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Aktiv und Passiv im Deutschen

Aktiv und Passiv sind die beiden „Handlungsrichtungen“ oder Diathesen in der Konjugation des Verbs in der deutschen Grammatik. Sie werden in der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee von Aktiv und Passiv
  2. 2. Grammatische Definition und zentrale Passivarten
  3. 3. Transitivität und Grenzen der Passivierung
  4. 4. Bildung, Zeitformen und Infinitiv
  5. 5. Passivähnliche Konstruktionen und Antikausativ
  6. 6. Gebrauch in Texten und Stil

Grundidee von Aktiv und Passiv

Aktiv und Passiv sind die beiden Handlungsrichtungen, fachsprachlich Diathesen, der deutschen Verbkonjugation. Die traditionellen Bezeichnungen „Tätigkeitsform“ und „Leideform“ sind ungenau: Auch Verben wie zusammenbrechen, gefrieren, liegen oder heißen stehen im Aktiv, obwohl sie keine Tätigkeit bezeichnen. Aktiv ist vielmehr die unmarkierte Normalform, also grundsätzlich alles, was nicht passiviert ist.

Das deutsche Passiv wird gewöhnlich nicht durch eine einzelne Verbform, sondern periphrastisch, also mit Hilfsverb und Partizip II, gebildet: vor allem mit werden oder bekommen, etwa „wird gefressen“. Im Aktiv erhält bei einer Handlung normalerweise das Agens, also der verursachende oder handelnde Teilnehmer, die Subjektstelle. Das Passiv unterdrückt dagegen das ranghöchste Argument, das im Aktiv Subjekt wäre. Es bleibt unausgedrückt oder kann optional mit einer Präposition eingeführt werden: „Die Katze fraß die Maus.“ – „Die Maus wurde gefressen.“ – „Die Maus wurde von der Katze gefressen.“

Bei transitiven Verben rückt dabei typischerweise das Akkusativobjekt, häufig ein Patiens oder Thema, zum Subjekt auf. Ein Patiens ist ein Teilnehmer, der eine Einwirkung oder Veränderung erfährt; ein Thema ist etwa der veränderte Gegenstand. Dies geschieht aber nicht bei jeder Passivart.

Grammatische Definition und zentrale Passivarten

Passiv bedeutet grammatisch nicht einfach, dass der „Täter“ verschwiegen wird oder dass ein Ereignis vom Leidenden her gesehen wird. Ein unpersönliches Passiv wie „Jetzt wird wieder gearbeitet“ enthält überhaupt keinen Patiens. Umgekehrt kann ein Aktivsatz einen leidenden Teilnehmer als Subjekt haben, etwa „Mehrere Mitarbeiter erlitten Gesundheitsschäden“. Entscheidend ist daher: Das Argument, das im Aktiv als Subjekt erscheinen würde, wird im Passiv nicht mehr mit der Subjektstelle verbunden. Ein anderes Argument kann dann Subjekt werden; im gewöhnlichen werden-Passiv ist dies nur ein Akkusativobjekt. Die Passivierung verändert in ihrer Reinform nicht die Bedeutung des Verbs, sondern dessen grammatische Darstellung der Argumente.

Das typische werden-Passiv lautet zum Beispiel: „Der Vater mäht den Rasen.“ – „Der Rasen wird [vom Vater] gemäht.“ Das Agens bleibt inhaltlich erschließbar und damit ein implizites Argument, ist aber kein Kern-Argument des Satzes mehr. Auch bei „erleiden“ funktioniert die Passivierung, obwohl das Aktivsubjekt kein Agens sein muss.

Beim unpersönlichen Passiv von intransitiven Verben wird kein neues Subjekt eingesetzt: „Man darf hier nicht rauchen.“ – „Hier darf nicht geraucht werden.“ Ebenso werden Dativ- und Präpositionalobjekte nicht zu Subjekten: „Viele Leute halfen mir.“ – „Mir wurde von vielen Leuten geholfen.“; „Eine unabhängige Kommission entscheidet darüber.“ – „Darüber wird von einer unabhängigen Kommission entschieden.“ Die vorangestellten Satzteile stehen dabei im Vorfeld, das nicht mit der Subjektfunktion gleichzusetzen ist.

Das bekommen-Passiv, auch Rezipienten-, Dativ- oder Adressatenpassiv, verwendet bekommen, umgangssprachlich kriegen und eingeschränkt erhalten. Es unterdrückt ebenfalls das höchste Argument, lässt jedoch das Akkusativobjekt stehen und macht ein Dativobjekt zum Subjekt: „Der Lehrer nahm dem Schüler das Handy ab.“ – „Der Schüler bekam das Handy [vom Lehrer] abgenommen.“ Es kommt vor allem bei Verben mit Dativ- und Akkusativobjekt vor. Bei Verben mit nur einem Dativobjekt sind Bewertungen teils schwankend: „Er bekam applaudiert“, „? Er bekam widersprochen“, aber nicht „* Er bekam geglichen“. Ein unpersönliches bekommen-Passiv gibt es nicht.

