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Abiturwissen: Kants Pflichtethik & Kategorischer Imperativ

Samuel Jalalian17:27 195.980 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 99 Zeilen
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  1. In diesem Video werde ich euch die Pflichtethik von Immanuel Kant ausführlich erklären. Falls ihr neu auf dem Kanal seid und euch für Philosophie interessiert, abonniert gerne den
  2. Kanal und aktiviert die Glocke. Auf diese Weise verpasst ihr kein Video mehr. Jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit diesem Video. Zu Beginn ein Gedankenspiel: Stellt ihr euch vor,
  3. ihr seid in einer belebten Stadt unterwegs und geht dort gemütlich spazieren. Auf einmal taucht ein blinder Mann vor euch auf und bittet euch darum, ihm Geld zu wechseln.
  4. Ihr bejaht das und er streckt euch daraufhin einen 50-Euro-Schein entgegen. „Könnten Sie mir diesen 5-Euro-Schein bitte klein machen?“, fragt er euch. Ihr haltet kurz inne und denkt
  5. nach. Werdet ihr den Mann jetzt über den Tisch ziehen oder sagt ihr ihm ehrlich, dass er einen 50-Euro- und keinen 5-Euro-Schein in der Hand hat. Wie sind eure Handlungsoptionen hier ethisch zu
  6. bewerten? Ein Utilitarist, wie Jeremy Bentham, würde überlegen, welche Konsequenzen sich aus den einzelnen Handlungsmöglichkeiten ergeben und dann diejenige auswählen, die langfristig
  7. gesehen die besten Folgen erbringt. Für Immanuel Kant spielen die Folgen einer Handlung für ihre ethische Bewertung jedoch überhaupt keine Rolle. Selbst wenn die Welt durch seltsame
  8. Verstrickungen der Dinge untergehen würde, wenn ihr Option B wählt, wäre das - zumindest in der ethischen Bewertung dieser Handlung - nach Kant vollkommen egal. Ihm zufolge ist nur eure
  9. Handlungsmotivation bei der ethischen Bewertung der Handlung relevant. Deshalb spricht man davon, dass Kants Ethik eine sogenannte „deontologische“ Ethik ist. Das kommt vom griechischen Begriff
  10. „deon“ und heißt so viel wie „das Erforderliche“, „das Gesollte“ oder „die Pflicht“. Letztere Bedeutung ist besonders passend, weil Kants Ethik auch „Pflichtethik“ genannt wird. Denn
  11. nach Kant ist nur das Handeln richtig, das aus Pflicht heraus geschieht (dazu aber gleich mehr). Andere ethische Theorien, wie der eben genannte Utilitarismus, bei dem bei der ethischen Bewertung
  12. stattdessen auf die Folgen von Handlungen Wert gelegt wird, nennt man „teleologisch“. Das kommt vom griechischen Wort „telos“, das so viel wie Zweck oder Ziel bedeutet.
  13. Nun gut: Stellt euch vor, ihr habt tatsächlich Option B gewählt und wart ehrlich zu dem Mann. Wenn ich eure Handlung jetzt mit Kant beurteilen will, muss ich herausfinden, wieso ihr den blinden
  14. Mann auf seinen Irrtum hingewiesen habt. Habt ihr es deshalb getan, weil um euch herum viele Leute waren und ihr Angst hattet, erwischt zu werden, wenn ihr ihn betrügt – hättet
  15. ihn in Wahrheit aber schon am liebsten betrogen? Dann hättet ihr pflichtgemäß gehandelt – also so, dass euer Handeln von außen betrachtet nach einem moralisch guten Handeln aussieht. Oder habt ihr
  16. aus Pflicht gehandelt? Nach Kant ist euer Wille nämlich nur dann gut, wenn er allein durch die Pflicht bestimmt wird. Wenn ihr also allein deshalb ehrlich wart, weil ihr dies als eure
  17. moralische Pflicht erkannt habt, dann habt ihr nach Kant aus Pflicht und somit richtig gehandelt. Es ist wichtig zu verstehen, dass „pflichtgemäßes Handeln“ und „Handeln aus Pflicht“ von außen
  18. vollkommen identisch aussehen und identische Folgen nach sich ziehen können. Jedoch ist nach Kant nur das Handeln aus Pflicht moralisch gut. Übrigens sind mit „Pflichten“ moralische Pflichten
