollst“ beziehungsweise „er/sie soll loben“), laudātōte! für die 2. Person Plural („ihr sollt loben“) und laudantō! für die 3. Person Plural („sie sollen loben“). Ein bekanntes Beispiel ist mementō in „Mementō morī“: „Bedenke, dass du sterben wirst.“

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