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Literarkritik
Literarkritik ist ein Werkzeug der historisch-kritischen Methode der Bibelexegese. Die Literarkritik untersucht den biblischen Text im Hinblick auf seine …
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Kernidee
Literarkritik ist ein Werkzeug der historisch-kritischen Methode der Bibelexegese, also der wissenschaftlichen Auslegung biblischer Texte. Sie untersucht, ob ein biblischer Text schriftliche Vorformen, Vorlagen oder Quellen erkennen lässt und ob er in sich kohärent ist. Kohärenz bedeutet, dass Sätze und Textteile sinnvoll zusammenhängen und für Leser als ein zusammenhängender Text verständlich sind.
Wichtig ist die Literarkritik, weil biblische Texte an manchen Stellen Brüche zeigen: Widersprüche, Spannungen, Doppelungen, sprachliche Unterschiede oder fehlende Informationen. Die Literarkritik versucht, solche Beobachtungen nicht nur als Leseprobleme stehen zu lassen, sondern Modelle der Textentwicklung zu bilden. Sie fragt also, wie ein Text entstanden sein könnte, wenn verschiedene schriftliche Quellen oder spätere Bearbeitungen zusammengeführt wurden.
Sie unterscheidet sich von einer allgemeineren Überlieferungskritik dadurch, dass sie bewusst schriftliche Tradierungsformen betrachtet. Umstritten ist, ob die Echtheitskritik Teil der Literarkritik ist. Ebenfalls umstritten ist die genaue Abgrenzung zwischen Textkritik und Literarkritik.
Grundlagen und Beispiel
Ausgangspunkt der Literarkritik sind Brüche in einer sonst kohärenten Textstruktur. Solche Brüche gelten als literarkritische Beobachtungen. Dazu gehören vor allem Dopplungen größerer Einheiten mit kleinen Unterschieden, schlecht aufeinander abgestimmte oder scheinbar unvereinbare Angaben, fehlende Informationen und begriffliche Unterschiede.
Ein Beispiel bietet das Buch Genesis. Dort sprechen manche Textpassagen von Gott als „Jahwe“, dem Eigennamen des Gottes Israels. Andere nennen ihn „Elohim“ (= Gott), wieder andere kombinieren beide Namen. Zusammen mit weiteren Beobachtungen führte dies zur Hypothese, dass dem Buch Genesis zwei Quellen zugrunde lagen: eine Quelle eines Jahwisten und eine Quelle eines Elohisten. Die spätere Kombination beider Quellen würde dann den uneinheitlichen Sprachgebrauch erklären.
Historische Entwicklung
Die moderne Literarkritik entstand im 18. und 19. Jahrhundert. Ihr Ziel war es, scheinbare oder tatsächliche Widersprüche, Spannungen, Doppelungen und sprachliche Unterschiede zwischen Bibeltexten historisch zu erklären.
Literarkritische Beobachtungen gab es schon in der Alten Kirche, auch wenn sie noch nicht so genannt wurden. Für Origenes zeigten Widersprüche zwischen den Evangelien, dass Leser auf den geistlichen und nicht nur auf den wörtlichen Sinn der Bibel achten sollten. Augustinus versuchte dagegen, die Harmonie der Evangelien nachzuweisen.
In der Aufklärungszeit wuchs das historische Bewusstsein. Bibelexegeten suchten nun historische Antworten auf erkannte Widersprüche und wollten die ältesten, ursprünglichsten Quellen herausarbeiten, denen sie den höchsten historischen Wert zuschrieben. Lange versuchte man, Texte verschiedener Redaktionsstufen möglichst wörtlich zu rekonstruieren. Viele Exegeten sind davon inzwischen abgerückt, weil die Kriterien der Quellenscheidung teilweise sehr subjektiv sind und sich viele literarkritische Hypothesen widersprechen.
Schlussfolgerungen und Theorien
Aus literarkritischen Beobachtungen wurden und werden Schlussfolgerungen gezogen, die oft kontrovers diskutiert werden. Ein wichtiges Beispiel ist die im 19. Jahrhundert entwickelte Zweiquellentheorie der synoptischen Evangelien. Sie besagt, dass Matthäus und Lukas unabhängig voneinander dieselben zwei Quellen benutzt haben: das Markusevangelium und eine hypothetische schriftliche Quelle von Aussprüchen Jesu, die Logienquelle Q.
Bei der Untersuchung des Pentateuch, also der fünf Bücher Mose, spielte früher eine JEDP-Hypothese eine große Rolle. Diese Hypothese hat sich dem Artikel zufolge weitgehend aufgelöst.
Methode in fünf Schritten
H. Schweizer führte 1988 in seinem Aufsatz „Literarkritik“ ein präzisiertes Verständnis der Methode ein. Er entwickelte weiter, was W. Richter 1971 in „Exegese als Literaturwissenschaft“ vorgestellt hatte. Das Vorgehen umfasst fünf Schritte, die der Reihe nach bearbeitet werden sollen; Rücksprünge auf bereits abgeschlossene Schritte sollen nicht vorgenommen werden.
Zuerst werden Leseschwierigkeiten umfassend gesammelt. Dabei wird noch keine literarkritische Folgerung gezogen. Danach werden minimale Leseeinheiten markiert, also Passagen, die keine Probleme zeigen und daher als kohärent gelten. Anschließend wird zwischen benachbarten minimalen Leseeinheiten geprüft, wie viele Leseschwierigkeiten dort auftreten. Bei nur einer Beobachtung wird angenommen, dass sie stilistisch legitim sein kann. Bei zwei oder mehr Beobachtungen gilt ein literarkritischer Bruch als wahrscheinlich.
Danach werden weitergreifende Beobachtungen gesucht: Es wird geprüft, ob auch entfernte Teiltexte miteinander unverträglich sind. Zuletzt werden, wenn der Textzustand es zulässt, kohärente Schichten zusammengestellt. Nachträgliche redaktionelle Bearbeitungen werden davon abgehoben.
Leseschwierigkeiten und Kriterien
Leseschwierigkeiten sollen sorgfältig in Leserichtung gesammelt werden. Der Text wird dabei als sequenziell aufgebaut verstanden: Er entwickelt das, was ihm wichtig ist, Schritt für Schritt. Entscheidend sind nicht „sachliche“ Unstimmigkeiten im Vergleich mit anderen Texten, sondern sprachlich nicht aufeinander abgestimmte Informationen im Einzeltext. Vorgriffe auf spätere Passagen oder auf andere Texte sind nicht erlaubt.
Zugelassene Kriterien sind unter anderem Wiederholung oder Doppelung, terminologische Indifferenz, terminologische Differenz, inhaltliche Spannung, unklarer pronominaler Bezug, unklarer Bezug und fragwürdiger Anschluss. Bei Wiederholung oder Doppelung wird eine Information zweimal genannt; erst später wird geklärt, ob dies stilistisch sinnvoll ist oder literarkritisch relevant bleibt. Terminologische Differenz liegt vor, wenn dieselbe Person oder Sache mit verschiedenen Begriffen bezeichnet wird, etwa in der Josefsgeschichte mit „Israel“ und „Jakob“.
Ein fragwürdiger Anschluss liegt vor, wenn eine beschriebene Szene ohne akzeptablen Übergang von einer anderen abgelöst wird. Als Beispiele nennt der Artikel Übergänge nach Gen 37 und Gen 47. Auch Kapitelübergänge werden wie andere Satzübergänge betrachtet, weil die Kapiteleinteilung in den ältesten erhaltenen Quellen nicht überliefert ist; Absätze sind etwa im Codex Leningradensis meist erkennbar.