  19. gemeint, die ich mir als vernünftiges Wesen herleiten kann. Wie das funktioniert betrachten wir später. Von außen auferlegte Pflichten, wie beispielsweise durch das Regelsystem
  20. einer Religion oder Kultur, bezeichnet Kant als heteronom. Solche heteronomen Pflichten sind nicht gemeint, wenn Kant über die Pflicht spricht. Wie kommt Kant eigentlich darauf, dass nur das
  21. Handeln aus Pflicht richtig ist? Er hat sich als Philosoph gefragt, was „gut“ ist. Und er ist zu dem Schluss gekommen, dass einzig und allein der gute Wille als „gut“ bezeichnet werden kann. Denn
  22. alle anderen Ziele, Eigenschaften oder Vermögen, die die meisten intuitiv auch gut finden, können unter bestimmten Voraussetzungen moralisch verwerflich sein. Eben dann,
  23. wenn eine Person schlechte Absichten – also keinen guten Willen - hat. Kant selbst schreibt hierzu: „Verstand, Witz, Urteilskraft, und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen,
  24. oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit […] sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille,
  25. der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist.“ Also eine schlaue, entschlossene,
  26. witzige usw. Person ist trotzdem böse, wenn sie einen bösen Willen hat. Wenn eine Person aber einen guten Willen hat, ist das immer gut, vollkommen egal wie die Umstände sind. Kant
  27. schreibt über den guten Willen außerdem: "Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zu Erreichung irgendeines
  28. vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich gut […]. Wenngleich durch eine besondere Ungunst des Schicksals, oder durch kärgliche Ausstattung einer
  29. stiefmütterlichen Natur es diesem Willen gänzlich an Vermögen fehlte, seine Absicht durchzusetzen; […] so würde er [der gute Wille] wie ein Juwel doch für sich selbst glänzen als etwas,
  30. das seinen vollen Wert in sich selbst hat.“ Wir können festhalten, dass der gute Wille die einzige menschliche Eigenschaft ist, die bedingungslos gut ist. Und wir sollen
  31. einen Willen dann als „gut“ verstehen, wenn er allein durch die Pflicht bestimmt wird. Woher weiß ich als Handelnder jetzt aber, wie meine moralische Pflicht in bestimmten
  32. Situationen, wie unserem Anfangsbeispiel, aussieht? Kant zufolge lässt sich unsere moralische Pflicht in konkreten Situationen objektiv bestimmen und zwar durch den
  33. kategorischen Imperativ. Dieses Handlungsgesetz nennt er manchmal auch moralischen Imperativ, apodiktischer Imperativ, Imperativ der Sittlichkeit und viele mehr. Streng genommen
  34. hat Kant auch inhaltlich unterschiedliche kategorische Imperative formuliert, die sich aber laut ihm aus dem einen kategorischen Imperativ ableiten lassen. Dieser lautet in seiner
  35. allgemeinsten Form: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Mit „Maximen“ meint Kant sogenannte
  36. „subjektive Prinzipien des Wollens“. Das sind Grundsätze bzw. Leitsätze, die für das Handeln eines Menschen relevant sind, ohne deshalb für alle Menschen Gültigkeit zu haben.
  37. Wenn ich mir zum Beispiel vornehme, jeden Tag 2 Stunden an meinem YouTube-Kanal zu arbeiten, betrifft dieser Grundsatz nur mich selbst. Jetzt wisst ihr also wie der kategorische
  38. Imperativ von Kant lautet. Was genau ist so ein Imperativ aber überhaupt? Damit sind Aufforderungen an einen Adressaten gemeint, eine bestimmte Handlung auszuführen
  39. oder bestimmte Handlungsziele zu setzen. Einfach gesagt handelt es sich bei Imperativen also um Handlungsaufforderungen. Kant unterscheidet grundsätzlich zwei Arten von Imperativen.
  40. Einmal gibt es hypothetische Imperative. Man könnte sie „Gebote der Klugheit“ nennen, die eine Wenn-Dann-Form annehmen. Also wenn ich A erreichen will, dann muss ich B tun.