Beim „langen Passiv“ oder Fernpassiv wird ein ganzer Verbkomplex passiviert: „Der Wagen wurde zu reparieren versucht.“ oder „Der Arzt wurde kommen gelassen.“ Das abgeleitete Passivsubjekt gehört dabei nicht allein zu versuchen beziehungsweise lassen, sondern zum gesamten zusammengesetzten Prädikat.

Transitivität und Grenzen der Passivierung

Passivierung verringert an der sprachlichen Oberfläche die Zahl der ausgedrückten Argumente; dies kann als Detransitivierung bezeichnet werden. Ein passiviertes transitives Verb bleibt in seiner Bedeutung dennoch grundsätzlich transitiv, weil das unterdrückte Argument mitverstanden wird. Beim werden-Passiv kann der Akkusativkasus des Objekts „absorbiert“ werden; beim bekommen-Passiv betrifft dies den Dativ. Passivsätze können trotzdem noch Akkusativobjekte enthalten. Bei Verben mit zwei Akkusativobjekten bleibt eines erhalten: „Wenn jemand mich so einen Quatsch fragt …“ – „Wenn ich so einen Quatsch gefragt werde …“ Meist wird nur das belebte Akkusativobjekt zum Passivsubjekt. Auch „Nach dem Abendessen wurde sich gewaschen“ ist als unpersönliches Passiv möglich.

Nicht alle Verben lassen sich passivieren. Problematisch sind unter anderem Verben für statische Relationen wie enthalten und haben: „Die Flasche enthält Wasser“ führt nicht regulär zu „?? Von der Flasche wird Wasser enthalten“. Ebenfalls eingeschränkt sind Verben, bei denen das Nominativsubjekt einen Wahrnehmungsauslöser und das Objekt den Wahrnehmenden, den Experiencer, bezeichnet: „Die Schuhe gefallen mir“ oder „Dieser Fehlschlag ärgert mich“. Ärgern ist aber passivierbar, wenn das Subjekt eine aktiv handelnde Person ist: „Sein großer Bruder ärgert ihn immerzu.“ – „Er wird von seinem großen Bruder immerzu geärgert.“

Ein passiviertes Verb kann keine reflexive Bedeutung haben. „Das Kind wurde gekämmt“ meint daher ein anderes, ungenanntes Agens und nicht „Das Kind kämmte sich“. Bei einstelligen intransitiven Verben sind besonders unakkusativische Verben nicht passivierbar. Ihre Subjekte haben häufig keine agentive Rolle und ihr Perfekt wird mit sein gebildet, etwa bei eintreffen: „Touristen trafen scharenweise ein.“ – „?? Scharenweise wurde eingetroffen.“

Bildung, Zeitformen und Infinitiv

Das Passiv ist eine Hilfsverbkonstruktion und wird deshalb zur periphrastischen Konjugation gerechnet. Das werden-Passiv verbindet werden mit dem Partizip II, zum Beispiel „wurde gemäht“ oder „wurde zerbrochen“. Das Passivhilfsverb kann alle Zeitstufen, den Konjunktiv und alle Infinitivformen bilden und steht im Verbkomplex nah beim Vollverb: „…dass die Wiese gemäht werden soll“; „…dass die Wiese gemäht worden sein könnte“.

Im Perfekt des werden-Passivs steht immer sein; die Partizipform von werden lautet irregulär worden ohne ge-. Beispiele sind: Präsens „Ich werde von ihr gerufen“, Präteritum „Ich wurde von ihr gerufen“, Perfekt „Ich bin von ihr gerufen worden“, Plusquamperfekt „Ich war von ihr gerufen worden“, Futur „Ich werde von ihr gerufen werden“ und Futurperfekt „Ich werde von ihr gerufen worden sein“. Das bekommen-Passiv bildet das Perfekt dagegen mit haben: „Das Spiel hat Bernie von Helmut geschenkt bekommen.“

Von Vorgangspassiv spricht man bei den Passivformen mit werden und bekommen, soweit sie Vorgänge bezeichnen. Im Infinitiv fehlt die Nominativ-Subjektposition. Wird zusätzlich ein Verb passiviert, kann auch das sonstige Passivsubjekt unsichtbar bleiben: „Das Heu wurde aufgehäuft, ohne abtransportiert zu werden.“ Hier sind sowohl das Agens als auch das Thema „das Heu“ in der Infinitivkonstruktion nicht ausgedrückt.