  41. Wenn ich zum Beispiel eine gute Note in Ethik haben möchte, dann muss ich lernen. Diese hypothetischen Imperative heißen deshalb „hypothetisch“,
  42. weil sie nur unter bestimmten Voraussetzungen – also nur bedingt - gelten. Dieser hypothetische Imperativ ist für mich beispielsweise nur unter der Bedingung relevant, dass ich überhaupt eine
  43. gute Ethik Note haben möchte bzw. dass ich überhaupt Ethik als Unterrichtsfach habe. Wenn das nämlich nicht der Fall ist, dann ist dieser hypothetische Imperativ für mich völlig
  44. egal. Um das Ganze in Kants eigenen Worten auszudrücken: Hypothetische Imperative sind „bedingt, nämlich: wenn oder weil man dieses Objekt will, soll man so oder so handeln.“
  45. Beim kategorischen Imperativ ist das jedoch anders. Wenn etwas „kategorisch“ gilt, dann gilt es bedingungslos – also immer und überall und unter allen Umständen. Kant schreibt, dass
  46. der kategorische Imperativ „durch keine Bedingung eingeschränkt [wird]“ und folglich „allgemein“ (also für alle) und „notwendig“ (also unbedingt) gilt. Der kategorische Imperativ ist also ein
  47. praktisches Gesetz, das sowohl für mich als deutschen Staatsbürger als auch beispielsweise für ein Mitglied des Kamayura-Stammes gilt. (08:14) Die „Pflicht“ von der Kant so oft spricht,
  48. definiert er als „die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs [praktische] Gesetz“ (womit er den kategorischen Imperativ meint). Jetzt können wir den Zusammenhang der Begriffe „guter Wille“,
  49. „Pflicht“ und „kategorischer Imperativ“ auf den Punkt bringen: Ein Wille ist dann gut, wenn er allein durch die Pflicht bestimmt wird, dem kategorischen Imperativ zu
  50. folgen. Und man könnte sagen, dass dieser kategorische Imperativ eine Art Kompass ist, mit dem ich mich als Handelnder orientieren kann, wenn ich mich frage, wie ich handeln soll.
  51. Lasst uns jetzt genau das tun. Gehen wir dafür gedanklich zurück zum Beispiel, das ich euch am Anfang gegeben habe. Stellt euch noch mal vor, der Blinde Mann streckt euch einen 50-Euro-Schein
  52. entgegen und denkt irrtümlicherweise, es wäre ein 5-Euro-Schein. Ihr haltet kurz inne und überlegt, ob ihr den Mann über den Tisch ziehen wollt, oder ob ihr ehrlich sein wollt und ihm sagt,
  53. dass es kein 5-Euro-Schein ist. Weil ihr ein harter Kantianer seid, wendet ihr den kategorischen Imperativ an, um eure moralische Pflicht in dieser Situation zu erkennen.
  54. Dafür müsst ihr drei Schritte durchführen. Im ersten Schritt sucht ihr euch probehalber eine Handlungsalternative aus. Zum Beispiel, dass ihr dem Mann den vermeintlichen 5-Euro-Schein
  55. wechselt und euch hierdurch am ihm bereichert, indem ihr ihn betrügt. Nachdem ihr euch für eine Handlungsmöglichkeit entschieden habt, formuliert ihr im zweiten Schritt anhand dieser eine Maxime
  56. für euch. Zum Beispiel: „Immer, wenn mich eine blinde Person bittet, ihr Geld zu wechseln, und mir dabei zu viel Geld hinhält, dann soll ich sie betrügen (insofern das ohne großes Risiko möglich
  57. ist)“. Zuletzt prüft ihr im dritten Schritt, ob ihr vernünftigerweise wollen könnt, dass diese Maxime ein allgemeingültiges Gesetz wird. Bevor wir das jedoch tun, muss ich euch Kants
  58. Unterscheidung von vollkommenen und unvollkommenen Pflichten erklären. Wenn ihr diese Pflichttypen kennt, könnt ihr besser verstehen, warum eine Verallgemeinerung einer solchen Maxime
  59. widersprüchlich ist. Als Erstes gibt es die sogenannten „vollkommenen Pflichten“. Diese liegen vor, wenn eine Verallgemeinerung der Maxime zu einem allgemeingültigen Gesetz aufgrund bestimmter
  60. Prinzipien nicht widerspruchsfrei gedacht und gewollt werden kann. Ein Beispiel wäre eine Maxime wie „Ich soll anderen Versprechen geben, von denen ich weiß, dass ich sie nicht halten
  61. kann“. Wenn diese Maxime als allgemeingültiges Gesetz verallgemeinert werden würde, also jeder nur noch unehrliche Versprechen abgibt, dann wäre der Sinn hinter Versprechen vollkommen zerstört.
  62. Man könnte auch sagen: Es widerspricht dem Begriff des Versprechens, bewusst ein lügenhaftes Versprechen abzugeben. Denn das wäre ja kein echtes Versprechen. Lügenhafte
  63. Versprechen zu unterlassen, wäre ein Beispiel für eine vollkommene Pflicht, die ich anderen gegenüber habe. Es gibt aber auch vollkommene Pflicht gegenüber mir selbst. Eine Maxime wie „Ich
  64. soll suizid begehen“ kann nicht widerspruchsfrei verallgemeinert werden, weil es Kant zufolge im Menschen das Prinzip der Selbsterhaltung gibt. Da eine Selbstauslöschung diesem Prinzip
  65. widerspricht, muss ich diese Maxime verwerfen. Anders verhält es sich bei den sogenannten „unvollkommenen Pflichten“. Diese können wir zwar widerspruchsfrei denken, aber nicht
  66. widerspruchsfrei wollen. Nehmen wir die Maxime „Ich soll meine Talente nicht ausbilden, sondern verkümmern lassen“. So eine Maxime als allgemeines Gesetz kann zwar widerspruchsfrei gedacht,
  67. aber nicht widerspruchsfrei gewollt werden. Denn nach Kant will der Mensch als vernünftiges Wesen seine Talente entwickeln. Weil ich ein Mensch bin, würde ich mit dieser Maxime also
  68. etwas wollen, das ich eigentlich nicht will. Ich kann deshalb nicht widerspruchsfrei wollen, dass diese Maxime ein allgemeingültiges Gesetz wird und verwerfe sie. Unvollkommene Pflichten
  69. gibt es jedoch nicht nur gegenüber sich selbst, sondern auch wieder gegenüber anderen. Ein Beispiel hierfür ist die Maxime „Wenn jemand in Not gerät, will ich nichts
  70. zu seiner Hilfe beitragen“. Das kann ich auch nicht widerspruchsfrei als allgemeingültiges Gesetz wollen, weil ich ja selbst Hilfe erhalten will, wenn ich in Not gerate. Hier würde ich also
  71. wieder etwas wollen, das ich nicht will. Nachdem wir jetzt Kants Unterscheidung von vollkommenden und unvollkommenen Pflichten kennen, lasst uns zurück zu unserem Ausgangsbeispiel
  72. kommen: Wenn unsere Maxime ein allgemeingültiges Gesetz wird, dann dürfte mich ja auch jemand betrügen, wenn ich selbst in so eine Situation komme. Ich bin aber als Mensch ein prinzipiell
  73. hilfsbedürftiges Wesen. Ich will also das mir geholfen wird und nicht, dass ich in so einer Situation betrogen und ausgenutzt werde. Wenn ich diese Maxime aber als allgemeingültiges
  74. Gesetz wollen würde, würde ich ja ein Gesetz wollen, das fordert, dass ich auch in einer entsprechenden Situation betrogen werde. Ich will also einerseits, dass ich nicht betrogen werde
  75. und andererseits will ich betrogen werden. Wir haben hier also wieder eine Maxime, die ich nicht widerspruchsfrei wollen kann und deshalb verwerfe. Es handelt sich also um eine unvollkommene
  76. Pflicht, die ich anderen gegenüber habe. An dieser Stelle lohnt sich auch der Blick auf eine alternative Formulierung des kategorischen Imperativs von Kant, die im Abi-Skript
  77. „Selbstzweckformel“ genannt wird: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“
  78. Wir dürfen also andere niemals nur als Mittel zum Zweck ansehen. Stattdessen sollen wir immer auch die Zwecke der anderen – man könnte auch sagen ihre Interessen - berücksichtigen. Sonst
  79. entstehen nach Kant Widersprüche wie gerade eben bei der Verallgemeinerung unserer Maxime. Also auch diesem kategorischen Imperativ zufolge kann unser erster Handlungsvorschlag nicht
  80. korrekt sein, denn wir hätten den blinden Mann nur als Mittel betrachtet, um schnell Geld zu machen und seine Zwecke dabei vollkommen ignoriert. Eine bessere Handlungsalternative wäre
  81. vermutlich Option B. Wenn ihr möchtet, könnt ihr gerne einmal versuchen, diese Handlungsalternative unten in den Kommentaren mit dem kategorischen Imperativ zu analysieren!