Passivähnliche Konstruktionen und Antikausativ

Das Zustandspassiv oder sein-Passiv sieht dem Vorgangspassiv ähnlich: „Die Tür wird geöffnet“ bezeichnet den Vorgang, „Die Tür ist geöffnet“ meist den resultierenden Zustand. Sprachwissenschaftlich wird das Zustandspassiv häufig als Kopula sein plus prädikatives Adjektiv analysiert, nicht als eigentliche Hilfsverbkonstruktion. Dafür spricht etwa das für Adjektive typische Präfix un- in „Das Paket ist noch ungeöffnet“. Gelegentlich kann ein Agens ergänzt werden, etwa „Der Kuchen ist von Mutter gebacken“ oder „Das Projekt war von der DFG gefördert“; dies ist aber eingeschränkt, wie „?? Die Tür ist vom Lehrer geöffnet“ zeigt. Manche Autoren, etwa Eisenberg 2013, möchten das Zustandspassiv dennoch an die verbale Passivierung anschließen.

Attributive Partizipien stehen bei einem Substantiv und tragen Adjektivflexion, zum Beispiel „der vom Kellner eingeschenkte Wein“ oder „die mit dem Löffel gegessene Suppe“. Sie können mehr verbale Passivmerkmale als das Zustandspassiv bewahren, etwa Agensangaben und ereignisbezogene Angaben. Sie müssen jedoch nicht passivisch sein: „der mit großem Krach abgestürzte Raupenschlepper“ bedeutet „er ist abgestürzt“, nicht „er wurde abgestürzt“.

Das Modalpassiv verbindet sein plus zu-Infinitiv und drückt etwa Notwendigkeit oder Möglichkeit aus: „Das ist noch zu klären“ bedeutet „muss noch geklärt werden“, „Das ist leicht zu klären“ bedeutet „kann leicht geklärt werden“. Möglich sind Agensangaben („Dieses Feld ist von der Behörde auszufüllen“) und unpersönliche Formen („Ab 22 Uhr ist zu schlafen“). Die Konstruktion wird bei weitgehend denselben Verbklassen wie das werden-Passiv blockiert, hat aber Ausnahmen wie „Das Formular ist am Schalter zu bekommen“.

Beim Kausativ-Passiv mit lassen entstehen Passiveffekte im eingebetteten Prädikat: „Er lässt den Wagen von einem Fachmann reparieren.“ Das sogenannte lassen-Passiv ist vor allem kausativ, also veranlassend. Mit sich kann der Eindruck einer besonders engen Passivkonstruktion entstehen: „Der Sänger ließ sich (von seinen Verehrerinnen) abküssen“, vergleichbar mit „Der Sänger wurde … abgeküsst“.

Vom Passiv ist der Antikausativ zu unterscheiden. Bei „Die Tasse zerbrach“ oder „Die Tür öffnete sich“ besitzt das Verb von vornherein eine intransitive Variante mit einem Argument weniger. Es gibt kein mitverstandenes Agens und keines kann mit von ergänzt werden. Dagegen bleibt beim Passiv ein nicht ausgedrücktes Argument inhaltlich aktiv.

Gebrauch in Texten und Stil

Passivsätze können Aufforderungen ausdrücken. In „Jetzt wird aber wieder gearbeitet!“ entspricht das ungenannte Agens der angesprochenen Person. Aktivische Aussagesätze können einen Befehl dagegen durch ein Anredepronomen vermitteln: „Du gehst jetzt bitte wieder an die Arbeit!“

Passivierung kann die Informationsgliederung verbessern. Das zugrunde liegende Objekt wird zum Subjekt und kann dadurch leichter Satzgegenstand oder Topik sein. Im Deutschen ist wegen der relativ freien Wortstellung nicht immer ein Passiv nötig: „Diesen Text kann man ohne Brille gar nicht lesen.“ Im Englischen wird dies am besten als Passiv wiedergegeben: „This text can’t be read without glasses.“ Mit werden- und bekommen-Passiv lassen sich Aussagen mit verschiedenen Verben an dasselbe Subjekt anschließen: „Er fuhr zu schnell, wurde von der Polizei angehalten und bekam den Führerschein entzogen.“

Nach Sowinski (1991) betont das Aktiv eher den Urheber einer Handlung, das Passiv eher Vollzug oder Thema eines Prozesses und nimmt eine täterabgewandte Perspektive ein. In Behördensprache, Kanzleideutsch und Wissenschaftssprache ist das Passiv häufig, weil das ungenannte Agens Aussagen objektiver, neutraler, allgemeingültiger oder bedeutender erscheinen lassen kann. In der gesprochenen Umgangssprache überwiegt dagegen das Aktiv. Stilistisch kann es lebendiger wirken, weil handelnde Personen sichtbar bleiben. Diese Bewertungen sind stilistische Einschätzungen, keine grammatischen Regeln.

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