  82. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Kommen wir jetzt zur Kritik an Kant und seinem kategorischen Imperativ. Schließlich scheint Kant die Grundfrage der Ethik „was soll ich tun“
  83. nicht bzw. nicht vollständig gelöst zu haben. Jedoch ist die Diskussion um Kant so komplex, dass ich euch nur ein paar Kritikpunkte exemplarisch nennen kann. Fangen wir an:
  84. Erstens: „Nach wie vor [ist] umstritten […], ob und wie das (angebliche) Verfahren der Verallgemeinerung von Maximen bei Kant funktionieren soll (und ob es funktioniert)“
  85. Dieser Kritikpunkt bezieht sich darauf, ob der dritte Schritt des kategorischen Imperativs funktioniert. Der Utilitarist John Stuart Mill hat beispielsweise Folgendes geschrieben:
  86. „Sobald er es jedoch unternimmt, aus dieser Regel einige konkrete moralische Pflichten herzuleiten, misslingt ihm in geradezu grotesker Weise der Nachweis, dass darin, dass alle vernünftigen
  87. Wesen nach den denkbar unmoralischsten Verhaltensnormen handeln, irgendein Widerspruch, irgendeine logische (oder auch nur physische) Unmöglichkeit liegt. Was er zeigt,
  88. ist lediglich, dass die Folgen einer allgemeinen Befolgung dieser Normen derart wären, dass jedermann von ihnen verschont bleiben wollte.“ Wenn wir uns also überlegen, ob eine Maxime wie
  89. „Ich soll andere betrügen“ als allgemeingültiges Gesetz gewollt werden kann, haben wir ja mit Kant gesagt, dass bei der Verallgemeinerung Widersprüche entstehen und diese Maxime
  90. deshalb nicht gewollt werden kann (im Sinne einer allgemeinen Gesetzgebung). Nach Mill entstehen aber in Wahrheit keine Widersprüche. Stattdessen sieht man im dritten Schritt des kategorischen
  91. Imperativs nur, dass die Folgen eines solchen allgemeingültigen Gesetzes furchtbar wären. Kritikpunkt zwei: „Ebenso umstritten ist, wie der kategorische Imperativ auf
  92. die beiden doch verschiedenen Sphären des Rechts und der Ethik bezogen ist.“ Kant spricht ja immer von „Gesetzen“ und ob man wollen kann, dass aus bestimmten Maximen
  93. allgemeingültige Gesetze werden. Laut diesem Kritikpunkt ist zumindest stellenweise unklar, inwiefern damit ein tatsächlich juristisches Gesetz oder eine ethische Norm gemeint ist.
  94. Kritikpunkt drei: „Kant [hat] kein angemessenes Verständnis moralisch relevanter Gefühle wie Menschenliebe, Freundschaft oder Mitleid und kenn[t] nur das rigide Handeln aus Pflicht“
  95. so lautet sinngemäß ein Vorwurf den Schoppenhauer an Kant gerichtet hat. Aber auch beispielsweise Hegel, Scheler und Schiller haben Kritik
  96. an Kant geäußert. Das zu erläutern, würde aber den Rahmen dieses Videos sprengen. Stattdessen möchte ich euch noch auf einen wichtigen Punkt hinweisen: Ihr habt den
  97. kategorischen Imperativ in diesem Video nur als moralisches Gesetz kennengelernt. Jedoch ist der kategorische Imperativ mehr als nur das. Laut Kant ist er auch ein Gesetz der Freiheit und damit
  98. das Gesetz der Autonomie. Falls ihr mehr über Freiheit und Autonomie bei Kant erfahren wollt, klickt gerne hier auf meinen zweiten Teil zu Kant. Ich wünsche euch viel Spaß dabei, bis gleich!
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